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Dienstag, den 7. Mai 1895
22. Jahraana
FuldanWZkitnng
mit Unterhattnngs-Keilagr „Sterne und Klnmen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 4. Mai.
* Der Kaiser begab sich heute früh vom Neuen Palais nach der Matrosenstation bei Kl. Glienecke und fuhr auf der kaiserlichen Jacht „Alexandria" nach Spandau und begab sich von da nach dem Exerzierfelde bei Haselhorst, um dort die Bataillone des Königin Elisabeth Garde-Grenadier-Regiments Nr. 3, sowie des Königin Augusta Garde-Grenadier-Regiments Nr. 4 zu besichtigen. Nach der Besichtigung nahm der Kaiser eine Reihe militärischer Meldungen auf dem Exerzierplätze entgegen. Im Laufe des Nachmittags kehrte der Kaiser "nach Potsdam bezw. dem Neuen Palais zurück. — Der Kaiser hat dem Panzerschiff „Kaiser" sein Bildniß zum Geschenk gemacht; das Bild wurde heute von dem Geheimen Regierungsrath Mießner übergeben. 'Das Panzersckiff „Kaiser" soll heute Nachmittag nach China in See gehen. — Die Nordlandsreife des Kaisers wird sich der ,Post' zufolge in diesem Jahre nicht nach Norwegen, sondern nach der Ostsee erstrecken. Dabei ist der Stadt Stockholm ein Besuch zugedacht.
* Die scholl in Nr. 102 der ,Fuld.Ztg.' erwähnte Erklärung, welche unser Reichslagsabgeordncter Herr R. Müller in der letzten Sitzung der Tabaksteuer- Kommission abgegeben hat, liegt uns jetzt in längerer Ausführung vor, und wir wollen nicht verfehlen, dieselbe zur Kenntniß unserer Leser zu bringen. Der Reichsschatzsekretär Graf Posadowski hatte erklärt, daß die verbündeten Regierungen mit einer Netto-Mehreinnahme von 101/2 Millionen sich begnügen wollten, um lediglich das Defizit nach dem Voranschläge und den in Aussicht genommenen Nachtrags-Etats zu decken, wenn dadurch das Fabrikatsteuer-System zur Annahme gebracht werden könne; zu diesem Zweck sollte der Steuersatz für Cigarren anstatt 25 pCt. nur 18 pCt. bezw. 15 pCt. für die billigsten Sorten betragen. Darauf erwiderte der Abg. Müller-Fuda:
„Bei der ersten Lesung ist den verbündeten Regierungen der Weg gezeigt worden, auf welchem für eine mäßige Mehr-Einnahme unter Schonung der Tabak- Industrie und gerechter Vertheilung der Lasten eine Mehrheit im Reichstag erzielt werden kann; wollen sie diesen Weg nicht betreten, so kann uns dies gleich- giltig sein. Die vorläufige Reduktion der Steuersätze genügt nicht, uns das System der Fabrikatsteuer annehmbar zu machen. Es ist volkswirthschaftlich verwerflich, wegen 10 Mill. Mehr-Einnahmen, die geschaffen werden sollen, unproduktive Mehr-Ausgaben von vier Millionen Kontrolkosten, zu denen noch 21la Mill. Aufwendung der Fabrikanten für Kontrole, Doppelfakturen und Porti kommen, zu verursachen. Alle schon früher erörterten Nachtheile des vorgeschlagenen Fabrikat-Systems bleiben außerdem bestehen; es läßt sich deshalb die Annahme unter keinen Umständen rechtfertigen. Da man sich seitens der Regierungen mit Deckung der Differenz zwischen Ueberweisungen und Matrikularbeiträgen begnügen soll,
Bit ErMmg des SodtmMns.
Roman von H. v. Remagen.
(66. Fortsetzung.)
Und indem sie noch immer die Hand des jungen Mannes mit ihren kleinen Händen festhielt, wandte sie sich zu Fräulein Waiser nnd sprach in zärtlichem Tone: „Meine zweite Mutter, ich habe mit Ihnen oft von ihm gesprochen, nicht wahr? Es ist Herr Boto Senelk."
Die Erzieherin machte eine artige Verbeugung, und da sie bemerkte, wie das Mädchen sich sehnte, ihre Erlebnisse nach dem Tode ihrer Mutter zu erzählen, lud sie mit zarter Aufmerksamkeit den jungen Mann ein, sie zu begleiten.
„Komm, Boto, komm, ich habe Dir viel zu erzählen", bat Theodora und setzte ihren Weg an der Seite des verruchten Wittwers fort.
