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Beilage Iuv Wulöser Leitung.

JS 86

Sie SrWm- des WtmMtt».

Roman von H. t>. Remagen.

(48. Fortsetzung.)

Als die Gräfin ihren angenommenen Namen ver­nahm, wich sie bis zur Thür zurück. Die Wahrheit zu gestehen, war sie wenig stolz auf die ihr an­gebotene Ehre.

„Ihr seid nicht bei Trost, lieber Moritz," sagte Luise zornig, „Ihr seid nicht bei Sinnen. Geht anders­wohin; Marie kann Euer Weib nicht werden."

„Und warum nicht, Fräulein Naseweis?" schrie der Bauer wüthend.

„Weil Marie nicht heirathen will."

„Dummes Zeug! . . . Alle Mädchen sagen so, und dann nehmen sie den Ersten, den sie kriegen können . . . Marie wird mein Weib, und Ihr, wenn Ihr ein bischen Grütze im Kopfe habt und an Eure Zukunft denkt, Ihr heirathet den Nikola."

„Das fehlt noch!" rief Luise, außer Stande, sich zu beherrschen.

„Da ist nichts zu lachen. Alle Beide miteinander habt Ihr nichts auf der Welt, was Ihr Euer Eigen- thum nennen könnt und werdet Euch nicht zieren wollen. So gute Partieen bieten sich nicht zum zweiten Mal dar. Was sagst Du dazu, Marie? Du bist ver­nünftiger als dieser Springinsfeld und wirst dem Glück keinen Fußtritt geben! Wohlan denn, antworte, warum stehst Du so stumm und hölzern da?"

Die Gräfin wußte vor Staunen und Ekel nicht mehr, wo sie stand und bemerkte in bitterem Tone: „Schämt Euch, Ihr seid ein garstiger Mensch und mißbraucht unsere Schwäche."

„Was? Schämt Euch! schämt Euch! Mit Euren Dummheiten werdet Ihr mich noch wild machen vor Wuth. Was nehmt Ihr Euch heraus? Ich bin keinen Widerspruch gewöhnt und lasse mir freche Antworten nicht ruhig gefallen."

„Seid doch vernünftig," warf Luise in der Absicht, den Barler zu beruhigen, dazwischen, „seid vernünftig und laßt uns Zeit zum Ueberlegen."

„Auf der Stelle will ich Antwort, auf der Stelle! Ja oder nein ... Ich habe keine Lust, für einen verkommenen Menschen gehalten zu werden; die bösen Zungen klatschen über uns; wenn ich sagen kann: in zehn Monaten ist Marie meine Frau, so wird den Verleumdern das Maul gestopft."

„Den künftigen Verleumdern! denn bis jetzt kennt uns Niemand, Niemand hat uns gefehen," verfetzte Luise. „Ich möchte wissen, wen Ihr mit den Ver­leumdern meint. Der alte Herr, welcher im ersten Stocke des Schlosses wohnt, kommt niemals hierher und weiß wahrscheinlich nicht einmal, daß Ihr auf der Welt seid. Die Beschließerin geht gar nicht aus. Der Gärtner und der Parkhüter bekümmern sich keinen Deut um Eure Angelegenheiten. Wer schwätzt denn nun?"

„Ihr seid gut unterrichtet, Ihr Zungendrescherin, aber eins wißt Ihr nicht ... Ihr wißt nicht, daß die Herrschaften morgen zurückkommen; und wenn man

Sonntag, öen 14. April 1895.

ihnen sagt, daß der Pächter Moritz krumme Furchen zieht, würden sie nicht viel Federlesens mit mir machen. Ich kenne sie zwar nicht, ich habe dieses Gut gepachtet während ihrer Abwesenheit; allein ich weiß, sie haben alle Beide ein verdrehtes Gehirn und heftige Manieren, auch sollen sie nicht die beste Meinung von den Weibern haben. Man erzählt sich eine gewisse Geschichte . . ."

„Hört auf! Seht Ihr nicht, daß Maria ohnmächtig wird?" rief Luise, der Gräfin zur Seite eilend.

„Du machst sie noch krank", bemerkte Nikola erzürnt.

„Meinst Du, ich glaube an solche Ohnmächten?" erwiderte der Bauer heftig, dann fuhr er in ent­schiedenem Tone fort: „Um es kurz zu machen: ich will Geduld haben bis morgen Abend, verstanden? . . Gebt Ihr mir morgen eine günstige Antwort, so halten wir ein Fest; wenn nicht, so macht Euch fertig und schnürt Euer Bündel, dann setze ich Euch vor die Thür, und Ihr könnt ziehen mit Gott . . Mir geht der gute Ruf über alles, und ich will ihn nicht verlieren wegen Eurer schönen Augen."

Am folgenden Morgen verließ Moritz bei Tages­anbruch das Haus, mit dem Versprechen, gegen Abend zurückzukommen. Zwei Stunden später finden wir Hilda und Luise verwirrt und niedergeschlagen neben­einander sitzen, in dem ohnmächtigen Bestreben, einen Ausweg aus dem Labyrinth zu finden, in das sie sich so plötzlich versetzt sahen, während die kleine Ursula sie munter spielend umsprang und der arme Bucklige seufzend in der Ecke saß.

