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Samstag, den 4. Mai 1895 —-----------------------

22. Jahrgang

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mit Unterhaltnngs Keilagr „Kternr und Slumen".

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Deutsches Reich.

Berlin, 2. Mai.

* Der Kaiser ist heute stütz 8 Uhr wohlbehalten auf der Wildpark-Station bei Potsdam eingetroffen, wo er von der Kaiserin empfangen wurde. Beide Majestäten begaben sich sofort nach dem Neuen Palais. Um 10 Uhr ritt der Kaiser nach dem Bornstedter Felde zur Besichtigung des 1. Garde-Regiments zu Fuß.

* Schon einmal wurde die Aufhebung des Jesuiten­gesetzes mit Majorität int Reichstage beschlossen. Der Beschluß ging dann an den Bundesrath, und nach Monaten verkündeten uns die Blätter, „der Bundes­rath hat die Aufhebung des Jesuitengesetzes abgelehnt". Inzwischen hatten die Gegner der Jesuiten Zett, sich zu sammeln, in ihrer Presse den nöthigenSpektakel zu schlagen und Petitionen loszulasfen. Auch in diesem Jahre scheint der genannte Beschluß des Reichs­tags wieder durch die bekannte Schneckenpost dem Bundesrathe zuqegangen zu sein, denn das ganze katholische Volk wartet schon seit Monaten ver­gebens auf die Entscheidung. In Anbetracht der jedesmaligen Verzögerung, bevor der Bundesrath über diesen Beschluß entscheidet, wird es für die Leser dieses Blattes von Interesse sein, sich einmal wieder zu ver­gegenwärtigen, mit welcher affenartigen Geschwindig­keit das Gesetz gegen die Jesuiten im Jahre 1872 zu Stande kam. Am 26. Mai 1872 meldeten die offi­ziösen Korrespondenzen, „das Gesetz gegen die Jesuiten wird in dieser Session des Reichstags nicht mehr vor- kommen". Am 8. Juni meldeten dieselben Korrespon­denzen, „das Gesetz gegen die Jesuiten wurde heute dem Justizausschusse des Bundesraths in vertraulicher Sitzung vorgelegt". Am 11. Juni nahm dieser das Geich an, wie es damals hieß, mit Zustimmung der Vertreter des katholischen Bayern und zu fast * * * * * * * * * 2 * */s katho­lischen Baden, noch am selben Tage ging das Gesetz dem Reichstage zu. Am 15. Juni war die erste, am 17. die zweite und am 19. die dritte Berathung; es wurde schließlich mit 181 gegen 93 Stimmen ange­nommen. Am 21. Juni ging das Gesetz an den Bundes- rattz, und am 27. wurde dasselbe bereits vom Kaiser in Ems unterzeichnet. Heute, da es sich um Abschaffung dieses katholikenfeindlichen Gesetzes handelt, braucht der Bundesrath Monate, ehe er darüber beschließt.

* Die gestrige Kommissionsberathung der Tabak­steuervorlage, welche, wie schon gemeldet, mit einer Ablehnung des grundlegenden § 4 mit 18 gegen 4 Stimmen endigte, nahm einen kurzen Verlauf. Nach­dem der Staatsfekretär Graf Posadowski die Vorlage nochmals begründet und ihre Annahme dringend empfohlen hatte, erklärte der Abg. Müller-Fulda: Die Nothwendigkeit der Vorlage ist nicht als dringend begründet. Sollten wirklich die nothwendigen Aus­gaben so steigen, daß wir durchaus neue Steuern brauchen, dann werden meine politischen Freunde auch bereit sein, höhere Einnahmen aus dem Tabak zu bewilligen. — Eine weitere Debatte fand nicht statt. Eine weitere Berathung wurde nach Ablehnung des

Mk Ekjiihlmg des WtmMers.

Roman von H. v. Remagen.

(64. Fortsetzung.)

Die Lippen des Barons umspielte ein heiteres Lächeln und auf seiner schönen Stirn spiegelte sich die innere Zufriedenheit. Er war fröhlich gestimmt und hatte Urfache dazu, denn indem er einem Freunde zu Hilfe geeilt war, hatte er einer armen Wittwe bittere Sorgen erspart.

Beim Anblick des edlen jungen Mannes erschrack Boto, trat heftig vor, als wolle er sich auf denselben stürzen, hielt aber noch zeitig inne.

Auch Jakob von Hauser verrieth eine nicht an­genehme Ueberraschung, allein, er faßte sich sofort und grüßte Sibillas Wittwer mit den Worten: „Guten Tag, Herr Boto. Ich komme eben von dem Juden, und in diesem Augenblicke hat Weimar keine Schulden mehr. Ich bitte Sie jedoch, falls Sie jemals wieder sich mit ihm aussöhnen sollten, ihm nicht zu sagen, daß ich mich in seine Angelegenheiten gemischt; ich liebe keine Dankbezeugungen und gehe nicht auf Dank­barkeit aus."

