Beilage jur Mulösev Zeitung.
M 91 Sonntag, öen 21. April 1895. 22. Jahrgang
Sir kyählmg des WImMm.
Roman von H. v. Remagen.
(53. Fortsetzung.)
Luise drückte die Hand der Schwergeprüften an ihre Brust und sprach, indem sie tief das Köpfchen senkte, um eine Thräne zu verbergen: „Um Ihretwillen, gnädige Frau, leide ich, nicht wegen meiner. Ich denke daran, daß es in dieser Einöde mir nicht vergönnt ist, Ihnen Brod zu verschaffen; wenn Nikolas Freundschaft uns fehlte, was würde Ihr Loos sein? Ich zittere, wenn ich daran denke ... An den Erzieher des Grafen von Barges oder an Herrn Bruno mich wenden, kann ich nicht, Sie haben es mir verboten ..."
„Also verlierst Du den Muth und wagst nicht mehr, mir zu wiederholen: Vorwärts, vorwärts!"
„Ach, gnädige Frau, erlauben Sie mir zu bemerken, daß man, um vorwärts zu schreiten, leben muß, hier aber drohen Elend und Hunger, Ihnen vorzeitig den Lebensfaden abzuschneiden."
„Sei es so . . . Nur der Gerechte ist eines späten und sanften Todes würdig," erwiderte die Gräfin und erhob demüthig und zerknirscht die Augen zum Himmel. Dann verließ sie ihr Lager, nahm ein Stück Kuchen, und nachdem sie dieses verzehrt, ging sie an die Thür und setzte sich dort zu Boden. ' Nach langem Stillschweigen wandte sie sich zu ihrer treuen Gefährtin und begann mit fünfter Stimme, wie die eines Kindes: „Luise, liebe Luise, wenn Du mir den Arm geben wolltest, würde ich mich unter die Bäume des Parkes setzen ... es ist die Zeit, wo Ubald seinen Spaziergang zu machen pflegt."
„Gehen wir, gnädige Frau; könnte ich Sie so zu seinen Füßen geleiten!"
„Es ist zu früh, die Zeit wird kommen, wo ich ihm sagen kann: Ubald, die Reue war größer, als die Schuld."
Luise bot ihrer Herrin den Arm, worauf sie zusammen die Hütte verließen.
Es war ein warmer Tag, Heuschrecken hüpften über die Haide, Grillen zirpten im Grase, Schmetterlinge flatterten von Blüthe zu Blüthe. Alles war Leben und Lust, nur Hilda und Luise gingen traurig einher, ohne einen Blick für die Schönheiten der Natur, und wenn sie um sich spähten, so geschah es aus Furcht, Moritz oder Jemandem aus dem Schlosse zu begegnen.
Nach langem, mühsamem Hin- und Herirren durch das Gestrüpp gelangten sie auf eine kleine, mit dichtem Gesträuch bedeckte Anhöhe in unmittelbarer Nähe des Parks und ließen sich unter dem Stamme eines uralten Baumes neben einem hohen Weißdornftrauche zitternd auf dem Rasen nieder.
„Nichts zu sehen," sagte Hilda, aufmerksam durch den Strauch die schattige, aus dem Garren nach dem Schlosse führende Allee hinauf fpähend.
„Wir haben uns mehr als gewöhnlich genähert; wir können hier leicht gesehen werden, die Stelle gefällt mir nicht", setzte Luise kopfschüttelnd hinzu.
„Wie, glaubst Du, daß er uns hier sehen könnte? Selbst wenn er hierher käme, würde der Strauch uns seinen Augen verbergen."
„Da ist er, da ist er! . . . Eben tritt er aus dem Schlosse!"
„Mein Gott! er nähert sich eilenden Schrittes," rief die Gräfin und drückte beide Hände auf das Herz, um dessen ungestümes Schlagen zu hemmen.
„Horchen Sie, gnädige Frau, ich höre ein Geräusch von dieser Seite," begann Luise, ängstlich auf den Strauch zeigend.
Die Gräfin wandte keinen Blick nach der von dem Mädchen bezeichneten Richtung, sie hatte nur Augen für Ubaldus.
„Horchen Sie, horchen Sie," wiederholte Luise.
In der That vernahm man in diesem Augenblick den Schall von Tritten, dann das Knacken von gebrochenen Zweigen, und — hervor stürzte Plötzlich mit wüthendem Geschrei Moritz, der Pächter.
„Hab' ich Euch endlich gefunden? Jetzt werdet Ihr mir nicht mehr entkommen, treulose Vagabundinnen!"
„Lassen Sie uns in Ruhe," antwortete die Gräfin entrüstet.
