M 96 Samstag, den 27. April 1895 22. Jahraana
FiildaerMZeitiiiig
mit Unterhaltrmss-Krilage „Sterne und Klnmen".
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* Die Steigerung des Petroleum- Preises
scheint nach Allem, was man vernimmt, noch nicht auf die ganze Höhe gekommen zu sein: Berliner Verkäufer stellen sogar schon eine Erhöhung desselben auf 50 bis 60 Pfg. für das Liter in Aussicht. Wir haben schon im vorigen Jahre unsere Leser auf die Mache der amerikanischen Millionäre Rockefeller und Genossen aufmerksam gemacht, so daß ihnen die Entwickelung des „Ringes" nicht unbekannt sein dürfte. Deshalb sei nur kurz die Geschichte der mit dem Namen Rockefeller auf das engste verknüpften „Standard-Oil-Company" wiederholt:
In den Bereinigten Staaten von Nordamerika ist der ge- sanimte Petroleumhandel monopolisirt, und zwar in den Händen der Standard-Oil-Company, einer Gesellschaft von einigen unermeßlich reichen Leuten, an deren Spitze Rockefeller steht. Seit 1886 hat die Gesellschaft ihre Thätigkeit auch aus Europa ausgedehnt. Auf jede mögliche Weise wurde der Kampf gegen die Konkurrenz geführt. Man baute Bassindampfer, die unverpacktes Del an Bord nehmen konnten und am Bestimmungshafen einfach leer gepumpt wurden. Das verdrängte den Transport in Fässern und gab den Inhabern von Pumpstationen und Tanks ein Uebergewicht über ihre Konkurrenten. Seit dem Jahre 1890 begann die Gesellschaft, die hauptsächlichsten Ein- fuhrgeschäste in Hamburg, Bremen, Stettin, Rotterdam, Antwerpen und London in Filialen zu verwandeln, sodaß der freie Einfuhrhandel sammt der Schifffahrt für Fässerpetroleum fast ganz aufgehoben wurde. Dann kam auch das Versandtgeschäft nach dem Binnenlande an die Reihe. Man schloß mit den größer» Händlern Kontrakte ab, wonach das Geschäft unter der Aufsicht und Leitung der Monopol-Gesellschaft geführt wurde und das Petroleum nur von dieser bezogen werden durste. Die Gesellschaft garantirte dafür dem Händler seinen bisherigen- Absatz und verpflichtete sich, ihn für einen etwaigen Ausfall baar zu entschädigen. Endlich machte sich die Gesellschaft durch allerlei praktische Neuerungen auch die Kleinhändler unterthan. Diese erhielten Standgefäße, die bequem vom Tankwagen von der Straße aus gefüllt werden können, wogegen der Sandler garantiren mußte, kein anderes Petroleum als das der esellschaft zu kaufen. Auf diese Weise gelang es der Gesellschaft, fast den gesammten Petroleumhandel in ihre Hände zu bekommen. In Deutschland sind es nur noch eine Bremer und eine Mannheimer Firma, die sich in dem verzweifelten Kampfe bisher behaupten konnten. Einen mächtigen Konkurrenten aber hatte die Dil-Companie: die russische Petroleum- Produktion. Wiederholt wurden Versuche gemacht, eine Einigung und ein Zusammengehen der beiden Gegner herbeizuführen. Aber alle Verhandlungen waren bisher daran gescheitert, daß die Russen erst die Vernichtung der beiden deutschen Konkurrenten verlangten. Die Amerikaner versuchten jetzt, die Russen und die übrigen Konkurrenten durch Drücken der Preise tobt oder doch unschädlich zu machen.
Es kann nun kaum mehr einem Zweifel unterliegen, daß es dem amerikanischen „Ring" gelungen ist, mit dem russischen Produzenten zu einem Einverständnisse zu gelangen. Zwar wird uns berichtet, ein eigentlicher Vertrag bestehe noch nicht, wohl aberliege j ein solcher dem russischen Finanzminister Witte vor, > dessen Genehmigung notwendig ist. Was der Minister - thun wird, ist mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen: er wird den Rebbach einheimsen, da der russische Staat ein Hauptinteressirter bei dem Geschäfte ist.
die SrMlmg des WtmMns.
Roman von H. v. Remagen.
(58. Fortsetzung.)
„Wie reizend ist unsere Gebieterin!" rief eine der Kammerfrauen und trippelte hierhin und dorthin durch's Zimmer, um Sibilla von allen Seiten zu bewundern.
„Und sie würde noch reizender sein, wenn sie den Wangen noch etwas Karmin zusetzen wollte," fügte die andere hinzu.
„Es ist wahr, ich bin blaß. Gib mir das Gefäß", antwortete Sibilla und bemalte mit kundiger Hand ihr Gesicht.
