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Sonntag, den 28. April 1895
22. Jahrganp
FiildaerMZeitiiiig
mit Unterhaltungs-Krilage „Sterne und Ktumru".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einsaitige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen bje Nxfitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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Hierzu eine Beilage^
Deutsches Reich.
Berlin, 26. April.
* Der Kaiser wird nach den neuesten Reisedispo- sttionen Samstag den 27. Nachmittags 6 Uhr in Darmstadt eintreffen und am Montag früh 7 Uhr von dort nach Schlitz Weiterreisen.
* Die ,Post' schreibt: „In der Regierung nicht fernstehenden Kreisen verlautet gerüchtweise, daß der Reichstag sich kurz vor Pfingsten vertagen wird, voraussichtlich ohne die Umsturzvorlage verabschiedet zu haben." Auch hier scheint der Wunsch der Mittelparteiler, einer Abstimmung über die Umsturzvorlage enthoben zu werden, der Vater des Gedankens zu sein. Wenn dasselbe Blatt weiter meldet, daß das Abgeordnetenhaus sich demnächst auf drei Wochen vertagen und dann etwa am 25. Juni wieder zusammentreten werde, um die Stempelsteuervorlage unddasneueVereinsgesetz durchzuberathen, also bis spät in den Juli hinein zu tagen, so hat das schon mehr Glaubwürdigkeit, bedarf aber erst der Bestätigung.
* Dem Abgeorduetenhanse ist der Entwurf eines Gesetzes betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln zu Verbesserungen der Wohnungsverhältnisse von Arbeitern, die in staatlichen Betrieben beschäftigt sind, und von gering besoldeten Staatsbeamten zugegangen. Danach soll durch Erbauung staatlicher Miethshäuser und durch Gewährung von Bauprämien und Darlehen den in Staatsbetrieben beschäftigten Arbeitern und gering besoldeten Beamten die Beschaffung geeigneter Wohnungen zu angemessenen Preisen an denjenigen Orten erleichtert werden, an denen die Bauthätigkeit das Wohnbedürfniß seither nicht beftiedigt. Eine Bevorzugung der Wohnungsinhaber auf Kosten der Allgemeinheit ist nicht in Aussicht genommen, da die Miethspreise so bemessen werden sollen, daß die dem Staate erwachsenden Selbstkosten entsprechende Deckung finden. Der Entwurf sieht zu dem genannten Zwecke zunächst einen Betrag von 5 Millionen Mark vor. — Ferner wird dem Abgeordnetenhause in den nächsten Tagen ein Gesetzentwurf betreffend die Verpflegungsstationen zugehen. Er beruht auf dem Grundsätze, daß die Kosten für die Stationen den Kreisen aufzuerlegen seien, aber so, daß die Provinzialverbände die Hälfte, und gegebenen Falles sogar noch mehr, den Kreisen zurückerstatten.
* Staatssekretär Dr. v. Stephan feiert heute (Freitag) zum 25. Male die Wiederkehr des Tages, an dem er an die Spitze unseres Verkehrswesens auf dem Gebiete der Post und Telegraphie getreten ist.
Sie krjählmg des WtmgMm.
Roman von H. v. Remagen.
(59. Fortsetzung.)
Der Walzer klang immer rascher und stürmischer; dann verstummte er . . .
„Sibilla, warum siehst Du mich so zornig an? Das beängstigende Herzklopfen hat ja aufgehört, Du hast jetzt weniger Schmerzen. Wohlan denn, faste Muth, Du wirst nicht sterben; überzeuge Dich, daß die Zeit zum Sterben noch nicht da ist."
Sibilla blieb stumm und rührte sich nicht.
„Du antwortest nicht, was ist Dir?" begann Boto wieder, und da seine Frau ihn fortwährend mit starrem, drohend auf ihn gerichteten Blicke ansah, ergriff er, sie zu besänftigen, ihre Hand: die Hand war eiskalt, es war die Hand einer Tobten!
Obgleich Boto die Katastrophe vorausgesehen, so packte es ihn doch jetzt mit enstetzlicher Gewalt; schaudernd wich er zurück bis in die Mitte des Gemaches. Sibilla's Augen verfolgten ihn, er sah sie starr auf sich gerichtet; er sah die Leiche mit dem Karmin auf den Wangen, mit den Edelsteinen im Haar, und ihm richteten sich die Haare zu Berge.
