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Dienstag, den 30. April 1895

22. Jahrgang

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FuldaerMZeitrnig

mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Klnmen".

Deutsches Reich.

Berlin, 27. April.

* Das Kaiserpaar beabsichtigt, wie aus Pasewalk gemeldet wird, am 4. Juni an der dort stattfindenden Gedenkfeier des Pommerschen Kürassier-Regiments, dessen Chef die Kaiserin ist, theilzunehmen. An diesem Tage sind 150 Jahre seit der Schlacht von Hohenfriedberg verflossen, an der das Regiment als Ansbach- Bayreuthisches Dragoner-Regiment ruhmreichen Antheil genommen hat. An demselben Tage wird im Beisein des Kaiserpaares das von der Stadt errichtete Kaiser Friedrich-Denkmal enthüllt werden.

* Die vereinigten Ausschüsse des Bundesraths für Zoll- und Steuerwesen und für Rechnungswesen, die vereinigten Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr, fowie die vereinigten Aus- schüfse für Zoll- und Steuerwesen, für Justizwesen und für Rechnungswesen hielten am Samstag Sitzungen ab.

* Zur Affaire v. Kotze will das ,Berl. Tagebl.' aus sicherer Quelle erfahren haben, daß weitere Duelle in sicherer Aussicht stehen. In diesen Fällen soll Herr v. Kotze der Geforderte sein. Die Schießerei kann also wieder losgehen, da Herr v. Kotze am Samstag als geheilt aus der kgl. Klinik entlassen worden ist.

* In unseren westafrikauischen Kolonien scheint die Ruhe noch immer nicht hergestellt zu sein. Nach dem vor einigen Tagen eingetroffenen Berichte eines deutschen Forschungsreisenden aus Kleinpopo vom 15. März soll zwei bis drei Tagesmärsche von dort ein Aufstand unter den Eingeborenen ausge­brochen sein. Ein Bote von der Station Misahöhe habe einen Ueberfall derselben gemeldet; die Schwarzen sollen wüst gehaust, auch den Vorsteher getödtet haben. Aus Kamerun sei telegraphisch ein Kriegsschiff requirirt worden.

* Die Aussichten der Umsturzvorlage bieten den politischen Zeichendeutern ein fruchtbares Feld, ihrer Phantasie die Zügel schießen zu lassen. Einem „parla­mentarischen Berichterstatter", der natürlich versicherte, „aus bester Quelle" zu schöpfen, hatte am Freitag die leichtgläubige nationalliberale,Börsenzeitung' Folgendes entnommen:

Der Reichskanzler hat gegenüber den vollzogenen Thal- fachen, vor welche ihn Minister v. Köller betreffs der Um­sturzvorlage gestellt hat, die Absicht des Rücktritts vom Amt allerdings zu erkennen gegeben. Minister v. Köller ist thatsächlich der Führer der Konservativen in dieser Angelegenheit gewesen, ist auch der Inspirator jener Vergleichsverhandlungen [?] zwischen Centrum und Konservativen, die neuestens in der ,Nordd. Avg. Ztg.' [?] reflektiren. Je mehr demnach Pfennigobjekte um den Werth von Doppelkronen eingetauscht werden sollen, desto ernster die Rücktrittsgedanken des Fürsten Hohenlohe, der nicht nur den ersten Schritt nicht mitmachen, d. h. den Kanzel­paragraphen nicht preisgeben will, sondern gerade hierin jede Nachgiebigkeit als schimpflich erachtet. Die unüberbrück­bare Kluft zwischen dem Fürsten Hohenlohe und Herrn v. Köller ist also vorhanden. Dementis werden es zu leugnen suchen, werden aber nur kurze Beine haben.

Die ,Börsenzeitung' fügte ihrerseits noch weise hinzu: „Unsere Leser erinnern sich, daß wir schon

Die Whimz des WimMers.

Roman von H. v. Remagen.

(60. Fortsetzung.)

20.

