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111 Mittwoch, den 15. jüJtai 1895 22. Jahrgang

FilldilerWZcitiing

mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täqlich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementSvreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

]-[ Die Presse über den Fall der Umsturzvorlage.

Es ist interessant, die Auslassungen der größeren Parteiblätter über die Ablehnung der Umsturzvorlage zu versolgen. Fangen wir bei unseren „guten Freunden", den Konservativen an, so thut die ,Kreuzztg/ sich noch etwas darauf zu gute, daß diese der Kom­missionsfassung abtrünnig geworden sind und so „die Kreise des Centrums empfindlich gestört" haben. Wie unwahr im Uebrigen die Behauptung ist, daß nur die Empfindlichkeit des Centrums an dem Fall der Vorlage schuld sei, zeigt die antisemitische .Staats­bürger-Zeitung', welche schreibt: „Allgemein war man der Ansicht, daß die Regierung mit der Fassung, die die Kommission dem § 112 gegeben hatte, einverstanden sei. Weder haben die Vertreter der verbündeten Regierungen gegen dieie Fassung Ein­wendungen gemacht, noch hat die offiziöse Presse ver­lauten lassen, daß die Regierung aus Wiederherstellung des Paragraphen in der ursprünglichen Fassung der Regierungsvorlage bestehe. Sonach schien es, als wenn die gestrige Berathung beim § 112 ein positives Re­sultat ergeben werde." Die ,Staatsbürger - Zeitung' gibt demgemäß ihrer „Ueberraschung" über das schroffe Auftreten der Regierungsvertreter Ausdruck. Sie schließt mit der Mittheilung, Herr v. Köller habe einigen Freunden zugerufen: „Die Umsturzvorlage ist tobt, es lebe die Umsturzvorlage!" Meinteer damit etwa die „kleine" Umsturzvorlage, die er für Preußen geplant, oder ein künftiges Ausnahmegesetz?

Die nationalliberale ,National-Zeitung' hält der Regierung eine Strafpredigt deswegen, daß sie nicht von Anfang lieber^mifden NationaMeralen ge­gangen und die „ultramoniane Redaktion" nicht gleich entschieden abgewiesen habe. Selbst wenn sie dann in der Minderheit mit ihrer Vorlage geblieben wäre, so wäre sie wenigstens mit Ehren und besseren Aus­sichten, das nächste Mal mehr zu erreichen, unterlegen. Sie schließt dann: „Wir können in der Genugthuung über die Abweisung des klerikalen Eroberungszuges die Niederlage nicht gering anschlagen, welche die Sache der staatlichen Ordnung erlitten hat. Die Sozial­demokratie wird allerdings dafür sorgen (?), daß der Anlaß, den Kampf von Neuem aufzunehmen, nicht lange ausbleiben wird. Möge die Staats­gewalt dann bester gerüstet fein, ihn mit Erfolg zu sühren."

Die nicht minder kirchenfeindliche, aber sich „frei­sinnig" nennende .Vossische Zeitung' sieht — unter Verkennung der Gegenströmung innerhalb der Re­gierung — nichts wie eine Niederlage der Regierung in dem Fall der Vorlage und erkennt als Verdienst des Centrums an, daß dieses „der Katze die Schellen umgehängt" habe.

Die ,Freistnnige Zeitung' Eugen Richters schreibt: „Die Verhandlung über die Umsturzvorlage schließt mit einem scharfen Bruch zwischen der Regierung und der CentrumSpartei. Die

Bit tzWlmz des TodtengrSders.

Roman von H. v. Remagen.

(73. Fortsetzung.)

„Was sagen Sie? Erklären Sie sich näher, ich bitte Sie."

„Heute noch werden Boto und Theodora den Ehe­bund schließen."

„Gib mir den Arm, Bruno, eilen wir. Vielleicht kommen wir noch zur rechten Zeit," stöhnte Bosak, aus seiner gewohnten Ruhe heraustretend.

„Boto hat sie mit sich auf sein Landgut geschleppt," fügte Jakob in schneidendem Tone hinzu.

„Einen Wagen, Bruno, schnell! Einen Wagen, ein beliebiges Gefährt!" rief der Graf von Varges in höchster Ausregung.

„Aber was wollen Sie thun, mein Herr?" fragte Jakob, in dessen Augen ein blasser Hoffnungsstrahl austeuchtete.

„Beeile Dich, Bruno!" schrie Bosak, statt dem jungen Mann zu antworten, und blieb mit über der Brust gekreuzten Armen unbeweglich und gedankenvoll, düsteren AugeS, stehen.

„Sie nehmen mich mit, nicht wahr?" begann Jakob wieder zu fragen.

