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Freitag, den 10. Mai 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne nut» Klumen".
Erlckkint täalick Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig, iw » gn!erste kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Der Nordostsee-Kanal.
Der Nordostseekanal, welcher im nächsten Monate feierlich eröffnet werden soll, ist für die Schifffahrt von ganz außerordentlicher Bedeutung, indem er den Weg zwischen der Ostsee und Nordsee nicht nur ganz bedeutend verkürzt, sondern auch den Schiffen Gelegenheit bietet, die gefährlichen Klippen vor der schwedischen und jütländischen Küste, wo in den letzten Jahrzehnten mehr als 8000 Schiffe gescheitert sind, zu vermeiden. Alle fchifffahrttreibenden Nationen werden daher auch bei der Eröffnungsfeier vertreten sein. Bis jetzt sind zur Theilnahme von 12 fremden Staaten 52 Kriegsschiffe mit 811 Offizieren und 16,468 Mann Besatzung angemeldet. Es senden England 10, Oesterreich 4, Rußland 3, Schweden und "Norwegen 5, Italien 9, Frankreich 3, Spanien 3, die Niederlande 2, Dänemark 6, die Türkei 1, Rumänien 2, die Vereinigten Staaten 4 Fahrzeuge.
Der Kanal durchzieht die Halbinsel Schleswig- Holstein von der Elbe über Rendsburg zur Ostsee in einer Länge von 98,65 km. Seine beiden Mündungen befinden sich: zur Nordsee an der Elbe bei Brunsbüttel, zur Ostsee an der Kieler Föhrde bei Holtenau nördlich von Kiel. Jede dieser Mündungen ist für den Eingang und Ausgang der Schiffe mit zwei nebeneinander liegenden Schleusen versehen, welche, so lange es die Wasserstände gestatten, für die durchgehende Schifffahrt geöffnet bleiben. An der Oftfee stehen diese Schleusen für gewöhnlich offen, an der Elbe sind sie, normale Witterung vorausgesetzt, während jeder Fluth- periode 3 bis 4 Stunden geöffnet. Die Schiffsbewegung hat sich thunlichst in der Fahrrichtung rechts zu vollziehen, so daß immer die eine Schleuse für die einfahrenden, die andere Schleuse für die ausfahrenden Fahrzeuge an jeder Mündung zur Nutzung kömmt, also Begegnung in und unmittelbar vor den Schleusen vermieden wird. Jede dieser Mündungsfchleusen, die nur bei wesentlichen Höhenunterschieden des Jnnen- und Außenwasserstandes in Wirkung kommen, ist 25 m breit und hat eine Länge zwischen den Thoren von 150 m. Auf den Schleusenschwellen ist bei niedrigstem Kanalwasserstande noch eine Wassertiefe bei Brunsbüttel von 8,70 m, bei Holtenau von 9,07 m. Zur Bewegung durch die Schleusen ist für die Schiffe, so weit nöthig, je ein Schleppdampfer für jede Schleuse vorhanden. Die Schleusen an beiden Mündungen werden in den Thoren, Schützen und Spillen hydraulisch bewegt, um die Schiffe schnell zu befördern. Binnenseits der Schleusen befinden sich Häfen, welche als Warteplätze für die Schiffe dienen, die Aufenthalt haben
Der Kanal hat bei niedrigstem Wasserstande 8,5 m Tiefe bei einer Sohlenbreite von 22 m. Bei 6,5 m tiefgehenden Schiffen ist die Breite in Kielhöhe zu 34 m bemessen. Die Böschungen des Kanals sind bis .3 m über die Sohle 1 : 3, von 3 bis 7 m über die Sohle 1:2. In der Höhe von 7 m über der Sohle
Sie tzgählMg des TMenMers.
Roman von H. v. Remagen.
(69 Fortsetzung.)
Boto folgte verdrießlich und setzte sich, nachdem er die Erzieherin begrüßt hatte, in eine Ecke, während Theodora sich zu der Kranken neigte und leise zu ihr sprach.
„Aber Kind, das geht nicht ohne die Einwilligung des Herrn Bosak," Hub Fräulein Waiser an, bleich und erregt sich aufrichtend.
„Warum denn nicht?" warf Boto, vortretend, heftig ein; „mit welchem Rechte kann Herr Bosak mir Torchens Hand verweigern ober gewähren? Da er Maria Müllers verwaiste Tochter nicht gesetzlich adop- tirt hat, so hat sein Wille nicht die mindeste Bedeutung; er ist ein Fremder für uns."
„Vor dem bürgerlichen Gesetze wohl," versetzte die Lehrerin, „allein vor den Gesetzen der Billigkeit, vor den geheiligten Gesetzen edler Herzen ist dem Wohl- thäter den Rücken kehren, auf ihn keine schuldige Rücksicht nehmen, eine Handlung, welche jedes rechtschaffene Gemüth tadeln und verdammen muß!"
