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Donnerstag, den 25. April 1895

22. Jahrgang

FiildlltrU'Zeitung

mit Urrterhaltrrngs-Keilage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen P/fjtzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

]-[ Der Reichstag

hat seine Sitzungen am gestrigen Tage wieder ausge­nommen. Wie lange wird die Session noch dauern? Gewisse Berliner Reporter, die während der Ferien Mangel an Beschäftigung hatten, haben bereits mehrfach versucht, diese Frage zu beantworten. Einer, der das Gras wachsen hört, läßt sogar „offizielle Kreise des Reichstags „sich mit dem Gedanken ver­traut" machen, daß, falls die sogenannte Umsturz­vorlage scheitern sollte, keine Neigung bestehen wird, die Tagung über das Pfingstfest hinaus auszudehnen. Das glauben wir dem Mann auf's Wort: „Neigung" wird allerdings nicht bestehen, über Pfingsten hinaus zu tagen. Aber dann müßten verschiedene Vorlagen, besonders die bis jetzt noch nicht eingebrachten, wie die Börsenreformvorlage und der Gesetzentwurf gegen den unlauteren Wettbewerb, unter den Tisch fallen. Auch damit läßt der Reporter die „offiziellen Kreise" sich vertraut machen. Wenn es wahr wäre, so müßten wir sagen: „Armer Reichstag! mit einem Um­sturzgesetze hast du dich plagen müssen, so lange und so schwer, und nun ist keine Zeit mehr, ein paar wirklich sozial nützliche Gesetze zu verabschieden!" Und die Regierung? Sie gab doch oft genug zu ver­stehen, daß ihr fehr viel an der baldigen Durchführung der Börsenreform liegt; das war brav, aber es ist nicht brav, daß sie die Vorlage immer noch nicht ein­gebracht hat und so vielleicht die ganze Geschichte „verbummelt."

Wie wäre es, wenn der Reichstag seine Geschäfts­ordnung — nötigenfalls mit Zustimmung der Regie­rung — dahin abänderte, daß er mit der Vorberathung wichtiger Vorlagen Kommifsionen betrauen kann, die auch nach Schluß einer Sesfion noch weiter­arbeiten könnten? Mit dem Arbeiterschutzgesetz ist es so gemacht worden; könnte man aus dieser Ausnahme nicht eine Regel machen? Nur müßte Vorsorge ge­troffen werden, daß nicht schließlich jede beliebige Kom­mission, die irgend eine Vorlage niederen Ranges zu bearbeiten ^hat, genöthigt würde, während der schönen Sommerszeit, wo die Herren Kollegen in der Heimath und in den Bädern sich erholen, im Schweiße ihres Angesichtes das Material für die nächste Session vor­zubereiten. Vielleicht ließe sich festsetzen, daß nur durch Beschluß mit Zweidrittelmehrheit im Plenum und in der betreffenden oder vielmehr betroffenen Kommission diese zur Weiterarbeit im Sommer verdonnert werden kann. Hoffentlich ließe sich auch der gestrenge Bundes- rath herbei, diesen Kommifsionsmitgliedern nicht zu knapp bemessene Diäten zu bewilligen; dann wäre wenigstens ein Anfang auch mit den Diäten gemacht. Für den Reichstag aber ergäbe sich aus der von uns empfohlenen Einrichtung noch die Annehmlichkeit, un­bekümmert um das Schicksal besonders werthvoller Vor­lagen mit Beginn der heißen Jahreszeit die „Bude zumachen" zu können.

Doch — wir wollen ganz offenherzig sein! Nicht

bloß das Wohl unserer verehrten Abgeordneten liegt uns bei Vertretung dieses Vorschlages am Herzen, sondern auch unser eigenes. Wir Zeitungsschreiber sind nun einmal solche Menschen: Gibt es keine Parlamente irgendwo, so rufen wir nach Volksver­tretungen mit all' der uns eigenen Entschiedenheit und Beharrlichkeit; sobald wir aber Parlamente haben, so schimpfen wir auf sie, und je fleißiger sie sind, um so weniger wollen sie uns gefallen. Der Redakteur verwünscht die langen Parlamentsberichte, die ihm den ganzen Raum wegnehmen, und wer sie schreiben muß, verwünscht die langen Reden und die langen Sessionen.

