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M 91 . Sonntag, den 21. April 1895 22. Jahrgang

FilldkerMZeitrnig

mit Unterchaltrrngs-Krttage „Sterne und Klumen".

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Hierzu eine Keilage. h:

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]-[ Die wirthschaftliche und politische Bedeutung des ostasiat. Krieges

wird jetzt, wo der Friedens sch luß erfolgt ist, viel besser gewürdigt, als seither. Solange die japanischen Heere noch auf ihrem Siegesläufe begriffen waren, überwog die Bewunderung für die Erfolge der japa­nischen Waffen und für die rasche Auffassungsgabe des fernen Jnselvolkes, das so schnell sich in den Geist europäischer Kriegsführung zu versetzen gewußt hatte. Jetzt aber ist eine gewisse Ernüchterung und Besorgniß an Stelle der Schwärmerei für die „Preußen Ost- asiens" getreten. Man überlegt sich jetzt ernstlicher, als dies seither der Fall war, die politischen und besonders die wirthschaftlichen Folgen der großen Um­wälzung in Ostasien.

In der That verdient der Abschluß des ostasia­tischen Krieges, sowohl nach seiner wirthschaftlichen wie nach seiner politischen Bedeutung die ernsteste Beachtung. Japan hat sich von China zunächst die Oeffnung einer Reihe von weiteren Häfen, darunter Peking, aus- bedungen, und damit können auch wir zuftieden sein, denn diese Bedingung kommt allen Handelsnationen zu Gute. Japan hat sich aber auch ganz besondere Vortheile gesichert, die nur ihm selbst zu (Statten kommen. Die bisherigen Nachrichten über die Friedens­bedingungen scheinen allerdings noch lückenhaft zu sein, doch scheint festzustehen, daß Japan das Recht erhält, daß seine Industrie in China selbst Fabrikzweige jeder Art begründen darf, und daß die japanische Einfuhr ,,fich von allen Likin- (Inlands-) Abgaben durch Zahl­ung von 2 Procent des Herstellungspreises der Waaren loskaufen kann. Wenn man bedenkt, wie sehr viel niedriger der Herstellungspreis aller Jndustrie- erzeugnisse in Japan ist, als in Europa oder Amerika, so wird man ermessen, welchen Vorsprung die japa­nische Industrie vor jeder anderen selbst dann erhält, wenn auf Grund der Meistbegünstigungsver­träge auch die Einfuhr aus Europa und Amerika das Recht erhielte, sich mit 2 Procent ihrer Herstellungs­kosten von allen Jnlandsabgaben loskaufen zu können. Will man aber einwenden, der japanische Arbeiter werde, von der modernen Kultur beleckt, bald ebenso „anspruchsvoll", also eben so theuer werden wie der europäische, so ist dagegen zunächst zu bemerken, daß die mongolische Rasse selbst in kaukasischer Umgebung, wie das Beispiel der Chinesen in Amerika und Australien zeigt, von einer uns fast unbegreiflichen Bedürfniß- losigkeit bleibt. Mit einer Hand voll Reis, so sagt man ja, sättigt sich der Mongole für einen ganzen Tag. Sodann aber bleibt den Japanern, wenn auch in Japan selbst die Arbeitskräfte sehr viel theurer würden, noch das andere Recht: in China selbst Fabriken zu errichten. Für ein Spottgeld werden sie in dem übervölkerten Reiche stets Arbeiter in Hülle und Fülle bekommen. Wie sollte da die europäische Industrie, die weit theurer arbeitet und auch noch den Transport und Zoll zu zahlen hat, den chinesischen Markt behaupten können! Aber könnten nicht auch die europäischen Mächte China zwingen, ihnen das­selbe Recht wie Japan zu gewähren? Vielleicht, aber wer hätte den Bortheil davon? Nur das internationale Großkapital, aber nicht unsere Arbeiter, unsere Klein­industrie. Diese würden dann erst recht von der Kon­kurrenz der ostasiatischen Industrie erdrückt werden. Es handelt sich hier also um viel mehr, als nur um den chinesischen Markt! Vielleicht aber würde aus dieser Gefahr doch noch ein Gutes für uns er­stehen, indem nämlich der Hinzutritt der asiattschen zur amerikanischen Konkurrenz die europäischen Staaten zwänge, ihren Hader zu vergessen und sich zu einem allgemeinen europäischen Zollv erein zusammen­zuschließen.