Sibilla sah ihn an, sah ihn unaufhörlich an mit
Am 26. April 1870 wurde Herr Stephan nämlich zum Generalpostdireftor des Norddeutschen Bundes ernannt. So bekannt wie sein Name sind auch seine Verdienste um die Förderung des deutschen Postwesens und um die Gründung des Weltpostvereins. Ob alle Einrichtungen, die als sein eigenes Werk gepriesen werden, seinen eigenen Ideen entsprungen sind, oder ob er auch theilweise gute Gedanken aus dem Kreise seiner Beamten zu verwerthen gewußt hat, mag hier unerörtert bleiben. Jedenfalls hat er sich in seiner fünfundzwanzigjährigen Thätigkeit als Chef der Post- und Telegraphenverwaltung nicht nur einen großen Namen, sondern auch große Verdienste erworben. Der Kaiser hat dem Jubilar in einem eigenen Handschreiben seine Glückwünsche zum heutigen Feste ausgesprochen. Möge es Herrn v. Stephan vergönnt sein, noch recht lange dem Vaterlande seine reichgesegnete Thätigkeit widmen zu können. (Herr Staatssekretär Dr. v. Stephan ist der Sohn eines pommerschen Schneidermeisters und Rathsherrn und wurde am 7. Januar 1831 zu Stolp in Pommern geboren, wo er । die lateinische Schule besuchte. Dort trat er auch nach feiner Abiturienten - Prüfung am 1. Oktober 1849 in das Postfach ein.)
* Die Centrumsfraktion des Reichstages hat einstimmig beschlossen, den für die Nordorstsee-Kanal- feier geforderten Kredit von 1,750,000 Mark zu bewilligen.
* In der Gemeindekommissiou des Abgeordnetenhauses kam heute (Freitag) die Petition betreffs Aufhebung des Privilegs der Staatsbeamten, nur die Hälfte der Kommunalsteuern zu zahlen, zur Sprache. Die Kommission vertrat im Allgemeinen die Ansicht, daß eine Aufhebung dieses Privilegs im Prinzip dringend geboten, unrer den gegenwärtigen Verhältnissen jedoch kaum ausführbar sei, bis nicht die Regierung die Gehälter, namentlich der kleineren Beamten, aufgebeffert habe. Die nächste Sitzung dieser Kommissiou wird am Dienstag der kommenden Woche stattfinden. Es stehen dazu auf der Tagesordnung die Baupolizeiordnuug der Vororte und die Petition der Gemeinde Rixdorf betreffs Verleihung der Rechte als Stadt.
* Zum neuen Gerichtskosteugesetze, welches das preußische Abgeordnetenhaus in diesen Tagen beschäftigt, führt die »Köln. Vztg.' aus, der Finanzminister bezeichne auch dieses Gesetz wie alle seine Vorlagen als „Reformgesetz". Viel Aufhebens wird denn von der Ermäßigung der Gebühren für die geringern Objette gemacht; das Ganze aber läuft zweifellos auf eine starke Vermehrung der Staats-Einnahmen hinaus. Das haben der Fmanzminister und seine Kommissarien auch indirekt zugegeben, indem sie immer wieder ausführten, daß die Rechtspflege in Preußen so hohe Zuschüsse aus der Staatskasse erfordere. Wie viel Mehr-Einnahmen aber aus dem neuen Gerichtskostengesetz zu erwarten sind, darüber mangelt es an jeder bestimmten Auskunft. In der Regierungsvorlage wie im Kommissions-Berichte fehlt es zwar nicht an Zahlen einem Blicke, lebend und todt zu gleicher Zeit; ach, ein Blick! unerhört, unerbittlich, grauenhaft!
„Man schließe ihr die Augen!" schrie Boto und stürzte außer sich vor Entsetzen in den Ballsaal.
Im Nu wußten die Gäste das Unglück; der Tanz hörte auf; die Damen umringten den Wittwer, um die Wette sich bemühend, mit süßen Worten ihn zu trösten, während die Herren voll Bestürzung in das Kabinet eilten, wo die Verstorbene lag.
Durch das unheilvolle Ereigniß erschreckt und verwirrt, waren in kürzester Frist Alle schleunigst davongeeilt und Boto selbst von seinen intimsten Freunden verlassen. Er hatte sich in den abgelegensten Theil seiner Wohnung eingeschlossen, als ihm plötzlich ein Gedanke in den Sinn kam, der ihn bewog, Licht zu nehmen und sich nach dem Ballsaal zu schleichen.
Die Bedienten waren befchästigt, die Ueberbleibsel der Tafel zu verzehren, die Gläser zu leeren und die weinenden Kammerjungfern zu trösten; Niemand wachte bei der Todten; kein Lichtschein brannte bei der Leiche der armen Sibilla.