Regierung hat diesen Bruch herbeiführen wollen. (Das ist auch unser Eindruck, und wir nehmen ohne Zögern den Fehdehandschuh auf! D. Red.) Andernfalls wäre es ihr ein Leichtes gewesen, noch einzelne Theile der Vorlage, so beispielsweise den Militärparagraphen 112, zur Annahme zu bringen und damit eine Grund­lage für weitere Verständigungen mit der Centrums­partei in der dritten Lefung zu schaffen. (Allerdings, aber doch nur dann, wenn die Regierung bereit ge­wesen wäre, dem Streben des Centrums gemäß auch den „Umsturz von oben" zu treffen; zu einer ein­seitigen Vorlage gegen den ,^nsturz von unten", für eine wirkliche Gefährdung oer Freiheit des Volkes wäre das Centrum auch in 3. Lesung nicht zu haben gewesen. D. Red.) . . . Deshalb hat der Bruch zwischen Regierung und Centrum bei dieser Vorlage noch eine weit darüber hinausgehende politische Bedeutung, welche der Freisinnigen Volkspartei nur genehm sein kann." Wenn Herr Richter etwa meint, das Centrum wolle feiner Fahne folgen, so irrt er sich; grundsätzliche Opposition hat das Centrum nie getrieben und wird es auch hinfort nicht treiben, sondern stets eine durch­aus sachliche Politik.

Der sozialdemokratische ,Vorwärts' weiß sich natürlich vor Jubel nicht zu fassen. „Nicht gestürzt wurde die Umsturzvorlage", so schreibt er in dem schwülstigen, auf Herrn Liebknecht als Verfasser deuten­den Tone, „sondern sie sank wie ein Giftpilz in sich zusammen „als ein Häufchen schmutzigen stinkenden Moders.'" Der Rumps der Vorlage ist niedergeknüppelt und der Kadaver des Wechselbalgs verscharrt worden. Verscharrt — ein ehrliches Begräbniß war's nicht, aber dn verdientes." . . . „Niederlage der Regierung — mehr als Niederlage: Zerfahrenheit, Auseinander­fahren, Auflösung, Arnarchie, Blamage." . . . „Unter dem Sozialistengesetz wurde von uns Herr v. Putt- kamer feierlich zum Ehrenmitglied der Partei ernannt. Herr von Köller hat die gleiche Ehre verdient — und mancher seiner Kollegen und Helfershelfer."

Dieser Hohn ist nur zu berechtigt.

□ Die „Kultur des Selbstmordes".

(Schluß.)

Nicht zum Geringsten stammt diese entsetzliche An­schauungsweise aus der Predigt und Verherr­lichung des Selbstmordes, der auf die plumpste wie die raffinirtefte Weise dem Volksschüler wie der Salon­dame einleuchtend gemacht wird. In den „klassischen" Schauspielen ist der Selbstmord ebenso heimisch, wie in den unklassischesten Tagesleistungen dramatischer Tagesschmierer; selbst in Goethe's „Blindem König" wird er als selbstverständlich hingestellt: „Und fällst Tu, so verschlinge die Fluth mich armen Greis!" — Der „Moderne" hätte ihn mit dem Revolver in der Hand noch „aktueller" vorgeführt. In nichtkatholischen Zeitungen — manche sich christlich und konservativ nennende bilden keine Ausnahme — kann man kaum

„Ich schreibe Ihnen ... Ich nehme Sie nicht mit," gab Bosak lakonisch zur Antwort.

Jakob schwieg, etwas beleidigt, füll; dann aber, da es ihm unmöglich war, seinem Schmerze Still­schweigen aufzuerlegen, wandte er einen Blick voll Trauer, doch ohne Bitterkeit, gegen den Himmel und sprach: „Eines Tages hörte ich Sie in Betreff dieses Gottlosen ausrufen: „Was macht die Vorsehung?" — „Sie wartet", antwprtete ich Ihnen. Ach; hätte ich nicht die Hoffnung, diejenigen, die ich liebte, dort oben wiederzusehen, würde auch ich heute sagen ..."

„Schweigen Sie!" unterbrach ihn Bosak und schloß mit seiner Hand dem Jünglinge den Mund. „Schweigen Sie! Da ist der Wagen. Adieu!"

„Ach! lassen Sie mich Sie begleiten!"

„Nein!" erwiderte Bosak, winkte Bruno, ihm zu folgen, fetzte sich in den Wagen und fuhr fort.

Während der Baron v. Hauser mit bleichen Wangen und zerrissenem Herzen nach Hause zurückkehrte, fuhr Bosak, den Kopf in die Wagenklssen gelehnt, dem Land­hause Bolos entgegen und ergab sich, während Bruno ihm gegenühxrsaß, in tiefstem Stillschweigen seinen Betrachtungen.