„Was sagen Sie, liebe Mutter? Ohne die Zustimmung des Herrn Bosak wird Boto nie meine Hand erhalten!" rief das Mädchen aus.
liegt an jeder Seite ein 2,5 m breites Bankett, auf welches sich der Fuß der bis auf 1 m über Mittelwasser (Normalspiegel) hinaufreichenden Steinböschung auffetzt. In den Krümmungen von 1000 m bis 2500 m Radius ist die Sohle noch verbreitert, damit die Schiffe sie leichter durchlaufen können.
Die Fahrt durch den Kanal unter Lootfenkontrolle, welche auch die Zollaufsicht bewirkt, darf nicht 5,3 Knoten Geschwindigkeit überschreiten, so daß mit geringen Aufenthalten bei Schleusen und Brücken auf eine Durchgangszeit von 13 Stunden zu rechnen ist. Dampfer können mit eigener Kraft gehen, Segelfchiffe dagegen werden geschleppt. Die Einzelheiten des Betriebes werden nach einem noch nicht ganz abgeschlossenen Betriebsreglement geordnet. Der Gebührentarif steht noch nicht fest.
Beide Ufer des Kanals sind in Höhe des Wasserspiegels zum Schutz gegen Wellenschlag mir Steinen bekleidet, und es befinden sich in Entfernungen von 200 m Steintreppen in diesen Pflasterungen. Am Ufer entlang und in einem Abstande von 25 m zu beiden Seiten der Treppen stehen für etwaigen Bedarf Haltepfähle. Bei Kilometer 12,2 22,6 35, 47,35, 59,1 70, 84 und in den Seen befinden sich Ans- weichestellen, mit Haltepsählen an den Ufern, von 6,5 m Wassertiefe bei Niedrigwasser, in welche die Handelsschiffe .intreten, wenn größere Kriegsschiffe den Kanal durchlaufen. Diese Ausweichen sind je 250 m lang in jedes Ufer 12 m tief eingeschnirttu.
Der Kanal wird für den Landverkehr von Drehbrücken und Fähren überschritten. Die Ueberführung der Westholsteinifchen Eisenbahn und der Kiel-Flensburger Bahn sind als feste Brücken angelegt und geben für die Schifffahrt übetbaupt kein Hinderniß ab, da sie den Kanal in voller Breite freilassen und die lichte Höhe über dem Wasserspiegel in dieser Breite 42 m beträgt. Die Drehbrücken haben 50 m lichte Weite, halten also dies Kanalprofil im Wesentlichen frei, haben oberhalb und unterhalb auf beiden Seiten Leitwerke und Haltepfähle für Schiffe, welche nicht gleich pasfiren können. Die Fähren sind einfache Ziehfähren, welche den Uebergang über den Kanal zwischen den passirenden Fahrzeugen zu gewinnen haben. Für die Nachtfahrt sind beide Ufer des Kanals durch elektrische Glühlichter markirt, welche in den geraden Strecken in Entfernungen von rund 250 m und in den Krümmungen etwas enger stehen. In den Seen sind Gasbojen ausgelegt. Im Uebrigen finden sich bei Schleusen und Brücken Lichter zur Beleuchtung und als Signale angebracht.
Oestlich von Rendsburg zweigt sich von dem Nord- Ostfee-Kanal der Weg nach der Untereider ab, der bei Rendsburg für die sich hier bewegende kleinere Schifffahrt durch eine neue Schleuse von 12 m Breite, 65 m Länge führt, welche bei niedrigstem Wasserstande 5,27 m Wassertiefe auf der Schwelle hat. Schiffe, welche diesen Weg einschlagen, können lhn jedoch nur verfolgen, wenn sie nicht tiefer als 3,3 m gehen und mit ihrer Länge
„Das heißt," versetzte trotzig der Student, „aus purer Höflichkeit wollen wir Herrn Bosak unfern Entschluß mittheilen. Trotz feiner Extravaganzen hat er zu viel Verstand, um nicht einzufehen, daß es ihm nicht zustehe, über Theodora's Schicksal zu entscheiden. Er kann dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht zur Rechenschaft ziehe für die Vergangenheit; er kann dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht frage: Mit welchem Rechte haben Sie den letzten Wunsch einer Mutter zu vereiteln gesucht? Mil welchem Rechte haben Sie Dorchen meinem Schutze entzogen? Durch Jntrigueu und Lügen haben Sie jetzt die Vergangenheit gut; treten Sie nicht zwischen uns, wagen Sie ..."
„Halt, Boto, schweig! Ich kann nicht schlecht von meinem Wohlthäter sprechen hören!" fiel ihm Theodora in's Wort.
„Ich schweige um Deinetwillen, Dir zu Liebe, und ! wenn Fräulein Waiser die Freundlichkeit haben will, : ihm in meinem Namen unsere Wünsche mitzutheilen, s soll es mir sehr angenehm sein."
