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Samstag, den 20. April 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhaltnngs-Heitagr „Sterne und Slumen".
in eine gewisse Selbständigkeit kommt. So ergibt beispielsweise unsere Statistik bei fast allen mit Trunksucht zur Behandlung kommenden Damen, daß dieselben als Kinder, an irgend einer Krankheit leidend, meist schwere Weine, wie Tokayer rc., verordnet bekamen; was der Arzt verordnet hatte, befolgten die Eltern später, um dem Kinde wieder Kraft zu geben, weiter; das Kind blieb fast immer bleichsüchtig und schwach und mußte immer mehr Wein bekommen, bis im eigenen Haushalte nach der Verheirathuug ohne jede Schranke getrunken wurde, und weitgehende organische und psychische Störungen die Anstaltbehandlung erforderlich machten."
Wir sehen hieraus, wie viel für unsere Nation gewonnen wird, wenn diese Unsitte abgeschafft wird. Wenn die geistigen Getränke der Kindheit und der Jugend während des Wachsens und der Entwickelung fremd bleiben, brauchen wir für die Erwachsenen nicht so große Besorgniß zu haben.
-m-. Sollen Kinder geistige Getränke erhalten?
Ein gemeinsamer Feind muß gemeinsam bekämpft werden. Ein solcher für Familie, Gemeinwohl und den Einzelnen gemeinsamer Feind ist der Alkohol. Schule und Haus müssen wie überhaupt bei der Erziehung des Kindes, so auch in dieser wichtigen Bekämpfung eines Todfeindes jeder Erziehungskunst Hand in Hand gehen. Nur zu ost muß die Thatsache festgestellt werden, daß der Grund zur Trunksucht in der Jugendzeit, nicht selten schon ganz früh oder int Knabenalter gelegt wird. Wie viele Mißgriffe geschehen da in vielen gewöhnlichen und in sogenannten besseren Familien! Da sah man jüngst, wie eine Mutter ihren 8 Monate alten Säugling einen kräftigen Schluck aus der Branntweinflasche thun ließ und der hoffnungsvolle Sprosse verzog keine Miene! Er mußte also schon an derartige „Stärkung" gewohnt sein. Für verständige Menschen kann es nur fraglich sein, ob Kinder ganz kleine Quantitäten der besseren alkoholischen Getränke trinken dürfen oder gar sollen. Selbst gegen den Nutzen von kleinen Gaben Bier und Wein an Kinder, auch gegen die Anwendung von Cognac sind in neuerer Zeit eine Reihe hervorragender Mediziner aufgetreten. Sie haben festgestellt, daß die Kinder schon in der Kindheit auch von den leichteren Getränken schweren Schaden haben, und daß durch die Gewöhnung dieser Schaden unberechenbar wird.
In vielen, vielleicht in den meisten Familien ist es Sitte, den Kindern bei den Mahlzeiten, oder bei Ausflügen und Festlichkeiten ein Gläschen Bier oder Wein zu geben, und diese Sitte artet oft dahin aus, daß die Kinder mehr als ein Gläschen erhalten, bis sie einen „Spitz" haben, oder daß sie auch ßiqueure und Branntwein zu schmecken bekommen. Natürlich meinen es die Eltern gut, sie betrachten diese Getränke auch für Kinder als unschädlich oder geradezu als stärkend, nährend, heilend. Oft genug werden sie ja auch ärztlich verordnet, und was der Arzt als vorübergehend anzuwendende Medizin in bestimmten Krankheitsfällen vorschrieb, wird leicht mißverständlich als tägliches Getränk beibehalten. In Familien, wo Jemand an Kurirsucht leidet, wird etwas Alkoholisches gar leicht Allheilmittel; und wie viele Familien gibt es, in denen nicht die Mutter, Großmutter oder die liebe Tante erst glücklich ist, wenn sie dem Doktor ins Handwerk pfuschen darf? Die Erwachsenen, die diese Getränke lieben und an ihre tausend und eine Tugenden gar gern glauben, sind ohne Weiteres davon überzeugt, daß ihre Kinder, um tüchtige Kerle zu werden, frühzeitig das nährende Bier, den edlen Wein oder gar das stärkende Schnäpschen vertragen lernen müssen.
