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io« Samstag, den 11. Mm i89o 22. Iayrgang

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mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Slnmen".

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]-[ Die österreichisch-ungarische Krisis.

Die Verkleisterung des Risses zwischen Banffy und Kalnoky hat nichts genützt, ja sie hat sogar direkt ge­schadet: aus der ungarischen Krisis hat sich jetzt eine österreichisch-ungarische entwickelt. Kaiser Franz Jo­seph, der so schnell den „liberalen" Schreiern nach­gegeben hat, um nur Ruhe zu bekommen, hat jetzt erst recht keine Ruhe, weder vor den „Liberalen", noch vor den durch die Beleidigung des päpstlichen Nuntius mit Recht empörten Katholiken.

Die ungarischen Liberalen, denen beim Essen der Appetit gekommen ist, sind mit der „Genügthuung", die ihr Bannenträger Banffy gefordert und erhalten hat, noch nicht zufrieden; sie stellen sich an, als ob Kalnoky durch das kaiserliche Handschreiben, durch das unter Ausdruck des Vertrauens sein Ent­lassungsgesuch abgelehnt wurde, eine ganz be­sondere Auszeichnung erhalten hätte, (obgleich die Ab­lehnung des Entlassungsgesuchcs doch nur mit dem an­dauernden Vertrauen des Monarchen begründet wer­den konnte!) und fordern deshalb für Banffy auch eine Extra-Vertrauenskundgebung und Gnadenerweisung des Monarchen! Außerdem verlangen sie, daß die diplo­matische Note, durch welche gegen den Nuntius Agliardi Beschwerde erhoben werden soll, auch wirklich nach Rom abgeschickt werde. Tas hat nun Kal­noky davon, daß er die Veröffentlichung seines ver­traulichen Briefwechsels mit Banffy zugegeben hat! . Jetzt soll er auch die Folgerungen ziehen, soll sich seine auswärtige Politik von den Herren Juden und Frei­maurern in Budapest (auch Judapest genannt. D. Red.) vorschreiben lassen, soll nun, nachdem er ohnehin schon durch Veröffentlichung seines Schreibens sich gegenüber dem hl. Stuhle in eine schwierige Lage versetzt hat, gar seinerseits noch Beschwerde gegen den Nuntius er­heben, der viel mehr Grund zur Beschwerde gegen ihn hätte! Und Kaiser Franz Joseph soll mit den Kopf ins Loch stecken, blos damit die Herren Juden, welche im ,Pester Lloyd' usw. die „öffentliche Meinung" in Ungarn fabriziren, sich damit brüsten können, „Pest" habe wieder einmal „Wien" den Standpunkt klar ge­macht und gezeigt, was der Unwille einer „freiheit­lichen, selbstbewußten Nation" zu bedeuten hat! Schon wird aus Pest gemeldet, das ungarische Ministe­rium betrachte die Absendung der Beschwerde gegen den Nuntius als „Kabinetsfrage", drohe also für ? den Fall der Ablehnung seines Begehrens mit dem Rücktritt und „hoffe" zugleich auf einen besonderen kaiserlichen Huldbeweis. Warum sollten die Herren auch bescheiden sein? Sie brauchen ja nur einmal fest mit den Reitstiefeln aufzutreten, da schrickt der „apo­stolische König" zusammen und bewilligt Alles.

Nun sind freilich diesmal — was warm aner­kannt werden muß — die Katholiken auch nicht so einfältig, zu allen diesen das katholische Empfinden auf's Schwerste verletzenden Vorgängen einfach still zu schweigen. Nachdem schon die österreichischen

die EyählMg der WtmMm.

Roman von H. v. Remagen.

(70. Fortsetzung.)

Die Jungfrau schüttelte das Haupt und winkte dem jungen Manne, sie zu verlassen; von Glück sprechen zu hören in diesem Augenblick, flößte ihr Entsetzen ein.

„Theodora, es ist Gottes Wille, ergeben wir uns in seine Fügung," sagte nach Botv's Weggang und nach langem Stillschweigen die Erzieherin. Ihr Herz war von peinigender Angst für die Zukunft des Mäd­chens zerrissen und sie gedachte des armen Jakob von Hauser, indem sie fortfuhr: „Nach dem Tode des Herrn Bosak bleiben Dir nur meine Rathschläge; sage mir, bist Du wirklich bestimmt entschlossen, Dich mit Boto zu vereinigen?"

„Ich bin es, weil der Wille meiner Mutter es mir gebietet."

