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Freitag, den 19. April 1895

22. Jahrgang

mit Untrrhaltrmgs-KeUage „Sterne nud Klnmrn"

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mart 50 Pfennia Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Ps„ Reklamen hj.e Mitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Ubald saß weit zurückgelehnt in einem großen, reich geschnitzten Sessel. Der unglückliche Gemahl Hildas war noch immer ein schöner Mann; seine edlen Züge erhielten durch den melancholischen Ausdruck seines Auges und die düstere Wolke, welche seine Stirn überschattete, eine noch höhere Schönheit. Neben ihm saß der Arzt. Dieser war frühzeitig gealtert; der in ihm arbeitende Geist zerstörte die Materie, die Seele nützte den Körper ab. Beinahe elf Jahre des Wahn­sinns hatten die physische Erscheinung des Grafen von Varges nur wenig verändert; beinahe elf Jahre eifrigen Nachdenkens und beharrlichen Studiums über die schlimmste aller menschlichen Krankheiten halten die Haare des unvergleichlichen Schülers des Aeskulap gebleicht und seinen Rücken gekrümmt.

Der Arzt gab sich den Schein zu lesen, während er den Grafen verstohlen beobachtete. Mit einem

Zwei Stunden später sehen wir auf silbernem mächtigen, magnetischen Blick zu begegnen, der so

Leuchter vier Kerzen, welche das Bibliothekzimmer des vielen Einfluß, so viele Gewalt über die ungeordneten

Schlosses erleuchten und ihren hellen Schein auf das 1 " r - - '** •'** - - ■ - - -

blasse Antlitz des Erstgeborenen derer von Varges werfen.

„In der That . . . Was geht es mich an?"

„Aber, erwarten Sie nicht jemanden? Wenn es Ihr Bruder wäre?"

„Wirklich, Sie sagten mir, er würde diesen Abend hier ankommen," sagte Ubald, sich am Kinn zupfend.

„Herr Graf!" rief der Arzt laut.

]-[ Das Centrum und die Umsturz- Vorlage.

Der von uns bereits in Nr. 87 der,Fuldaer Ztg/ gewürdigte Artikel des ,Hamb. Korr.' über „das Centrum und die innere Lage" findet sehr viel Be­achtung. Obwohl sich aus der ganzen Tonart und aus den kaum versteckten Angriffen auf die Regie­rung ergi|fr -daß der Artikel nicht die Auffassung der letzteren wiedergibt, so wird er doch von mittelpartei­lichen Blättern für offiziös gehalten. Dieser Meinung wird wohb-die am Dienstag Abend in der ,Nordd. Allg. ZtK? enhaltene, zweifellos offiziöse Ent­gegnung fluf den Artikel des Hamburger Blattes ein Ende machen. Die offiziöse Entgegnung richtet sich zunächst gegen die Annahme des Gewährsmannes des ,HamkM^c Korr.', daß die Regierung die Um­sturzvorlage auch in der Gestalt, die sie durch die letzten Kommissionsbeschlüsse erhalten hat, für an­nehmbar zu erachten scheine, und sodann gegen das Gerede voy. einer dem Centrum zu gewährenden „Gegenleistung". In ersterer Beziehung wird be­tont, daß die Regierung zwar ein lebhaftes Interesse an dem Zustandekommen des Gesetzes nehme und den Triumph, die Sozialdemokratie andernfalls davon­tragen würds, vereitelt zu sehen wünsche, dagegen keineswegs „sämmtliche Beschlüsse" der Umsturz- Kommission ohne Ausnahme zu ratifiziren bereit sei. Das Centrum habe in der Kommission neben dankens- werther positiver Mitarbeit auch einige besondere Parteiwünsche" durchgesetzt; diese Beschlüsse seien auf liberaler Seite aber mit Unrecht für das „Siegel" der ganzen,Kommissionsfassung ausgegeben und daran die Erhebung eines allgemeinen „Kriegsrufs gegen den Ultramontanismus" geknüpft worden. Diese scharfe Weiterbildung der Situation sei von der re­gierungsfreundlichen Presse (d. h. von der offiziösen ,Nordd. Allg. Ztg.') zurückgewiesen, weil die Einigung der in Betracht kommenden Parteien, nicht die erbitterte Befehdung in den dringenden Wünschen der Regierung liegen müsse. Das sei bis zur Stunde die Lage; die Frage, wie sich die Regierung im ! Einzelnen zu den Kommissionsbeschlüsse'n stellen werde, sei — über Andeutungen hinaus — noch gar nicht behandelt. Das Regierungsorgan läßt diese Frage auch in ihrem ersten Artikel noch offen, indem es sich nach diesen Ausführungen ohne Weiteres dem zweiten Punkte, der Frage der „Gegenleistung" zuwendet.