„Euch in Ruhe lassen?" wiederholte Moritz ingrimmig, „Euch in Ruhe lassen? Nein, meiner Treu! Niemand hat sich je über mich lustig gemacht, und man soll nicht sagen, daß zwei hergelaufene Weiber mich zum Besten gehabt. Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu rupfen, meine Liebsten, so flieht man nicht verstohlenerweise aus einem anständigen Hause, von rechtschaffenen Leuten .... Kommt jetzt mit!"
„Weich' eine Unverschämtheit!" rief Luise, den Bauer zurückstoßeud.
„Sagt, was Ihr wollt, ich thue was ich will. Ihr kommt mit, schnell, schnell, sonst gibt's Hiebe, wie bei störrischen Pferden"
Bei dieser brutalen Drohung ließ der Bauer eine geschälte Baumgerte durch die Luft fausen, als sollte sie jeden Augenblick auf die zarten Schultern der Gräfin von Varges niederfallen.
„Geht und kümmert Euch um Eure Sachen!" rief Luise mit zornentbranntem Gesicht, zitternd vor Aufregung, „geht rasch, oder wir rufen um Hilfe!"
„Ruft, bis Euch der Athem ausgeht; ich blase was drauf!"
Und mit diesen Worten stürzte der Bauer auf die Gräfin los, diese stieß einen gellen Schrei aus und fiel vornüber zu Boden, wo sie unbeweglich liegen blieb.
„So, Du willst mich noch zum Narren halten mit Deinem Gethu? Ich glaube nicht dran; da, nimm!" sagte Moritz, den Stock über dem Rücken der unseligen Gräfin erhebend.
„Wehe Dir, wenn Du wagst, sie zu berühren!" preßte Luise hervor, indem sie den Arm des Pächters festhielt.
„Heb' Dich fort, Du Bettlerin! Pack'Dich!" entgegnete wüthend Moritz und fchwang von Neuem den Stock in der Luft.
Da war keine Rettung mehr; die Gräfin wäre erbärmlich geschlagen worden, wenn nicht Luise plötzlich, alles Andere vergessend und die Hände zum Himmel erhebend, mit verzweifelter Kraft geschrieen hätte: „Zu Hilfe, Herr Graf, zu Hilfe!"
Es währte keine Minute und rasch wie der Blitz erschien Ubald auf dem Schauplatze; da er die drohende Haltung des Pächters und die bedrängte Lage der beiden Frauen sah, stand er einen Augenblifl verwundert still, dann fragte er in gebieterischem Tone: „Was geht hier vor? Wer hat mich um Hilfe gerufen?"
Die Gräfin war ohnmächtig, Luise versuchte umsonst ein Wort hervorzubringen, und Moritz stammelte verwirrt: „Sehen Sie, Herr Graf, ich will es Ihnen sagen ... ich möchte nicht, daß Ew. Gnaden mich schlecht beurtheilen . . . Diese beiden Vagabundinnen waren eine Zeitlang in meinem Hause ... Ich warf ein Auge auf die Eine, die da auf der Erde liegt; in guter Absicht, natürlich! ... Ich bin Wittwer und das würde nicht der erste Fall sein, wo eine Magd die Hausfrau geworden wäre ... Es wurde also von der Heirath gesprochen, und da ist das Frauenzimmer heimlich weggelaufen; nicht einmal „Adieu Partie" hat sie mir gesagt; fortgelaufen ist sie, um, Gott weiß wo, sich herumzutreiben . . . Soeben fand ich sie wieder; bei ihrem Anblick ist mir das Blut zu Kopf gestiegen, und, blind vor Zorn, wollte ich ihr eine kleine Lektion auf meine Art geben. Ich habe nicht verdient..."
„Zweimal zu heirathen, nicht wahr? War es denn mit dem ersten Mal nicht genug? Euer eheliches Glück muß sehr groß gewesen sein," unterbrach der Graf ihn heftig.
„Sehr groß, und seit meine Frau nicht mehr ist, geht alles quer in meinem Hause."
„So nehmt doch eine Haushälterin."
„Aber . . . aber . . ."
„Aber — macht ein Ende; wenn diese Frau Euch nicht will, so sucht Euch eine Andere, und macht inzwischen, daß Ihr fortkommt, damit diese hier, wenn sie wieder zu sich kommt, Euch nicht mehr sehe."
Moritz hatte nicht den Muth zu einer Erwiderung und schlich sich, im Herzen Verwünschungen gegen den Grafen von Varges ausstoßend, still von dannen.
„Warum rühren Sie sich nicht? Kommen Sie der Armen zu Hilfe," sagte Ubald, auf die Gräfin zeigend, zu Luise, und da er sah, daß diese stumm und verwirrt stehen blieb, ohne sich zu rühren, trat er rasch hinzu, um selbst der Ohnmächtigen aufzuhelfen.
