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Mittwoch, den 24. April 1895
22. Jahrgang
FuldakrWZkitnng
mit Urrterhaltrrngs-Keilage „Sterne und Klnmen".
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z Ueber die Aussichten der Umsturzvorlage
bringt der ,Hamb. Korresp/ einen weiteren Artikel aus Berlin, der eine Schwenkung an entscheidender Stelle in Aussicht stellt. Dort bestehe nicht die Auffassung, welche anfänglich augenscheinlich vorausgesetzt worden sei. Erwägungen allgemein politischer Natur fielen auch jetzt wieder gegen eine Lösung schwer ins Gewicht, bei der man einen beträchtlichen Theil derjenigen Richtungen, auf deren Unterstützung eine kräftige deutsche Politik rechnen könne und müsse, zu Gegnern haben würde. Dieser Gesichtspunkt sei früher offenbar an manchen Stellen nicht voll gewürdigt worden. Das soll also heißen, auf das Geschrei der Liberalen und Mittelparteiler hin sollen die Kommissionsbeschlüsse, insbesondere die auf Antrag der Centrumsmitglieder angenommenen Bestimmungen, denen man anfangs nicht durchaus ablehnend gegenüberstand, fallen gelassen werden.
Die ,Berl. Pol. Nachr.' sprechen sich ganz ähnlich aus, wie das Hamburger Blatt. Es ist da die Rede von den „staatserhaltenden" Elementen, in die man keinen Keil treiben dürfe, und es wird unter Hinweis auf das Schicksal des Schulgesetzes die Erwartung ausgesprochen, daß von höchster Stelle rasch und entschieden eingegriffen und die jetzige Verwickelung eine Lösung finden werde, durch welche die Sammlung der staatserhaltenden.Kräfte zur Abwehr gegen die Umsturzbestrebungen nicht beeinträchtigt würde. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' beschäftigt sich mit beiden Artikeln, die sie demselben Verfasser zuzuschreiben scheint, handelt jedoch offenbar nicht in offiziösem Auftrag und sagt deshalb auch nichts Bemerkenswerthes. Sie meint, für einige Preßorgane bilde der erregte Protest gegen die Kommissionsbeschlüsse nur die erwünschte Coulisse, um die Vorlage überhaupt mit guter Manier zu Fall zu bringen und so aller Qualen des innern Zwiespalts ledig zu werden. Jedenfalls thut man gut, sich auf eine neue Schwenkung gefaßt zu machen. x.
Die gegenwärtige Fehde zwischen den offiziöseste Blättern regt zu mancherlei Fragen an. Man kann fragen: wird Fürst Hohenlohe den Gegenminen bester widerstehen als Graf Caprivi? Oder soll die ,Norddeutsche' bald wieder einen neuen Herrn und Meister erhalten? Wird der Kaiser diesmal auf den verantwortlichen Leiter der Reichspolitik, den Reichskanzler, hören, oder wird er wieder dem Nathe unverantwortlicher Rathgeber folgen? Wird endlich der Bundesrath, wenn der König von Preußen die Zurückziehung der Umsturzvorlage beantragen lassen sollte, wiederum einfach zu Allem, was die „kaiserliche Politik" verlangt, heute so und morgen so, Ja und Amen sagen?
W i r würden gegen die Zurückziehung des Umsturzgesetzes nicht das Geringste einzuwenden haben, ja wir würden sie mit Freuden begrüßen, denn wir haben keine Hoffnung, daß die vom Centrum in der Korn-
Vie Erzählm, des WimMm.
Roman von H. v. Remagen.
(55. Fortsetzung.)
„Was setzest Du Dir in den Kopf! Verscheuche doch solche melancholische Gedanken! Laß uns umkehren, es wird heute noch viel Arbeit geben! Wir müsten an morgen denken."
„Ach, läßt sich das Fest nicht auf einen anderen Tag verschieben?" seufzte Sibilla.
„Unmöglich; unsere Freunde sind eingeladen; alles ist bereit und dann, meine Liebe, wirst Du durch eine solche Zerstreuung Dir gewisse phantastische Visionen, gewisse grundlose Befürchtungen aus dem Kopf schlagen, welche Dir sehr schaden könnten, wolltest Du Dich ihnen überlassen. Morgen wird meine theure Sibilla die Schönste unter den Schönen sein; schon dünkt mich, ich sehe sie in ihrem neuen weißen Atlaskleide mit dem doppelten Kreppbesatz, die dunklen Flechten mit Perlen geschmückt. Wie reizend wird sie sein! Ich werde sie bewundernd umkreisen in dem seligen Gedanken: So viel Schönheit gehört mir, ist mein!"
Sibilla lächelte; allein Botos Schmeicheleien entzückten sie heute nicht wie sonst und vermochten ihre düsteren Ahnungen nicht zu verscheuchen; beschleunigten Schrittes eilte sie nach Hause.
