Mittwoch, den 17. April 1895
22. Jahrgang
illdierWZkituiia
__________mit «nterchaltungs-Srilagr „Sterne und Klumen«.
Deutsches Reich.
schwankend still, da ihre Knie anfingen, ihr den Dienst zu versagen.
Jenseits des Gitters auf einem großen Steine saß ein Mädchen von etwa zehn Jahren, welches zwei kleine Weißbrode auf dem Schooß hatte und beschäftigt war, ein drittes zu zerbröckeln und die Brodsamen auf das Gras zu werfen.
„Kind, warum verdirbst Du das Brod so muth- willig?" sagte Luise und trat zu dem Mädchen.
„Das Brod ist mein; was geht es Dich an?"
„Bring es Deiner Mutter und wirf es nicht so weg."
„Denkt nur! Meine Mutter hat Brod, um Dich vom Kopf bis zu den Füßen zu bedecken; weißt Du nicht, daß ich das Kind des Gärtners bin?"
Wenn Deine Mutter Brod und Du keinen Hunger hast, so verkaufe mir dies. Hier hast Du einen Sou, ich habe nicht mehr", antwortete Luise sanft.
„Nein, durchaus nicht; der Lehrer des närrischen Grafen hat es mir gegeben, daß ich's den Vögeln streuen soll", antwortete das Kind und verbarg es hinter seinem Rücken.
„Ob Du willst oder nicht, Du verkaufst mir dies Brod", versetzte Luise entschlossen vortretend.
„Du bekommst es nicht, Du wüste Zigeunerin!"
fluten.. — Und noch eins! Die Sekundanten des Herrn v. Reischach, der bekanntlich Kammerherr der Kaiserin Friedrich ist, waren Fürst Karl Egon zu Fürstenberg und Fürst Lichnowsky — beide dem Namen nach katholisch! Solche hochstehende Personen geben der Welt das Aergerniß, daß sie sich in so scharfer Weise gegen die staatttchen und gegen die kirchlichen Gesetze vergehen. Und das noch gar am Charsamstage' zur Zeit des „Kampfes für Religion, Sitte und Ordnung"!!!
* »An jenem Tage wurden Herodes und Pilatus Freunde" — nämlich Nationalliberale und Freisinnige nebst Demokraten angesichts der Umsturzvorlage. So lange die Vorlage „nur" gegen den vierten Stand und wie die Post' zart andeutete, gegen die „ultramontanen Umtriebe" gerichtet erschien, hatten die Nationalliberalen < allenthalben ihre helle Freude daran, nachdem es aber ; gelungen ist, auch Bestimmungen gegen die Quelle i des Umsturzes, die gottentfremdete und gottesfeindliche = Afterwissenschaft, hineinzubringen, erheben diese selben I Leute ein Mordgeschrei über Reaktion, Verfinsterung, ! Auslieferung des modernen Staates an die Jesuiten ; und wie es sonst in der famosen Schimpflitanei weiter ' he'-ßt. Der „Musterstaat" Buden geht, wie immer, ; wenn es gegen das positive Christenthum sich richtet nut „gutem Beispiele" voran. Aus Karlsruhe wird berichtet: Die nationalliberale Parteileitung richtet an alle Gesinnungsgenossen das Ersuchen, in Versamm- - lungen und Resolutionen der Meinung Ausdruck zu : geben, daß die Umsturzvorlage in ihrer "jetzigen Gestalt ; völlig unannehmbar sei. Diese Lorbeeren lassen die Frankfurter Demokraten und Freisinnigen nicht schlafen sie haben am Mittwoch in derS tadtverordneten- Versammlung folgende Resolution eingebracht: „ Die Stadtverordnetenversammlung befürchtet von der Annahme der sogenannten Umsturzvorlage nicht nur eine Verschärfung der Klassengegensätze und die Gefährdung von Kunst und Wissenschaft, sondern auch eine schwere Schädigung mancher Erwerbszweige, besonders der in unserer Stadt so hoch entwickelten graphischen Gewerbe; sie hält sich deshalb für berechtigt und verpflichtet, sich dagegen zu verwahren, und spricht die zuversichtliche Erwartung aus, daß der Reichstag dem unheilvollen Gesetz seine Zustimmung versagen werde." Bei der Zusammensetzung der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, die von Juden Gnaden ist, ließ sich nichts Anderes erwarten, als die fast einstimmige Avfiahme der Resolution, welche auch erfolgte, obwohl ste über die Kompetenz der Versammlung, die keine Politik zu treiben hat, offenbar hinausgeht.
* Der Entwurf eines Bankdepot-Gesetzes, der laut öer ,Nat.-Ztg.' als „Entwurf eines Gesetzes über die Pflichten der Kaufleute bei Aufbewahrung fremder Werthpapiere" bezeichnet werden wird, soll zugleich mit dem Börsengesetze zur Berathung im Bundesrathe gelangen, so daß beide Entwürfe zusammen dem Reichstage zur Beschlußfassung zugehen können.