„Sachte, sachte", bemerkte Boto, der in diesem Augenblick in’S Zimmer trat, „sachte, mein Herz, bemale Dich nicht zu sehr; Du weißt ja, daß die Schminke schön macht am Abend und häßlich am Morgen."
„Es ist für Dich, Boto ... Du willst, ich soll schön sein", stammelte Sibilla verwirrt.
„Und Du bist es", erwiderte er, gleichgiltig seine Frau betrachtend.
„Glaubst Du es wirklich?"
„Ich sehe es, Du siehst gar nicht mehr krank aus. Dein Gesicht ist blühend, Deine Augen sind zwei Sterne, und rosig Deine Lippen."
Was dann? Wir stehen einem „Trust", einer Preistreiber- und Ausbeuter-Bande von mehrfachen Sou- vereigns-Millionären, einer Geldmacht allerersten Ranges gegenüber, welche die starke Hand des russischen Staates für sich hat, und so lange das andauert, ist für das Publikum eine Selbsthilfe undenkbar. Amerika und Rußland geben für Petroleum auf dem Weltmärkte den Ausschlag; wenn auch die kleinen Petroleum-Distrikte, z. B. die galizischen, in Folge der Preissteigerung wieder konkurrenzfähig werden, können sie doch auf dem Weltmarkt es zu maßgebendem Einflüsse auch bei stärkster Ausbeutung nicht bringen, vielmehr liegt dann die Gefahr vor, daß auch sie von den Polypenarmen des „Trust" umklammert werden. — Geld regiert heutzutage die Welt.
Gutmüthige und naive Seelen haben an das Petroleum-Monopol für Deutschland appellirt. Ja, wenn wir die amerikanischen oder russischen Quellen nach Oelheim leiten könnten! Wie die Dinge liegen, ist es klar, daß der „Trust" keinen Anlaß hat, sich von einem noch so mächtigen Reiche den Preis vorschreiben zu lassen, eher könnte es diesem großen Einzelläufer, der kaufen muß, den Preis noch mit Bequemlichkeit höher diktiren. Alle Erfahrung zeigt, daß der Staat theuer kauft, wenn er das Monopol hat, deshalb kann er auch nicht billig verkaufen, oder er müßte es mit Schaden thun, wozu er sicher nicht geneigt und auch nicht berechtigt ist.
Andere empfehlen die weitere Ausnutzung des Leuchtgases. Mancher besser Situirte in den Städten mit Gasanstalt, und zwar derjenige, welcher über ein eigenes Haus verfügt, kann diesem Rathe folgen und wird ihm auch folgen, wenn der Ausbeuter-Ring Bestand hat, aber für die meisten Miether in den Städten und für das flache Land fast ausnahmslos ist mit diesem Rathe nichts anzufangen.
Es bleibt nur ein Mittel übrig: die diplomatische Aktion. Mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist bekanntlich nicht viel zu beginnen; die Art und Weise, wie die Regierung dort dem Riesenkapital gegenübersteht, läßt jener zu wenig Einfluß, auch wenn sie den guten Willen hat, ihn anzuwenden. Anders ist es mit Rußland. Dort ist die Regierung allmächtig — ein einziger energischer Ministerial-Erlaß, und die unnatürliche Preistreiberei wird unmöglich gemacht. Auf Rußland also muß unsere Diplomatie ihr Augenmerk richten. Der Zeitpunkt dazu ist so günstig, wie nur möglich: der Friede von Shimonoseki setzt die Diplomaten in Bewegung und um den Preis der Sprengung oder Hintanhaltung des Ausbeuter-Trusts kann Deutschland und Oesterreich ohne Bedenken hinten in Asien ein Zuge- ständniß machen, wo es unter anderen Verhältnissen mit ruhiger Zurückhaltung schließlich England einen Dienst erwiese.
So sprechend sah Boto seine schöne Gemahlin an, und unwillkürlich zogen seine Augenbrauen sich zusammen.
„In der That", versetzte Sibilla, „ich fühle mich ganz wohl." *
„Um so besser wirst Du Dich amüsiren. Inzwischen ist es Zeit, daß wir gehen; das Orchester ist bereit, die ©incjetabenen werden gleich erscheinen, und Dein Baron wird nicht dabei sein, um uns zu warnen, daß alles vergeht hienieden und daß die Freude rasch verfliegt."
„Alles vergeht hienieden", wiederholte Sibilla und zitternd fügte sie hinzu: „Horch, Boto, horch! das Käuzchen schreit im Garten. Ach! welch schreckliches Vorzeichen!"
„Thörichte Befürchtungen, würdig eines Herrn von Hauser!" erwiderte Boto lachend, zog Sibilla an seine Brust und führte sie hinweg.
Die Säle waren taghell erleuchtet; ein Theil der Gäste bildete einen Kreis um die Herrin des Hauses, ein Theil spazierte umher und bewunderte die reichen Toiletten, wieder andere unterhielten sich heiter plaudernd, während das Orchester lustige Weisen aufspielte.
