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Dienstag, den 23. April 1895

22. Jahrgang

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FilldacrWZeitlliig

mit Unterhattnngs-Keilage „Sterne und Klumen".

]-[ Keine Abstinenzpolitik gegenüber der ostasiatischen Frage

gedenkt, wie die ,Nordd. Allg. Ztg/ und mehrere andere Blätter offiziös mittheilen, die d e u t s ch e Regierung zu treiben. Habe sie auch während des Krieges strenge Neutralität beobachtet, so habe sie doch allezeit mit vollem Ernste die Gefahren ins Auge gefaßt, welche für Europa in politischer und wirthschaftlicher Hinsicht aus einer Neuordnung der ostasiatischen Verhältnisse entstehen können. Mögen auch andere Mächte wegen der von Japan beanspruchten territorialen Verände­rungen noch mehr interessirt sein, als Deutschland, so sei der deutsche Antheil an dem europäischen Ge- fammtinteresse in Ostasien doch so bedeutend, daß sich unsere Regierung einer schweren Versäumniß schuldig machen würde, wenn sie nicht fest entschlossen wäre, jenen Antheil zur vollen Geltung zu bringen.

Auch wir sind nicht der Ansicht, daß Deutschland ruhig zusehen könnte, wie Japan sich auf handels­politischem und wirthschaftlichem Gebiete Sondervortheile verschafft und sich auch strategisch im Stillen Ozean eine Stellung zu sichern versucht, in der es jedem anderen Handel die größten Schwierigkeiten zu machen, ja denselben gänzlich auszuschließen vermag. Es handelt sich hier, wie bereits in Nr. 91 der ,Fuld. Ztg/ des Näheren ausgeführt, keineswegs allein um das Inter­esse des in der Industrie und im Handel arbeitenden Großkapitals; weit mehr sind die europäischen Arbeiter und Kleingewerbetreibenden in ihrer Existenz bedroht, wenn ihnen mit den billigen mongolischen Arbeitskräften Konkurrenz gemacht wird. Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, um die Ge­fahr nicht zu sehen, und so seine Unthätigkeit vor sich selbst zu beschönigen. Damit ist ja nicht gesagt, daß wir gleich an einem europäischen Krieg gegen Japan theilnehmen müßten. Ein entschiedenes, gemeinsames Vorgehen der Mächte auf diplomatischem Wege wird aller Wahrscheinlichkeit nach genügen, um Japan zu bescheideneren Ansprüchen zu bewegen. Damit wäre den Japanern sogar selbst gedient; denn die größte Gefahr für das emporstrebcnde Jnselreich ist zweifellos jetzt der Größenwahn, der sich der dortigen Be­völkerung in ihrem Siegesräusche bemächtigt hat und das Land leicht in ernste Verwickelungen verstricken kann, wenn ihm nicht rechtzeitig ein Dämpfer auf­gesetzt wird.

Daß übrigens die japanische Regierung den in Europa laut gewordenen Widerspruch sehr ernst nimmt, beweist die Thatsache, daß Vicomte Aoki, der japanische Gesandte in Berlin, sich auf Befehl seiner Regierung dieser Tage nach Japan einschiffen wird, um dort über die Stimmung in Europa Bericht zu erstatten.

Die ,Köln. Ztg.' will aus zuverlässiger Quelle er­fahren haben, die deutsche Regierung habe bereits ftüher durch ihren Gesandten in Tokio Japan nahelegen lassen, daß die Forderung einer Gebietsabtretung eine Ein­

mischung der europäischen Mächte zur Folge haben würde. Als Japan diesen Rath unbeachtet ge­lassen habe, seien am 23. März die ersten Schritte zu einer Verständigung der europäischen Mächte eingeleitet worden. Nachdem zwischen Deutschland und Rußland eine völlige Uebereinstimmung der Anschauungen erzielt, auch ein Zusammengehen mit Frankreich gesichert worden, sollte seitens dieser drei Mächte ein gemeinsamer diplo­matischer Schritt unternommen werden, wobei zunächst Gebietsveränderungen ins Auge gefaßt wurden. Man glaubt, daß Japan durch die Besetzung wichtiger Theile des chinesischen Festlandes einen festen Gürtel um Asien herumlegen wolle, um es von Europa absperren zu können. Die europäischen Mächte wollen deshalb recht­zeitig eine Schädigung ihrer Interessen abwehren.

Deutsches Reich.

Berlin, 20 April.

