JUS. 105 ______Mittwoch, den 8. Mai 1895 22. Jahrgang
FuIdatrWZkitiiiig
mit Urrterhattrmgs-KeiLage ..Sterne unb Siumen".
Erfcheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
]-[ Hochmuth kommt vor dem Fall.
Sie haben zu früh gejubelt, die Herren Liberalen innerhalb und außerhalb des Magyarenlandes! Als der ungarische Ministerpräsident v.Banffy in offener Parlamentssitzung sich erfrechte, dem päpstlichen Nuntius Agliardi vorzuwerfen, er habe, indem er den Widerstand der Katholiken gegen die Kulturkampfsgesetzgebung billigte, die Grenzen überschritten, die ihm als dem „Vertreter einer fremden Macht" gesteckt seien, und als Herr v. Banffy dann weiter behauptete, er protestire gegen dieses Verhalten im Einverständnisse mit dem Minister des Auswärtigen, da erhob sich ein toller, tobender Jubel bei den „Liberalen" in Ungarn und ihren jüdisch- heidnischen Brüdern überall. Auf katholischer Seite aber fragte man: „Sollte es wirklich möglich sein, daß Graf Kalnoky, der gemeinsame österreichisch- ungarische Minister des Auswärtigen, der Vertreter eines katholischen Monarchen, gegenüber dem Vertreter des hl. Vaters ein Verfahren billigen könnte, das eine schändliche Beleidigung des hl. Vaters selbst enthielt, ein Verfahren, das in der Geschichte des diplomatischen Verkehrs geradezu unerhört war? Sollte es möglich sein, daß der Leiter der auswärtigen Politik der einzigen Macht, auf welche die Katholiken der Welt noch mit einigem Vertrauen als auf eine katholische Hinblicken, gleich dem verbissensten Kulturkämpfer den Vertreter des Oberhauptes aller, auch der österreichischen und ungarischen Katholiken in die Schranken eines „Vertreters einer fremden Macht" verweisen könnte, wo doch längst sogar im protestantischen Preußen ein Fürst Bismarck das Papstthum als das kirchliche Haupt einer inländischen Religionsgemeinschaft staatsrechtlich als eine i n l ä n d i s ch e Institution erklärt hatte? Diese Fragen schienen auf den ersten Blick keine andere, als eine verneinende Antwort zuzulassen; aber nach den schlimmen Erfahrungen, bte man im Verlaufe des Kulturkampfes in Ungarn schon mit der Schwäche des Monarchen hatte machen müssen, blieb doch bei den Katholiken ein quälender Zweifel, eine drückende Sorge zurück.
Graf Kalnoky hat eingesehen, daß er um seiner eigenen Ehre willen und zur Beruhigung des erregten katholischen Bewußtseins innerhalb und außerhalb der habsburgischen Monarchie nicht zaudern durfte, um unzweideutig aller Welt zu erkennen zu geben, ob Baron Banffy sich mit Recht oder Unrecht auf ihn berufen hatte. Mochte es auch ein ungewöhnlicher Vorgang sein, daß der eine Minister zu der Erklärung eines anderen öffentlich Stellung nimmt, so gab es doch in diesem Falle keine andere Wahl, da auch Baron Banffy am 1. Mai vor der breitesten Oeffent- lichkeit, vor versammelten Reichstage, gegen den Grafen Kalnoky die schwerste Verdächtigung geschleudert hatte, die einem Katholiken gegenüber, dem politischen Vermittler eines katholischen Staates mit dem heil. Stuhle, möglich ist, die nämlich, daß er vorher sein Einver-
Re Ekfählmg ta WtmMm.
Roman von H. v. Remagen.
(67. Fortsetzung.)
Ein ironisches Lächeln umspielte Jakobs farblose Lippen; nach kurzem Stillschweigen fragte der edle Jüngling von neuem in zaghaftem Tone: „Aber welches Band besteht zwischen ihm und Theodora? Sie duzen sich . . . erklären Sie mir seine Worte, ich bitte Sie flehentlich; warum erftecht er sich der Sprache eines Bruders, eines Verlobten?"
„Die arme Mutter unseres lieben Kindes war seine Verwandte und hat vor ihrem Tode (in Gegenwart des Herrn Bosak) ihm das Geschick der Waise anvertraut."
„Ihr Verwandter ... ihr Verwandter !" flüsterte Jakob, das Gesicht in den Händen verbergend.
„Ich vermag nicht einzusehen," versetzte die Erzieherin, „weshalb Sie so schmerzlich erregt sind, und weshalb Sie so aufgebracht sind über die Verwandtschaft Dorchens."
