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* Fulda im Jahre 1848.
(Watf) einem Bortrage des Herrn Oberbürgermeisters Tr. Antoni, gehalten im „Museum" am 25. April 1895.)
Im Mai 1848 wird Fulda in einem Flugblatt wie folgt geschildert:
„Die Oertlichkeit Fulda hat seine Einwohner seit mehreren Jahrhunderten auf eine einfache Geschäftsführung hingewiesen und darnach hat sich auch ihr Charakter geregelt. Großartige Fabriken oder Handlungen, die dieselben mit ganz Europa in Verbindung gesetzt hätten, waren nicht da, die Hauptgeschäfte bestanden seither in Ackerbau, Viehzucht und Leinenfabrikation, und die meisten Geschäfte waren doch blos auf die Oertlichkeit angewiesen und verbanden so zu sagen die Bürger durch ihre Geschäftsinteressen. Unter diesen Umständen konnte ihr Charakter keine merkliche Veränderung erleiden, derselbe blieb einfach und bieder, so wie ihr Haus und Küche einfach und kräftig ist. Die Genußsucht der Fuldaer ist nicht groß, ein Spaziergang nach dem Sonntags - Nachmittagsgottesdienst befriedigt schon den größten Theil seiner Wünsche; sein Kleinod ist der Glaube seiner Väter."
Es bedarf wohl keiner besonderen Ausführung, daß unter solchen Verhältnissen demagogische Umtriebe gar nicht oder nur sehr schwer und ganz vorübergehend Boden in Fulda finden konnten. Wie wir sehen werden, fehlte es auch nicht an Hitzköpfen und solchen, die gern einen kleinen Skandal oder gar Aufruhr angezettelt hätten, um dabei im Trüben zu fischen oder ihre selbstsüchtigen Pläne durchzusetzen, allein der Kern der Einwohner, insbesondere die Bürgerschaft, ließ sich nicht hinreißen; klar und energisch brachte zwar auch sie ihre Wünsche und Anliegen vor den Thron ihres Herrschers, ohne jedoch hierbei in den drohenden Ton zu verfallen, der in anderen Städten, z. B. in Hanau, bei dieser Gelegenheit dem Fürsten gegenüber angeschlagen wurde.
Kurz vor Fastnacht 1848, etwa am 26. Februar kam die erste Kunde über die Pariser Fedruar-Revo- lutton, welche den Sturz des Königs Louis Philipp sowie die Errichtung der Republik in Frankreich im Gefolge hatte, durch auswärtige Zeitungen und Briefe hierher.
Eine eigenePresse hatte Fulda damals noch nicht und auch der im März 1848 von Seiten der Henkel- schen Buchhandlung und Uth'schen Buchdruckerei gemachte Versuch, eine „Fulda-Zeitung" zu gründen, um dadurch, wie es in der Einladung hieß, „ein Mittel zu schaffen zur Erweckung des politischen Sinnes und zur Heranbildung eines freien Volkslebens, sowie zur Besprechung lokaler Verhältnisse", scheiterte Mangels ausreichender Betheiligung.
Auch ein zweiter im August 1848 unternommener Versuch unter der Leitung des Gymnasialdirektors Dronke, eine eigene Zeitung in's Leben zu rufen, mißglückte.
Es scheint dies jedoch weniger an dem angeblich nicht politisch genug geschulten Sinne der guten Fuldaer als an ihrer von den Vätern überkommenen Sparsamkeit gelegen zu haben, denn ein anderes, durch den Buchhändler Euler in's Leben gerufene Unternehmen, nämlich die Errichtung eines Lesekabinets, in welchem Jedermann für nur 30 kr. monatlich 10, später sogar 13 politische auswärtige Zeitungen, darunter .Augsburger Allgemeine Zeitung', ,Weserzeitung', .Frankfurter Journal', .Frankfurter Oberpostamts-Zeitung', .Kasseler Allgemeine Zeitung'. .Hanauer Zeitung'. .Hessenbote', dazu noch 10 belletristische und 2 literarische Zeitschriften lesen konnte, fand allgemeinen Beifall und viel Zuspruch.
Die nächste Folge der Pariser Revolution und der damit auch in anderen Ländern in Verbindung stehenden Ereignisse war für Fulda der Abmarsch des einen hier liegenden Infanterie - Regiments (Nr. 2) nach Hanau zur Bewältigung des dort ausgebrochenen Aufruhrs.
