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Mittwoch, den 1. Mai 1895
22. Jahrgang
FildikrWßZcitillg
mit Unterhalt«»-» Keilage „Sterne and Klnmen".__________________
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]-[ Hilfe für die Landwirthschast.
Mit großer Beftiedigung wird der deutsche Bauernstand jedenfalls die Erklärungen des preußischen Landwirt h s ch a f t s m i n i st e r s in der letzten Abgeordnetenhaus-Sitzung aufnehmen. Herr v. Hammerstein-Loxten hat uns eine angenehme Ueberraschung bereitet, indem er den Bau großer Kornhäuser aus Staatsmitteln in Aussicht stellte und zugleich das bereits früher verheißene Reichsmargarinegesetz noch für die gegenwärtige Tagung des Reichstages ankündigte. Beide Maßregeln sind sür unsere Landwirthschast von großer Bedeutung. Mit einem Schlage, durch ein einzelnes und einziges Allheilmittel ist der Landwirth- schaft nicht zu helfen, denn Allheilmittel gibt es weder in der Arzneikunde noch auf irgend einem anderen Gebiete menschlicher Thätigkeit; und so wie die Noth- lage der Landwirthschast nicht blos eine, sondern mehrere Ursachen hat, so müssen auch die Mittel zur Hilfe verschieden und mannigfaltig fein. Unter diesen Mitteln nehmen aber die von dem preußischen Land- wirthschaftsminister verheißenen einen hohen Rang ein.
Was zunächst die geplanten Korn Häuser angeht, so läßt sich von ihnen in mehrfacher Beziehung ein großer Nutzen für die Landwirthe, aber auch für die Konsumenten erhoffen. Die Kornhäuser werden vor allem günstig auf den Absatz des Getreides einwirken. Während jetzt ost genug besonders der kleine und mittlere landwirthschaftliche Betrieb, zumal in Gegenden mit unzureichender Eisenbahn- und Kanalverbindung mit den größeren Marktplätzen, kaum noch, selbst unter den Selbstkosten nicht, sein Getreide ab- setzen kann und dies oft genug in den Scheunen verfaulen lassen oder an das Vieh verfüttern muß, würde die Möglichkeit, das Getreide bis zum Eintritt besserer Absatzbedingungen in amtlichen Kornhäusern aufbewahren zu können, wenigstens die Aussicht gewähren, bei günstigeren Verhältnissen die Frucht loszuschlagen. Ebenso könnte in Zeiten eines allzu niedrigen Preisstandes das Getreide bis zum Einttitt einer angemesseneren Preislage in den Kornhäusern lagern, was um so eher anginge, als ja in den Zeiten mit niedrigem Getreidepreis das Angebot an Korn ohnehin groß ist. Durch Verringerung des Angebots, d. h. also die Zurückziehung des überflüssigen Ge- tteides vom offenen Markte und Einbringung in die Kornhäuser, würde der Preis auch um so eher wieder einer normalen Höhe zugefühtt werden, und zwar um so mehr, als die Konkurrenzfähigkeit des inländischen Getreides gegen dasausländische ebenfalls wieder durch die Kornhäuser jedenfalls erhöht würde. Umgekehrt werden dann die großen Kornlager in Zeiten einer übermäßigen Preissteigerung preismildernd wirken. Bei zweckmäßiger Durchführung dieser Maßregel läßt sich also hoffen, daß dann der Getreidepreis sich viel besser, als dies jetzt der Fall ist, auf einer mittleren Höhe zu halten vermag und jedenfalls nicht so großen Schwankungen ausgesetzt ist, wie jetzt unter der Alleinherrschaft der Getreidebörsen. Schon dadurch würde
Die Whlmr de« WienMer«.
Roman von H. v. Remagen.
(61. Fortsetzung.)
Boto sprang zurück und war einen Augenblick wie versteinert, dann entfernte er sich schleunig, so daß es den Anschein hatte, als jage ihm der Todtengräber einen ganz besonderen Schrecken ein.
„Ew. Gnaden werden gütigst verzeihen, ich konnte nichts dafür, daß ich diefem Manne begegnete," Hub Peter an, als er feinen Herrn einholte; doch dieser gab aufgebracht zur Antwort:
„Schweig und kehre sofort nach Hause zurück."
„Aber ..."
„Gehe nach Hause ohne Widerrede."
„Und der Mantel?"
„Ich kann denselben entbehren. Kein Wort mehr also; morgen sprechen wir zusammen."
