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Dienstag, den 14. Rtai 1895
22. Jadraana
FuldücrWZkitiiiig
mit Unterhaltungs-Keilage ..Kterne und Klumen".
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]-[ Die umgestürzte Umsturzvorlage.
„Noch ein paar solcher Reden vom Bundes- r.athstische, und der Triumph der Sozialdemokratie ist fertig!" So äußerte Gröber in seiner meisterhaften Rede vom Freitag, und er hat Recht behalten. Die Sozialdemokratie hat am Sonntag einen vollen Triumph gefeiert, und niemand anders als die „Staatsmänner" am Bundesrathstische haben ihr dazu verholfen. Man braucht nur den Triumphartikel des .Vorwärts' za lesen; diesen ausgelassenen Jubel in Verbindung mit blutiger Verhöhnung der „Regierung" (in Gänsefüßchen setzt sie der .Vorwärts'!), und man weiß Bescheid, selbst wenn man die Verhandlungen der letzten „Umsturztage" nicht so genau verfolgt haben sollte.
Als am Freitag Gröber den Herren v. Köller und Schönstedt vorhielt, daß ihre Reden ganz dazu ange- than waren, um den Verdacht zu bestärken, als ob sie in Wirklichkeit gegen die Umsturzvorlage arbeiteten, da zeigte sich Herr Schönstedt sehr entrüstet. Und doch mußte man geradezu zu einem solchen Verdachte kommen, da es der Regierung, wenn sie wirklich etwas erreichen wollte, nichr schwer fallen konnte, bei § 111 wenigstens für die zweite Lesung den Antrag Gröber anzuuehmen und sich auch den § 112 der Kommissionsfassung, wie sie das dock in der Kommission gethan hatte, so auch in der 2. Leiung gefallen m lassen. Aber nein, sie bestand plötzlich auf der Fassung der Regierungsvorlage und brüskierte zugleich das Ceutrum in einer Weise, die allgemein auffiel und jede Verständigung unmöglich machen mußte. Und so brachte sie am Samstag den § 112 zu Fall, an dem sie in der Kommission selbst mitgearbeitet hatte, und dieser Paragraph von vergleichsweise nebensächlicher Bedeutung entschied das Schicksal der ganzen Vorlage: nach seiner Ablehnung wurde der Rest der Vorlage, der die wichtigsten Bestimmungen enthielt (§ 130!) sang- und klanglos zu Grabe getragen, (vgl. Parlamentsbericht. D. Red.)
Böse sind wir der Regierung wegen ihres Abrückens von der Umsturzvorlage nicht; nichts Angenehmeres konnte uns passieren, als die rasche Beseitigung des unseligen Gesetzes. Und auch den Konierv ativen sind wir dafür, daß sie hierbei der Regierung Handlangerdienste thaten, keineswegs gram. Im Gegentheil! Wir begrüßen dieses Verhalten, das ganz dem preußischen Wahlgesetz entspricht, mit aufrichtiger Freude: denn jetzt wird es in unserer Partei wohl keinen Vertrauensseligen mehr geben, der noch auf Kompromisse mit den „Konservativen" hinstreben und sich auf diese Leute verlassen möchte!
Was nun? In einem parlamentarisch regierten Lande würde jetzt entweder das Ministerium abdanken oder aber Neuwahlen ausschreiden. Bei uns aber wird ruhig fortgewurstelt werden, als ob nichts geschehen wäre. Selbst Herr v. Köller, wie sehr er sich auch blamirt hat, denkt nicht daran, sein Amt
Sie Egählmz de» TidtmMkiS.
Roman von tz. v. Remagen.
(72 Fortsetzung.)
Zu Hause angekommen, verfiel Jakob von Hauser einem heftigen Sturme der widerstreitendsten Gefühle; er war außer sich, durchmaß mit langen Schritten das Zimmer und sprach, mit den Händen in seinen Haaren wühlend, in verzweifelten, schrillen Tönen: „Diese Schlange, dieses ekelhafte Reptil! Hundertmal hätte ich ihn zertreten können, und ich Narr that es nicht! Jetzt wirft er sich mir entgegen und raubt mir das einzige Mädchen, das ich geliebt, dessen Name schon ! ein Schauder des höchsten Entzückens in mir erregte. I So soll also die Unschuld dem Verbrechen sich einen? j . . . Ein verworfenes, an Leib und Seele zerfressenes > Geschöpf soll diesen Engel besitzen, und ich soll unthättg z zusehen, soll mich winden vor Schmerz wie ein Wurm? ' . .. Warum gehe ich nicht, ihn zu würgen? warum ; eile ich nicht hin, ihn einen Schurken zu heißen? Möge i auch Theodora mich verfluchen, was liegt mir an ihren Flüchen?"