In der Stadt selbst blieb es — abgesehen von höchst unbedeutenden und sonst wohl kaum beachteten Ruhestörungen durch unerwachsene junge Leute — durchaus ruhig.
Selbst die Einberufung einer Volksversammlung am 9. März 1848 durch einige Hanauer Bürger scheint besondere Erregung in der Bürgerschaft nicht zur Folge gehabt zu haben. Man beschloß in jener Versammlung, im materiellen Anschluß an eine Hanauer Petitton — in formaler Beziehung wich sie von derselben durch
Sonntag, den 28. April 1895.
22. Jahrgang
ihren ruhigen Ton wesentlich ab — eine Eingabe an den Kurfürsten durch eine Deputation von 8 Herren überbringen zu lassen, in welcher die in der Verfassung vom Jahre 1831 verheißenen, aber noch immer nicht erlassenen mehr freiheitlichen Gesetze und Einrichtungen gefordert wurden, namentlich Verwirklichung der versprochenen Preß-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit, der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Einrichtung vonGeschworenen-Gerichten mit öffentlichem und mündlichem Verfahren u. a. m. Es handelte sich also hauptsächlich um solche Wünsche, „welche sich sämmtlich an die tiefempfundenen, unbestreitbaren Gebrechen der Vergangenheit und an die wirklichen Bedürfniffe des Volkes eng anschloffen".
Ganz Hessen und auch Fulda rechnete deshalb bestimmt aus die Annahme dieser Forderungen. Der Kurfürst verhielt sich jedoch anfangs ablehnend und erregte hierdurch eine gewisie Beunruhigung der Ge- müther, die sich nun auch auf Fulda erstreckte.
Um so größer war dann wieder der Jubel, als am Abend des 11. März bekannt wurde, der Kurfürst habe nachgegeben und bewilligt: 1) daß die Ministerien künftig nur mit Männern, welche das Vertrauen des Volkes genößen, besetzt werden sollten; 2) daß die Presse vollständig frei sei; 3) daß eine umfassende Amnestie für politische Vergehen erlassen; 4) die Gewissens- und Religionsfreiheit gewährt werde und 5) alle das freie Petitions-, Versammlungs- und Vereinsrecht beschränkenden Verordnungen aufgehoben würden. Am Sonntag den 19. März wurde deshalb im Fuldaer Dome ein feierliches Hochamt gehalten und Abends die Stadt auf das festlichste illuminirt.
Von jetzt an ging es etwas lebhafter zu, man hatte einen Sieg errungen und hoffte nun noch größere Erfolge zu erzielen. Man fing an, sich für ein großes, einiges Deutschland, für die Wiedererrichtung des deutschen Reiches, für Volksrechte und Völkerfreiheit zu interessirell. Alt und Jung fchmückte sich mit den deutschen Farben: schwarz-roth-gold. Anfangs mußten dieselben aus Kassel und Hanau bezogen werden, allein schon am 28. März kündigte der Posamentier Wohl- gemuth in der Ohm an, daß auch bei ihm schwarz- roth-goldene Trikoloren für Herren und Damen, sowie dergleichen Kordeln und Kokarden zu haben seien. Den Vogel schoß aber die Firma Müller & Kircher ab, welche am 8. April Westenstoffe eigenen Fabrikates in schwarz-roth-gold und noch dazu in verschiedenen Mustern anzeigt.
Gar Mancher mag damals mit einer solchen Weste und dem erhebenden Bewußtsein, daß er damit auch etwas für's deutsche Vaterland gethan habe, in Fulda's Straßen umherstolzirt sein.
Jetzt folgten die Ereignisse etwas rascher aufeinander, man hörte von den Unruhen in Wien, von der Revolution und dem Straßenkampfe in Berlin, die Befürchtung wurde laut, daß auch in Fulda ähnliches geschehen könnte; die durch alles dieses hervorgerufene innere Bewegung und Erregung rang nach einem äußeren Ausdruck, und nun that man in Fulda das, was auch sonst der Deutsche gern thut, man gründete einen — nein gleich 3 Vereine, einen Schützenverein, eine Freischaar und einen Turnverein, und da man doch bei dem allgemeinen Lärm in Deutschland nicht still sein konnte, sondern auch ein Wort mitsprechen mußte, so konstituirte man auch alsbald noch einen Volksrath, mit der Bestimmung, wichtige allgemeine und lokalpolitische Gegenstände vorzuberathen und dann auf Grund bestimmter Anträge in einer Volksversammlung zur Besprechung zu bringen.