Zitternd und verlegen wie Jemand, der auf schlimmen Wegen geht, schlich Boto sich auf den Fußspitzen durch den Saal; ungesehen gelangte er zu der Thür, öffnete ganz leise, stellte das Licht hin und blieb stehen.
und Tabellen, aber was man gern wissen möchte, erfährt man nicht. Die Erhebungen, welche die Regierung angestellt hat, sind nur von geringem Umfang gewesen; vielleicht wollte man absichtlich kein klares Bild über die finanzielle Tragweite der Neuerung gewinnen. Wir erfahren also nur, welchen Ertrag durchschnittlich 100 Gebührensätze nach den Prozentzahlen der Geschäfte der Notare an den Orten der vierten und fünften Servisklasse ergeben, und da stellt sich ein Mehr heraus, nämlich 682 M. statt der bisherigen 598 M. Dieser kleine Wink ist mehr werth als die vielen Tabellen, die uns die Kosten-Ermäßigung für die kleinern Objekte veranschaulichen sollen.
Ausland.
* Rom, 25. April. Crispi hat verschiedenen hervorragenden Katholiken Kandidaturen angeboten, um das Veto des Papstes betreffend die Wahlen zu umgehen und die Katholiken zu bestimmen, sich an den Wahlen zu betheiligen. Keiner derselben hat jedoch eine Kandidatur angenommen.
* Madrid, 25. April. Ein hoher Beamter des Finanzministeriums hat sich einmal die Mühe gemacht, die amtliche Einfuhrstatistik Spaniens mit den amtlichen Berichten anderer Länder zu vergleichen, und da hat sich denn ganz Erbauliches gezeigt. So z. B. führte dem französischen Berichte zufolge Algier 1893 nach Spanien aus über 300,000 Kilo Zucker, 30,000 Kilo Tabak und 3 Millionen Kilo Getreide. Von Zucker und Tabak aber hat der spanische Bericht keine Zeile und die drei Millionen Kilo Getteide sind zusammengeschmolzen auf 95,000 Kilo und so gehts fort. Bei nur sechs Posten fand der Beamte einen Ausfall an Zöllen, die dem Staate entweder durch Schmuggel oder durch offenen Betrug entgehen, von über 36 Millionen! Er behauptet nun, indem er weitere Thatsachen anführt, daß der Staat jährlich um über 100 Millionen Pesetas an Zöllen bestohlen wird.
* Kopenhagen, 26. April. Aus bester Quelle will der hiesige Korrespondent der ,Franks. Ztg.' erfahren haben, daß Prinz Karl, der zweite Sohn des dänischen Kronprinzen, sich mit der Königin Wilhelmine von Holland verloben werde. (Prinz Karl ist am 3. August 1872 geboren und die Königin Wilhelmine am 31. August 1880.)
* Belgrad, 26. April. Fürst Ferdinand von Bulgarien hat in einer Ansprache an eine aus Mace- donien kommende Bulgaren-Abordnung die Wühlerei streng verurtheilt, welche dort mit allen Mitteln betrieben wird. Der Fürst sagte, er selbst und seine Regierung seien stets bemüht gewesen, zwischen der Pforte und Bulgarien gute Beziehungen zu unterhalten. Das Ergebniß dieser Bemühungen seien das Vertrauen des Sultans und Wohlthaten gewesen, welche der Sultan den bulgarischen Unterthanen erwiesen habe. Der Fürst tadelte auf das Strengste die makedonische Agitation, deren Folgen eine Erkaltung zwischen beiden Staaten, Mißtrauen der Pforte gegen Bulgarien und
Fieberschauer durchrieselten ihn; da stand er vor der kalten Hülle seines Opfers, vor seinen Augen hatte er ihr weißes Kleid, in ihren Haaren sah er die blitzenden Diamanten. Ja, diese Edelsteine hätten in räuberische Hände fallen können: d a s war die Befürchtung, die den Ruchlosen in das Sterbezimmer zurückgeführt hatte! Und nun stand er still und zitterte vor der schrecklichen, unnahbaren Majestät des Todes.
Doch seine Regungslosigkeit dauerte nicht lange; er war Erbe dieser Edelsteine und wollte sie mit- nehmen; zu hem Ende trat er näher und — blieb wieder stehen.
In dem Halbdunkel schien es, als ob die Stirn der Todten sich von Zeit zu Zeit in Falten ziehe, wie um ihren lebhaften Unwillen kundzugeben. Boto's Herz hämmerte stürmisch und seine Züge veränderten sich dermaßen, daß es schwer gewesen wäre, in ihnen Boto von früher wiederzuerkennen: er fürchtete sich!
Indessen lagen ihm die Juwelen so sehr am Herzm, daß er sich mit aller Gewalt zusammenraffte und die Hand ausstreckte, um sich des kostbaren Diadems zu bemächtigen. Allein in demselben Momente, wo seine Hand nach dem Schmucke griff, fiel sein Blick auf das Gesicht der Todten: Sibilla's Augen standen weit offen, zwei finstere, drohende Pupillen starrten ihn an,