„Komm her, dicht zu mir!" begann die Erzieherin ‘ wieder, nachdem sie einige Minuten nachgedacht hatte; ' komm her zu mir und laß uns überlegen: wenn Deine ! Mutter hier säße an meiner Stelle und es stellten sich , zwei junge Leute als Bewerber um Deine Hand vor, ! der eine reich, edel und tugendhaft, der andere gleich- - falls reich, aber von zweifelhaftem Rufe; welchen von \ beiden würde sie wählen?" •

Christlichsozialen unter Führung des Prinzen Aloys Liechtenstein am Montag den Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz wegen der Angelegenheit inter- pellirt hatten, hat jetzt auch ein großer Theil der im Hohenwartklub vereinigten Katholisch-Konservativen — Baron Dipauli mit 34 Genossen — an den Fürsten Windischgrätz eine Interpellation gerichtet, in der mit aller Entschiedenheit gegen die Auffassung protestirt • wird, als hätte der Papst als Oberhaupt der Katholiken ; nicht das Recht, diese in Glaubenssachen zu leiten, sei es nun direkt oder durch seine Vertreter. Da das Schreiben des Grafen Kalnoky, wenn auch nicht aus­drücklich, so doch dem ganzen Zusammenhänge nach, dem Papste und dem Nuntius das Recht der Ein­mischung in die kirchenpolitische Kämpfe zu versagen schien, so fordern die Interpellanten Aufklärung über die Bedeutung des Kalnoky'schen Schreibens.

Diese Interpellation war absolut nothwendig, um den Katholiken in Oesterreich-Ungarn — die Krise hat sich, wie man sieht, ja auch auf Oesterreich über­tragen, da Graf Kalnoky gemeinsamer Minister beider Hälften der habsburgischen Monarchie ist — Klarheit über ihre Lage zu verschaffen und, falls die österreichische Regierung das Recht anerkennt, das beunruhigte- katholische Gewissen wieder zu beruhigen. Tie „Liberalen" suchen nun die Interpellanten damit zu schrecken, daß sie durch die Interpellation die ganze Koalition der Konservativen, Liberalen i und Polen als gefährdet hinstellen. Vorläufig halten wir das nur für einen Schreckschuß, aber es sollte uns freuen, wenn eine wirkliche Detonation und Explosion darauf folgte, durch die die ganze unglück­selige Koalition in die Lust sprengt! Denn diese allein erhält die Liberalen noch in ihrer Machtstellung und verhindert eine wahrhaft konservative Politik, genau so wie auch bei uns das verflossene Kartell nur dem verwaschenen Liberalismus und der Versimpelung Vorschuß geleistet hat.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Mai.

* Der Kaiser fuhr heute früh gegen 8 Uhr nebst Gefolge nach dem Tempelhofer Felde, wo er die Bataillone des dritten Garderegiments z. F. und das Gardepionierbataillon besichtigte.

* In unterrichteten Marinekreisen gilt, wie aus Wilhelmshaven gemeldet wird, der Rücktritt des kommandirenden Admirals Frhrn. von der Goltz als unmittelbar bevorstehend.

* Der Landrath von Heydebrand und der Lasa, Mitglied des preußigen Abgeordnetenhauses, soll dem ,Volk' zufolge „aus Gesundheitsrücksichten" sein Amt als Landrath von Militsch (Schlesien) niederlegen wollen. Herr v. Heydebrand gehörte zu den Verthei- digern des Antags Kanitz im Abgeordnetenhause.

* Die aus 14 Mitgliedern zusammengesetzte i Kommission des Abgeordnetenhauses, welche sich der !

„Den ersten."

„Den Baron von Hauser also."

„Von Hauser, von Hauser!" stammelte das arme ; Mädchen und drückte beide Hände auf das pochende Herz. •

„Ja, den edlen jungen Mann, welcher Dich seit ; Langem anbetet." !

„O Mutter, sagen Sie das nicht!" rief Theodora i erbleichend, „machen Sie mir meine Pflicht nicht schwer, j Doch Sie täuschen sich, Jakob will mich nicht heirathen; | es liegt ihm nichts an mir, die Geburt trennt uns, er verdient eine reiche, vornehme Dame, nicht ein armes Mädchen, wie ich bin . . . Sie wissen es, er kommt nicht mehr, er denkt nicht mehr an seine Schülerin!"

„Er leidet schwer durch die Entfernung von Dir ; und hofft, Dein Wohlthäter werde Dich von Herrn Senelk trennen."

„Eitle Hoffnung! Ich bin Botv's Braut!"

„Aber wenn Deine Mutter lebte, würde sie sprechen, wie ich spreche."

„Sie lebt nicht und sprach in ihrem letzten Augen­blicke," versetzte das unerschütterliche Mädchen.

„So willst Du also mit Herrn Senelk Dich ver­binden, ohne nach seinen Handlungen, nach seiner Ver­gangenheit Dich zu erkundigen?"

