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Freitag, den 12. April 1895

22. Jahrgang

FiiIdaerWZkitillig

mit Unterhaltungs-Kettage „Sterne und Klnmen".

Erscheint täqlich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnrmentSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen dj.e Mrtzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Des morgigen Feiertags wegen erscheint die nächste Nummer am Samstag.

]-[ Charfreitag.

Von einem Baume herab hat einst die Schlange die Menschheit verführt und ins Verderben gelockt, und von einem Baume herab strömte die Erlösung vom Fluche der Erbsünde über die ganze Menschheit aus, vom Holze des Kreuzes, an welchem der Gottmensch sein Leben aushauchte, sein Leben hingab für das Leben der sündigen Erdenkinder. Auch er gab ihnen eine Speise, die Frucht vom Baume des ewigen Lebens, den Tod zu überwinden, den einst die Frucht vom verbotenen Baume in die Welt gebracht. Aber o Tiefe der göttlichen Geheimnisfe: Christus der Er­löser gab sich selbst, sein eigen Fleisch und Blut zur Speise dar, allen, die gläubig, in demüthigem Vertrauen, zu ihm als dem Urquell alles Lebens eilen!

So ist die Einsetzung des allerheiligsten Altars­sakramentes untrennbar vereint mit dem großen Opfer des neuen Bundes. Das blutige Opfer auf Golgatha sollte keine einzelne, vorübergehende Opferthat sein, die — einmal vollbracht — der Vergangenheit ange­hörte; nein, das Leiden und der Tod Jesu Christi, welcher derselbe ist gestern und heute und in Ewigkeit, bleiben eine immer gegenwärtige Thaisache, die nie­mals aufhört, Licht und Gnaden über unsere Seelen zu ergießen und sie zu stärken mit der Frucht des ewigen Lebens. Diese nie sich verzehrende Kraft des Opfertodes Jesu Christi strömt ihre Segnungen aber gerade in dem fortwährend erneuerten unblutigen Opfer am Altäre und im allerheiligften Sakramente des Altares über die christliche Menschheit aus.

Der göttliche Heiland hat also sein Leben dahin­gegeben, um die in den Banden des Todes schmach­tende Menschheit für alle Zeiten zu neuem Leben zu erwecken. Aber wir müssen, indem wir uns dieses großen Geheimnisses erinnern, uns immerfort auch klar gegenwärtig halten, daß Christus für jeden von uns im Besonderen gelitten hat und am Kreuze gestorben ist. Seine göttliche Liebe ist ja unendlich und untheilbar: Darum gehört sie ebensowohl der ganzen Welt, als jedem Einzelnen der Menschenkinder voll und ungetheilt an. Du und ich, wir Alle, müssen unserem göttlichen Erlöser deshalb so dankbar sein, als wenn er für dich oder mich, für jeden von uns ganz allein unter unsagbaren Schmerzen seinen Geist aufgegeben hätte! Können wir uns also je genug thun in heißer Dankbarkeit, können wir unseren Heiland je genug lieben, um ihm zu zeigen, daß wir seine un­endliche Liebe würdigen?

Wie bitter muß uns, wenn wir uns diese Liebe des Gekreuzigten zu uns — und dementgegen unseren Undank einmal klar vorzustellen versuchen, die Reue schmerzen über die Erbärmlichkeit unserer Seele, die so schlecht zu lieben und so grausam undankbar zu sein versteht! Und Jesus hat das Alles vorausgesehen in

Vie Whlmg des MesMers.

Roman von H. v. Remagen.

(47. Fortsetzung.)

„Hört", fing der Bauer, nachdem er einen Augen­blick überlegt hatte, wieder an, „ich will Euch einen Vorschlag machen. Ihr habt alle Beide ehrliche Ge­sichter und scheint mir rechtschaffene Mädchen zu sein. Ich heiße Moritz Topp. Seit fünf Jahren habe ich vom Grafen von Varges ein fchönes Stück Land jen­seits des Parkes in Pacht mit einem hübschen be­quemen Häuschen. Ich besitze ein Dutzend Kühe und vier Pferde; ich habe Getreide und Kartoffeln in Ueber- fluß. Susann«, meine Frau, ist ein gutes Weib; sie hat mich nach zehn Jahren der Ehe mit einem präch­tigen Mädchen, meinem leibhaftigen Ebenbilde, be­schenkt. Ich habe einen einzigen Bruder, mit Namen Nikola, nicht sehr schön gewachsen von Person, aber eine herzensgute Seele; kurz, wir haben ein gemüth- liches Leben zu Haus. Meine Frau hat schon lange nach einem Mädchen verlangt, das ihr hilfreiche Hand bei Besorgung des Gartens und der Wäsche leisten soll, und ich wünsche, daß mein Kind lesen und schreiben und etwas nähen lerne, ohne in die Dorfschule zu gehen. Darum machen wir es so: Ihr seid ein starkes Mädchen, Ihr könnt Susanna helfen bei ihren Arbeiten;

seiner schwerenTodesangst auf dem Oelberge, er hat es am Holze des Kreuzes empfunden, unendlich viel schmerz­licher, als die reißenden Nägel und die stechenden Dornen seiner schimpflichen Krone. Und obwohl unser Undank, den er voraussah, seine Seele mit ver­zweiflungsvollem Schmerze erfüllte, und obwohl er mit einem einzigen Entschlüsse dem Tode entgehen konnte, starb er dennoch für uns den Opfertod.