Der Turnverein trat zuerst aus den Plan. Am Sonntag den 2. April traten im Wahler'schen Saale 'jetzt Harmonie) eine Reihe von meist jüngeren Herren, darunter Dronke, Henkel, Lange (Restaurator der Michaelskirche), Maier, Markheim, Schwank, Gegen- :iaur, zur Gründung eines Turnvereins zusammen. Das provisorische Komitee erließ schon am 3. April eine „Aufforderung an die Männer Fuldas", in welcher es heißt:
„In allen Städten, wo bereits ein volksthümliches Leben ich geltend gemacht hatte, existiren schon seit langer Zett Turnvereine, und die segensreichen Wirkungen derselben, nicht nur in Bezug auf die Ausbildung des Mannes zur Wehrhaftigkeit, andern auch in Hinsicht auf Erzielung einer großen sittlichen Bildung und auf Begeisterung für's Wahre und Edle, traten bei der letzten Reformbewegung in das glänzendste Licht. Turnoder ähnliche Vereine waren es in den meisten Städten, welche in ihren Mitgliedern das Bewußtsein der Menschenwürde erzeugten und sie zur Aufopferung für ihre Ueberzeugung begeisterten: ihnen verdanken jene Städte den Sieg der guten Sache.
Bis jetzt — wir gestehen es offen, hat in unserer Stadt noch kein Volksleben existirt, freilich zumeist deshalb, weil das rühere Unterdrückungssystem volksthümliche Institute, als ein mächtiges Bolksbewußtsein erzeugend, nicht duldete. Jetzt aber, wo das Ehrgefühl uns antteibt, gegen die andern, selbst kleineren deutschen Städte nicht länger zurückzustehen, wo die ganze Be
wegung, welche Deutschland beseelt, uns auffordert, zur Gründung solcher Institute zu schreiten, wollen wir nicht zögern, Hand an's Werk zu legen und wollen nicht warten, bis wir etwa auch zu diesem Schritte von Außen her angeregt werden."
Der Aufruf hatte Erfolg; zahlreiche junge Leute traten dem Vereine bei, der sich dann bald am politischen Leben betheiligte und insbesondere auch auf seine Ausbildung für einen etwaigen Kampf gegen revolutionäre Elemente oder etwaige äußere Feinde bedacht war.
Zu diesem Zwecke hat sich jeder Turner mit einer Büchse, einem Hirschfänger oder einer Axt zu bewaffnen und außer den Turnstunden auch militärische Uebungen und Märsche mitzumachen, bei welchen ihnen die nachmals so verpönte schwarz-roth-goldene Fahne voranwehte.
Der Sammelplatz des Turnvereins war vor dem Gymnasium. Sein erster Sprecher war Schwank; Schriftführer Gegenbaur.
Bei den Staatsbehörden scheint der Turnverein etwas im Gerüche der Demokratie gestanden zu haben; schon im Jahre 1848 mußte er sich gegen die Beschuldigung wehren, er habe selbst einen Aufruhr anzuzetteln verflicht oder im Einvernehmen mit auswärtigen Aufrührern gestanden. Am 24. Mai 1848 erließ nämlich der Turnverein eine öffentliche Bekanntmachung, wonach weder der Vorstand noch die Turngemeinde selbst irgend eine Mitwissenschaft an einer den Turnern böswillig angedichteten Aufreizung der Reservisten des 2. Regiments habe, und unter dem 28. September 1848 wurde in einer weiteren Erklärung „das Gerücht, als ob der Turnverein vorher Kenntniß von den Frankfurter Ereignissen der letzten Tage (gemeint ist der Frankfurter Aufstand, bei welchem Fürst Lichnowsky und Auerswald ermordet wurden) gehabt oder als ob er gar eine Deputation dahin gesandt habe", für Verleumdung, da „der Turnverein als solcher mit den Bestrebungen politischer Parteien überhaupt nichts gemein habe, worüber seine Deputirten in Hanau bereits sich entschieden ausgesprochen hätten".