„Allmächtiger Gott! rühren Sie sie nicht an!" rief das Mädchen, aus seiner Bewegungslosigkeit heraustretend und eilends vorspringend.
„Aber sie erstickt in dieser unnatürlichen Lage. . . ihre Bewußtlosigkeit kann tödtlich werden; eine heftige Ohnmacht scheint sie ergriffen zu haben."
„Lassen Sie sie, Herr Graf!" wiederholte Luise, außer sich vor tödtlicher Angst; allein ihre Worte waren fruchtlos, und ihre Befürchtungen wurden nur zu sehr verwirklicht; denn in diesem Augenblicke stieß der arme Ubald einen durchdringenden Schrei aus: beim Aufheben und Umdrehen der Gräfin hatte er die Züge seines Weibes erkannt!
(Fortsetzung folgt.)
vermischtes.
* Trier, 19. April. Ein wahrer Goldstrom bat sich über unsere gesegneten Mosellande ergossen. Die Lrgebuisse der
Trierer Versteigerungen von Mosel- und Saarweinen des Jahrganges 1893 übertreffen sogar die kühnsten Hoffnungen; sie stellen ein Ereigniß in der Geschichte der deutschen Weinproduktion dar. Für das Fuder Wein ist der unerhörte Durchschnittspreis von 3100 Mark erzielt worden, was für die Flasche einen Einkaufs- und Engrospreis von beinahe 3 Mark ausmacht. Der genannte Durchschnitt ist aber in Dutzenden von Fällen um mehr als das Doppelte übertroffen worden. Wir entnehmen der Liste der Weinversteigerungen Preise von 6000, 7000, 8000, in einem Falle sogar 9400 Mark für das Fuder. Den höchsten Preis hat das Hofmarschallaml zu Berlin für die Kreszenz des Freiherrn von Stumm gezahlt. Einzelne Weiu- produzenten haben Gesammtsummen von schwindelnder Höhe einstreichen können. So hat die Kreszenz der Frau Eduard Puri- celli in Trier einen Erlös von 398,250 Mark, die der Domkirche zu Trier 133,922, die des Bischöfl. Priesterseminars 184,980 Mark gebracht. Den reichsten Gewinn hat das Gräflich Kessel- stadt'sche Majorat mit 538,500 Mark erzielt. Frhr. v. Stumm kann sich dec hübschen Zugabe zu seinen sonstigen Einkünften im Betrage von 111,810 Mark erfreuen. Den überhaupthöchsten Durchschnittspreis, nämlich 4365 Mark für das Fuder, kann mit berechtigter Genugthuung der Berlagsbuchhändler I. Lintz in Trier verzeichnen; ihm am nächsten kommt dann der Durchschnittspreis der Freiherrlich Stumm'schen Kreszenz mit 4300 Mark. Von dieser Weinversteigerung wird man noch nach Jahr- ■ zehnten und länger singen und sagen: sie ist einfach beispiellos.
* Der Jahres-Bericht der Görres-Gesellschaft für 1894 (Köln, Bachem, 32®.) weist wieder einen Fortschritt der für das wissenschaftliche Leben im katholischen Deutschland so bedeutsamen Gesellschaft auf. Obwohl die Mitgliederzahl in den vorhergehenden Jahren so stark gestiegen war, daß man den Eintritt eines Stillstandes befürchten konnte und obwohl 1894 durch den Ausfall der General-Versammlung ein Hauptmittel zur Gewinnung neuer Mitglieder fortgefallen war, ist doch noch ein Zuwachs von einem halben Hundert zu verzeichnen (2424 gegen 2374). Die Einnahmen betrugen 34,379, die Ausgaben 33,074 Mk., der Bermögensstand wuchs auf 35,479 Mk. Außer dem historischen und philosophischen Jahrbuch, dem Staats-Lexikon, das mit 35 Heften jetzt rasch seinem Schluffe entgegengehr und den regelmäßigen drei Bereinsgaben (Jul. Bachem, Die bedingte Verurtheilung; Schnürer, Die Entstehung des Kirchenstaates; L. Schmitt, 8. J., Johann Taufen, der dänische Luther) erschien als weitere Frucht der Arbeiten des Römischen Instituts der Gesellschaft der dritte Band der Quellen und Forschungen, enthaltend die deutschen Kollektorien des 14. Jahrhunderts, bearbeitet von Prof. Kirsch. Zwei weitere Publikationen sind in Druck. Sehr erfreulich ist der Umstand, daß in der Person des Herrn Dr. Ehses auf mehrere Jahre ein Leiter des Römischen Instituts gewonnen ist. Dasselbe wird jetzt unter Fortsetzung anderer Arbeiten eine neue wichtige Ausgabe von Akten des Tridentiner Konzils in Angriff nehmen, zu welcher Papst