Er hoffte noch vor der Hochzeitsfeier anzukommen, er hoffte, Botos Lügen zu widerlegen und dem Mädchen

; ein Feuilleton ohne mindestens einen Selbstmord finden, i er scheint dazu zu gehören, wie das Salz zum Ei. Es ist eine Thatsacbe, welche mir meine Kollegen von der katholischen Presse bestätigen werden, daß man in dem Babel-Thurme von Feuilleton-Angeboten seitens nicht- katholischer Firmen förmlich mit der Loupe suchen muß, um ein irgendwie passendes zu finden, in dem nicht ein Ehebruch, ein Duell oder ein Selbstmord vor­kommt. Und wie einleuchtend, wie natürlich, wie glorios wird der Held ober die Heldin geschildert, welche ihrem „verlorenen" Leben auf diese Weise ein „rühmliches" Ende machen! Der lokale, provinzielle und namentlich \ der „vermischte" Theil ist in zahlreichen Blättern fast ' Tag für Tag eine mehr ober minder deutliche Ver- \ herrlichung des Selbstmordes, die „billigen" Berliner i Blätter „parteilosen" Charakters leisten darin das - Meiste und Haden offenbar die Erfahrung gemacht, daß ■ sie damit am besten ihren Leferkreis unterhalten, die ■ „parteilosen" Provinzblätter sind mit vereinzelten Aus- : nahmen nicht gerade viel besser.

So strömt diese Anschauung vom Selbstmorde in ■ tausend und abertausend Kanälen in das Volk hinein; ; kann es da ausbleiben, daß mit der Zeit eine Ver- । seuchung und Versumpfung des sittlichen Gefühles von ' der Verantwortung und dem Werthe der unsterblichen, > mit Jesu Blut erlösten Seele eintritt ? Noch vor einigen \ Wochen hatte ich Gelegenheit, einen sonst recht braven \ und streng kirchlich gesinnten Bürgersmann zu sprechen, der mir sagte: „Mein Junge hat mir gesagt: ,Wenn ich zu Ostxrn nicht in die Obertertia versetzt werde, schieße ich mich tobt!' Ob es bem Bengel bannt ernst gewesen, kann ich nicht feststellen, ba berselbe keinen Anlaß hatte, sein Wort wahr zu machen." Der Mann war über bie Aeußerung sehr betrübt unb sagte mir, baß er bem Knaben rückseitig mit ungebranntem Holz tüchtig bie Antwort gegeben habe, unb meinte, er thäte doch Alles für bie religiöse Erziehung seiner Kinder. Das mußte ich aus meiner Kenntniß zugeben, ich fragte ihn aber: „Was lesen Sie für Zeitungen?" Ernannte mir ein gut katholisches Blatt und — die ,Berliner Morgenztg.', mußte auch zugeben, daß der Junge stets nach dem letzteren Blatte greife und die Sensations­nachrichten durchstöbert. Ich habe dem Vater ruhig und energisch meine Meinung gesagt, er fand die Gründe auch ganz zutreffend und erklärte: „Von morgen ab kommt mir das Blatt nicht mehr über die Schwelle ober wird, fo lange noch auf dasselbe abonnirt ! ist, sofort in die Kochmaschine wandern!"

Nccht die sensationslüsterne und gewissenlose Tages- ! presse ist es allein, welche den Werthbegriff des Lebens l und den V erantwortlichkeitsbegri ff gegenüber dem * Schöpfer herunterdrückt, die 43,000 Schund- und I Schauer-Romane, welche in unfern Volke in je Saufen« ! ben von Exemplaren circuüren, leisten für bie niebern Klaffen dasselbe, was die Goldschnittbände der „be­rühmten zeitgenössischen Autoren" für die oberen Kreise besorgen, noch sehr viele andere Faktoren wirken mit; aber in unserem katholischen Volke würde eine sehr bedeutende Quelle des wirklichen Umsturzes verstopft

die letzten Worte seiner Mutter zu wiederholen. „Fliehe, Theodora, fliehe!" hatte Maria Müller geschrieen, ehe sie ihren Geist aushauchte, und so hoffte er, werde das arme, unschuldige Kind, dank der Dazwischenkunft eines treuen Freundes, unberührt den Händen des ruchlosen jungen Mannes entfliehen.

Bosak machte sich auf einen bittern Kampf gefaßt; aber der Gedanke daran, weit entfernt, ihn verzagt zu machen, trieb ihn nur zu immer größerer Eile an; er hätte Flügel haben mögen, um schneller anjufommen; mit Ungeduld betrachtete er die Sonne, welche den Zenith schon xoeit überschritten hatte, und der Gedanke, vielleicht zu spät zu kommen versetzte ihn in Wuth.

Es war gegen (Sonnenuntergang, als er endlich ! vor Botos Schloß ausstieg. Verwundert blieb er ! stehen: nichts verrieth ein häusliches Fest, und Nie­mand hätte denken sollen, daß in diesen stillen Räumen eine Hochzeit gefeiert werde.

Bosak und Bruno betraten stumm und traurig den Garten; es lastete auf ihnen wie ein dumpfes Vor­gefühl von der Vergeblichkeit ihrer Schritte. Bald betraten sie die Vorhalle; auf der Stiege begegneten sie Fräulein Waifers Dienerin, welche einen Schrei ausstieß und zitternd, mit empor gehobenen Händen, zurückwich. tiä tii