„Würden Sie diesen Boto kennen, wüßten Sie, welch' abgründiges Herz er im Busen birgt, so würde meine Aufregung Ihnen nicht auffallend erscheinen. Nein, ich tarn nicht gleichgiltig zusehen, wie Jemand, den ich auf's tiefste verachte, die Hand eines reinen
ständniß mit dem stiermäßig brutalen Vorstoß des ungeschlachten Kalviners Banffy erklärt haben sollte! Da dem Grafen Kalnoky ein parlamentarisches Forum zu seiner Abwehr zur Zeit nicht zur Verfügung stand, so gebrachte er dazu die Presse. So erschien denn, wie unseren Lesern schon bekannt ist, am 3. Mai in der offiziösen Wiener ,Pol. Korrespondenz' eine augenscheinlich vom Grafen Kalnoky veranlaßte Note, die den Jubel der Liberalen plötzlich in tiefste Bestürzung verwandelt hat. Die Note hat folgenden Wortlaut:
„Die Form und der Inhalt der vom ungarischen Ministerpräsidenten Baron Banffy dem Abgeordneten Terenyi auf seine Interpellation über die jüngste Reise des apostolischen Nuntius Agliardi nach Ungarn ertheilten Antwort haben, wie überall, auch im Kreise des Ministeriums des Aeußeren überrascht. Es hat nicht wenig Befremden erregt, daß in mehreren wesentlichen Punkten die Erklärungen des Baron Banffy unrichtig sind und sich daher mit den Ansichten des Ministers des Aeußeren nicht decken. Dies gilt sowohl von der Motivirung wie von den Konklusionen der ministeriellen Erklärungen, und ist es hier auch nicht bekannt, wieso Baron Banffy berechtigt war, ausdrücklich zu erklären, daß der Minister des Aeußeren den dargelegten Standpunkt der Königlich ungarischen Regierung zu dem seinigen gemacht hat. Hierüber waren die Akten nicht geschlossen, ebensowenig wie über die eventuelle Frage, inwieweit und in welcher Form in Rom vertrauliche Bemerkungen über das Auftreten Agliardis gemacht werden sollen. Dies müßte von den dem Minister des Aeußeren noch nicht vorliegenden Daten abhängen, welche eine Einmischung des apostolischen Nuntius in innere Angelegenheiten nachzuweisen vermögen.
Wenn also Baron Banffy im ungarischen Parlamente die Er- ' klärung abgab, daß die Demarche (Schritt) erfolgt sei, so kann i dies seiner Unvertrautheit mit diplomatischen Geschäften ; zugeschrieben werden, welche wohl auch die Schuld daran trägt, i daß der Ministerpräsident auf eigene Verantwortung und ohne Rücksicht auf unsere freundschaftlichen Beziehungen zum Heiligen Stuhle eine wie ein Schlachtruf tönende Erklärung im Parlament abgab, was für die Sache selbst nur schädliche Folgen haben kann. Es dürfte also diese Jnterpellations- beantwortung des Baron Banffy noch zu weiteren Erklärungen und Konsequenzen führen."
Die „fchädlichen Folgen" können in der Thal nicht ansbleiben. Schon vor dem Bekanntwerden jener Note der ,Polit. Korresp.' hatte Kalnoky fein Entlass- ungs gefnch beim Kaiser eingereicht, jedenfalls um eine Entscheidung des Monarchen darüber herbeizuführen, wer der Mann seines Vertrauens sei, er oder Banffy, denn daß einer von beiden weichen muß, ist ja unvermeidlich. Banffy ist bekanntlich nach Wien abgereift, um — wie die liberale ungarische Regier- ungspresie auch jetzt noch immer hochmüthig schreibt — „Genugthuung für die Ungarn angethane unerhörte Beleidigung" und, falls ihm dieselbe nicht gewährt wird, seine Entlassung zu fordern. „Genugthuung" verlangen die Biedermänner, als wenn sie selbst kein Wäsierlein getrübt hätten! Das ist wirklich kostbar. An der Entlassung Banffy's ist kaum zu zweifeln, und was bann? Die ungarischen Liberalen erklären selbst, baß sie außer Banffy und Wekerle keine Leute mehr hatten, die sie an der Spitze der Regierung sehen möchten. Den Banns Grafen Khuen-Hedervary, der am Freitag bereits ebenfalls in Wien eingetroffen ist, jedenfalls auf Berufung des Kaisers, wollen sie nicht, weil sie ihn trotz seiner liberalen Vergangenheit
Kindes drückt, das mir so lheuer ist ... . Falls ich noch einmal hören müßte, was ich vorhin vernommen habe, der Zorn brächte mich von Sinnen und ich würde mich schwerlich halten können."
„Uebertreiben Sie nicht, Baron, und lassen Sie sich nicht hinreißen von jener stürmischen Leidenschaft, die verliebten jungen Leuten so gern eigen ist."
„Wenn Sie mich für eifersüchtig halten, muß ich schweigen," versetzte Jakob niedergeschlagen, und in traurigem Tone fügte er hinzu: „Wenn Sie mich für eifersüchtig halten, kann ich Ihnen nicht sagen: „Fräulein, verschließen Sie diesem Menschen Ihr Haus, gestatten Sie nicht dem Wolfe, sich dem Lamme zu nähern."