Unter solchen und ähnlichen Motten, Ausbrüchen ; der höchsten Verzweiflung, stürmte von Hauser wie • wahnsinnig durch das Zimmer; er eilte zur Thür, ! allein die Beine versagten ihm den Dienst, und er !
- aufzugeben. Und wenn in der nächsten Woche auch i die Tabakfabrikatsteuer eingesargt wird, so wird auch - diese zweite Niederlage keinerlei Personenwechsel und ; auch keine Reichstagsauflösung herbeiführen. Wohl ? aber können diejenigen Recht behalten, die aus dem : von der Regierung ober vielmehr von einem Theile i derselben offenbar gewollten Scheitern derUmsturz- | Vorlage schließen, nun werde demnächst erst ein richtiges ! Umsturzgesetz, ein neues Ausnahmegesetz kommen, i Mag es kommen! Ein ehrliches Ausnahmegesetz ist ; immer noch nickt so schlimm wie diese unehrliche Um- : stttrzvorlage, aber auch dem ehrlichen Ausnahme- ? gesetze glauben wir ebenso gewiß ein rasches Begräbniß \ Vorhersagen zu dürfen, wie wir das bei der Umsturz- i Vorlage gethan — und Recht behalten haben.
Und nun fort auch mit der Tabaksteuer, und dann praktische Reformarbeit!
□ Die „Kultur des Selbstmordes".
Genuß bis zum Exzeß, Jagd nach materiellem Erwerbe, Großmannssucht und Hochthuerei, überspannter Ehrbegriff — das sind oielbeflagte Schattenseiten unserer । Zeit, die trotz der steigenden „Kultur" nicht Heller, i sondern immer dunkler werden und eine Tragödie nach der anderen heraufbeschwören. Tie Maxime: „Mach hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Aufersteh'ii", sie ist keineswegs auf „freireligiöse" j und sozialdemokratische Kreise beschrankt, sondern in I dem „Milieu", welches als „fin de siede" gilt, gibt I sie mehr und mehr den Ton für die Lebensgewohn- ' heilen an und findet einen schrecklich beredten Aus- s druck inder ungeheuerenZunahme derSelbst- - morde. Namentlich die letzten Monate waren un- i heimlich reich an solchen Personen, welche Hand an ; sich legten, aber Selbstmörder mit der „Verkommenheit - der Noblesse", lieber die Spielhölle in Monte Carlo ist viel geschrieben worden, ein Opfer nach dem andern fordert sie an solchen, welche ihr ganzes Materielles auf eine einzige Karte gesetzt haben und mit dem Verluste desselben auch ihr Geistiges verzweifelnd daran geben — man sagt schon nicht mehr zu viel, wenn man behauptet, daß weite Kreise, welche über die verzweifelnden Spieler in Monaco die Achsel zucken, selbst in einem Monaco leben, in dem sie mit dem materiellen Einsatz um ihr irdisches Dasein spielen.
Ein großer inaktiver Staatsmann hat erklätt, wenn ihm 1866 mißglückt wäre, so hätte er sich eine Kugel vor den Kopf geschossen. Tausende denken ebenso in ihrem va banque-Spiele des Lebens und handeln gegebenen Falles auch darnach. Der Selbstmord ist „nobel" geworden, in gewissen Kreisen wird er schon als etwas Selbstverständliches angesehen, ebenso selbstverständlich wie die Theorie vom Rechte des schrankenlosen Erwerbes nach dem Grundsätze: „Du bist mein, denn ich bin groß und du bist klein." Ein Anwalt in Hamburg schmuggelte seinem wegen höchst schmutziger Verbrechen verhafteten Klienten zum
mußte plötzlich stehen bleiben; der Kopf brannte ihm wie Feuer, seine Hände glühten und Fieberschauer schüttelte ihn. Er konnte sich nicht mehr auf den Füßen halten und ließ sich aufs Bett fallen, wo er, von einem heftigen Fieber ergriffen, bewegungs- und be
sinnungslos liegen blieb.
Sechs Tage lang lag der arme Jüngling im ' heftigsten Delirium, und sein Leben schwebte in der höchsten Gefahr; in seinen Fieberphantasien war es der Name Theodora's, der unaufhörlich über seine Lippen kam. Am siebenten Tage ließ das Fieber nach; i die Jugendkraft und die starke Konstitution trugen den • Sieg über die Krankheit davon. Jakob erholte sich । ziemlich rasch und erlangte die verlorenen Kräfte wieder, i aber nicht so den Frieden des Herzens; einer dumpfen < Traurigkeit verfallen, blieb er vielmehr, anstatt sich zu z zerstreuen und Vergessenheit zu suchen, stundenlang ’ unthättg am Fenster sitzen und schaute in den austoßen- ■ den Garten hinab.