In dieser Beziehung wird zunächst darauf hinge­wiesen, daß das Centrum wiederholt gegen die Unter­stellung, es treibe Schacherpolitik, Einspruch erhoben hat, und dann betont, daß die Sozialpolitik, auf deren Gebiet ja nach dem ,Hamb. Korr.' die „Gegen­leistung" für das Centrum gesucht werden sollte, bis­her auf die kräftige Anregung des jetzt regierenden Kaisers, wie der Botschaft Wilhelms I. zurückgeführt wurde; es sei neu, ihre Förderung als „Konzession"

Male legte er das Buch nieder und näherte sich dem armen Ubaldus: „Woran denken Sie?" fragte er, ihm scharf in's Auge blickend.

Hildas Gatte schloß die Augen, um nicht diesem

Gedanken seines Geistes hatte und stammelte furchtsam: „Ich dachte . . . dachte . . ."

„Woran, mein Sohn?" fragte der Arzt in mil­destem Tone.

„An die Vereinsamung dieses Hauses."

„Es ist nicht so vereinsamt, als Sie glauben. Ich höre in dem Nebenzimmer den Schall von Tritten."

„Es ist mein alter Lehrer, der auf und ab geht."

„Sie täuschen sich; das ist nicht der langsame und gleichmäßige Schritt eines alten Mannes."

„Dann wird's der Kammerdiener sein."

„Der ist in's nächste Dorf gegangen."

„Sind Sie denn gar nicht neugierig, zu erfahren, wer es ist?"

Sie ErMmg de« totrngräto

Roman von H. v. Remagen.

(51. Fortsetzung.)

i an das Centrum ausgefaßt zu finden, „lediglich weil diese Partei das genannte Gebiet ebenfalls mit Eifer pflegt und sich so nothgedrungen mit den Absichten der Regierung im Einzelnen mehr oder minder — mit Unterschieden in den Fragen des Tempos rc. (wir wünschen allerdings ein schnelleres Tempo!) — 6egegnen muß."

So das offiziöse Blatt. Wir können an die letztere Bemerkung desselben nur den Wunsch knüpfen, daß diese „nothgedrungene" Begegnung des Centrums mit der Regierung auf dem sozialpolitischen Gebiete recht bald stattfinden möge. Im Uebrigen sind auch wir, wie bereits erwähnt, der Meinung, daß sozialpolitische Maßnahmen der Regierung niemals als eine „Gegen­leistung" an das Centrum aufgefaßt werden können.

Nicht beantwortet hat das offiziöse Blatt, wie be­merkt, die Frage, wie sich die Regierung zu den ein­zelnen Kommissionsbeschlüssen stellt; es geht aber doch aus den Bemerkungen des Artikels über die wünschens- werthe Einigung der Parteien u. s. w. hervor, daß die Regierung die „ultramontane Redi- girung" der Umsturzvorlage keinesfalls so tragisch nimmt, wie der Liberalismus, und * kaum geneigt scheint, wegen der Zusätze der Kommission das ganze Gesetz preiszugeben. Damit ist aber nicht gesagt, daß dieser kühl-erwögende Standpunkt des ver­antwortlichen Leiters der Reichspolitik schließlich auch der maßgebende bleiben werde. Die Einflüsse unverantwortlicher Rühgeber des Kaisers spielen ja bekanntlich seit fünf Jahren bei uns eine große, oft genug ausschlaggebende Rolle. Man braucht sich da nur an die Zurückziehung des preußischen Zedlitz'schen Schulgesetzes zu erinnern, die bekanntlich auf die persönlichen Einwirkungen eines außer- preußischen, nämlich des badischen Fürsten auf Wilhelm Ii. zurückgeführt wurden. Es gibt zu denken, daß auch jetzt wieder in Baden der Widerspruch gegen die angeblich „klerikal-konservative" Redigirung der Umsturzvorlage einen Widerhall in amtlichen Kreisen findet. Die amtliche ,Karlsruher Ztg.' billigt nämlich die Absicht der badischen National­liberalen, Protestkundgebungen gegen die Kommissionsfassung der Umsturzvorlage zu veran­stalten, empfiehlt ihnen allerdings in diesen Kund­gebungen „neben der Ablehnung der gegenwärtigen Fassung auch die Bereitwilligkeit zur Mitarbeit bei der Schaffung eines zweckentsprechenden Gesetzes zum klaren Ausdruck kommen zu lassen." Wir haben schon früher betont, daß die Mitwirkung der National- liberalen nicht nothwendig ist, wenn' die etwas mehr rechtsstehende Reichspartei, ebenso wie deren Ver­treter in der Kommission, bei der Schlußabstimmung für das Gesetz selbst in seiner „ultramontanen Re­daktion" stimmen werde. Das Organ dieser Partei, die ,Post', veröffentlicht nun einen Artikel zur Be­kämpfung der „Centrumsbeschlüsse", der in dem Satze gipfelt: „Auf die Beseitigung der Centrums- zusätze wird daher mit aller Kraft Bedacht genommen