* An der internationalen Flottenschau, welche am
1 20. Juni bei der Eröffnung des Nordostsee- > Kanals stattfinden foll, werden sich, wie der Post' I aus Schleswig - Holstein geschrieben wird, 28 Schiffe 1 | der deutschen Marine mit 364 Offizieren und 9407 Mann ! betheiligen. Außerdem werden 13 andere seefahrende j Nationen mit ungefähr 50 Kriegsschiffen, 12 Admiralen, 750 Offizieren und 16,000 Mann Besatzung ihre j Flaggen auf der Kieler Föhrde entfalten. Das Pro- I gramm für die Eröffnungs-Feierlichkeiten i ist festgesetzt worden. Zu den Berathunaen über das i Programm hatten am Samstag Nachmittag im Hof- i marschall-Amte der Reichskanzler, die Staatssekretäre ! die preußischen Minister und 2 Vertreter der Kanalbau- i Kommission aus Kiel Einladungen erhalten. Soweit i rvan bisher über die Einzelheiten des Programms er- ■ fährt wird der Kaiser mit den geladenen Gästen am
Abend des 20. Juni, nachdem in Hamburg das große Festessen stattgesunden hat, an der Spitze der verschiedenen Dampfer, die an der Durchfahrt durch den Kanal theilnehmen sollen, nach Brunshausen an der Kanal- mundung fahren. Von hier aus erfolgt die Abfahrt am 21 Juni Morgens 3 Uhr. An der Fahrt werden etwa 25 Schiffe theilnehmen. Vorauf der Aviso „Grille" i VE dre Kaiseryacht „Hohenzollern" mit dem Kaiser | °"P°rd der „Kaiseradler" (die frühere Yacht „Hohen- zollern ) mit den deutschen Königen und Großherrögen > der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Kaiser Wil- - Helm II" mit den übrigen deutschen Fürsten, die fremden i Yachten und Avisos mit den ausländischen Admiralen (bestimmt angemeldet sind seither die englischen Yachten „Osborne" und „Enchantreß" und die italienische „Savoia ), schließlich vier weitere Dampfer des Nordd ^loyd und der Hamburg - Amerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit den Mitgliedern des Reichstaas und des preußischen Abgeordnetenhauses. Ob das Panzerschiff „Wörth", dessen Kommandant Prinz Heinrich von Preußen ist, sich an der Durchfahrt betheiligen wird, m welchem Falle es jedenfalls den Schluß bilden wurde, ist noch nicht bekannt. Die Schiffe werden in Abständen von 10—15 Minuten die Schleuse zu Brunsbüttel passiren und in denselben Abständen den Kanal durchfahren, ohne die Fahrt zu unterbrechen. Bei Rendsburg, wo die „Hohenzollern" voraussichtlich um 10 Uhr Vormittags vorbeikommt, wird die dortige Garnison am Ufer in Parade stehen und den Kaiser mit Hurrah begrüßen. Um 1 Uhr soll die „Hohenzollern" in Holtenau eintreffen, wo um 2 Uhr die Feier der Schlußsteinlegung beginnen wird. Die letzten Schiffe dürsten indessen kaum vor 6 Uhr Abends die Schleuse von Holtenau passiren. Alle anderen Einzelheiten sollen erst noch festgestellt werden, und erst dann wird der Plan der Genehmigung des Kaisers unterliegen.
Ausland.
* Rom, 14. April. Der Termin für die i t a l i e n i s ch en Parlamentswahlen ist bekannt gemacht worden und die Agitation wird auf das lebhafteste betrieben. Das Ergebniß jedoch wird für die Opposition nicht
gesprochen hat in Bezug auf die Rückkehr des Grafen von Barges."
Luise machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe und verließ die Hütte; geflügelten Schrittes eilte sie leicht dahin durch das Haide- und Brombeergesttäuch Sie beabsichtigte, sich unbemertt dem Hause des Pächters zu nähern, um Nachricht von Nikola zu erhalten, und dann an die Thür des Schlosses zu klopfen und Brot für eine arme Kranke zu verlangen. Der Himmel war mit Wölkchen, dunklen und hellen überzogen. Das arme Mädchen schritt, von geheimnißvollen "Befürchtungen ergriffen, vorwärts, als plötzlich eine nur zu bekannte Stentor-Stimme an ihr Ohr drang; es war Moritz Um eine Begegnung mit dem Bauern zu vermeiden verbarg sie sich zitternd hinter einem Strauche; der Pächter kanr dicht an denselben vorbei, und sie hörte ,hn im Vorübergehen mit dem Waldhüter sprechen
„Er geht nach Hause zurück; da kann ich von Nikola nichts erfahren", dachte Luise und schlug ohne Verweilen die Richtung zum Park.