„Seit langer Zeit erwarte ich vergebens Nachrichten von ihm," bemerkte die Lehrerin seufzend.
Boto gab keine Antwort, sondern begann, um das Gespräch zu wechseln, von seinen Reichihümern zu sprechen, von seinen Pferden und von seinem Schlosse.
Während er in vollem Zuge war und feine Ju
den scharf gekrümmten Lauf der Untereider zu pasfiren vermögen, weshalb sie nicht über 40 m lang sein dürfen.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Mai.
* Der Kaiser besichtigte heute Vormittag auf dem Bornstedter Felde das Garde - Jäger - Bataillon, das Lehr-Jnfanterie-Bataillon und die Unteroffizierfchule zu Potsdam. Nach der Besichtigung kehrte der Kaiser nach dem Neuen Palais zurück. Um 4 Uhr Nachmittags gewährte der Kaiser dem englischen Maler Cope eine Sitzung.
* Zu den im September stattfindenden Kaiser- manövcrn schreibt man der ,Ostseeztg.': Gutem Vernehmen nach werden während der letzten drei Tage der diesjährigen Kaifermanöver sämmtliche Truppen kriegsmäßig biwakiren. Bei den diesjährigen Kaisermanövern werden große Truppenmassen zusammrn- kommcn, rote noch nie in Deutschland, und daher werden auch an das Sanitätswesen große Anforderungen gestellt werden. Besonders wird man sich auf plötzlich eintretende Erkrankungen vorsehen müssen. So werden denn mit Rücksicht hierauf besondere Fel d- lazarethe aufgestellt werden, wobei man auch die mannigfachsten Versuche anstellen wird.
* Der Reichskanzler a. D. Graf v. Caprivi gedenkt, wie der .Germania' ans Krossen a. O. geschrieben wird, Mitte dieses Monats in Skyren (Sr Krossen) einzu- treffen, um für längere Zeit dort seinen Wohnsitz zu nehmen.
* Dem Abgeordnetenhause ist die offizielle Einladung zur feierlichen Eröffnung des Nord-Ostsee- Kanals jetzt zugegangen. Es sind 50 Karten zur Verfügung gestellt worden, 13 für den Vorstand, 37 für die Fraktionen; letztere vertheilen sich auf die Fraktionen je nach der Stärke, wobei jedoch die Abgeordneten, die schon als Reichstagsabgeordnete ohne Weiteres eingeladen sind, abgezogen werden. Danach würden, so rechnet die ,Post' aus, u. A. auf das Centrum 6 Karten entfallen. — Der Reichstag ist bekanntlich in feiner Gesammtheit eingeladen.
* Dem Bnndesrathe ist jetzt der zweite Nachtragsetat für den Nord-Ostsee-Kanal (Kosten der Verwaltung) zugegangen. An der Spitze der Verwaltung wird ein Präsident stehen, für welche Stelle nach der ,Post' Geheimrath Löwe anserfehen ist. Ihm stehen ein technischer und ein Betriebsdirektor zur Seite, in letzterer Stelle voraussichtlich Kapitän z. D. Piraly.
* In der Petitionskommisfion des Reichstags wurden heute Petitionen, betreffend die Gewährung eines Ehrenfoldes für die Kombattanteu von 1866 und 1870 berathen. Regierungsseitig wurde diese Forderung als undurchführbar bezeichnet, da gegenwärtig noch etwa 700,000 Kombattanten aus den beiden Kriegen leben. Ferner lagen Petitionen vor, Hörerinnen feinen Worten lauschten, trat ein Diener mit einem Briefe ein.
Theodora nahm denselben in Empfang und rief, nachdem sie einen Blick auf die Adresse geworfen hatte, ftöhlich ans: „Von Herrn Bruno! . . . Was mag es sein?"
„Geben Sie mir den Brief," bat Fräulein Waiser; sie öffnete und las mit zitternder, abgebrochener Stimme folgende Worte:
„Sehr geehrtes Fräulein!
Beten Sie für meinen Herrn, den edlen Grafen von Borges. Beten Sie ans Herzensgrund, denn er liegt im Stechen, seine edle Seele ist im Begriffe, die Erde zu verlassen.
Es sind jetzt vierzehn Tage, daß der Herr Graf vom Pferde gefallen ist und eine tödtliche Wunde am Kopfe erhalten hat. Nichtsdestoweniger würde er genesen sein, wenn nicht eine heftige Krankheit dazu gekommen und fein Zustand dadurch verschlimmert worden wäre.
Wenn Sie diesen Brief erhalten, wird er nicht mehr unter den Lebenden sein. Bruno Reteau."
„Gerechter Gott! Erbarme Dich meines Wohl- thäters!" rief Theodora und warf sich auf die Kniee.
Die Erzieherin erhob den Blick zum Himmel und reichliche Thränen flosien über ihre Wangen.