werden müssen, selbst auf die Gefahr hin, daß jetzt wenig oder gar nichts Positives erreicht wird. Das ist der einzige Satz in dem Artikel, aus dem man schließen könnte, daß die Reichspartei, wenn die „Beseitigung der Centrumszusätze" nicht gelingt, das ganze Gesetz ablehnen werde. Indessen ist es doch noch fraglich, ob dieser Schluß nothwendig ans der Bemerkung: „selbst auf die Gefahr hin, daß . . . nichts Positives erreicht wird", abgeleitet werden muß, und wenn ja, ob die Reichspartei sich schließlich in diesem Sinne entscheiden wird.

Es sollte uns indessen herzlich wenig bekümmern, wenn thatsächlich das Gesetz schließlich an der ab­lehnenden Haltung der Reichspartei scheitern sollte. Wir haben nicht nach diesem Gesetze verlangt, sind auch im weiteren Verlaufe der Dinge stets von Begeisterung für diese Art, den „Umsturz" mit Strafparagraphen zu bekämpfen, frei geblieben und haben lediglich das Bestreben der Centrumsfraktion, die Vorlage namentlich dahin zu verbessern, daß nicht in erster Reihe die Opfer der glaubenslosen „Wissenschaft" und sitten­losen „Kunst", sondern die Schuldigen selbst, die Ver- f ü h r e r des Volkes, getroffen werden, billigen müssen. Was das Centrum in dieser Richtung in der Kom­mission erreicht hat, ist zweifellos das Allermindeste, was das Centrum verlangen muß, soll nicht die ganze Vorlage für das Centrum unannehmbar bleiben!-

Deutsches Reich.

Berlin, 17. April.

* Der Kaiser gewährte gestern Mittag dem eng­lischen Maler Cope eine Portrait-Sitzung. Nachmittags um 3 Uhr stattete der Kaiser der Königin von Sachsen eine» Besuch ab. Heute früh hörte der Kaiser den Vortrag des Wirkt. Geh. Rathes Dr. Lucanus und gewährte bann dem englischen Portraitmaler Cope aber­mals eine Sitzung. — Das Befinden der Kaiserin hat sich erheblich gebessert, doch hütet sie aus Schonungsrücksichten vorläufig noch das Zimmer.

* Das preußische Staatsministerium hat, wie offi­ziös mitgetheilt wird, seine Berathnngen über den Gesetzentwurf gegen den unlauteren Wett­bewerb beendet. Die Vorlage dürste binnen Kurzem dem Bundesrathe zugehen. Der Entwurf sei den Wünschen der Interessenten entsprechend mehrfach abgeändert worden.

* Der ,Reichsanzeiger' stellt gegenüber der ,Kons. Korresp.' fest, daß die Anträge Kanitz im Staatsrathe an vier Sitzungstagen, und außerdem noch in einer besonderen Kommission berathen wurden. Die Ein­setzung einer Kommission erfolgte einerseits, um der Auf­fassung derjenigen Mitglieder Rechnung zu tragen, welche die ablehnende Haltung ausführlicher begründen wollten, anderseits um sämmtliche Abhilfsmaßregeln zusammen- zufasien. Mit Rücksicht hierauf sind weder die beiden Referenten noch Freiherr von Minnigerode und die

Unmittelbar daraus öffnete sich die Thür des Bibliothekzimmers, und Bosak trat ein, bleich im Gesicht und peinlich bewegt; in der Mitte des Zimmers blieb er stehen.

Beim Anblick seines Bruders blieb Ubald regungslos in den Sessel zurückgelehnt mit halb geschlossenen Augen sitzen. Diese Bewegungslosigkeit flößte dem Arzte schwere Befürchtungen ein und erfüllte Bosak's Seele mit tiefem Schmerze: Ubald fiel also wieder ;ener Geisteserschlaffung anheim, die ihn stumpfsinnig machte und der Vernunft beraubte.

„Nein, es kann nicht sein," rief der Arzt, ver­zweiflungsvoll sich an die Stirn schlagend. Dann eilte er auf Ubald zu, entschlossen, ein äußerstes Mittel zu wagen, um den Unglücklichen der anscheinend ihn effelnben Apathie zu entreißen. Als er jedoch an eine Seite gelangt war, trat er sofort wieder zurück, und sein Gesicht ward durch einen Strahl inniger, mitleidsvoller Freude verklärt.

Ubald saß da, unbeweglich, die Augen fest ge- chlosien, die Hände auf das Herz gedrückt, und reich- iche Thränen flössen über feine Wangen!

„Sehen Sie, wie fein Gefühl erweckt wird durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ich lasse Sie mit ihm allein, er ist geheilt," flüsterte der Arzt Bosak in's Ohr.