„Ach, was fangen wir an. wir armen Geschöpfe!" unterbrach die Gräfin das düstere Stillschweigen.

„Vorwärts! Gott wird uns einen Weg bahnen," versetzte Luise muthig.

„In diesem Hause können wir nicht bleiben, und ich will auch jetzt, da Ubald zurückkehrt, mich nicht entfernen," flüsterte Frau v. Barges dem Mädchen in's Ohr.

„Wer weiß, ob Moritz nicht Vernunft annimmt? wir wollen versuchen, ihn zu überreden, wir wollen ihn bitten, uns noch einige Tage in Ruhe zu lassen, und . . ."

„Hoffe das nicht, Luise," warf der Bucklige, ganz leise hinzutretend, dazwischen.

„Du bist also gewiß, daß er seine Drohungen ausführt?"

„Nur zu sehr!"

„Nun, dann werden wir fortgehen," erwiderte Luise.

„Um Euretwillen," sagte Nikola mit zitternder Stimme, „um Euretwillen möchte ich, daß Ihr jetzt ginget, ohne Zeit zu verlieren."

„Warum denn solche Eile?"

„Weil Moritz vor Abend zurückkehren könnte.

„Und wenn er zurückkehrte?"

„So würdet Ihr ihm sagen, daß Ihr von ihm nichts wissen wollt, nicht wahr?"

„Gewiß; aber sag' mir, lieber Nikola, hat meine Weigerung Dich nicht beleidigt?"

„Herr meines Lebens! Wie wäre es denn jemals möglich, daß ein Geschöpf, schön wie Sie, sich mit

22. Jahrgang

einem so häßlichen Wesen, wie ich bin, vereinigen könnte? . . . Moritz hat den Verstand verloren; er sieht nicht ein, daß Sie nicht gemacht sind für mich und daß Maria nicht gemacht ist für ihn. Doch nichts mehr davon, ich werde roth vor Scham, wenn ich an den Wahnsinn meines Bruders denke."

„Bist Du nicht schön von Gestalt, so hast Du doch ein schönes Herz," sagte das Mädchen gerührt."

„Machen Sie mich nicht weinen mit Ihren süßen Worten, machen Sie mich nicht weinen, sondern brechen Sie sofort auf. Geben Sie mir die Schlüfsel, daß ich sie Moritz zurückgeben kann und gehen Sie, ohne einen Augenblick zu verlieren. Gehen Sie, denn wenn mein Bruder Ihre Weigerung hört, ist er im Stande, sich an Ihnen zu vergreifen."

„Mein Gott!" rief die Gräfin, starr vor Schrecken.

„Solche Brutalität scheint mir unmöglich," versetzte Luise.

„O, Sie kennen ihn nicht . . . Wenn er in Wuth geräth, kennt er keine Vernunft, sondern ist wie wahn­sinnig. Ach, fliehen Sie doch, fliehen Sie ohne Ver­weilen!"

„Aber wohin? In solcher Aufregung bin ich nicht im Stande, einen Gedanken zu fasten, ich weiß nicht, wohin mich wenden."

„Warten Sie, mir kommt ein guter Gedanke," ver­setzte der Buckelige und fügte, nachdem er einen Augen­blick überlegt hatte, hinzu: „Jenseits des Parkes auf einem mit Ginster bewachsenen Terrain, hinter dichtem Gebüsch, steht eine verlassene und verfallene Hütte; es ist die frühere Parkhüter-Wohnung; jetzt kommt Nie­mand dahin, es sei denn, daß vielleicht eine Eule oder ein anderer Raubvogel sich dorthin verirrt. Gehen Sie in diese Hütte; vor Abend sollen Sie ein Bett, zwei Stühle und ein Licht haben und jeden Tag will ich Ihnen einen guten Theil unseres Mittagessens bringen. Für den Augenblick werden Sie dort eine sichere Zu­kunft haben."

„Herr, Dein Wille geschehe!" antwortete die Gräfin mit zum Himmel emporgerichtetem Blick.

„Wohlan denn, laßt uns eilen; ich will Sie zu der Hütte führen," drängte der Buckelige.

Hilda ließ ihren Thränen freien Lauf, und nach­dem sie die kleine Ursula zärtlich geküßt und sie zu Bette gebracht hatte, verließ sie, auf den Arm ihrer treuen Luise gestützt, das Haus.

Der Buckelige hielt getreulich sein Versprechen und brachte nach der verfallenen Wohnung Bett, Stühle, Licht und mehrere Tage lang das Essen. Dann aber erwarteten die beiden Unglücklichen ihn eines schönen Tages von Morgen bis Abend, und sie warteten ver­gebens. Es kam der zweite Tag (jener, an dem wir die Eine auf dem Strohfack liegen, die Andere auf dem Boden sitzen sahen) und er brachte neue Leiden und Qualen.

Wieder blieb er aus, das gutherzige Geschöpf, das allein ihnen Liebe bewiesen und dessen Mildthättgkeit ihre einzige Stütze in der Verlassenheit gewesen war.

(Fortsetzung folgt.)

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