Die Nacht brach an, und die der Finsterniß voran­gehende trübe Dämmerstunde erfüllte Boto Senelks Gemüth mit heftiger Unruhe und geheimnißvoller Angst, indem sie ihm allerlei dunkle Phantasiegebilde vor die Seele führte.

Er verließ den Garten-Pavillon und schritt ge­dankenvoll dem Schlosse zu; sein Kopf war tief auf die Brust gesunken, wie wenn eine unerträgliche Last feinen Nacken niederbeugte.

In der Vorhalle angekommen, wandte er sich rechts und betrat das Zimmer im Erdgeschoß, welches er sich nothdürftig zu seiner Wohnung eingerichtet hatte nach dem Tode Sibillas; hier ließ er sich auf einen Stuhl fallen, schloß die Augen und blieb eine Zeit lang unbeweglich in dieser Stellung sitzen.

Allein diese Ruhe war nicht von langer Dauer; denn plötzlich sprang er auf, maß das Zimmer mit langen Schritten und sprach zu sich selbst: „Ich bin wahrhaft verrückt; ich weiß nicht, welcher Teufel sich meines Gehirns bemächtigt hat . . . Was geschehen ist, ist geschehen; ich kann und will nicht bereuen . . .

meldeten, Fürst Hohenlohe habe an höchster Stelle obgesiegt, und daß Minister von Köller mit der Umsturzvorlage steht und fällt. Die Schluß­folgerungen ergeben sich von selbst." Der ,Reichs- Anzeiger' vom Samstag Abend druckt die obige Mittheilung der,Börsenzeitung' nach und fügt folgendes energische Dementi hinzu:

Der ,Rheinische Kurier' bringt dieselbe Nachricht, und das .Berliner Tageblatt' druckt dieselbe der ,Börsen-Zeitnng' nach. Das ist wieder eine jener Meldungen, welche darauf berechnet sind, die Gemüther zu erregen, Neues, Sensationelles zu bringen und sich den Schein besonderer Wissenschaft beizulegen, welche aber — von Anfang bis zu Ende erfunden ist. Der Reichskanzler hat nicht die Absicht des Rücktritts vom Amt zu erkennen gegeben. Der Minister von Köller ist bei der Berathung der Umsturzvorlage weder Führer der Konservativen gewesen, noch hat er Vergleichsverhandlnngen zwischen Centrum und Konservativen inspirirt. Von einer unüberbrückbaren — Kluft zwischen dem Fürsten Hohenlohe und Herrn v. Köller ist absolut keine Rede. Die sämmtlichen Behauptungen jenes Artikels sind vollständig unwahr.

Das wird genügen, um dieser Ente das Lebens­licht auszublasen.- Andere liberale Blätter wußten dieser Tage zu melden, daß das Centrum beschlossen habe, gegen die Umsturzvorlage zu stimmen. Auch diese Meldung ist vollständig falsch. Es hat keine Fraktionssitzung in dieser Angelegenheit stattgefunden. — Der Seniorenkonvent des Reichstages berieth am Samstag über den Tag, an welchem die Umsturzvor­lage in zweiter Lesung im Reichstage zur Berathung kommen soll. Es wurde hierfür der 6. Mai festgesetzt.

* Eine Novelle zum Reichspensionsgesetz ist von der Regierung im Bundesrathe eingebracht worden im Anschluß an den bekannten Erlaß des Kaisers vom 22. März, dem Geburtstage Kaiser Wilhelm I. Es soll sich darin um zweierlei handeln: Einmal sollen die Kriegspensionen auch denjenigen gewährt werden, die nur in Folge einer im Kriege 1870/71 erlittenen Verwundung verhindert waren, sich auch ein zweites, bei der Pension zuzurechnendes Kriegsjahr zu gewinnen. Die Mittel hierzu sollen 100,000 Mark jährlich erfordern. Weiterhin sollen Unterstützungen von jährlich 120 M. zugesichert werden ehemaligen Unteroffizieren und Mannschaften, die an dem Feld­zuge 1870/71 oder an Feldzügen deutscher Staaten vor 1870 betheiligt waren und sich wegen dauernder Erwerbsunfähigkeit in Nothlage befinden. Die Mittel hierfür, zunächst im Betrage von 1,800,000 M., sollen aus dem Reichsinvalidenfonds entnommen werden.