Boto durchlief dm Saal, um Alle zu begrüßen, allen zuzulächeln und seiner Frau im Vorbeigehen einen verstohlenen, beobachtenden Blick zuzuwerfen.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. April.
* Der Bundesrath beschäftigte sich am Donnertag mit dem Gesetzentwurf, der die Ansprüche an den Jnvalidenfonds auf Grund des kaiserlichen Erlasses vom 22. März regelt, und verwies ihn an einen Ausschuß.
* Der Reichstag ist in seiner Gesammtheit, also ohne Unterschied der Parteien, zur Theilnahme an den Eröffnungsfeierlichkeiten des Nordostseekanals eingeladen worden.
* Die ,Nordd. Allg. Ztg.’ bringt wiederum einen längeren Arttkel gegen die Kommissionsbeschlüsse zur Umsturzvorlage. In diesem Arttkel, der den Anfang einer Artikäserie bildet, heißt es: Der lebhafte Widerspruch, auf den die Streichung des Kanzel Paragraphen in bestimmten Kreisen der Bevölkerung stoße, sei begreiflich wegen des Zusammenhanges, in dem dieser Beschluß gefaßt worden ist. Das Centrum erkläre, umstürzlerisches Treiben jeder Art durch das Gesetz sttafen zu wollen und beseitige doch durch Streichung des Kanzelparagraphen Strafbestimmungen derselben Art, weil sie sich gegen Geistliche wenden. Es begründet dieses Mißtrauen mit der Befürchtung, daß sich die Kulturkampfzeiten wiederholen könnten. Gleichzeitig aber wolle es die Partei dem Staate verargen, wenn er seinerseits die Richtung weiter behalte. Das seien- peinliche Widersprüche, weil sie den Eindruck machten, daß das Centrum trotz seiner Mißbilligung der Ausnahmegesetze gegen Ausnahmen und Ungleichheiten zu seinen eigenen Gunsten nichts einzuwenden hätte, ja diese sogar beanspruchte. Die sachlichen Gründe für die Beibehaltung des Kanzelparagrapheu seien minder schwerwiegend. Er sei 1875 nur mit knapper Mehrheit angenommen worden. Biele Liberale waren dagegen. Es war eine aufgeregte Zeit. Der Paragraph fei thatsächlich sehr wenig angewendet worden. Seine Beseitigung würde auch nicht einseiüg die katholische Kirche begünstigen; denn er treffe alle Geistlichen ohne Unterschied des Bekenntnisses. Einen entscheidenden Punkt für die Beurtheilung werde da immer die Frage bilden: wie sich das Centrum zur Verhandlung der Vergehen gegen die öffentliche Ordnung stelle. Will es den Widerstand gegen die Staatsgewalt nicht in den § lila aufnehmen, so werde die Aufhebung des Kanzelparagraphen als eine Ungleichheit und ungerechte Nachgiebigkeit des Staates erscheinen. Mit dem Bedürfniß des Schutzes der Religion seien fast alle Parteien einverstanden. Eine ’ Trübung dieser Auffassung trat erst ein, als § 166 in die Materie hineingezogen wurde und namentlich das Centrum auch für die Lehre der Religionsgesellschaften besonderen Schutz verlangte. Für die katholische Kirche liegt die Frage sehr einfach. Bei den andern Konfessionen würde aber der Strafrichter unlösbaren Aufgaben gegenüberstehen, da die Lehren
Nach einer kleinen Pause stimmte das Orchester einen Strauß'schen Walzer an. Die Paare drehten sich im Kreise. Alle tanzten außer Boto, Sibilla und dem einen oder anderen Bachusdiener.
„Wie reizend ist dieser Walzer! er klingt melancholisch und lustig zugleich", sagte Sibilla, mit dem Fuße den Takt tretend.
„Er ist wirklich verführerisch", fügte ein alter Stutzer hinzu.
„Ach, könnte ich tanzen, wie ich in ftüheren Jahren tanzte!" rief die Tänzerin, und ihre Augen funkelten, während das ganze Gesicht unter der Schminke erglühte. *
„Wovon sprichst Du, Sibilla?"- fragte Boto, zärtlich seiner Gemahlin sich nähernd.
„Ihre Frau Gemahlin beneidet die Tanzenden", erwiderte der Stutzer.
„Wirklich, Sibilla? ... Ich habe den Ball mit der elegantesten Dame der Soiree eröffnet; jetzt ruhe ich und überlasfe anderen das Feld; allein wenn Du zu tanzen wünschest, will ich Dein Kavalier sein."
„Dieser Walzer geht mir in's Blut; schau meine Füße, wie sie sich ganz von selbst bewegen."
„So tanze doch; ich bin bereit."
„Und mein Herzklopfen? . . . Nein, nein, ich würde sterben!"
„Man stirbt nicht an einer solchen Kleinigkei