„Sie sind ein vollkommener Mensch," erwiderte Boto mit wüthendem Hohn.

grundlegenden Paragraphen der Vorlage für über­flüssig erachtet. — Zum Berichterstatter des Plenums ist Abg. de Witt (Centrum) bestellt.

* Ueber das Duell sagt der evangelische Feldprobst der Armee, Dr. Richter, wie wir dem,Reichsboten' entnehmen, in seinem Katechismus, der als Konfirmanten­lehrbuch in sämmtlichen Kadettenanstalten, in allen Militärgemeinden Preußens und der Reichslande durch das königliche Kriegsministerium eingeführt worden ist, 5. Auflage, Seite 48, in mannhaft christlicher Weise wörtlich: „Auch alle Verstümmelung und fteventliche Gefährdung des Leibes und Lebens ist Sünde gegen das 5. Gebot. Die Unsitte des Duells. Es ist ein Rest des Faustrechts, ein falscher Schutz der eigenen Ehre, die nicht durch einen anderen, sondern nur durch eigene Sünde und Schande ge­nommen werden kann, ein sreventliches Sichstellen vor die Thore der Ewigkeit. Muth kann nie bewiesen werden durch Uebertretung des göttlichen Gebotes, sondern nur durch Halten desselben trotz der Macht der Vorurtheile." Dies wird denen vorgehalten, so fügt der,Reichsbote' binzu, die später Offiziere werden —" und zwar auf Anordnung des Kriegsministers und des Feldprobstes! Damit vergleiche man die heutige Duellpraxis, die Entschuldigung, ja Rechtfertigung des Duells! Das erkläre man einem Menschen!"

' Das lippesche Regentschaftsgesetz ist am 26. April mit der Unterschrift des Regenten, Prinzen Adolph zu Schaumburg-Lippe, im Lippeschen Gesetzblatt veröffent­licht worden. Der Prinzregent wird nunmehr beim Bundesrathe die Schaffung eines Reichsgesetzes zu be­antragen haben, wodurch die Entscheidung der Lippe­schen Erbfolgeftage dem Reichsgerichte übertragen wird.

* Gegenüber der von der,Voss. Ztg.' übernommenen Privatmittheilung über einen Aufstand im Togogebiete, wobei die Station Misa-Höhe überfallen sein soll, theilt die ,Nordd. Allg. Ztg.' mit: Richtig sei nur, daß der Weg über die Misa-Höhe zur Küste int vorigen Monate durch räuberische Eingeborene beunruhigt worden sei, gegen die ein Theil der dortigen Truppen marschirte und die Ruhe wiederherstellte. Ein von Kamerun nach Togo gesandtes Kriegsschiff kehrte mit der Meldung zurück, daß keinerlei Beunruhigung vorhanden sei. Die am 25. April eingegangene Post brachte keinerlei genauere amtliche Berichte über den Vorfall.

* Im Reichsamte des Innern haben Besprechungen stattgefunden wegen der auf dem Nordostseekaual zu erhebenden Tarife. Es wurde beschlossen, die Tarife nicht zu hoch zu gestalten. Wie der ,Post' gemeldet wird, soll Anfangs Juni ein größeres Panzer­geschwader probeweise den ganzen Kanal durch­fahren.

]-[ Tie zweite Lesung der Umsturzvorlage soll im Reichstage am kommenden Montag beginnen. Der jetzt vorliegende Kommisfionsbericht ist sehr umfang­reich. Der eigentliche Bericht umfaßt 45 Seiten. Daran schließt sich die Zusammenstellung des jetzt gütigen Rechts, der Regierungsvorlage und der Kom­missionsbeschlüsse. Dann folgen 16 Seiten Anlagen

„Ich weiß nicht, was ich bin, allein davon bin

ich überzeugt, das Korruption des Herzens mir nie

den Verstand verdunkeln wird."

Und die beiden jungen Leute grüßten sich gegen­

seitig mit einer gewissen Gemessenheit, hinter welcher

sich ganz deutlich eine tiefe Antipathie und grimmiger Haß verbarg. Dann kehrten sie einander den Rücken und entfernten sich nach entgegengesetzten Richtungen.

Boto eilte schnellsten Schrittes dahin. Das Wetter war schön, die Luft etwas ftisch, allein unser junger Mann ward davon nichts gewahr. Zorn und Haß rötheten sein Gesicht, und dicke Schweißtropfen rannen

ihm in die Wangen hinab.

Nachdem er ungefähr eine Stunde umhergeirrt, erblickte er von neuem den Baron von Hauser, welcher an der Schwelle eines hübschen Hauses stand und mit zwei Damen plauderte. Der Anblick des Todfeindes preßte dem ehemaligen Studenten einen Schrei der Wuth aus.