Ausland.

* Pest, 27. April. Das ungarische Abgeordneten­haus lehnte sämmtliche Vertagungs- und Abänderungs­anträge des Grafen Szapary mit großer Mehrheit ab und beschloß, die Gesetzentwürfe über die Rezeption der Juden und die freie Religionsausübung, d. h. das Recht der Christen jüdisch zu werden, dem Oberhaus zurückzusenden; dagegen stimmten nur Szapary, Apponyi und ein kleiner Anhang.

* Rotterdam, 27. April. Bei den Schieß-Uebungen

Und doch, diese Augen! Warum muß ich sie immer wieder vor mir sehen? ... In der That, ich bin ein lächerlicher Träumer, die Sache ist alt, es sind seitdem schon zehn Tage verflossen, und es wird bald Zeit, gewisse lästige, eines vernünftigen Menschen un­würdige Grillen zu verscheuchen. Ich bin reich, das Glück lächelt mir, und ich will mich amüsiren, ich will mich des Lebens freuen: Freude, du herrliches Wort! Wer sich zu freuen weiß, hat den Stein der Weisen gefunden . . . Doch, man freut sich, und dann kommt der Tod und zwingt uns die Erde zu düngen . . . Richtig, da bin ich schon wieder! . . . Eines gibt es, das sich nicht leugnen läßt, eine furchtbare Gewißheit, die jedem zuwider ist, die keinem gefällt, der Alle in bitterer Nothwendigkeit unterworfen sind . . . Immer diese Gedanken! Ich fühle mich todtmüde, ich will schlafen."

Wirklich müde legte er sich zu Bett; allein fo groß auch vorhin seine Schlafsucht gewesen, jetzt war der Schlaf wie durch Zauber von seinen Augenlidern verscheucht, so daß er sich vergebens von einer Seite auf die andere wälzte, jede Minute feine Lage änderte und ungeduldig seufzend das Bettzeug hin und her zerrte.

„Mein Schlaf ist verschwunden," sprach er zu sich selbst, das Bett verlassend, „und ich kann wieder mit

der Küsteubatterieen von Helder durchbohrte ein Granat­schuß ein vorbeisegelndes holländisches Fischerboot. Dasselbe sank. Das Schicksal der Bemannung ist unbekannt.

* Peking, 27. April. Der Friedensvertrag liegt nunmehr dem Kaiser und den Ministern vor. Der Tsung-Li-Damen hat am Donnerstag mit den auswärtigen Gesandtschaften berathen. Viele Sensoren haben Denkschriften gegen den Friedensvertrag einge­reicht. Der Censor An-Wei-Tschuen fordert geradezu die Hinrichtung des Vizekönigs. Inzwischen haben aber die meisten Minister sich für den Friedensschluß ausgesprochen, nur die Gebietsabtretung wird ihnen schwer. Schließlich wird dem Sohne des Himmels doch nichts übrig bleiben, als den großen Staatspinsel zu nehmen und die kaiserliche Unterschrift unter die Bedingungen Japans zu malen.

K. Aus dem Reichstage.

78. Sitzung vom 27. April 1895, l1/« Uhr.

Bei Eröffnung der Sitzung waren nur 18 Abgeordnete an­wesend.

Das Haus erledigt zunächst Rechnungssachen. Die all­gemeine Rechnung für das Etatsjahr 1891/92 wird der Rech­nungs-Kommission überwiesen, für die Rechnungen der Kasse der Ober-Rechnungskammer und des Rechnungshofes des Deutschen Reiches für die Etatsjahre 1891/92 und 1892/93 wird Entlastung ertheilt.