So sprechend drehte Boto dem Verblüfften den Rücken und schritt allein der Stadt zu. Nachdem er auf eine der belebtesten Straßen gekommen war, ließ er seine Schritte langsamer werden und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um zerstreuten Blickes die prächtigen, hell erleuchteten Schaufenster der großen Läden zu betrachten.
die Börfenfpekulation eine erhebliche Einschränkung erfahren, die natürlich noch viel bedeutender sein wird, wenn auch die Reform der Produktenbörse durchgeführt sein wird. Von der Einschränkung der Preisschwankungen würden nicht nur unsere Landwirthe, sondern auch die Konsumenten Vortheil haben.
Selbstverständlich müssen wir an den Ausdruck dieser Hoffnungen einige nothwendige Vorbehalte knüpfen: 1) wird es noch darauf ankommen, wie die angekündigten Kornhäuser beschaffen sein sollen, und welche einzelnen Aufgaben ihnen zugetheilt werden; 2) müffen, wenn die günstige Einwirkung der Kornhäuser auf den Absatz der Brotfrucht in vollem Maße eintreten soll, auch die Verkehrsverhältnisse, wo es nöthig ist, verbessert werden, sei es durch Bau von Neben- und Kleinbahnen oder durch Kanäle oder durch Verbilligung der Frachten; 3) dürfen nicht zu wenig Kornhäufer gebaut, überhaupt darf nicht zu viel centralisirt werden. Wenn auch naturgemäß an den Hauptgetreidemärkten auch die ersten und größten Kornhäuser gebaut werden müssen, so müssen doch auch die kleineren Marktplätze solche Lagerhäuser erhalten, und es wäre gut, wenn der Staat hier nicht allein, sondern in Verbindung mit den Provinzialverbänden vorginge. Außerdem darf die Gründung von landwirthschastlichen Genossenschaften, die auch der Landwirthschaftsminister dringend empfahl, nicht vernachlässigt werden. Es wäre da wohl ins Auge zu fassen, die Verwaltung der Kornhäuser einem entsprechenden Verbände dieser Genossenschaften, natürlich unter Oberaufsicht des Staates, anzuvertrauen. Die genossenschaftliche Organisation des landwirthschastlichen Berufsstandes würde dadurch ohne Staatszwang mächtig gefördert werden.
Was die zweite in Aussicht gestellte Maßregel, das Margarinegesetz angeht, so wäre dieser Gegenstand wohl einer besonderen Betrachtung Werth. Wir wollen heute nur kurz unsere Ansicht dahin formuliren, daß die Fabrikation von Margarine nicht einfach unterdrückt werden darf, da die ärmere Bevölkerung sie nicht entbehren kann, daß aber die Fälschung von Naturbutter mit den strengsten Strafen belegt und auch die Uebervortheilung des ärmeren, auf Margarine angewiesenen Publikums durch die jetzt so ausgebreitete Anschmierung mit minderwerthigen Gemischen aus allen möglichen Fettabfüllen und Deien möglichst verhindert werden muß. Ingenieur Holen weist in einer soeben erschienenen lehrreichen Schrift nach, daß bei dem Butter- und Margarineschwindel keineswegs reine, wirklich gute Margarine zur Verfälschung von Butter benutzt wird, weil gute Margarine den geringeren Buttersorten im Preise schon ziemlich nahekommt, sondern ein höchst unchipetitliches Gemisch unverdaulicher Stoffe, wie Stearin und Baumwollsamenöl, das im Einkauf schon sür 30 Pf. das Pfund zu haben ist, aber in Vermischung mit etwas Butter zu 1,20 Mk. das Pfund verkauft wird. Der Arbeiter, der dieses Zeug kauft, wird nicht nur um sein Geld, sondern auch um seine Gesundheit betrogen. Das jetzige
Mit einem Male schrak er zusammen und blieb entsetzt stehen. Aus den Fenstern eines weißen Hauses drang der Ton eines Pianosorte auf die Straße; die geübte Hand des Klavierspielers entlockte dem Jnstru- mente einen Walzer, munter und klagend zugleich, voll jener süßen Melancholie, an der die deutschen Melodien so reich sind.
Dieser Walzer klang schrecklich in Boto's Ohr; der elende Wittwer Sibillä's stand einen Augenblick wie betäubt da; dann aber begann er aus Leibeskräften zu laufen, als könnte er so den grausamen Gedanken entfliehen, die ihm zu seiner Qual einen Tanzsaal, eine Todte und zwei drohende Pupillen vor die Seele fühtten.
Vorwärts getrieben durch seine fieberhafte, nervöse Erregung, stürmte er dahin, ohne auf den Weg zu achten, bis seine Beine den Dienst versagten und die Kehle ihm brannte wie glühendes Feuer. Der Kopf schwindelte ihm und er mußte sich festhalten, um nicht zu fallen; als er ein wenig zu sich gekommen war, bemerkte er, daß er sich gerade vor dem Eingänge einer der besuchtesten Bierwirthschaften der Stadt befand.