Eines Tages, schon spät am Morgen, da er wieder auf feinem gewohnten Plätzchen saß und den Wipfel einer Lärche betrachtete, ward ihm ein Brief gebracht; er öffnete ihn zitternd, und eS war ein Wunder von Willenskraft, daß er ihn zu Ende las, ohne zu Boden zu stürzen.
Fräulein Waiser schrieb ihm, daß am heutigen Tage
Selbstmorde einen geladenen Revolver in die Zelle und rühmt sich nachher dessen, als ob er eine Liebes- that ausgeführt, wofür man ihm Anerkennung spenden müsse. Das ist der „noble" Selbstmord in seiner krassesten Form, die „Ehre" des Ehrlosen! Es verschlägt nichts, ob ein Vormund das Vermögen seiner vater- und mutterlosen Mündel bei Wein, Weib und Gesang vergeudet und diese unter die Enterbten des Schicksals sendet — wenn sein verbrecherisches Treiben aufgedeckt wird, fühlt er sich wieder als „Mann von Ehre" und — schießt sich tobt. Die Gründe für den Selbstmord sind wohlfeil wie Brombeeren; „wegen ungenügender Liebe seiner Frau" hat sich z. B. vor Kurzem ein russischer Offizier das Leben genommen einige Tage nach seiner Hochzeit, und die Fälle, daß Schulkinder in den Tod gehen, weil sie ein schlechtes Zeugniß bekommmen haben, mehren sich von Jahr zu Jahr. Der Selbstmord wegen unglücklicher, verschmähter oder verrathener Liebe ist eine uralte Erscheinung, der man jetzt noch tagtäglich begegnet, aber die Selbstmorde wegen verlorenen va banquo-Spieles um das Materielle des Lebens und vermeintlich verletzter Ehre nehmen progressiv außerordentlich zu, und das ist ein Charakteristikum unserer Zeit, welches namentlich den führenden und regierenden Kreisen beweisen sollle, wo und woran es in uuserm Volke fehlt und worin gefehlt wird.
„Wenn ich nicht an die Unsterblichkeit glaubte, würde ich diefes Leben wegwerfen, wie ein schmutziges Gewand," läßt Shakespeare den „Hamler" sagen, und das gilt auch heute noch. Der Selbstmord im zurechnungsfähigen Zustande ist nur möglich bei der Leugnung der Unsterblichkeit und damit der Verantwortung im Jenseits. Rund zehntausend Selbstmörder im deutschen Reiche Jahr für Jahr — diese Ziffer redet eine sehr beredte Sprache für die niedrige Wertschätzung des Lebens bei Vielen und — für den Unglauben, in dem diese ihre Wurzel hat.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Mai.
* Der Kaiser besichtigte heute früh auf dem Tempelhofer Felde die Bataillone des Kaiser Franz Garde-Grenadierregiments Nr. 2. An die Besichtigung schloß sich eine Gefechtsübung, zu der andere Truppen- theile hinzugezogen wurden. An der Spitze des Kaiser Franz-Regiments ritt dann der Kaiser in die Kaserne in der Blücherstraße. Nach 3 Uhr begab der Kaiser sich nach dem Stettiner Bahnhofe, um zu einem Pürsch- gange nach Hohenfinow zu fahren, von dem er heute Abend nach dem Neuen Palais zurückkehrte.
* In der Reichstagssitzung vom Freitag wurde eine lebhafte Unterredung des Ministers v. Köller mit dem Abg. Singer vielfach bemerkt. Wie die ,Volksztg.' erfährt, handelte es sich um eine Karte ohne Unterschrift, die Herr v. Köller nach feiner
die Hochzeit Theodora's auf Herrn Boto Senelk's Schlosse vor sich gehen werde.
Ein lauter Schrei durchzitterte das Gemach, und der Unglückliche stürzte ohne Uebertegung, keines Gedankens fähig, hinaus in dem Entschlüsse, sich der Abreise des Mädchens zu widersetzen; für gewöhnlich so ruhig und gemessen, stürmte er jetzt wie ein Wahnsinniger dahin, seine Augen flammten in düsterer Gluth, und sein Blut kochte vor Zorn.
In einem Nu hatte er Theodora's Wohnung erreicht, und da er die Hausthür offen sand, überschritt er sofort die Schwelle.
„Die Braut;ist fort!" rief der Pförtner, ihm nacheilend.
„Fott? fort?" wiederholte Jakob, die Augen verdrehend.
„Seit ungefähr einer Stunde", versetzte der Pföttner und wich, da er das verstörte Wesen des jungen Mannes bemerkte, ängstlich zurück, indem er fürchtete, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben.
Jakob sagte nichts; wie ein wirklicher Wahnsinniger trat er auf die Straße zurück; es schwindelte ihm vor den Augen, der Kopf schien ihm zu wirbeln und seine Hände fuhren irrend durch die Lust.
„Was ist Ihnen, lieber Baron?" fragte eine ihm wohlbekannte Stimme, und zwei Gestalten, von denen