So hat Gott die Welt geliebt — und wir sollten nicht versuchen, und uns besonders heute ernstlich vor­nehmen, ihm mit so vieler Liebe zu vergelten, wie das schwache Menschenherz nur zu geben fähig ist?

Deutsches Reich.

Berlin, 10. April.

* Der Kaiser wird, wie einem englischen Blatte aus Berlin geschrieben wird, am 2. September, dem Sedantage, eine bedeutende militärische Broschüre her­ausgeben.

* Für die Theilnahme des Kaisers Franz Joseph an den Kaisermanövern sind nach dem sog. Hof­bericht die Tage vom 3. bis 7. September in Aussicht genommen. Sein Absteigequartier wird der österreichische Kaiser in Stettin nehmen und nur für den Fall auf kurze Zeit in Berlin Aufenthalt nehmen, daß die deutsche Kaiserin sich um diese Zeit tu Potsdam aufhält.

* In der inneren Politik herrscht in diesen Tagen völlige Stille. Die Ruhe der Charwoche, der „stillenWoche", wie sieauch genannt wird, überträgt sich auch auf das öffentliche Leben. Daher kommt es, daß die Zeitungen in ihren Erörterungen nur immer­fort von den verschiedenen politischen Ereignissen zehren, die im 80. Geburtstage Bismarcks ihren Mittel­punkt und ihre Ursache haben. Und dabei zeigt es sich, wie sehr das Centrum Recht behalten hat, als es mit kühlem Blute dem Ansturm des bismärckischen Fanatismus widerstand, in der Zuversicht, daß auf den Rausch der Katzenjammer bei unseren Gegnern bald genug folgen und daß dann Alles seinen gewohnten Gang gehen werde, als wenn nichts vorgefallen wäre. Was ist denn der Unterschied zwischen heute und der Zeit vor dem 23. März? Ein Unterschied besteht allerdings, nämlich der, daß die Stellung des Centrums als der stärksten Partei des Reichstags nunmehr auch ■ nach außen hin hervortritt, indem der Präsident des i Reichstags aus dem Centrum hervorgegangen ist. Die Nationalliberalen haben sich gründlich getäuscht, als sie glaubten, durch den Bismarckrummel „die Position des Centrums schwächen" zu können. Jetzt klagen sie am allerlautesten darüber, daß „Centrum Trumpf" fei! Gewiß, das Centrum übt trotz der „Bismarck­woche" denjenigen Einfluß aus, der ihm seiner Stärke gemäß zukommt. Wenn aber nationalliberale Blätter sich so weit versteigen, die Regierung heute in Allem nach der Pfeife des Centrums tanzen zu lasten, so ist das eine absichtliche Uebertreibung, bestimmt, den protestantischen Philister gruseln zu machen und aufzu-

dieses bleiche, gute Dämchen kann ein Auge auf die Küche und den Hühnerstall werfen, sich mit dem Kinde beschäftigen und das Haus kehren. Dafür erhaltet Ihr dann Nahrung und Wohnung und an den Hauptfesten im Jahre ein Stück Silbergeld in die Hände . . . Was sagt Ihr dazu? Was haltet Ihr von diesem Vorschag?"

Der Bauer erwartete, die beiden Frauen würden sich in den lebhaftesten Freudenbezeugungen ergehen und war auf's Höchste erstaunt, Luisens Augen voll Thränen und die Hilda's unendlich trauriger als zuvor zu erblicken.

Das Kind des Arbeiters fühlte sich in seiner Herrin gedemüthigt. Wie tief auch die Gräfin von Varges ge­sunken war, sie konnte doch nicht die Magd eines ge­meinen Bauern werden.

„Ich sehe, daß meine Worte Euch nicht zum besten gefallen," begann Moritz wieder, „indeß hattet Ihr doch die gute Absicht bemerken müssen. Oder fürchtet Ihr vielleicht, meiner Frau nicht willkommen zu sein? Wenn das ist, seid Ihr im Jrrthum. Susanna sieht nur mit meinen Augen. Ihr sagt also nein? Sprechen wir nicht mehr davon!"

„Ich nehme an!" rief die Gräfin, entschlossen das Haupt erhebend.