Unterdessen wartete Jakob von Hauser; er wartete mit der Liebe klopfendem Herzen auf die Wiederkehr des Mädchens und erröthete vor Freude, da er sie von weitem erblickte. Allein auf dieses Erröthen folgte bald ein tiefes Erblassen, das Herz zog sich krampfhaft zusammen: Boto, dieses ehrlose Wesen, war bei Theodora und plauderte ganz vertraut mit ihr.
so sind einschließlich des Nachtrags-Etats für den Nord- Ostsee-Kanal 8,425,000 Mk. zu decken. Davon gehen ; jedoch die Zoll-Erhöhungen auf Baumwollsamen-Oel, Honig und Parfümerieen, die ich nach den Beschlüssen der zweiten Lesung auf 3 Millionen schätze, ab, so daß noch 5,425,000 Mk. zu decken bleiben. Ich glaube, ; daß auch diese durch Mehr-Einnahmen bei den Zöllen 1 und Verbrauchssteueru sich ausgleichen werden, wie es ja auch im Rechnungsjahr 1894/95 geschehen ist. wo man auf ein Defizit von 16r/a Mill, gerechnet hat ! und schließlicd nur ein solches von 41/8 Millionen ge- ; blieben ist. Will man jedoch unter allen Umständen j eine Gleichstellung schon im Etat herbeiführen und ■ kommt die Finanzreform wirklich zur Annahme, so ist - dies noch immer kein genügender Grund für ' die Einführung der Tabakfabrikat-Steuer, ; denn eben so gut kann der geringe Mehrbedarf durch Zuschläge bei andern Steuern, wie dies ja auch im j Finanzreform-Entwurf vorgesehen ist und zwar ohne . 61/e Millionen Mark Mehrkosten beschafft werden. Ich ; verzichte deshalb auch auf die Berathung der von mir ! früher eingebrachlen Resolution." ;
Nach dieser Erklärung wurde, wie schon mitgetheilt, die Debatte geschlossen, § 4 mit 18 gegen 4 Stimmen und schließlich das ganze Gesetz einstimmig abgelehnt. Zum Berichterstatter wurde der Abg. de Witt (Centr.) bestellt. Die Verlesung des Berichts in der Komniission ist am Samstag erfolgt.
* Die nächste Sitzung des Herrenhauses wurde auf den 15 Mai anberaumt. Die Plenarverhand- lmigen werden fünf bis sechs Tage in Anspruch nehmen.
* In neuester Zeit hat der Äugustinus-Berein zur Pflege der katholische« Prefle in recht erfreulicher Weise sich ausgebreitet. Der Verein hatte ursprünglich seinen Sitz vorzugsweise im Rheinlande. Aber gelegentlich der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands im Jahre 1893 in Würzburg, wo auch, wie es fortan stets bei Generalversammlungen der Katholiken gehalten werden wird, eine Generalversammlung des Augustinus-Vereins stattfand, war in allgemeiner und lebhafter Weise der Wunsch zum Ausdrucke gekommen, die Organisatton des Vereins möge doch je eher desto besser über das ganze Reich ausgedehnt werden; und im Sinne dieser Wünsche, die damals hauptsächlich von süddeutscher Seite ausgesprochen wurden, sind in der Zwischenzeit zwei besondere süddeutsche Gruppen des Vereins entstanden, die Gruppe Bayern und die Gruppe Südwest-Deutschland — ebenso wie fast gleichzeitig eine Gruppe Westfa len-H annover-O Idenburg und vorher eine Gruppe Nied er rh ein. Alle diese Gruppen haben in überraschend schneller Weise starken Zuwachs an Mitgliedern aufzuweisen, so daß die Mitgliederzahl des Gesammtvereins feit etwa einem Jahre sich vervierfacht hat — sicherlich das aller- deutlichste und allerbeste Zeichen dafür, daß der Verein mit seinen Bestrebungen und mit der Art seiner Organisation Anklang gefunden hat. Daß jetzt auch im Osten des Reiches vielfach der Wunsch besteht, dort eine feste und geregelte Organisation der kath. Presse in der
„Welcher Dämon führt ihn mir in den Weg?" fragte der Baron sich selbst, während er in tiefster Erregung die kleine Gesellschaft an sich vorüberschreiten sah. Die beiden Männer, schon vorher Feinde, hatten sich nun mit einem einzigen Blicke als Nebenbuhler erkannt; einen Moment betrachtete« sie einander mit Blicken voll Unruhe und glühendem Haß; dann wandte der Student sich mit triumphirendem Lächeln an Theodora und that fortan, als existire für ihn Niemand anderer als sie.
„Wo mag er sie nur gesehen, wi sie kennen gelernt haben? Ich muß es wissen. Ihn an ihrer Seite zu sehen, ist mir unerttäglich. Ich werde nicht dulden, daß er sich in die Wohnung dieses Engels eindränge ... Ich muß mit Fräulein Waiser über ihn sprechen."
In solchen Gedanken durcheilte Jakob mit großen Schritten die Straßen, hier und da aufs Gerathewohl stehen bleibend; sein Herz war in Aufruhr, sein Kopf verwirrt, eine Beute der verschiedensten und grausamsten Befürchtungen. Endlich, da es ihm nicht gelang, den peinlichen Sturm in seinem Innern zu be- fchwichligen, eilte er geflügelten Schrittes zu Theodoras Wohnung.
