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Freitag, den 26. April 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhattmigs-Krilagr „ginne und ginnten“
ersten Male in ihrem Leben, aufrichtig und gestehen Sie die Wahrheit. Dieser verstellte Zorn, sowie die Laune Sibilla's, die mich zuerst ruft und dann mich nicht sehen will, sind nur ganz artige Vorwände, erfunden zu dem Zwecke, um mich zu verhindern, Ihre Frau Gemahlin zu sehen."
„Und wenn es so wäre?" ries Boto jetzt wirklich erbittert.
„Nun, so machen Sie offen von Ihrem Rechte Gebrauch ; haben Sie den Muth Ihres eigenen Willens?"
„Ja, ich will keinen Fremden zwischen mir und meinem Weibe!"
„Nun, dann bleibt mir nichts übrig, alsJhnen zu sagen: Ich kam eingeladen hierher; es ist nicht meine Pflicht, mich in Sachen zu mischen, die mich gar nichts angehen; sodann beklage ich «sibilla und nicht im Geringsten durch Ihre Drohungen eingeschüchtert, grüße ich Sie mit geziemender Höflichkeit und kehre um."
Und seinem Worte die That folgen lassend, zog Jakob von Hauser den Hut, machte eine tiefe Verbeugung und wandte dem Studenten den Rücken. Mit dem Gefühl der Befriedigung, daß es ihm gelungen war, Sibilla vor dem Wiedersehen eines alten Freundes zu bewahren, kehrte Boto zum Schlosse zurück und traf im Garten seine Frau, welche ihm langsam entgegenkam.
„Der Baron kommt nicht," sagte Sibilla seufzend.
erläßt gegen die Enthüllungen des Dr. Gebet eine Erklärung, in der gesagt wird: Das, was Dr. Gebe! über die Beweggründe des engeren Vorstandes und seine Ansichten geschrieben habe, entspreche nicht der Wirklichkeit und könne ihr schon deshalb nicht entsprechen. weil der Vorstand keineswegs immer (!) Veranlassung genommen habe, Dr. Gebe! bei den ihm zur Ausführung übergebenen Arbeiten in seine intimeren Absichten einzuweihen. — Das klingt nicht sehr sicher. Jedenfalls wird man die Antwort des Herrn Dr. Gebe! abwarten müssen.
* Die Novelle zum Zuckersteuer-Gesetze dürfte der ,Nordd. Allgem. Ztg.' zufolge dem Reichstage demnächst zugehen; nach derfelben soll der auf Grund des geltenden'Gesetzes bevorstehenden weiteren Herabsetzung der Ausfuhr-Vergütung Einhalt gethan werden.
* Die Umsturzkommission begann heute (Mittwoch) unter Vorsitz Böttcher's die Feststellung des Berichts. Nationalliberale Abgeordnete waren nicht erschienen. Lenzmarin berichtete über die eingegangenen Petitionen. Die Kommission beschloß, das von der Regierung der Kommission unterbreitete Material in den Bericht einzufügen. Der Antrag Bebel, auch die von den Regierungsvertretern verlesenen Citate aus Zeitungen, Flugschriften re. einzufügen, wurde abgelehnt, nachdem der Regierungskommifsar Seckendorf sich dagegen ausgesprochen hatte. Die nächste Sitzung findet morgen
Spiel gesetzt — kein Wunder, daß die Annahme auftaucht, er habe einen leisen Wink erhalten, einmal nach außen hin seine Uebereinstimmung mit der Ge- sammtcegierung zu zeigen, oder er habe von selbst, ohne äußere Anregung, dieses Bedürfniß verspürt. Herr Miquel ist geschmeidig und weiß sich zu fügen, wenn es sein muß, aber er gibt darum seine eigentlichen Absichten nicht auf, er vertagt sie nur auf eine günstigere Gelegenheit. Und so darf man auch daraus rechnen, daß er versuchen wird, bei guter Gelegenheit den Kaiser gegen die „klerisirte Umsturzvorlage" einzunehmen, trotz seines gegenwärtigen nothgedrungenen Rückzuges.
Der Reichstag hat ja noch vierzehn Tage Zeit, bis er mit der zweiten Lesung beginnt, und diese selbst wird vermuthlich auch nicht in zwei, drei Tagen erledigt sein — Zeit genug für die Arbeit hinter den Kouliffen. Wünschen möchten wir allerdings, daß die Entscheidung möglichst bald fällt. Die Abstimmungen bei § 111 werden ja wohl schon zeigen, wie sich die Parteien gruppiren werden. Und dann könnte eventuell das Verfahren bei den folgenden Paragraphen etwas beschleunigt werden. Ob und welche Bestimmungen der Kommissionsfassung die Regierung wirklich für unannehmbar hält, ist noch nicht klar, und so läßt sich denn auch das Schicksal der Vorlage noch nicht klar' übersehen. Indessen kann man die Aussichten der Vorlage immer noch als ungünstig bezeichnen. Möchte die Entscheidung bald fallen, wenn es nur bei dem Entweder — Oder bleibt: Kom- missionsfafsung oder gar Nichts! Wir hoffen sogar das Letztere.