Hetzen. Nein, leider thut uns die Regierung gegenüber unseren hauptsächlichsten Forderungen n i ch t den Willen; freiwillig gibt sie auch heute keinen Zollbreit nach, den wir ihr nicht in heißem Kampfe, in jäher Aus­dauer abringen. Also auf unseren Lorbeeren auszu­ruhen, dazu find die deutschen Katholiken noch nicht in der Lage und werden es auch so bald nicht — vielleicht niemals — sein.

* Wie die ,Nordd. Allg. Ztg.' hört, sind mehrere Berufungen in das Herrenhaus „aus Allerhöchstem Vertrauen" in diesen Tagen erfolgt, nicht nur die des früheren Ministers v. Lucius, besten Berufung bereits von andern Blättern mitgetheilt wurde. Warum aber nennt das offiziöse Blatt nicht ihre Namen?

* Das Urtheil des Kriegsgerichtes, welches den Ceremonienmeister v. Kotze freispricht, ist vom Kaiser bestätigt worden.

* Der Entwurf eines Börsengesetzes wird in Berliner Zeitungen veröffentlicht. Der Entwurf um­fast 74 Paragraphen, in 6 Abschnitten; er enthält erstens Allgemeines über die Börse und deren Organe, zweitens das Maklerwesen und die Kursfeststellung, drittens die Zulassung von Werthpapieren, viertens den Terminhandel, fünftens Kommissionsgeschäfte, sechstens Strafbestimmungen. Der vierte Theil enthält unter Anderem, daß der Bundesrath befugt ist, den Terminhandel in Waaren und Werthpapieren zu unter­sagen, ferner die Führung des Registers von Personen, welche sich an Termingeschäften in Waaren und Werth­papieren beteiligen wollen, anzuordnen.

* Eine vielversprechende praktische Maßregel zur Hebung der Laudwirthschaft wird von der Württem­berg i s ch e n Regierung geplant. Unter den Vorlagen, welche dem Landtag unterbreitet werden, befindet sich auch eine, welche die Folgen des Hagel sch lag s ab­zuschwächen bestimmt ist. Wie der,Germ.' mitgetheilt wurde, enthält - der neue Staatshaushalts-Voranschlag einen Posten von 160,000 Mk., womit ein Grund­stock geschaffen werden soll, aus dem die durch Hagel Beschädigten unterstützt werden sollen. Da nach der Statistik jährlich in Württemberg gegen 11,000 Hektar mit einem Kapitalwerth von fast 3^2 Millionen Mk. verhagelt werden, was einem Einnahme-Ausfall von Hunderttausenden gleichkommt, so ist eine solche Vor­lage sicher mit Freuden zu begrüßen. Aus verschiedenen Gründen ist Minister Pischek davon abgekommen, dem bayerischen Beispiel zu folgen und eine besondere Ver­sicherungsanstalt für Württemberg zu gründen. Es soll vielmehr mit der Berliner Gesellschaft ein Ab­kommen getroffen werden, wonach diese die eine Ver­sicherung anstrebenden Landwirthe aufzunehmen hat. Die 160,000 Mark sollen wesentlich dazu dienen, etwaige Nachschuß-Forderungen der Gesellschaft an ihre württem- bergischen Theilhaber zu decken und so den Landwirth vor unerwarteten und deshalb besonders unangenehmen Nachleistungen zu sichern. Dadurch hofft man, die Lust zum Eintritt in die Gesellschaft zu heben und so der Laudwirthschaft eine Bürgschaft gegen Hagelschaden zu

Luise schwieg und drückte, heftig bewegt, Hilda's Hand an ihr Herz.

„Der Kontrakt ist geschlossen . . . Wie heißt Ihr, Kinder?" fragte Moritz.

„Marie", entgegnete die Gräfin.

„Und Ihr?"

„ ßuifc."

Marie und Luise. Schöne Namen, meiner Treu! Hurrah! hurrah! . . . Susanna, Nikola und Urselchen erwarten keinen Besuch; diesen Abend soll es ein Fest geben! Hurrah, meine Mädchen! Hurrah!"

Und Moritz peitschte das Pferd und überließ sich einer so lärmenden und ausgelassenen Fröhlichkeit, daß die Gräfin schaudernd sich an Luise schmiegte.

Kurze Zeit darauf stiegen die beiden jungen Frauen in Moritzens bescheidenem Hanse ab, freudig empfangen von Susanna, Nikola und dem anmuthigen Urselchen.

Susanna, eine gutmüthige, phlegmatische Frau, deren ganzes Wesen Ruhe und Heiterkeit war, lächelte freundlich ihren neuen Arbeitsgehilfinneu zu; Nikola, ein armer Buckeliger mit sanftem Gesicht und melan­cholischen Augen, that ebenso, und die kleine Ursula, ein dralles, pausbäckiges Geschöpf, sprang aus den Schooß der Gräfin, um sie immer und immer wieder zu küssen.

Es ist nicht zu beschreiben, wie sehr die Heimath-