Weiter wird auf Antrag der Geschäftsordnungs-Kommission beschlossen, die Genehmigung zur strafrechtlichen Verfolgung des Abg. Dr. Sigl.zu München wegen der in der Klageschrift des Dr. Kleitner vom 6. September 1894 gerügten strafbaren Aeuße- rung nicht zu ertheilen.

Hierauf wird die erste Berathung der Branntweinsteuer- Novelle fortgesetzt.

Abg. Graf Udo Stolberg erklärte, die Konservativen seien mit der Tendenz der Vorlage im Ganzen einverstanden; die Ausfuhr-Prämie sei ein nothwendiges Uebel.

Abg. Richter (freis. Bolksp.) bekämpft die gestrigen Aus­führungen Posadowsky's. Kein Land habe einen so ausgedehnten Kartoffelbau wie Deutschland, und da soll nun der Kartoffelbau noch vermehrt werden! Schließlich würden die Agrarier einen Kartoffelzoll verlangen, dann müßten die Deutschen sich nur von den nationalen Kartoffeln ernähren. Durch die Vorlage würde der Export nicht gehoben. Die Freisinnigen wollten den kleinen Finger nicht reichen, damit man nicht die ganze Hand nehme und das Monopol einführe.

Abg. Paasche (nat.-lib.) führt aus: Die Nationalliberalen seien mit dem Grundgedanken des Entwurfes einverstanden und hofften, daß derselbe in der Kommission eine für die National­liberalen annehmbare Gestalt erhalte. Redner zweifelt, daß die Spiritus-Exportprämie exportfördernd wirke.

Abg. Pachnicke (frs. Volkp.) bekämpft die agrarische Ten­denz des Entwurfs, der die Gutsbesitzer, welche eine Brennerei besitzen, von der lästigen Konkurrenz befreien wolle.

Abg. Szmula (Centr.) hofft, daß die Vorlage in der Kom­mission eine zweckentsprechende Form erhalten werde.

Abg. Holz (Reichsp.) dankt dem Staatssekretär v. Posa- dowsky für die Erklärung, daß der Zweck des Gesetzes ein agrarifcher sei. Die Landwirthschaft verdiene um so mehr Unter­stützung, als sie die Hälfte aller Steuern zahle.

Staatssekretär v. Posadowsky führte aus, es sei ihm nie in den Sinn gekommen, die Konservativen zu erinnern, das Monopol zu fordern. Er bemerkte gegenüber dem Abg. Richter, er werde nie zu den rein finanziell rechnenden Ministern ge­hören ; er werde immer die gegebenen Verhältnisse berücksichtigen. Bezüglich der Freigabe des Verkaufs von denaturirtem Spiritus

Phantasiegebilden mich herumschlagen, während in der Stadt fo Viele sich amüsiren. Eine wohllüstige Lust durchweht zu dieser Stunde die lustigen Vergnügnngs- lokale; in Hellem Lichte strahlen die Theater, Cafös und Bierwirthschaften, und ich Narr, ich Erznarr sterbe vor Melancholie in diesem Hause und bin obendrein noch im Finstern zu Bett gegangen. Peter! Peter, ein Licht!"

Der Bediente eilte herbei und stellte ein Wachslicht auf den Tisch.

„Peter," herrschte Boto diesen an, „hilf mir, mich ankleiden, und datzn befiel dem Kutscher, den geschlossenen Wagen anzuspannen."

„Muß ich Ew. Gnaden Rückkehr abwarten?" fragte der Bediente.

„Nein, meine Abwesenheit wird länger als einen Tag dauern. Dieses Haus ist mir verhaßt geworden; hier erscheint mir alles düster und häßlich."

„Es war ein großes Unglück. Ew. Gnaden waren ein musterhafter Ehemann," erwiderte der Diener, auf Sibillas Tod anspielend.

Boto zog darauf die Augenbrauen zusammen und machte eine unwillige Bewegung; dann schickte er den Bedienten fort und wartete mit großer Ungeduld auf feinen Wagen.

Nachdem er eine Weile gewartet, rief er Peter