Deutsches Reich.
Berlin, 24 April.
Und wird nicht kommen, ich habe es Dir voraus- qesaqt," fügte Boto hinzu. „Und die Wahrheit zu gestehen, ich bin sehr sroh darüber. Der Tölpel hätte Dir düstere Gedanken eingeflößt und ich möchte Dich heiter und schön sehen diesen Abend."
Ach! Du liebst mich nicht, Boto!" rief Sibilla aus.
".Warum soll ich Dich nicht lieben, mein Schatz?" Sprach's und ohne eine Antwort abzuwarten, lief der gefühllose junge Mann dem Gärtner nach, welcher mit iwei großen Körben voll frischer Blumen vorüberging.
Sibilla war's, als hätte eine eiskalte Hand sie berührt; sie stieß einen tiefen Seufzer aus, und anf's bitterste verletzt durch die geringschätzige Eile ihres Gatten, durchschritt sie ein weiches Grasbeet, verbarg sich hinter einem Strauche und wandte, sich auf den Boden setzend, den Blick zum Himmel. Doch mit einem Male schwand Bitterkeit und Aerger aus ihrem Innern, um einem Gefühle gänzlicher physifcher und moralischer Ermattung Raum zu machen Sie sah die Blumen, allein, selbst ihre Lieblinge unter denselben hatten weder Farbe noch Duft für sie. Es war ihr, als sollte sie eine lange Reise antreten, und als habe alles, was sie in kurzem verlassen würde, nicht mehr den geringsten Reiz für sie. „Seltsame Laune des menschlichen Herzens," dachte sie bei sich und lernte das müde Haupt an einen Baumstamm: „der Mann, den
# Einen Vorschlag, der Landwirthschaft zu helfe», ; macht Professor Schmoller in einem Aufsatze, der ! demnächst in seinem „Jahrbuch für Gefetzgebung, Ver- ! waltung und Volkswirthschaft" erscheint, dessen Inhalt aber der,Hamb. Korr.' jetzt mittheilt. Danach soll der preußische Staat eine Anleihe von 100 Millionen aufnehmen und sie in folgender Weise verwenden: Die akute Zunahme der Roth soll durch Nothstands-Tar- lehen und außerordentliche Unterstützungen der wirklich | Nothleidenden bekämpft werden. Der Zinsfuß wäre! sehr mäßig, auf 2 oder 2lla pCt., anzusetzen. Von solchen Darlehen würden schlechte Wirthe, solche, die schon ganz überschuldet sind, denen nicht mehr zu helfen ist, auszuschließen sein. Hierzu, meint Schmoller, würden im nächsten Jahre 200 Millionen genügen, die weiteren 800 sollen zur staatlichen Erwerbung von Grundbesitz verwendet werden. Der Staat erwirbt den Grundbesitz, dessen Inhaber sich in gefährdeter Lage befindet, und besetzt ihn wieder mit einem Eigenthümer oder Pächter unter solchen rechtlichen Bedingungen, wie i es dem Gesammt-Jntereffe entspricht und so, daß der Betreffende wirthschaftlich gedeihen kann.
* Der Vorstand des „Bundes der Landwirthe"
statt.
* Die Eisenbahn - Einnahmen sind während des letzten Etats - Jahres gegen das Vorjahr um reichlich 9 Millionen gestiegen. Ein Grund mehr, um neue Steuern überflüssig zu machen.
* Für den Saatenstand in Deutschland Mitte April sind nach der Zusammenstellung des Kaiserlichen Statistischen Amt die Noten folgende: (Nr. 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering, 5 sehr gering.) Winter-Weizen ......2,5
„ -Speh.......2,5
„ -Roggen......3,4
Klee und Luzerne......2,2
Wiesen ..........2,6
* Halle, 23. April. Der Allgemeine deutsche Handwerkertag, welcher gestern hier zusammentrat, ist von ................. gegen 450 Delegirten besucht. Zum Vorsitzenden wurde Der Zinsfuß wäre ! Biehl-München gewählt. Zu dem ersten Punkt der Tagesordnung, betreffend Stellungnahme zu den Plänen der Regierung bezüglich der Organisation des Handwerks, wurde eine Resolution angenommen, daß die Beschlüsse der bisherigen Handwerkertage aufrecht erhalten werden müßten bezüglich der Forderung einer gründlichen Aenderung der Gewerbeordnung. Außer den bekannten Forderungen — wie obligatorische Innungen, Befähigungsnachweis, Handwerkerkammern — verlangt die Resolution weiter die gesetzliche Festlegung der Begriffe Handwerk und Fabrik, Beseitigung der Militärwerkstätten, Einschränkung dec Gefängnißarbeit, Verbot des Hausirens durch Ausländer, Beschränkung des Hausirens durch Isländer unter Prüfung der Be-
]-[ Die Umsturzvorlage
soll in etwa vierzehn Tagen zur zweiten Berathung im Plenum gelangen. Die verbündeten Regierungen — um wie es auch der,Reichsanzeiger' in seiner mitge- theilten Erklärung gegen die Miquel-Offiziösen mit besonderer Betonung gethan, bei dem verfassungsmäßig allein richtigen, wenn auch sprachlich unbequemen Ausdruck zu bleiben — denken nicht daran, den Entwurf zurück zu zieh en und so der Verlegenheit der Mittelparteiler ein Ende zu machen; der Reichstag muß also die sämmtlichen Paragraphen durchberathen und Farbe bekennen.