Er zögerte keinen Augenblick, fondern, da er durchaus trinken und sich zerstreuen wollte, um die ihn bestürmenden schrecklichen Visionen zu verscheuchen, öffnete er die Glasthür, welche in einen schönen Saal im Erd
Margarinegesetz ist gegen diesen unlauteren Wettbewerb wirkungslos. Darum sollte es uns freuen, wenn dem Reichstage, wie es Herr v. Hammerstein in Aussicht stellt, noch in dieser Tagung ein kräftigeres Margarinegesetz zugehen sollte.
Leider ist fteilich kaum abzusehen, tote es möglich gemacht werden soll, das Gesetz noch in dieser Tagung zu verabschieden. Sollte es nicht gelingen, dann müßte das Margarinegesetz, ebenso wie die Börsenreform und der Gesetzentwurf gegen den unlauteren Wettbewerb, in der nächsten Tagung wenigstens allen anderen Vorlagen vorangehen. Hoffentlich wird die nächste Session nicht wieder von der Regierung mit gänzlich aussichtslosen, zeittaubenden Steuer- und Umsturzvorlagen belastet.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. April.
* Der Kaiser wird, schlesischen Blättern zufolge, am 5. Mai zum Besuch des Grafen Hochberg in Wirfchkowitz eintreffen. Der Aufenthalt ist auf zwei Tage berechnet.
* Aus Schlesien wird der ,Nat. Ztg.' berichtet, daß der Minister des Innern (der konservative Herr v. Köller!) sich in einem Rundschreiben an die Ober- und Regierungspräsidenten sehr nachdrücklich gegen jede weitere Theilnahme der Verwaltungsbeamten an der agrarischen Agitation ausgesprochen und über etwa noch vorkommende Fälle derselben Bericht verlangt habe. (Wir sind damit ganz einverstanden und möchten nur wünschen, Herr v. Köller möge sein Agitationsverbot für die Landräthe n. f. w. auf jede politische Agitation derselben, z. B., wenn wieder einmal wegen einer Militärvorlage Wahlen ausgeschrieben sind, ausdehnen. Waden Agrariern recht ist, das ist den Militärschwärmern billig. D. Red.)
* Das Komitee für die Ordnung der Festlichkeiten, welche aus Anlaß der Eröffnung des Nord- ostseekauals geplant sind, tritt am Dienstag Vormittag zu einer Sitzung im Reichsamt des Innern zusammen. Dem Komitee gehören auch die drei Reichstagspräsidenten an. Daraus erklärt sich wohl die irr- thümliche Meldung eines rheinischen Blattes, daß die offiziellen Einladungen zur Feier von dem Kaiser, dem Bundesrath und dem Reichstagspräsidium (im Namen des Reichstags) gemeinsam erlassen würden.
* Der ,Reichsanzeiger, meldet, daß dem Landes- direttor der Provinz Brandenburg, v. Levetzow, dem früheren Reichstagspräsidenten, der Kronenorden 1. Kl. verliehen worden ist. Auch gibt er bekannt, daß der Subregens Dr. August Bludau in Braunsberg zum außerordentlichen Professor an der theologischen Fakultät der Akademie Münster ernannt worden ist.
* Die ,Postt widerruft jetzt halb und halb ihre frühere Angabe, daß der Landtag sich demnächst auf etwa drei Wochen vertagen werde, indem sie ausfühtt, es sei wahrscheinlicher, daß nicht eine förmliche Ber- geschoß führte, und nachdem er den weiten, mit munter plaudernden Gästen besetzten, von vielen Gasflammen erhellten Raum durchschritten hatte, ließ er sich am äußersten Ende des Saales an einem Marmortischchen nieder.
„Der Herr wünscht Bier?" fragte em junger Kellner.
„Nein, spanischen oder italienischen Wein," entgegnete Boto und begann, weil er nichts Besseres zu tijun hatte, sich in dem Saale umzusehen.
Rechts von ihm, nicht weit von seinem Tischchen, plauderten zwei Studenten, seine ehemaligen Freunde, mit einander; 'er gab sich den Anschein, als sähe er sie nicht. Links von ihm saß Jakob von Hauser, in die Lektüre einer Zeitung vertieft; Boto drehte rasch den Kopf nach der andern Seite, um von dem ernften jungen Manne nicht bemerkt zu werden.
Unterdeffen brachte der Kellner den Wein; Boto schentte ein Glas voll und leerte es in einem Zuge.
„Siehe da, Senelk, wahrhaftig, er ist's!" flüsterte einer der Studenten.
„Du weißt nicht," versetzte der Andere, „daß er vor Kurzem seine Frau verloren hat?"
„Wirklich? Ich hörte von seiner Heirath."
Er hat einen Straußenmagen; er hatte das Herz,