Vor einiger Zeit erging nun an 100 der besten Sachkenner in dieser wichtigen Frage seitens des „Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger
Getränke" die Bitte um ein Gutachten, was sie von dem Trinken mäßiger Mengen der leichteren Alkoholgetränke bei den Kindern hielten. Darauf liefen 70 Gutachten ein; sie erschienen unter dem Titel: „Zum Schutz unserer Kinder vor Wein, Bier und Branntwein" (Hildesheim, 40 Pfg.). Mit Ausnahme von zwei Gelehrten stimmen alle in der Anschauung überein: Kinder bedürfen dieser Getränke nicht und vertragen sie nicht. Hören wir, was der Vorsteher des Hilda-Kinderhospitals zu Freiburg i. Br., Prof. Thomas, schreibt: „Ganz unzweifelhaft ist der Alkohol in jeder Gestalt, auch als leichtes Bier oder leichter Wein, ein Gift für das gesunde Kind. Er schädigt es schon deshalb, weil er ihm den Geschmack an der Milch, dem wichtigsten Kindernahrungsmittel, verdirbt und so seine Ernährung herunterbringt. Durch häufigen Genuß geistiger Getränke wird das Kind gewaltsam zum späteren Trinker erzogen und ihm dadurch die Gesundheit früher oder später gestört, das Leben verkürz:. Schon dem Säugling ist das Bier schädlich, welches die Amme genießt; seine Ernährung bessert sich nicht selten erst dann, wenn die Amme dem Bier- genusse entsagt. Aeltere Kinder verlieren durch geistige Getränke die geistige Frische neben der körperlichen; sie werden frühreif, lernen ungenügend, werden blutarm. Ihr Charakter wird nicht selten verdorben; früher sanftmüthig und lenksam, werden sie durch den Alkohol zornig aufgeregt, unlenksam. Alkohol-Entziehung bessert sie. Hartnäckige Magen- und Darmkatarrhe, nervöse Störungen leichterer Art bis tu nächtlichem Aufschrecken । und Aufschreien, Veitstanz und Epilepsie werden allein oder wesentlich durch Entziehung von Wein und Bier geheilt. Fortgesetzte Alkoholeinfnhr ist eine der schädlichsten Maßnahmen bei einem gesunden Kinde; nur unter ganz besonderen Umständen ist Alkohol ein Heilmittel für das kranke Kind. Ob er nöthig sei, mag erst der gewissenhafte Arzt nach genauer Prüfung aller Verhältnisse entscheiden."
Der Direktor der Prov.-Irrenanstalt in Bonn, Geheimrath Dr. Pelmann, schreibt: „Ich betrachte die Darreichung von geistigen Getränken an Kinder als einen Unfug, der dadurch nicht weniger nachtheilig wirkt, daß er mit Zustimmung des Arztes geschieht, und dem entgegenzutreten die Pflicht jedes verständigen Menschen ist. Ich hatte noch vor Kurzem Gelegenheit, ein noch nicht siebenjähriges Mädchen an Geistesstörung zu behandeln, die in direkter Folge von Champagner und bergt (Karneval) entstanden war."
Sollten wirklich die Kinder sich an die Alkohol- Reizmittel gewöhnen, so kommt leider nur zu oft später das alte Volkslaster des Deutschen, die Trunksucht, zum Vorschein. So urtheilt auch Dr. Smith, der Leiter der Trinker-Heilanstalt Schloß Marbach am Bodensee, wie folgt: „Ueberstehen wirklich die Kleinen die momentanen Gefahren der Alkoholzufuhr: der Keim zur Trunksucht ist allemal damit gepflanzt und die Gelegenheit, dieselbe zur Entwickelung kommen zu lassen, ergibt sich dann, sobald das Kind aus dem Elternhause
Vie Whlusg des WiengMers.
Roman von H. v. Remagen.
(52. Fortsetzung.)
„Das heißt, mein Leiden hat sich geändert; mit der Vernunft kehrte auch die Erinnerung wieder und die Erinnerung ist es, die mich quält!"
„Die Vergangenheit kann nicht ungeschehen gemacht werden; was bleibt uns Armen daher übrig, als sie zu vergessen?"
„Man vergißt nicht, wenn man von Gewissensbissen gequält wird," antwortete Ubald, das Gesicht in den Händen verbergend.
„Was sagst Du," versetzte Bosak ungestüm, „was sagst Du? Dein edles, großmüthiges Herz kann keine Gewissensbisse haben!"
„Höre," gab Hilda's Gemahl zur Antwort, und dabei ward er wie von inneren Konvulsionen geschüttelt, so groß war seine Erregung, „höre: als es in dem tiefen Dunkel meines Verstandes zu tagen begann, ging ich in Gedanken zu den ersten Tagen meines Glückes zurück; ich forschte nach Ursachen, die mir bis dahin unbekannt geblieben waren und leitete mit logischer Konsequenz ihre Wirkungen daraus ab. Wer Schierling säet, erntet Gift, grausames, tödtliches Gift!"
„Beruhige Dich! .... Du ängstigst mich!" rief
Bosak, mit Schrecken die konvulsivischen Zuckungen seines Bruders beobachtend.
„Gott strafe mich!" lieber Bruder.