„Mein Haus kann ich nicht verfchließen, da ich kein Haus besitze; das, worin wir uns befinden, gehört Herrn Bosak. Uebrigens möchte ich Ihnen von ganzem Herzen gern willfährig fein, lieber Baron, allein ohne die Zustimmung ihres Protektors wage ich nicht, Theodora des Umganges mit einem lieben Verwandten zu berauben."
„Aber Herr Bosak hat ja gerade den Nachforschungen dieses Menschen die arme Waise entziehen wollen. Glauben Sie mir, Fräulein, er kennt recht wohl das menschliche Herz, erhandelt nicht unbesonnen, und was auch immer Bosak sagen mag, er ist ein Mensch von hohem Geiste und edlem Gemüthe."
im Verdacht haben, ein verkappter „Klerikaler"? zu fein. Der Liberalismus, so schreibt ein liberales Berliner Blatt, steht vor einer ernsten Krisis, nicht nur in Ungarn. Ja, der Liberalismus, dessen Zusammenbruch in Ungarn durch das ungeschlachte Auftreten Banffy's um ein gut Stück näher gerückt ist, geht in der ganzen Welt unaufhaltsam seinem Verfalle entgegen. (Bgl. unten Wien und Pest. D. R.)
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Mai.
* Der Kaiser wohnte am gestrigen Sonntage mit । der Kaiserin dem Gottesdienste in der Friedenskirche zu Potsdam bei. Heute Vormittag besichtigte der Kaiser auf dem Tempelhofer Felde die Bataillone des Garde- Füsilier-Regiments und kehrte dann ins Nene Palais zurück, wo der Geburtstag des Kronprinzen festlich begangen wurde.
* Das Staatsministerium hielt heute unter dem i Vorsitze des Fürsten zu Hohenlohe eine Sitzung ab, '! in welcher es sich wahrscheinlich um die Stellungnahme i der preußischen Regierung im Bundesrathe zu den j Beschlüssen der Kommission über die Umsturzvorlage handelte.
* Der .Reichsanzeiger' meldet die Ernennung des bisherigen Botschafters in Konstantinopel, Fürsten Radolin zum Botschafter am russischen Hofe.
* Die deutsche Togoexpedition hat ihr Ziel, den Niger, erreicht und dort mit den Sultanen von Pama, Gurma, Bissugu, Mechali und Gara Verträge abgeschlossen. Ein Theil derselben unter Führung des Premierlieutenants v. ©armer ist, wie ein Telegramm aus Braß an der Nigermündung vom 3. Mai meldet, an der Küste bereits wieder angekommen. Der Führer der Expedition Dr. Gruner hat mit Dr. Döring und dem Haupttheile der Expeditton von Say am Niger den Landweg nach Süden eingeschlagen, um über Borgu nach Mischahöhe zurückzukehren.
* Auch die nationalliberale Reichstagsfraktion soll sich in diesen Tagen mit der Umsturzvorlage beschäftigt und sie abgelehnt haben. Das ist um so ergötzlicher, als die Umsturzvorlage eigentlich erst dem Verlangen der nattonalliberalen Presse und des Frankfurter Parteitages nach einem Umsturzgesetze ihr Entstehen verdankt. Aber freilich: die „klerikalisirte" Vorlage macht vor den „gebildeten" Umstürzlern nicht Halt, und die Nattonalliberalen wollten nur die „ungebildeten" Umstürzler hinter Schloß und Riegel bringen!
* Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Berathung des StempelsteuergesetzeS trat heute, nachdem der Tarif die erste Lesung Passirt, in die Verhandlung über die Vorlage ein. Der erste Abschnitt handelt von der Pflicht zur Entrichtung, und § 1 von dem Gegenstand der Stempelsteuer. Die ersten beiden Absätze des § 1 erhielten nach der Vorlage folgende Fassung:
„Ich werde ihm sofort Alles schreiben, was sich zugetragen hat und werde in Allem nach feinem Gutdünken verfahren."
„Und unterbeffen soll Boto nach Herzenslust mit Theodora verkehren?"
„Ich will hoffen, daß mein Alter, meine Erfahrung und meine Grundsätze hinreichenden Schutz für ein Mädchen gewähren," sagte die Erzieherin etwas beleidigt.
„Das ändert die Hauptsache nicht und kann nicht bewirken, daß ich mit Gleichgiltigkeit einen Wüstling an Theodora's Seite sehe "
„Ich kann Jemand nicht für einen Wüstling halten, der mit tiefstem Schmerze den ftühen Tod einer geliebten Gattin beweint.“
„Beweint! . . . beweint! . . . Krokodilsthränen! Er verband sich mit Sibilla nur aus Interesse; sie hat ihn reich gemacht. Nur ein Mensch ohne ein Fünkchen Ehrgefühl konnte so die Frucht ihres Reichthums sich aneignen."
„Sibilla? so ist also Herr Senelk jener Wittwer, von dem Sie sprachen?"
„Eben."
„Wenn ich mich recht erinnere, sprachen Sie selbst von seiner Betrübniß. Bitte, lieber Baron, ein wenig Nächstenliebe! Urtijeilen Sie nicht so strenge und be=