Lassen sich die wirthschaftlichen Folgen des ostasia­tischen Krieges einigermaßen überblicken, so ist das bei den politischen freilich weniger der Fall. Um die politische Tragweite des Friedens von Schimonoseki ganz zu ermeffen, müßte man zunächst wissen, ob der

Friedens-Vertrag wirklich, wie die ersten Meldungen besagten, auch ein Schutz- und Trutzbündniß zwischen Japan und China enthält. Das würde nämlich, wie ein Berliner Blatt sehr treffend bemertte, nichts Geringeres bedeuten, als die „Mobilisirung der gelben Rasse". Wenn die gelbe Rasse, welche ziemlich genau ein Drittel der ganzen Menschheit um­faßt, erst die japanische Schule auch im modernen Land- und Seekriegswesen durchgemacht hat, dann ade Vor­herrschaft der weißen Rasse! Wir müssen uns dann daran gewöhnen, uns mit den Mongolen in die Herr­schaft der Erde zu theilen. Aber vorläufig steht ja noch nicht fest, daß ein solches Bündniß zwischen Japan und China abgeschlossen ist. Auch ohne ein solches Bündniß bleibt die politische Bedeutung- des Machtzuwachses, den Japan erfährt, groß genug. Es besetzt Port Arthur und — angeblich nur „vorläufig", aber man kennt das! — Wei-Hai-Wei, die Schlüssel des Gelben Meeres, und faßt mit dem Besitze der Halbinsel Liar-Tong auf dem Festlande Fuß, kann dort eine starke Armee stets kriegsbereit halten und fo j jedweder Einmischung Rußlands oder Englands zuvor­kommen. Nun ist es freilich noch die Frage, ob ins­besondere Rußland sich diese neue Nachbarschaft auf dem Festlande gefallen läßt. In diesem Augenblicke, wo Japan selbst von dem Kriege erschöpft ist, wäre es noch Zeit für Rußland, die japanische Nachbarschaft abzuweisen. Es bleibt abzuwarten, ob es etwas Aehtt- liches zu thun qebenft.

Zum Schluffe noch die unseren Lesern naheliegende Frage: Wird das Christenthum, werden unsere Missionäre von der Niederlage China's Vortheil haben? Wir hoffen es, aber Voraussagen läßt sich nichts. Db das chinesische Literatenthum, von dem die Angriffe des Pöbels auf die Missionen stets ausgehen, durch den Ausgang des Krieges so gedemüthigt ist, daß es etwas manierlicher hinfort auftritt, steht dahin. Hoffen wir das beste, aber seien wir nicht zu ver­trauensselig!

Deutsches Reich.

Berlin, 19. April.

* Der Kaiser trat heute Mittag um 1 Uhr 15 Min. vom Anhalter Bahnhofe aus.mittelst Sonderzuges die Reise nach Weimar und Eisenach an. In Weimar wird der Kaiser etwa drei Stunden verweilen und gegen 8 Uhr Abends die Reise nach Eisenach fort­setzen. — Wie aus Dresden verlautet, trifft der Kaiser zum Geburtstage des Königs von Sachsen am 23. d. M. in Dresden ein und wird dort der Fest­parade beiwohnen. — Der Kaiser hat der ,Voss. Ztg.' zufolge unlängst dem Hofprediger Fromme! sein Bild mit folgender Widmung übersandt: „Wer nur auf Gott vertraut und feste um sich haut, hat nicht auf Sand gebaut." — Die Besserung in dem Befinden der K a i s e r i n hält an, so daß die Hoffnung auf eine baldige vollständige Genesung berechtigt ist.

* Die ,Berl. Pol. Nachr.', eine Korrespondenz, deren Beziehungen zum preußischen Finanzmini­sterium allbekannt find, führt aus, daß die Bewegung gegen die Umsturzvorlage innerhalb der „gebildeten (!) Kreise" ganz derjenigen gegen das Zedlitz'sche Volks­schulgesetz von 1892 gleiche, und daß die Gefahr bestehe, den größeren Theil der gebildeten Kreise in das gegnerische Lager zu treiben: dann schließt der Artikel:

„Wie 1892 wenden sich auch heute die Blicke vertrauensvoll nach der Stelle, welche im Jahre 1892, nachdem die politische Gesammtlage sich klar entwickelt hatte, so rasch und so entschieden Abhilfe herbeigeführt hat. Mit vollstem Rechte. Man darf fest vertrauen, daß auch die jetzige Ver­wickelung eine Lösung finden wird, durch welche die Samm­lung der staatserhaltenden Kräfte zur Abwehr gegen die Umsturzbestrebungen nicht beeinträchtigt wird."

Mit anderen Worten: es soll eine Abstimmung im Reichstage vermieden werden, weil diese die „staatserhaltenden Kräfte" auseinandersprengen, d. h. die Nationalliberalen vor die unangenehme Noth- wendigkeit stellen würde, Schulter an Schulter mit den Sozialdemokraten die Umsturzvorlage, dieses Angst­produkt der Nationalliberalen selbst, abzulehnen. Um den Nationalliberalen diese Verlegenheit zu ersparen, soll also die Umsturzvorlage, bevor sie den Reichstag im Plenum beschäftigen würde, — zurückgezogen werden, ganz so wie 1892 das Zedlitz'sche Volksschul­gesetz. Nun ist es interessant, daß die oberoffiziöse