Eine bemerkenswerthe Wirkung hat die Erklärung des,Reichsanzeigers' bereits jetzt: Die Miquel-Offiziösen blasen zum Rückzug, sie wollen jetzt nicht einmal gesagt haben, die Vorlage solle zurückgezogen werden. Ausdrücklich haben sie das allerdings nicht gesagt, aber thatsächlich konnten ihre Auslassungen doch gar kernen anderen Sinn haben: oder was sollte die Umschmeiche- lung des Kaisers in den ,Berl. Pol. Nachr.' mit dem Hinweis auf dessen Verhalten bei der Schulvorlage 1892 anders bedeuten, als den Wunsch, es heute ebenso wie 1892 zu machen, d. h. wie damals das Schulgesetz, so jetzt das Umsturzgesetz zurückziehen zu lassen? Daß der Kaiser verfassungsmäßig hierzu nicht im Stande ist, ändert nichts an den Absichten der Mrquel- Osfiziösen, denn was liegt diesen an der Verfassung? Wenn jetzt, wie unartige Kinder, die bestraft werden, die ,Berl. Pol. Nachr.' „es nicht gewesen sein wollen", so beweist das nur, daß ihnen ihr allzu vorzeitiges Ausplaudern jetzt leid thut, nicht aber, daß sie von dem Verfasser der Auslassung des .Reichsanzeigers' mißverstanden worden sind. Thatsächlich sind sie überall so verstanden worden, als ob eine Zurückziehung der Umsturzvorlage in Frage stehe.
Herr Miquel hat jetzt wohl eingesehen, daß er etwas unvorsichtig gewesen ist und die Maske zu früh fallen gelassen hat. Darum sind jetzt seine Offiziösen wieder mit großem Eifer an der Arbeit, um zu versichern, daß „selbstverständlich" nicht davon die Rede sein könne, die Flinte vorzeitig ins Korn zu werfen, und daß also auf eine Entscheidung des Reichstags gedrungen werden müsse; nur müßten die bösen „klerikalen" Aenderungen der Vorlage entschieden bekämpft werden.
Herr Miquel scheint übrigens auch in anderer Beziehung für nöthig zu halten, sich als in vollster Uebereinstimmung mit seinen Kollegen befindlich nach außen hin aufzuspielen. Denn er trat am Dienstag, was vielfach.überraschte, obwohl für ihn kein besonderer Grund vorlag, in die Debatte einzugreifen, bei der Berathung im Abgeordnetenhaufe Schulter an Schulter mit dem Landwirthschaftsminister gegen seine Freunde von der Rechten auf, er, der sich sonst gern den „Liebling der Götter und Agrarier" nennen hörte! Für nichts und wider nichts hat Herr Miquel seine Freundschaft mit denen um Plötz gewiß nicht aufs
Vie Eqiihlmg des Mtengtüto.
Roman von H. v. Remagen.
(57. Fortsetzung.)
Hier bot sich eine günstige Gelegenheit; Boto ergriff sie sofort beim Schopfe und verfetzte in herausforderndem Tone: „Ihre Philippika ist ganz schön und lobenswerth, allein sie verletzte in ihrem Eingänge eine Dame, die ich achte; daher hören Sie auf und widerrufen Sie, wenn Sie nicht wollen, daß unsere Begegnung unangenehme Folgen habe."
„'Widerrusen?" sagte der Baron ohne alle Aufregung; „ich widerrufe niemals."
„So bleiben Sie also bei den schlimmen Anspielungen, welche eine Dame, die ich bewundere, verletzen?"
"„Ich bleibe dabei trotz der Bewunderung des Herrn Boto Senelk," gab von Hauser mit beneidenswerther Kaltblütigkeit zur Antwort.
Der Student knirschte vor Wuth und machte eine drohende Geberde.
„Ich will Ihnen sagen," fuhr Jakob von Hauser fort und sah mit seinen schönen, so edlen und ernsten, durchdringenden Augen Boto in's Gesicht, „ich will Ihnen sagen ohne alle Umschweife, daß Ihre trotzige Miene und drohenden Worte mir nicht die geringste Furcht einflößen. Seien Sie einmal, vielleicht zum