Leo XIII. die Gesellschaft ausdrücklich ermächtigte. Auch beim deutschen Episkopat hat das Institut warmes Verständniß gesunden, wie ein Schreiben des Herrn Kardinal-Erzbischofs von Köln zeigt. Dringend bleibt bei den wachsenden Aufgaben der Gesellschaft eine zunehmende kräftige Unterstützung der für wissenschaftliche Bestrebungen empfänglichen Kreise, Geistliche wie Laien, zu wünschen, nicht nur durch Beitritt, sondern auch — was bisher ver- hältnißmäßig selten vorgekommen ist — durch größere außer- ordentliche Zuwendungen. Außer den üblichen Mittheilungen über die Thätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen Jahre enthält dec Jahres-Bericht Berichte über den dritten internationalen katholischen Gelehrten - Kongreß zu Brüssel (Grauer t) und den ersten internationalen Kongreß christlicher Archäologen zu Spalato (Endres), einen Nachruf an den trefflichen P. Denza, Secchi's Nachfolger als Direktor der vatikanische» Sternwarte (Plaßmann), e ne französische Stimme über die Görres-Gesellschaft (v. Hert- ling), Bericht über die Wirksamkeit der österreichischen Leo-Ge- ellschaft 1894 (Schindler), Denkschrift und Antwortschreiben des Herrn Kardinal-Erzbischofs Philippus von Köln, betr. das hisw- rische Institut. Dem Jahres-Bericht war beigelegt ein Aufruf an die Mitglieder und Teilnehmer, den noch fehlenden Betrag :ür das Jansf en - Denkmal auf dem Friedhöfe zu Frank- ürt a. M. durch freiwillige Beiträge zusammenzubringen; die Verehrer Janssen's werden sich freuen, zu hören, daß die gewünschten 700 Mark schon ein paar Tage nach Versendung des Ausrufs beisammen waren.
* Eine Statistik der Ghmnasial-Abiturienren int Deutschen Reiche während der letzten drei Schuljahre hat Prof. Dr. G emß nach der,Post' dem Jahres-Bericht des Königl. Luisen-Gymna- siums in Berlin beigegeben. Die Studie gibt eine Zusammenstellung der Gymnasial-Abiturienten nach dem erwählten Berufe, der Konfession und nach dem Stande der Eltern. Die Zahl der Gymnasien Deutschlands mit neunjährigem Kursus beträgt 434; diese entließen in derr letzten drei Schuljahren ca. 19,600 Abiturienten, von denen 73 über ihren Beruf noch unschlüssig waren, während bei etwa 200 ein bestimmtes Fach sich nicht verzeichnet firtdet. Die einzelnen Berufs-Arten nach ihrer Vertretung unter den Abiturienten für das Deutsche Reich sind: Rechtswissenschaft 4786, Medizin 3429, Katholische Theologie 229u, Evangelische Theologie 2140, Militär 1498, Postfach 835, Philologie 503, Philologie und Theologie 133, Baufach 456, Technologie 433, Forstsach 375, Kaufmannstand 257, Maschinenbaufach 241, Chemie 168, Bergfach 167, Mathematik 163, Naturwissenschaft 158, Steuerfach 158, Elektrotechnik 148, neuere Sprachen 132, Landwirthschaft 128, Baufach 119, Geschichte 91, Marine 81, Philosophie 70, Bureaudienst 63, Verkehrsdienst und Eisenbahnfach 61, Katasterfach 52, deutsche Sprache 37, Finanzfach 34, jüdiicheTheologie 29, Musik 21, Schiffsbausach20, Thierarzneikunde ld, orientalische Wissenschaften 18, Regiminal- fach (Verwaltungsfach) 17, Kunst- und Literatur-Geschichte 15. Nationalökonomie 10, Malerei und Bildhauerkunst 10, Archäologie 7, Schauspielkunst 3.
* Die Zahl der Vereine ist jüngst durch einen ganz „zeitgemäßen", dem „Deutschen Erfinder-Verein" vermehrt worden. Derselbe will Gewerbetreibende und Industrielle zur fachgemäßen Ausnutzung ihrer Geistesprodukte zusammen schließen und ein Gegengewicht bilden gegen betrügerische Ausbeutung der „Erfinder" von Seiten gewinnsüchtiger und gewissenloser Rathgeber. Daß diese jflngftc Vereinsbildung einem wirklichen Bedürfniffe entspricht, beweist der Umstand, daß der Verein, obwohl er erst vor drei Wochen gegründet wurde, bereits weit über 100 Mitglieder in allen Theilen Deutschlands zählt. Nächstens wird wohl auch ein „Verein der NichtvereinSmitglieder" gegründet werden.