Ach! 'wie schlug ihr das Herz! Wenn man sie abschlägig beschiede? Wenn man sie als Vagabundin festsetzte? Sie würde sterben vor Scham! Allmählig, je näher sie dem von den Wappen der Varges überragten Eisengitter kam, ward ihr Schritt langsamer und als sie dasselbe endlich erreicht hatte, stand sie
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Berlin, 15. April.
* Die Uebersiedelung des kaiserliche» Hoflagers von Berlin nach dem Neuen Palais bei Potsdam wird am nächsten Freitag stattfinden.
Ä *, "Aus bestunterrichteten authentischen politischen Kreisen Berlins" will der ,Hamb. Korr.' erfahren haben, daß „die Unvereinbarkeit der Tendenzen des Jesuiten-Ordens mit der deutschen Politik des Kaiserhauses nach wie vor als Axiom (Thatsache) gelte", eher sei mit einem Entgegenkommen gegen die lu^u^politischen Wünsche des Centrums als „Gegenleistung' zu rechnen. Dieses Entgegenkommen wäre ja recht erfreulich, aber eme „Gegenleistung" wäre das mcht; denn wenn die Regierung nicht auf dem Boden der vom Centrum vertretenen Sozialpolittk stände, würde sie gewissenlos handeln, wenn sie trotzdem auf diesem Boden gesetzgeberisch vorginge; ! cheun sie dagegen schon bisher auf diesem sozialpoli- \ tischen Boden stand, dann wäre es ebenso gewissen- ' los von ihr, ein gesetzgeberisches Vorgehen in dieser I Richtung von dem Verhalten irgend einer Partei ab- • Hüugig zu machen Was nun die „Unvereinbarkeit der > Tendenzen des Jesuiten Ordens mit der deutschen i Politik des Kaiserhauses" angeht, so wollen wir ! die „Unvereinbarkeit" auf sich beruhen lassen, denn } diese Redensart ist gar zu albern, als daß sie einer ! Widerlegung bedürfte. Was aber die Unvereinbarkeit - der Jesuiten mit der deutschen Politik des Kaiser- Hauses praktisch bedeuten soll, ist unerfindlich. Denn eL9!?Vetne "kaiserliche Politik" und erst recht keine ",Politik des Kaiserhauses". Der Kaiser ist durch die Verfassung gehalten, jedem Gesetze, das vom Reichs- tage und vom Bundesrathe angenommen ist, seine Unterschrift zu geben. Seine Macht beschränft sich darauf, die 17 preußischen Stimmen im Bundesrathe, der im Ganzen 52 Stimmen umfaßt, nach dieser oder jener Richtung hin abgeben zu lassen. Das vermag er also nur als König von Preußen, als deutscher Kaiser aber vermag er, nach der Verfassung, für die deutsche Politik den Ausschlag nicht zu geben. Im Uebrigen sagen wir zu der Meldung des ,Hamb. Korr.' einfach: Abwarten!
* Zwischen dem Ceremmienmeister v. Kotze und dem Kammerherrn v. Reischach fand am Samstag m Berlin ein Duell statt, v. Kotze erhielt einen Schuß durch den Oberschenkel. Die Wunde ist nicht gefährlich. Es wird aber jedenfalls einige Wochen dauern, ehe Herr v. Kotze die übrigen Duelle, von denen man spricht, wird ausfechten können. Mit der m dieser Sache von Anfang an geübten Wichtigkeit berichten Berliner Blätter, daß sich der Unionklub in einer geheimen Sitzung mit der Angelegenheit beschäftigt hat. Was sagt denn die Polizei dazu? Das Duell ist doch gesetzlich verboten, oder gilt dieses Gesetz für gewisse Personen nicht? Wir haben sonst immer geglaubt, daß alle Deutschen vor dem Gesetze gleich viel
Die EWInug -es To-teuMees.
Roman von H. v. Remagen.
(49. Fortsetzung.)
XVI.
„Die Sonne geht unter und er kommt nicht," sagte Luise, in die Thür der Hütte tretend.
„Er wird auch nicht kommen; ich fürchte es nur zu sehr," seufzte bte Gräfin.
„Warum fürchten Sie es, Madame?"
„Ich weiß es nicht; mein Herz sagt es mir, er wird mcht kommen!"
, »^enn es so ist, kann ich nicht die Hände in den Schooß legen, während meine Herrin vor Hunger stirbt und mir selbst die Kniee zittern vor Schwäche . Ich will gehen, Brod zu bekommen."
„Wo?"
„Ich weiß es nicht."
„Im Dorfe?"
„Wenn ich dahin komme! .... Allein das Dorf fit wett; ich werde anderswohin meine Schritte lenken muffen ; ach, gnädige Frau, was thäte ich nicht Alles für Sie!"
,, "GH', Deine Anhänglichkeit wird nicht unbelohnt bleiben! ruf bte Gräfin und setzte zögernd hinzu: „Frage . . . forsche nach . . . ob Moritz die Wahrheit