* Die auffallende Thatsache, daß die preußische Staatsbahnverwaltung in Weimar, entgegen dem bis­herigen Gebrauch, diesmal dem Ersuchen, zum Empfange des hochw. Bischofs von Fulda das „Fürstcnzimmer" des Bahnhofes eröffnen zu lassen, nicht entsprochen hat, wird damit begründet, daß die Gewährung desselben in früheren Fällen in Anbetracht der Versagung ähn­licher Bevorzugungen an Generalsuperintendenten „Anstoß" erregt habe. Wenn die Generalsuperintendenten so auf das „Fürstenzimmer" versessen sind, dann hätte man ihnen unserethalben diesen Wunsch ruhig erfüllen dürfen, wiewohl nach der in Preußen bestehenden Rangordnung ein Generalsuperintendent nicht im Range eines Bischofs steht. Jedenfalls hätte man auf diese Weise einen „Anstoß" beseitigt, ohne — wie das jetzt der Fall ist auf katholischer Seite einen Anstoß zu erregen. \\ K

* Eine Uebersicht der noch unerledigten Vorlagen u.s.w. des Abgeordnetenhauses ist wieder von dem Büreaudirektor Geh. Regierungsrath Kleinschmidt zusammengestellt worden. Darnach sind an Regierungs­vorlagen in 3. Berathung noch zu erledigen drei Ge­setzentwürfe, in 2. und 3. Berathung sechs Gesetzent­würfe, in allen drei Berathungen noch drei Gesetzent- entwürfe. Ferner liegen noch mehrere Gesetzentwürfe beim Herrenhause. Von Anträgen aus dem Hause liegen noch neun vor, außerdem noch 97 Kommissions­berichte über Wahlprüfungen und Petitionen.

* Auf der ganzen Linie ist der Ansturm gegen die Umsturzvorlage entbrannt, und es ist ergötzlich zu fehen, daß gerade diejenigen Parteien und Personen, welche am lautesten nach einem Gesetze gegen die um­stürzlerischen Bestrebungen geschrieen haben, jetzt die ersten Rufer im Streite gegen die Vorlage sind. Der Kriegsruf gegen die Umsturzvorlage geht von der Loge aus, die ja immer mit dabei ist, wenn es gegen „Ultramontanismus und Orthodoxie" geht. Das war im Jahre 1892 bei dem Zedlitz'schen Volksschulgesetze und ist auch heute wiederum der Fall. Vertritt doch das

; Freimaurerthum so recht die satte liberale Bourgeo isie ; die in Behaglichkeit und Luxus ungestört von Sozial- i Demokraten und „Pfaffen" zu leben wünscht und da- ; bei den „Weltenbaumeister" einen guten Mann sein i läßt. Daher sind ihnen die „Schwarzen" immer be- j sonders verhaßt, und die Rothen wenigstens dann, - wenn sie mit aus ihrer Schüssel essen wollen. Nur • der liberale Bildungsklingel soll machen können, was ; er will.

* Nette Geständnisse macht der bisherige Dezernent (Leiter) des Preßwesens beim „Bunde derLand- wirthe", Herr Dr. Richard Gebet, in einer im ,Berliner Tageblatt' veröffentlichten Erklärung über die Gründe seines Ausscheidens aus der Leitung des „Bundes." Er verwirft den Antrag Kanitz (den er doch in der bündlerischen Presse als das All­heilmittel anpreisen mußte!) als „ebenso naturwidrig als ungerecht" und gibt deutlich zu verstehen, daß auch der Vorstand des „Bundes" nicht aus Ueberzeugung, sondern nur der Agitation wegen, und um den „Bund" nicht einschlafen zu lassen, den Antrag Kanitz als „Retter in der Verlegenheit" aufgegriffen habe. Das klingt durchaus nicht unwahrscheinlich, und anderwärts mag es ähnlich so gehen, daß man eine Agitation für einen bestimmten Antrag einleitet, nicht dieses Antrags wegen, sondern um seine selbstsüchtigen Machtbestrebungen zu fördern. Die es angeht, werden wissen, was wir meinen.

* Das Organ des Bundes der Laudwirthe, die .Deutsche Tagesztg.', hat in der vorigen Woche unter der Uederschrift: „Bange Sorgen — blasse Roth" einen Artikel gebracht, der in düstersten Farben schildert, wie in Deutschland der Schwindel herrsche und der ehr­lichen Arbeit der kärglichste Lohn versagt bleibe, wie das Hoffen des Landmannes zu Schanden geworden sei und seine Klagen mit dem kühlen Hinweis auf die Interessen des Handels abgelehnt würden, und wie sich endlich daraus die bangen Klagen, tieftraurigen Noth- rufe und Ausbrüche der Verzweiflung unter den Bauern erklärten. Zu diesem Artikel schreibt die offi­ziöse ,Berl. Korr.':

Mit derartigen Uebertreibungen und einer solchen Anleitung zum trübsten Pessimismus, wie sie der Artikel nach Ton und Inhalt darstellt, wird die Sache, der das Blatt dienen will, nicht gefördert werden. Besonders auffällig aber er­scheint die Andeutung des Blattes, daß Seine Majestät der Kaiser und König vielleicht nicht genau genug über die wahre Lage im Lande unterrichtet sei, nachdem soeben unter dem Vor­sitze des Monarchen eingehende Berathungen im Staatsrathe über die allerseits anerkannten landwirthschaftlichen Nothstände gepflogen worden sind und Se. Majestät dabei wiederholt er­klärt haben, es sei sein und seiner Regierung ernstes Bestreben, diesen Nothständen mit allen zulässigen Mitteln abzuhelsen. Außerdem enthält jene Andeutung den Vorwurf der Pflicht­verletzung gegen die berufenen Rathgeber der Krone. Eine solche Art der Agitation muß von der Regierung Seiner Majestät bestimmt zurückgewiesen werden."