„Und wird Sie von Neuem strafen, wenn Sie durch Ihre eigene Schuld wieder die Vernunft »edieren," unterbrach ihn der Arzt, plötzlich auf der Schwelle des Bibliothek-Zimmers erscheinend, und indem er auf den unglücklichen Ubald zuschritt und ihn scharf ansah, fuhr er fort: „Ihre Sensibilität, früher so träge, ist jetzt zu sehr erregt; es ist für heute genug .... Gehen Sie zu Bette ahne aufregende Gedanken!"
„Aber ich könnte kein Auge schließen zum Schlafe," entgegnete Ubald, nach und nach sich beruhigend unter dem Zauber, den der Blick des Greises auf ihn übte.
„Sie werden schlafen; ich werde bei Ihnen bleiben und Sie mit meinem Geplauder in Schlaf bringen. Gehen Sie nur."
„Erlauben Sie mir noch einen Augenblick."
„Gehen Sie, es ist spät."
Ubald wagte nicht mehr, sich zu widersetzen, sondern schritt folgsam der Thür zu.
„Ich sah es voraus, er roiib nicht mehr zur Vernunft zurückkehren, er ist verloren für immer," seufzte Bosak.
»Er ist geheilt!" rief ber Arzt, inbem er zum zweiten Male an biefem Abenb das Urtheil aussprach
Deutsches Reich.
Berlin, 18. April.
* Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst hat sich heute (Donnerstag) Abend für einige Tage nach feinem Stammsitze Schillingsfürst begeben.
* Die Arbeiten des Reichstages sind ber ,Nordd.
Allgem Ztg. jujoige nßry «... -----......3-
theilt, daß nach ber Erledigung des Gesetzentwurfs über die Abänderung des Zolltarif« die erste Beratb^-- Gesetzentwürfe, betreffend die Branntweinstem'r,^ den Sklavenraüb Und die südwestafrikanischen Schutztruppen, folgen. Sodann werden die Jnitiativ-Anträge berathen und erst nach Erledigung dieses Materials kommt die Umsturz-Vorlage zur zweiten Lesung.
* Frhr. v. Hammerstein, der Cheftedakteur der ,Kreuzztg.', erläßt in diesem Blatte eine Erklärung: Nach der Feststellung durch das Komitee der ,Kreuzztg.', daß die Behauptungen ber Frankfurter .Kleinen Presse' über unreblidje Gebahrung des Herrn v. Hammerstein mit ben Finanzen der ,Kreuz- ztg.' unwahr seien, ließen ihn die Verleumdungen völlig kalt, „so lange dieselben sich als das an o n y m e Mach- werk einer Gesellschaft darstellen, die, wie schriftliche, in meinen Händen befindliche Beweisstücke dar- thun, schon seit längerer Zeit an der Arbeit ist, durch Bestechung mit hohen Summen Aussagen gegen mich zu erkaufen." Zwar halte er a priori die gegen Mitglieder der konservativen Partei gerichtete Insinuation, die Urheber der Angriffe in bet Kleinen Presse' zu sein, für unbedingt lügenhaft, wolle aber zur Klarstellung hiermit die ,Kl. Pr.' ausdrücklich aufgefordert haben, die Namen der betreffenden Herren zu nennen oder diese zu veranlassen, mit ihren Namen hervorzutreten. Erst wenn dieser Aufforderung entsprochen sei, würde er ber Angelegenheit noch weitere Beachtung schenken. — Aus ber letzten Bemerkung könnte man fast schließen, Herr v. Hammerstein wolle
unb ohne weiter ein Wort hinzuzufügen, bem Zimmer bes Erstgeborenen ber Grafen von Barges zuschritt.
17.
Der Arzt hatte bie Wahrheit gesprochen: Ubald war geheilt; sein Geist umnachtete sich nicht mehr; außer der tiefen Traurigkeit, bie gleichsam an feiner Seele festwurzelte unb ihn oft büfter unb schweigsam machte, zeigte er eine große Geistesstärke, richtiges Urtheil unb ein vernünftiges, ruhiges Betragen.
Nach der Abreise des Arztes blieben die Brüder vereinigt, sich gegenseitig tröstend; und indem sie wetteiferten in Werken des Wvhlthuns gegen die Armen in der Nachbarschaft, besänftigten sie ihre eigenen Leiden im Anblicke fremden Elendes. Freundlich gegen Alle, wurden sie von Allen geliebt und gesegnet.
Bisweilen, wenn Ubald allein in dem schattigen Parke umherirrte, kam Hilda's Name über seine Lippen, und die Erinnerung an das Weib, das ihn verrathen hatte, ermannte ihn derart, daß er sich zu Boden warf und, den Kopf in das dürre Laub bergend, in laute« Schluchzen ausbrach.
Er litt entsetzlich; aber entsetzlicher als seine Leiden waren die seiner schuldbeladenen Gemahlin.
Traurig schlichen die Tage dahin für die beiden Einsiedlerinnen in ber Hütte. Warb bie Gräfin auch von Tag zu Tag schwächer unb kraftloser, so schleppte