Ueberflüssig wäre es, zu bemerken, wie ungelegen
Form der anderen Gruppen des Augustinus-Vereins erstehen zu sehen, beweisen Zuschriften und mündlich weiter getragene Steuerungen, die diesen Wunsch in lebhafter Weise zum Ausdrucke bringen, zum Theil mit der gleichzeitigen Aeußerung des Bedauerns darüber, daß diese Organisatton nicht schon früher in Angriff genommen wurde. Als Mitglieder sind an den Ge- sammtverein übrigens die Mitglieder der ostdeutschen kath. Presse fast sämmtlich schon angeschlossen, mit ganz wenigen Ausnahmen. Ohne eigene Gruppen aber kann sich kein gedeihliches Wirken entwickeln, weil erst die Gruppen der Eigenart und den besonderen Interessen der einzelnen deutschen Länder gerecht werden können. Jeder Theil für sich und alle Theile gemeinsam für das Ganze — das ist auch hier die Losung. Mit besonderer Genngthuung hat nun der Gesammtoorstand des Augustinus-Vereins beschlossen, im letzten Drittel des Monats Mai eine Vereins-Versammlung inBerlin abzuhalten, und es steht zu hoffen, daß diese Versammlung zahlreichen Besuches aus den östlichen Provinzen sick erfreuen und zu einer zweckmäßigen Gruppenbildung für dieselben führen wird.
* Nach den im Reichs-Versicherungsamte gefertigten Zusammenstellungen, welche auf den Angaben der Vorstände der Versicherungs-Anstalten und der zugelasienen Kasseneinrichtungen beruhen, betrug am 1. April 1895 die Zahl der seit dem Inkrafttreten des Jnvaliditäts- unb Altersverstcherungsgesetzes erhobenen Ansprüche auf Bewilligung von Altersrente bei den 31 Ver- sichernngs - Anstalten und den 9 vorhandenen Kassm- einrichtuugen 315 598. Von dielen wurden 250 992 Rentenansprüche anerkannt und 52 624 zurückgewiesen, 4835 blieben unerledigt, während die übrigen 7147 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den erhobenen Ansprüchen entfallen auf Hessen-Nassau 6814. — Die Zahl der während desselben Zeitraums erhobenen Ansprüche auf Invalidenrente betrug bei 31 Versicherungs-Anstalten und 9 Kasseneinrichtungen insgesammt 164 445. Von diesen wurden 115 111 Rentenansprüche anerkannt und 32 734 zurückgewiesen, 9159 blieben unerledigt, während die übrigen 7441 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den geltend gemachten Ansprüchen entfallen auf Hessen - Nassau 3896. Unter den Personen, die in den Genuß der Invalidenrente traten, befanden sich 2380, die bereits vorher eine Altersrente bezogen.
* Wiesbaden, 4. Mai. Das Landeskomitee des nationalliberalen Wahlvereins hat nach dem .Rhein. Kur.' folgende Resolution gefaßt:
„Das Landeskomitee des nationalliberalen Wahlvereins für den Regierungsbezirk Wiesbaden erklärt unter Zustimmung seiner Parteigenossen, daß die sogenannte Umsturzvorlage in ihrer jetzigen Fassung uns unannehmbar erscheint, da dieselbe in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht sowohl gegen die Umsturzbestrebungen der Anarchisten und Sozialdemokraten gerichtet, als vielmehr geeignet ist, die freie Wissenschaft und Forschung aufs Aeußerste zu beeinträchtigen, die freie geistige Entwickelung zu bedrohen und die Geschäfte der ultramontanen Partei zu besorgen."
Gegen ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten dem Studenten die Gegenwart des Barons war. Deshalb grüßte er ernst und nahm Abschied von den Damen; aber dem verhaßten Nebenbuhler einen Stich zu geben, konnte er es nicht versagen, nochmals die Hand des Mädchens zu umfassen mit den Worten: „Für heute lebe wohl, Theodora. Morgen werden wir uns zu gelegener Stunde Wiedersehen. Ich gehe, um noch heute an Herrn Bosak zu schreiben und ihm zu danken für alles, was er für ein mir so sehr theueres Wesen gethan, und zugleich ihm Vorwürfe zu machen, daß er mir gegenüber so lange von Dir geschwiegen hat. Das war nicht schön von ihm, und ich habe alle Ursache, darüber aufgebracht zu sein; welches Recht hatte er, Dich meiner Fürsorge und Zuneigung zu entreißen? Mir und nicht ihm hat Deine Mutter Dich anvertraut; der letzte Wille eines Sterbenden ist heilig."
„Er war mir ein zweiter Vater, und Du mußt ihn lieben; ach! sage ihm nichts Unangenehmes."
„Ich liebte ihn eher als Du und werde ihn auch ferner lieben, wenn es ihm nicht nochmals einfällt, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Es wird mir nicht leicht sein, zu vergessen, daß ich durch feine Schuld so lange in Unwissenheit über das Schicksal von Marias Kinde gelebt habe. Wahrlich, das war