Mission durchgesetzten Verbesserungen im Plenum alle gerettet, geschweige denn noch vermehrt werden können. Das kann uns aber nicht hindern, ausdrücklich Protest zu erheben gegen die Art und Weise, mit der die Mittelparteiler unter einflußreicher Unterstützung die Verantwortung für den Fall des Umsturzgesetzes von sich ab- und — wenn nicht formell, so doch tatsächlich — dem Kaiser zuwälzen.
Es ist eine falsche Auffassung, als ob der Kaiser die „entscheidende Stelle" fei, von der ein Willensakt genügte, um das Werk einer Reichstagssession zu Nichte zu machen. Das ist eben der große Unterfchied zwischen 1892 und jetzt. Damals handelte es sich um eine Gesetzvorlage im preußischen Landtage, jetzt dagegen um ein Reichsgesetz; damals konnte der König von Preußen durch Ernennung von hierzu bereiten Ministern die Zurückziehung des Schulgesetzes direkt veranlassen; der deutsche Kaiser aber ist keineswegs in der Lage, eine Vorlage im Reichstage einfach zurückziehen zu lassen; zur Zurückziehung hat nur der Bundesrath das Recht, der in seiner Entscheidung durchaus nicht an die persönliche Meinung des Kaisers gebunden ist. Freilich hat durch die Schlaffheit der meisten Bundesregierungen eine Uebung schon lange Platz gegriffen, die in ihrer Weiterentwickelung direkt zum Einheitsstaate hinführt und schon jetzt das Bewußtsein des bundesstaatlichen Charakters unserer Reichsverfassung immer mehr verblassen läßt. Und das ist es, was uns auch jetzt wieder mit ernster Sorge erfüllt, während das Schicksal der Umsturzvorlage an sich uns keine Sorge bereitet. (Vgl. die Auslassung des ,Reichsanz.' zu dieser Frage im politischen Theile ds. Bl. Die Red.)
Deutsches Reich.
Berlin, 22. April.
* Der Kaiser fuhr am Samstag gegen 10 Uhr Abends von der Wartburg in das Wasunger Revier, erlegte einen Auerhahn und kehrte nach der Wartburg zurück, wo er am Sonntag um 11 Uhr Vormittags dem Gottesdienste in der Burgkapelle beiwohnte. Der Kaiser, der sich des besten Wohlseins erfreut, hat die Wartburg am Sonntag Abend nicht verlassen und den nächsten Ausflug zur Auerhahnbalze, der für Montag früh in Aussicht genommen war, aufgegeben, weil auf der Wartburg und in deren Umgegend Regenwetter herrscht. Abends gegen 91/» Uhr ist der Kaiser von ? der Wartburg nach Wasungen abgefahren, um Dienstag früh noch einmal im dortigen Revier zur Auerhahnbalze zu gehen. Von Wasungen will der Kaiser darauf sich über Eisenach, Erfurt, Leipzig und Riesa nach Strehlen begeben, um dem König von Sachsen zu dessen Geburtstage zu beglückwünschen und der Festparade der Dresdner Garnison beizuwohnen. Der Ankunft des Kaisers in Strehlen wird am Dienstag kurz vor 12 Uhr Mittags entgegengesehen.
* Ueber die Flottenparade bei der Eröffnung des
Nord-Ostsee-Kanals erfährt die ,Post': Der Kaise wird die Flottenparade, die bei weitem jene des Vor jahres im September übertreffen wird, an Bord der „Hohenzollern" abnehmen. Auch die in Kiel anwesenden Fürstlichkeiten werden dazu eintreffen. Nachdem der Kaiser die lange Reihe der deutschen Panzerschiffe, Avisos, Kreuzer, Schulfregatten und sonstiger Fahrzeuge abgedampft hat, wird die Hof-Uacht und ihr Gefolge um die sämmtlichen versammelten Kriegsfahrzeuge und Geschwader der fremden vertretenen Nationen dampfen, die gleichfalls in Parade-Aufstellung an den Bojen vor Anker liegen. Die Kieler Flottenparade wird das glänzendste maritime Schauspiel bilden, das jemals in deutschen Gewässern stattgefunden hat. Die Zahl der Schiffe wird etwa 85 betragen, von denen allein 35 deutsche die Reichsflagge führen und auf denen etwa 400 Seeoffiziere und 10,000 Mann eingeschifft sind.