Gern wäre er umgekehrt, nur um dem verhaßten Baron nicht wieder zu begegnen; allein er fühlte sich ermattet, zog den Hut über die Augen und ging vor­wärts, aber schon nach wenigen Schritten blieb er unbeweglich vor Ueberraschung stehen: er hatte nämlich die beiden Damen bemerkt und erinnerte sich, dieselben

zu den Erklärungen der Regierungsvertreter, über­wiegend sozialdemokratische Flugblätter zur Agitation im Heere enthaltend. Den Schluß bildet auf 23 Seiten eine Zusammenstellung von ausländischen straf­rechtlichen Bestimmungen, die sich in derselben Rich­tung wie die „Umsturzvorlage" bewegen. — Es ist ein wahres Glück, daß das Schicksal der Vorlage bald entschieden wird, damit endlich einmal die nach­gerade langweiligen Erörterungen über ihre Aussichten aufhören. Wir haben wiederholt betont, daß wir ebenso wie die Tabaksteuer-, so auch die Umsturzvor- läge für „ausfichtslos" halten. Bezüglich der Tabaksteuer hat die Kommifsionsberathung unsere Auf­fassung vollkommen bestätigt, und wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir die gleiche Bestätigung auch betreffs der Umsturzvorlage erwarten. Die Erörte­rungen der letzten Tage konnten uns in dieser An­nahme nur bestärken. Denn erstens hat die Reichs­partei bereits beschlossen, nur die sogen. Militärpara­graphen der Vorlage anzunehmen, die übrigen Artikel aber abzulehnen, und zweitens erklärt das offizielle Parteiorgan der Konservaüven, daß auch diese der Kommissionsfassung der Vorlage (für die sie doch in der Kommission gestimmt haben!) nicht zusttmmen werden. Auf der änderen Seite wird das Centrum nicht dafür zu haben sein, die Kommissionsfaffung wieder in der Richtung der ursprünglichen Regierungs­vorlage „rückwärts zu revidiren." Eine Verständigung erscheint also ausgeschlossen. Wir haben ost genug bezeugt, daß. wir der Umsturzvorlage keine Thräne nachweinen und nur bedauern, daß die kostbare Zeit mit aussichtslosen Vorlagen vergeudet worden ist — durch die Schuld der Regierung, in deren Schooß da­gegen noch immer die so wichtigen und werthvollen Reformvorlagen: Börsenreform, Zuckersteuerreform, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Margarine­gesetz schlummern.

* Die Reichspartei hat beschlossen, bei der zweiten Lesung der Umsturzvorlage eine Erklärung abzu­geben, des Inhalts, daß sie die Kommissionsfassung mit Ausnahme der Militärparagraphen ab lehnt, weiter aber nicht sich an der Debatte zu betheiligen. Die Ablehnung der Vorlage wird nicht mehr bezweifelt.

* Gegen den Entwurf eines Kommunal-Weinsteuer- gesetzes, der gestern (Donnerstag) rur ersten Berathung im Reichstage kam, wie gegen jede kommunale Be­steuerung des Weines überhaupt haben die Winzer am Untermain, dem Hauptproduktionsgebiet des ftänkischen Rothweines, sich gewehrt. Das Bezirksgremium für Handel und Gewerbe in Miltenberg ließ eine Petition gegen die Vorlage zur Unterschrift zirkuliren und er­zielte in den Orten Bürgstadt, Eichenbühl, Großheu­bach, Klingenberg und Miltenberg ein sehr erfreuliches Resultat von mehreren Hundert Stimmen. Die Unter­schriften wurden dem Reichstage eingesandt. Bei dieser Gelegenheit wollen wir auf eine Stelle aus der Petition des unterfränkischen Weinbauvereins vom 17. Oktober 1893 verweisen, wo es heißt: „Der Ausschuß des ftänkischen Weinbauvereins kann mit bestem Gewissen

eines Tages gesehen zu haben; es waren die Dame und das Mädchen, von welchen er mit Bosak ge-

sprochm hatte.

„Diese Augen sind Theodoras Augen. Ach, wie glücklich würden sie mich machen! sieh', das ist das zweite Mal, daß diese Perle von einem Mädchen vor meinen Augen auftaucht. Könnte ich nur ihren Namen erfahren!"

Mit diesen Worten trat Boto an einen Laden, scheinbar um das Schaufenster zu betrachten; sobald aber Jakob von Hauser sich von den Damen verab­schiedet hatte, und trunken vor Liebe, strahlend vor reinstem Glück die Straße hinabging, näherte der verworfene Gemahl Sibillas sich ihm und begann, feinem heuchlerischen Gesichte den Anschein tiefer Be- trübniß gebend, in honigsüßem Tone: „Baron, Ihre

Verachtung zerreißt mir das Herz. Es ist schmerzlich, für verworfener gehalten zu werden, als man wirklich ist. Als ich zu' dem Wucherer mich begeben wollte, war ich blind vor Zorn, wahnsinnig vor Wuth; Ihre edelmüthige Handlung hat mich gerührt und einen anderen Menschen aus mir gemacht. Voll Bewunderung für Sie flehe ich jetzt Ihre Verzeihung an; bebentat Sie, daß ost ein einziges liebevolles Wort den Ver­irrten auf den rechten Weg führen kann."