Allerdings haben wir jetzt im Reichstage einen Präsidenten, der ein menschliches Röhren fühlt mit den geplagten Journalisten und daher ihre Wünsche nach Möglichkeit erfüllt. So machen die Berliner Journalisten, wie unser Parlamentsberichterstatter uns mittheilt, jetzt die erfreuliche Wahrnehmung, daß die kurzen Osterferien zu mancherlei Verbesserungen auf der Tribüne benutzt worden sind. Durch Höherlegen der Pulte soll die Akustik verbessert worden sein, und zugleich ist auch für bessere Verbindung zwischen den Arbeitszimmern und den Tribünenplätzen Sorge ge­tragen worden. Besonderer Anerkennung dürfte sich die Einrichtung erfreuen, daß jeder Platz auf der Tribüne durch eine elektrische Leitung mit einem Läute­werk in dem zugehörigen Arbeitszimmer verbunden ist: der Schreiber drückt auf einen Knopf, und wenige Augenblicke später ist der Bote oder die Ablösung zur Stelle. Noch mehr soll in der parlamentslosen Sommers­zeit für die Männer von der Presse geschehen. Und dennoch — das Arbeiten mag ihnen noch so sehr erleichtert werden, am liebsten arbeiten sie überhaupt nicht — wohlgemerkt: in den Parlamenten über­haupt nicht, sonst sind es bekanntlich die fleißigsten Leute von der Welt . . . Also wir wären mit dem Reichstage nnd auch mit dem Landtage noch einmal so zufrieden, wenn er recht bald Schluß machen möchte!

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Deutsches Reich.

Berlin, 23. April.

* Der Kaiser ging heute Morgen in der Frühe wiederum bei Wasungen auf die Auerhahn-Jagd; das Jagdglück war ihm aber diesmal nicht hold. Gleich nach dem Jagdausfluge reisteSe. Majestät von Wasungen über Eisenach nach Dresden, wo er gegen Mittag ein­traf. Um 1 Uhr fand die große Parade der sächsischen Truppen zu Ehren des Geburstaqes des Königs Albert von Sachsen statt. Abends reiste der Kaiser wieder von Dresden ab. um sich nach Karlsruhe zu be­geben. Dort wird der Kaiser u. A. mit seiner Groß­mutter, der Königin Viktoria von England, Zusammen­treffen, die sich nach Darmstadt begeben wird. Am 29. d. wird der Kaiser sich von Karlsruhe nach Schlitz begeben, wo er bis zum 1. Mai zu bleiben gedenkt.

* Das preußische Staatsministerium beschäftigte sich am Samstag mit den dem Landtage noch in dieser

die Whlmg des goMtngr66trs.

Roman von H. v. Remagen.

(56. Fortsetzung.)

In der Voraussetzung, daß es wohl an der Zeit sei, die Ankunft Jakob von Haufers zu erwarten, ver­ließ er das Schloß und wandte sich zur Landstraße!

„Nimmermehr", fprach er unterwegs zu sich selber, „nimmermehr wird dieser Mensch meine Frau sehen. Ich werde schon einen Vorwand, eine günstige Gelegen­heit finden, ihn zurückzuschicken, woher er gekommen. Sibilla, Sibilla, Du wirst ihn nicht zu Gesicht be­kommen! Nein, ich mag nichts wissen von seinem geschmacklosen Geschwätz und noch weniger von seinem aristokratischen Dünkel. In meinem Hause dulde ich ihn nicht, und ich werde ihn schon ganz artig zum Teufel zu schicken wissen."

Damit setzte Boto sich in den Schatten eines Baumes, sein Gesicht nahm einen überaus finstern, grimmigen Ausdruck an, während folgende halblaut gemurmelte Worte die Gedanken seines Herzens ver- ricthen: „Wie langweilig und endlos sind doch gewisse organische Krankheiten, sie dauern eine Ewigkeit! Da lobe ich mir ein hitziges Fieber. Es bringt doch wenigstens rasch unter die Erde . . . Leben mit einem wandelnden Kadaver zur Seite, ruhig die Launen und

das Gewinsel einer Kranken ertragen, und wer weiß, wie lange noch, das ist, um graue Haare zu bekommen in der Blüthe der Jahre! O, ich halte es nicht mehr aus . . . wäre es doch schnell zu Ende! Ich bin es müde, todtmüde . . . Käme doch nur eine günstige Gelegenheit!"

Solcher Gestalt waren die schwarzen Gedanken, die in dem Kopfe des Verworfenen arbeiteten, während er aufmerksam die Straße hinabblickte, bis er endlich in der Ferne einen jungen Mann gewahrte, der sich eiligen Schrittes in der Richtung auf ihn zu bewegte.

„Da ist er!" rief er aufspringend aus, „ich er­kenne ihn an seiner ernsten Tracht. Wahrhaftig! in dem schwarzen Ueberrock sieht er gerade wir ein Quäker aus."

Und Boto lachte: er lachte vor Wuth und Neid, weil er selbst weit entfernt war, das edle, wahrhaft vornehme Aussehen des Barons Jakob von Hauser zu besitzen.

Als dieser sich näherte, trat Boto einen Schritt vor, legte die Hand an die Hutkrämpe und verbeugte sich mit kalter Förmlichkeit.

„Guten Tag, Herr Boto," grüßte der Baron, den Hut ziehend, „gestern war ich nicht zu Hause, des­halb erhielt ich erst diesen Morgen den Brief ..."

„Meiner Frau," fiel Boto ein.