* Der Reichstag setzt am Dienstag seine vor etwa drei Wochen unterbrochenen Arbeiten fort, die Osterferien sind zu Ende. Große Lust zum Arbeiten ist fchon jetzt nicht mehr vorhanden. Der junge Frühling entfaltet jetzt draußen seine ganze Schönheit; wer möchte da Lust haben, sich tagtäglich während der besten Tagesstunden vier bis fünf Stunden lang in den dumpfen Sitzungssaal einsperren und statt von der Sonne sich von elektrischem Lichte bescheinen zu lassen? Und dazu kommen dann noch für so viele Abgeordnete die schrecklichen Doppelsitzungen! Um 11 Uhr fängt jeden Tag im preußischen Abgeordnetenhause die Sitzung an, um bis 4 oder */s5 Uhr zu dauern; aber schon vorher ruft die Pflicht per Telephon den fleißigen Volksvertreter, „drüben" im Reichstage — das „drüben" bedeutet etwa 3 Kilometer Weges — an einer wichtigen Abstimmung theilzunehmen. Und mit geringer Abwechselung geht es dann Wochen oder gar Monate lang so weiter. Das sind gerade keine ermuthigenden Aussichten für einen Abgeordneten, und so darf es uns, zumal bei der Diätenlosigkeit der „Reichstägler", nicht wundern, wenn am Dienstag in Berlin „Viele zu sehen sind, die nicht da sind." Und mit der Zeit wird die Lust nicht größer werden; in den Parlamentsberichten der Blätter wird wieder das ominöse „Vor überaus schwach besetztem Hause..." ftehender Satz sein.
* Die ,Kreuzztg.' versuchte kürzlich, die bekannten Aeußerungen, die der Graf Mirbach über das Reichstagswahlrecht m einer Rede im
hause fallen ließ, als harmlos hinzustellen. Da ist es nun bemerkenswerth, daß am Sonntag in einer Versammlung des Charlottenburger konservativen Centralvereins unter dem Vorsitz des konservativen Landtagsabgeordneten Ring der Kandidat der Konservativen für die Landtagsersatzwahl im Kreise Teltow, Baumeister Fetisch, in seiner Wahlrede erklärte, das allgemeine Wahlrecht tauge nichts und müßte event. durch einen Staatsstreich abgeschafft werden. Ist das auch harmlos, verehrte ,Kreuzztg.'? Uebrigens waren die
Auf ihren Zimmern angelangt, blieb sie lange Zeit unbeweglich in dumpfes Brüten versunken, endlich stützte sie ihr anmuthiges Angesicbt auf ein grünes Sammtkiffen und sprach: „Ich muß die Wahrheit wissen. . . Boto täuscht mich, ich muß wissen, wie lange ich noch zu leben habe. Indessen, an wen mich wenden? Die von meinem Manne konsultirten Aerzte haben ihm die Wahrheit gesagt, mir haben Sie dieselbe verborgen. Kein Freund, kein Verwandter, Niemand, Niemand! Seit heute morgen quält mich ein schrecklicher Zweifel, wie ein greller Blitz fuhr er mir durch die Seele: wenn Boto den Ernst meines Uebels kennt und sich doch beständiger toller Freude überläßt, so ist seine Liebe, diese glühende Liebe, die er mir zeigt, nichts als schmähliche Lüge. . . Wer gibt mir Licht? Wer gibt mir Rath? . . Danke Dir, o mein Gott, ich habe Jemanden gefunden, der nicht zu lügen pflegt. Jakob von Hauser! . . Allein, wird er kommen?. . . Nach meiner Verheiratung habe ich ihn nicht mehr gesehen . . . Doch, doch, er wird kommen. Ich werde sagen, daß ich sterbe; einem Sterbenden schlägt man nichts ab!"
Mit fieberhafter Eile warf sie einige Zeilen auf's Papier, rief die Kammerfrau und befahl ihr, sofort einen Diener zur Stadt zu schicken, damit die Sendung ohne Aufschub in die Hände des edlen Jünglings gelange.
Nicht lange nach dem Abgang des Boten, während
Sibilla, auf die Brüstung des Balkons gelehnt, ihm sehnsüchtigen Blicks mit den Augen folgte, trat Boto wieder zu ihr und fragte, den Arm um ihren Nacken schlingend, mit affektirter Zärtlichkeit: „Wonach schaust Du, mein Herz?"
„Nach einem Briefe, den ich abgeschickt habe," entgegnete Sibilla.
„Einen Brief? Vielleicht eine Einladung zum Feste? ich glaube, Niemanden vergessen zu haben."
„Ich schrieb,an den Baron von Hauser," erwiderte Sibilla furchtsam.
„An den Baron von Hauser?" wiederholte Boto, knirschend vor Wuth.
„Eben," sagte Sibilla und bemühte sich, ruhig zu scheinen.
„Wie?" versetzte Boto mit schlecht verhüllter Bitterkeit, „wie, erschien Dir etwa unser Fest nicht schön genug ohne das häßliche Gesicht dieses langweiligen Pedanten, dieses Sermonen-Drechslers, dieses blödsinnigen Platonikers? Du hättest mich zuvor fragen sollen; wer dem Manne ungelegen ist, darf von der Frau nicht eingeladen werden."
„Ich glaubte, Du würdest nicht das Herz haben, mich des unschuldigen Vergnügens der Unterhaltung mit einem alten Freunde zu berauben."
„Alt? Er steht in der Blüthe der Jahre."