* Aus kolonialen Kreisen gehen dem Stöcker'schen .Volk' Aeußerungen zu, in denen lebhaft das Be­dauern über das Verbleiben des Prinzen Arenberg an der Spitze der Berliner

Vie Errichtung des Wteugriibers.

Roman von H. v. Remagen.

(54. Fortsetzung.)

So plötzlich und unversehens kam diese Entdeckung über den Grafen von Barges, so grausam war die Verwirrung, in welche der arme Mann dadurch ge­stürzt wurde, daß er kein Glied zu rühren vermochte; die weit geöffneten Augen starrten regungslos auf das bleiche Antlitz Hildas, wenngleich sie nichts mehr sahen; denn ein dichter Schleier hatte seinen Blick umflort.

Nachdem er eine Weile so vor seinem wiederge- sundenen Weibe gekniet, kam er wieder zu sich. Todten- bletch sprang er auf, stieß die Schuldbeladene mit dem Fuße zurück und sprach, indem er die Hände wie abwährend ausstreckte, mit heiserer Stimme: „Bleibe liegen am Boden, lasterhaftes Geschöpf, bleibe liegen und stirb mit dem Fluche beladen!"

„Wer nennt die Gräfin von Varges ein lasterhaftes Geschöpf?" entgegnete Luise, und das Gesicht des edel- müthigen Mädchens glühte von frommer Begeisterung, als sie fortfuhr: „Ja, Hilda war lasterhaft, als sie aus dem Haufe ihres Gemahls entfloh, aber hier, entkräftet und ohnmächtig, mit Lumpen bedeckt, verdient sie Mitleid; sie zu beschimpfen ist niederträchtig! . . : Ihre Schuld zu sühnen hat sie gebettelt und sich zur

Magd eines rohen Bauern erniedrigt; Herr Gräf von Varges, die Menschen dürfen nicht fluchen, wo Gott verzeiht!"

Diese energischen Worte fanden den Weg zu Ubalds Herzen; der betrogene Gemahl sah Luise an; dann sah er wieder auf Hildas eingesunkene Züge, und ein heftiger innerer Kampf spiegelte sich auf seinem Antlitze.

Plötzlich schüttelte er sich wie jemand, der unver­sehens aus tiefem Schlafe erwacht; und mit einer lebhaften, überraschend schnellen Bewegung hob er die Ohnmächtige vom Boden, drückte sie an sein Herz und eilte, mit der zarten Bürde beladen, dem Schlosse zu.

Am Eingänge der Vorhalle standen Bosak und der Erzieher und plauderten miteinander; einige Schritte davon, in ehrerbietiger Entfernung von seinem Herrn, befand sich Bruno und warf feine Bemerkungen mit ein. Alle Drei vernahmen plötzlich den Schall eiliger Tritte; sie wandten den Kopf und sahen den Grafen mit seiner Bürde und Luise.

„Zurück," rief Ubald, rasch zwischen ihnen hindurch­eilend, „zurück! Platz für die gnädige Frau v. Varges, welche zurückkehrt unter das Dach ihres Gatten!"

* * *

war am Abende des auf die Wiedervereinigung der beiden Gatten folgenden Tages: der Abend war traurig und düster! Hilda lag im schönsten Zimmer

des Schlosses; die arme Frau hatte den heftigen Er- fchütterungen des vorigen Tages nicht widerstehen können.

Der alte Priester, dem sie ihre Vergehungen be­kannt hatte, stand am Kopfende des Bettes, am ent­gegengesetzten Ende sah man Ubald auf den Knieen liegen, und im Hintergründe des Zimmers saßen Bosak, Luise und der Lehrer als stumme, aber fühlende Zeugen der Jammerscene.

Mit einem Male stand der Graf von Varges auf und eilte zu d«r Kranken; er ergriff eine Hand der- felben, legte sie auf's Haupt und rief, indem seine Thränen reichlicher flössen, seufzend aus: „Verzeihung, liebste Hilda, Verzeihung!"

„Wieso bedarfst Du der Verzeihung?" stammelte die Sterbende.

„Ja, größer als Deine, waren meine Vergehungen! . . . Keusch und fromm erhielt ich Dich zur Gattin, und uneingedenk Deines zarten Alters voll Verachtung gegen Deinen frommen Glauben, zog ich ihn in's Lächerliche. Als Schule der Korruption und Wollust gab ich Dir schlechte Lettüre, und indem ich Dich in eine verpestete, lasterhafte Atmosphäre hineinzog, machte ich Dich zur Sklavin des Lasters, trieb ich Dich zum Verrath an unserer Ehe! Vergib mir, vergib! .... Gereinigt erhebst Du als Märtyrin meiner Thorheit