Session vorzulegenden Gesetzentwürfen. Es sollen noch Vorlagen im Interesse der Landwirthschaft, namentlich zur Förderung des landwirthschaft- lichen Kredits in dieser Session erledigt werden. Ob das wohl noch möglich ist?!

* Das vorläufige Programm für die Eröffnung des Nordostseekanats wurde am Dienstag in einer Konferenz zwischen den Ministern v Marschall und v. Köller und Vertretern der Presse diesen mitgetheilt. Danach soll am 19. Juni, Abends 6 Uhr, die Feier in Hamburg mit einer Hafenfahrt beginnen, an die sich ein Bankett und ein großes Wasserfest auf der Alster schließt. In der Nacht vom 19. zum 20. Juni begeben sich die Theilnehmer auf kleineren Dampfern bis Brunshausen, von wo dann Morgens 3 Uhr auf den großen Dampfern die Fahrt durch den Kanal beginnt. Abends ist in Kiel großer Marineball zu Ehren der fremden Offiziere, an dem etwa 3000 Personen theilnchmen sollen, außerdem großer Kommers. Am Hauptfesttag, 21. Juni, findet um 11 Uhr Morgens in feierlichster Weise die Schluß­steinlegung bei der Holtenauer Schleuse statt, um 2 Uhr die große Flottenparade, an der gegen 100 deutsche und fremde Kriegsschiffe mit über 12000 Mann und 1000 Offizieren an Bord theilnehmeu werden, und Abends 8 Uhr in einer besonderen Festhalle ein Fest­mahl, an dem etwa 1000 Personen theilnehmen sollen. Der Flottenparade wird auch das „Preßschiff", ein Dampfer für 100—120 Vertreter der Presse, theilnehmen. (Diese Fürsorge für die Preffe hat in deren Kreisen einen guten Eindruck gemacht und ver­dient allen, die es angeht, zur Nachahmung empfohlen zu werden. D. Red.)

* Die,Nordd. Allg. Ztg.' sagt gegenüber dem von der ,Vossischen Zeitung' gemachten Vorwurfe, daß die deutsche Politik in der ostasiatischen Frage eine Schaukelpolitik gewesen sei: Wenn Deutschland jeden Gedanken eines Eingreifens vor der endgiltigen mili­tärischen Entscheidung zurückgewiesen habe, so folge daraus keineswegs, daß Deutschland zu irgend einer Zeit gesonnen wäre, die deutschen Interessen der Willkür des Siegers preiszugeben. Deutscherseits sei schon vor Monaten in Tokio kein Zweifel darüber gelassen worden, daß die Ueberschreitung gewisser Grenzen bei den Friedensbedingungen Deutschlands Interessen be­rühren und ein Eingreifen der Mächte herbeiführen werde. Nachdem die Grenze nicht eingehalten worden, handele die deutsche Politik lediglich folgerichtig, wenn sie an Schritten sich betheilige, welche auf Beseitigung der für die europäischen Interessen nachtheiligen Be­stimmungen gerichtet sind. Der Versuch der,Vossischen Zeitung', den Handelsstand gegen die Regierung mobil zu machen, werde nicht verfangen. Der deutsche Handels­stand sei weitsichtig genug, um zu erkennen, daß gerade die Interessen der Industrie und des Handels es seien, welche ein Vorgehen Deutschlands gebieterisch fordern.

* Nach dem Jahres-Abschluß der Reichs-Einnahme« pro 1894/95 erhalten die Einzelstaaten an lieber®

„Eben. Sibilla ist krank, allein Ihre Begegnung und Ihr ruhiges Aussehen beruhigen mich und lassen mich keine unmittelbare Gefahr befürchten."

„Madame Senelk leidet an Nervenschwäche und ihr Leiden ist in der That nicht von Bedeutung," bemerkte Boto in bezeichnendem Tone.

„Das freut mich von Herzen," entgegnete Jakob ungezwungen, „und ich bitte um Entschuldigung, daß ich ohne viele Ceremonien den Taufnamen ihrer Frau ausgesprochen."

Boto machte, die Entschuldigung annehmend, von neuem eine kalte Verbeugung

„Ihre Frau Gemahlin," fuhr Jakob fort, „wünfcht mich zu fprechen und Sie werden wissen, daß ich auf die Einladung derselben hierher gekommen bin."

„Das heißt, sie wünschte es gestern. Nerven­leidende Damen sind voll wunderlicher Launen und Einfälle. Gestern glaubte meine Frau, sie müsse bald sterben, und wollte Ihnen Lebewohl sagen, heute ist sie wiederhergestellt, allein ich fürchte nur zu sehr, daß sie wieder krank wird, wenn sie an das, was sie Ihnen schrieb, erinnert wird. Sie ist jetzt sehr be­schäftigt, wir haben diesen Abend Ball, und Sie werden begreifen . . . Nichtsdestoweniger, wenn Sie wünschen, sie zu sehen, Herr Baron, so wollen wir zu ihr gehen."