„Das ist unnöthig. Meine Mutter kannte Boto

Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend die Ab­änderung und Ergänzung einiger Bestimmungen des Kommunalabgabeugesetzes vom 14. Juli 1893, zu unterziehen hat, beendete am Mittwoch die erste Lesung. Es wurde beschlossen, das Einkommen, welches Steuer­pflichtigen aus Grundvermögen, Handels- oder ge­werblichen Anlagen aus anderen deutschen Bundes­staaten zufließt, von der Besteuerung frei zu lassen. — Das Gesetz soll mit dem 1. April 1896 in Kraft i treten. Der Kommission gehören aus der Provinz ^Hessen-Nassau die Herren Abgeordneten Kircher (Fulda), Junghenn (Hanau), vom Rath (Frank­furt) an.

* Abermals taucht die Nachricht auf, daß die : preußische Regierung als Ersatz für das Umsturzgesetz ; eine Verschärfung des Vereins- nud Bersammluugs- ; rechtes plane. Wie der ,Voss. Ztg.' berichtet wird, ; wird augenblicklich in den betheiligten Ressorts an der ! Fertigstellung eines entsprechenden Gesetzentwurfs, dessen ! Grundzüge schon früher aufgestellt waren, mit ganz ; besonderem Elfer gearbeitet. Der Entwurf soll noch ! in dieser Tagung dem Landtage zugehen.

* Steuer- und Zollprozesse siild im Etatsjahre l 1893/94 25,217 anhängig gemacht und 24,893 er- : ledigt worden. Es wurden 25,347 Personen zu Geld- : und 299 unmittelbar zu Freiheitsstrafen verurtheilt. ? Der Betrag der hinterzogenen einfachen Gefälle belief । sich auf 210,194 Mark, derjenige der erkannten Geld­strafen auf 541,958 Mark. Wegen Ordnungswidrigkeit l wurden Geldstrafen in Höhe von 54,218 Mark gegen ! 11,355 Personen, von denen sechs zusätzlich mit einer ? Freiheitsstrafe bedacht wurden, ausgesprochen. — Kon- | fiskation von Maaren wegen Zolldefraudation kamen - bei einer Menge von 22,301 Kilogramm (gegen i 45,841 Kilogramm im Jahre 1892/93) vor. Außer­dem wurden 121 Stück Rindvieh und 537 Schweine und Spanferkel konfiszirt. Die meisten Konfiskattonen von Maaren kamen an der russischen und der belgischen j Grenze, beim Vieh an der russischen, österreichischen ! und der niederländischen Grenze vor.

* Der Entwurf eines Jagdscheingesetzes ist dem Ab- । geordnetenhause zugegangen. Der Entwurf regelt die Materie unter Aufhebung aller bisherigen provinziellen : Verschiedenheiten für den ganzen Umfang der ! Monarchie, einschließlich Helgoland, einheitlich \ und bestimmt zunächst, daß, wer die Jagd ausübt, ' einen auf seinen Namen lautenden Jagdschein bei sich i führen muß. Zuständig zur Ertheilung eines Jagd- i schein» ist der Landrath (Oberamtmann), in Stadt- ■ kreisen die Ortspolizeibehörde desjenigen Kreises, in > welchem der den Jagdschein Nachsuchende einen Wohnsitz ! oder Grundbesitz hat oder zur Ausübung der Jagd berechtigt ist. Der Jagdschein gilt fiir den ganzen Umfang der Monarchie und wird in der Regel auf ein Jahr ausgestellt — Jahresjagdschein. Zur vorüber­gehenden Ausübung der Jagd können Tagesjagdscheine ausgestellt werden, welche für drei aufeinander folgende Tage gelten. Für den Jahresjagdschein wird eine und hätte mich ihm nicht versprochen, wenn er meiner unwürdig gewesen wäre."

„Sie kannte ihn nicht so gut, wie Herr Bosak, der vielleicht Dich zu Deinem Besten von ihm getrennt hat."

„Ach, liebe Mutter, führen Sie nicht Krieg mit meinem Herzen! Die, welche mir das Leben gab, wollte, daß ich Botv's Gattin werde und darum werde ich es! . . . Ich habe jenen Abend nicht vergessen; immer noch sehe ich meine Mutter in dem alten Sessel sitzen neben dem Ofen; ich höre sie mich rufen und mir sagen: „Tritt näher, meine Tochter; gib Deinem Vetter die Hand. Von heute ab wirst Du ihn lieben und ihm iu Allem gehorchen." Ich fiel meinem Bräutigam um den Hals. Die Umarmung war ein Versprechen, ein Schwur; am Tage darauf ruhte meine Mutter auf der Todtenbahre!"

Hier schwieg das Willensstärke Mädchen und setzte sich, trotz seiner inneren Qual äußerlich heiter und ruhig bleibend, nieder.

„So viel Festigkeit des Willens," entgegnete die Erzieherin, „erschreckt mich; ein geheimes Vorgefühl malt mir Deine Zukunft in schwarzen Farben."

„Möge sie noch so schwarz werden, — der Gedanke, meiner Mutter gehorcht zu haben, wird sie mir weniger traurig machen."

„Gutes, grausames Kind, Du zerreißest mir das