,Nordd. Allg. Ztg.' dem miqueloffiziösen Organ für diese Auslassung gründlich den Kopf wäscht. „Ver­worrene Situattonszeichnung" wird ihm zum Vorwurf gemacht; ferner heißt es, die Kreise, bereit sorgfältige Berücksichtigung als „beste Stützen einer kräftigen beutsch - nationalen Politik" bie ,Berl. Pol. Nachr.' empfehlen, seien leiber nicht burchweg mit ber hier behaupteten Entschiedenheit als grundsätzliche Träger einer Politik „kräftiger Abwehr gegen sozialrevolutionäre Bestrebungen hervorgetteten; vielmehr habe man beit Einbruch, daß der erregte Protest gegen die vom Centrum ausgehenden Kommissions­beschlüsse für einige Preßorgane die erwünschte Koulisse bildet, um die Umsturzvorlage überhaupt mit guter Manier zu Falle zu bringen und so aller Qualen des inneren Zwie­spalts ledig zu werden." Wir erleben also heute wieder das erbauliche Schauspiel, daß die Offiziösen sich gegenseitig bekämpfen, d.h. dieMinister theilweise gegeneinander einen Preßkrieg führen. Was wird das Ende vom Liede sein?

* lieber die Wirkungen der Aufhebung des Jdeu- titätsnachweises liegt jetzt eine Statistik für die zehn Monate vom 1. Mai 1894 bis zum 28. Februar d. I. vor. Danach sind „gegen Einfuhrschein" ausgesühtt worden an Weizen 904,960, Roggen 563,808, Gerste 228,820 und an Hafer 310,773 Doppelcentner, während als die Forderung des Identitätsnachweises noch in Kraft war, in derselben Zeit des Vorjahres, also vom 1. Mai 1893 bis Ende Februar 1894, aus dem freien Verkehr ausgeführt wurden: an Weizen 3119, Roggen 1330, Gerste 27,737 und Hafer 1669 Doppelcentner. Die deutsche Getreideausfuhr hat sich also be­trächtlich wieder gehoben. Als Absatzländer kommen für die deutsche Getreideausfuhr in erster Linie Däne­mark und Schweden in Betracht: beide Länder zu­sammen haben von Weizen wie von Roggen mehr als Dreiviertel der Gesammtausfuhr ausgenommen. Dann folgt Großbritannien, welches namentlich bei Gerste und Hafer der bedeutendste Abnehmer ist. An dritter Stelle stehen Norwegen und die Schweiz.

* Herr v. Hertzberg-Lottin theilt der,Kreuzztg.' mit, daß erbeabsichtige, demnächst im Herrenhause folgende Interpellation einzubringen: Welche Pro­grammpunkte ber Staathsr athsbeschlösse gebenkt bie Königliche Staatsregierung noch in bieser Session burch Gesetzgebung zu erlebigen, unb beabsichtigt bieselbe, Maßnahmen int Programm bes Staatsrathes zur Hebung bes Nothstanbes ber Lanbwirthschaft, welche ohne Mithilfe ber Parlamente burchgeführt werben können, sofort auszuführen?

* Schon wieberholt ist eine Novelle zum preußischen Vereins- unb Bersammluugsgesetz angekünbigt worben, bte bemnächst betn Herrenhause zugehen werbe. Dazu melbet jetzt bie .Kreuzztg? weiter, baß ein solcher Entwurf all erb ings int Ministerium bes Innern ausgearbeitet worben sei, boch habe sich bie Staatsregierung im Ganzen noch nicht schlüssig ge­macht. Die Novelle soll eine Ergänzung zur Umsturzvorlage bilben unb sich auf jene Be­stimmung bes Vereinsgesetzes von 1850 beziehen, wonach Frauen unb Minberjährige von berTheilnahme an politt» schen Vereinen unb Versammlungen ausgeschlossen sinb; es soll ein bestimmtes Alter für biese Berechtigung zur Betheiligung festgestellt werben. Das foll wohl, wie es schon ftüher hieß, bas wahlfähige Alter, bas vollenbete 25. Lebensjahr sein? Vermuthlich aber wirb bie Vorlage noch Anberes enthalten. Jebenfalls sehen wir ihr mit betn äußersten Mißtrauen entgegen.

* Von beit Reichseinnahmen ist bie Wechselstempel­steuer bie erste, über welche ein Ueberblick des letzten Jahresergebnisses gegenwärtig vorliegt. Dieses Ergebniß ist für bas Etatsjahr 1895/96 burchaus nicht erfreulich. Es würben nach ber amtlichen Nachweisung an Wechselstempelsteuer 1894/95 8,144,837 Mark gegen 8,174,919.75 Mk int Jahre 1893/94 vereinnahmt. Das Jahr 1894/95 hat also gegen das Vorjahr ein Weniger von 30,082.75 Mk. ergeben. Es zeigt sich in diesen Zahlen die noch immer vorhandene wirth- schastliche Depression.

* Die überseeische Auswanderung aus Deutschland hat in den letzten beiden Jahren erheblich abge­nommen. Nach den amtlichen Ermittelungen sind von je 100,000 Einwohnern des Reichs über deutsche, belgische und holländische Häfen ausgewandert im