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* Der Reichskanzler hat den preußischen Ministerien folgende Mittheilung zugehen lassen: Bei der Ausführung des Gesetzes vom 10. Mai 1892 sind hinsichtlich der Bemessung der Familien- Unterstützungen der zu Friedensübungen einberufenen, aber als sogenannte Prozentleute nicht zur Einstellung gelangten Mann- schaften Zweifel darüber hervorgetreten, ob die Unterstützungen für einen Halbmonat oder nur für die Zeit der thatsächlichen Abwesenheit vom Wohnsitz zu gewähren sind. Nach Auffassung des Reichskanzlers und des Kriegsministers ist nun die Vorschrift im § 4 der Ausführungs-Bestimmungen vom 2. Juni 1892 dahin auszulegen, daß bei Nichteinstellung oder vorzeitiger Entlassung des Einberufenen der Unterstützungs-Anspruch sich nur auf diejenigen Tage — einschließlich der regelmäßigen Marschtage — erstreckt, in denen der Einberufene seiner bürgerlichen Beschäftigung thatsächlich entzogen ist. Die einzige Ausnahme von diesem Grundsätze bildet die ans Billigkeitsgründen getroffene Anordnung, daß vorausbezahlte Beträge nicht erstattet werden. Wie die sogen. Prozentleute sind auch diejenigen Mannschaften zu behandeln, die in Berücksichtigung einer Reklamation nicht zur Einstellung gelangt sind.
* Stuttgart, 25. April Vor dem hiesigen Schöffengerichte stand ein Lehrling, angeklagt, einem Kollegen zwei Zähne einge- schlagen zu haben. Der Vertheidiger, Rechtsanwalt C. Haußmann, machte geltend, daß der junge Mensch anscheinend nach dem Grundsätze gehandelt habe: „Wer auf Gott vertraut und feste um sich haut, hat nicht auf Sand gebaut." Das Gericht nahm denn auch „mildernde Umstände" an und strafte den Schlagfertigen nur um 5 Mark.
* Oldenburg, 26. April. Der Prozeß gegen den angeblichen protestantischen Pastor Partisch , der wegen Unterschlagung und Betrugs und unbefugter Führung des Doktortitels angeklagt ist, kam dieser Tage unter großem Andrang des Publikums vor der ersten Strafkammer des hiesigen Landgerichts zur Verhandlung. Der Angeklagte bestritt seine Schuld. Er wurde wegen Unterschlagung von 20,000 Mark freigesprochen, weil nicht feststeht, ob der Angeklagte sich bewußt gewesen, rechtswidrig gehandelt zu haben. Wegen der Unterschlagung von 2000 Mark wurde Partisch zu drei Jahren Gefängniß und wegen unbefugter Führung des Dokrortitels zu sechs Wochen Hast verurtheilt, die auf die Untersuchunghaft angerechnet werden. Der Staatsanwalt hatte in allen drei Fragen Schuldig und eine Gesammtstrafe von 7 Jahren 6 Monaten Gefängniß und sechs Wochen Hast Beantragt.
Literarisches.
* Hantelbüchlein von Prof. Dr. M. Kloß. 10. Auflage. Mit 26 Abbildungen. Verlag von I. I. Weber in Leipzig, Preis geb. 1 Mark.
Der beste Beweis für die praktische Brauchbarkeit dieses Büchleins liegt darin, daß es schon seine 10. Auflage erlebt hat. Die Hanteln find anerkanntermaßen ein sehr gutes, unter Umständen sogar das beste Hilfsmittel für den, der im Zimmer durch Turnen sich kräftigen und gesund machen will. Wer nicht mit Axt und Spaten zu hantiren hat, wem Zeit und Mittel fehlen zu reiten, zu rudern, zu jagen, der treibe den Spott des Zim- metturnens, denn der erhält ihn frisch, macht ihn rüstig und widerstandsfähig gegen Gebrechen. Mit den Hanteln kann aber Mißbrauch getrieben, d. h. sie können zu stark oder ungeschickt angewendet werden. Um dies zu verhüten, ist eine Anleitung erforderlich, und als solche können wir das Hantelbüchlein von Kloß aufs wärmste empfehlen.