M 84 Donnerstag, den 11. April 1895 22. Jahrgang
FiMerSZeitung
mit Unterhalt««-« Krila-r „Sterne und Flamen".
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xZDie politische Lage in Spanien.
Als im vergangenen Monate das liberale Ministerium Sagasta gestürzt wurde und der Führer der Konservativen Canovas nach längerem Zögern die Zügel der Regierung in die Hand nahm, mag wohl mancher Zeitungsleser im Stillen gehofft haben, daß nun allmählich die zerrütteten politischen Verhältnisse Spaniens in geordnete Bahnen übergeführt würden. Wer aber den Gang der Dinge in Spanien in den letzten Jahrzehnten genau verfolgt hat, wird sich von solch sanguinischen Erwartungen freihalten, denn er weiß, daß es — wie „spanisch" es uns auch Vorkommen mag — keinen großen Unterschied bedeutet, ob die spanische Regierung sich liberal oder konservativ nennt — das System ist dasselbe.
Die Hauptübel, an denen der spanische Staatskörper krankt und an denen er auch zu Grunde gehen wird, wenn nicht ein radikale Heilung an ihm vorgenommen wird, sind die Korru ption des Beamtenstandes bis in die höchsten Spitzen und der vollständige Mangel eines P olitischen Gewissens. Dazu kommen noch die traurigen Preßverhältniffe. Nur einige spanische Zeitungen haben sich eine politische Selbständigkeit bewahrt; die meisten Blätter stehen der Partei oder dem Manne zur Verfügung, der sie am besten für ihre Dienste bezahlt. In maßloser Weise fallen die Blätter dann über Alles her, was ihrem Brodherrn mißliebig ist, und wenn ihnen morgen von der anderen Seite eine bessere Bezahlung geboten wird, so loben sie über alle Maßen, was sie gestern aufs schärfste verurtheilt haben. Man erwartet und befürchtet, daß unter der neuen Regierung scharfe Gesetze gegen die Presse erlassen werden. Voraussichtlich würde durch solche Gesetze nichts gebessert werden, aber alle Parteien ohne Ausnahme würden schwer darunter zu leiden haben, sobald sie in ihrer Presse es wagen, an den Handlungen der Regierung und an der trostlosen Be- amtenwirthschaft Kritik zu üben, und dazu wird gar bald Veranlassung Vorhandensein. So gut wie unter Sagasta ein Geistlicher, der in einer von heiligem Zorn glühenden Weise die fürchterlichen Zustände in den Hospitälern und Waisenhäusern von Granada aufdeckte, gefangen gesetzt wurde, ebenso gut wird dieses unter Canovas geschehen; denn daß die Zustände anders werden, daran glaubt vor der Hand kein ehrlicher Mann, auch wenn er der Ueberzeugung ist, daß Canovas persönlich den allerbesten Willen hat. Die Miß- wirthschaft ist eben so groß, daß niemand mit Erfolg dagegen anzukämpfen vermag.
Die jedesmalige spanische Regierung sorgt dafür, daß sie die Mehrheit der Kammer auf ihrer Seite hat. Es ist daher ganz selbstverständlich, daß die bisherige Kammer mit liberaler Mehrheit aufgelöst wird, um für die neue Kammer eine konservative Majorität zu erhalten. Es kommen also die berüchtigten Wahlen wieder. Was an Bestechlichkeit, an Lüge, an Fälschung
Die ErWmg des Mtngräto.
Roman von H. v. Remagen.
(46. Fortsetzung.)
„Danke, mein Kind," antwortete die Erzieherin.
„Danke, Fräulein," wiederholte Jakob und führte den Strauß an seine Lippen. „Für wen sind denn die schönen, amaranthfarbigen Blumen, die Sie noch in der Hand halten?"
„Für Herrn Bosak", erwiderte das Mädchen, indem es eine prächtige Krystallvase mit Wasser füllte.
„Ei, so werden wir wohl bald das Vergnügen haben, diesen vortrefflichen Mann wieder hier zu begrüßen?" fragte Jakob von Hauser.
„Vorgestern erhielten wir ein Schreiben von ihm, worin er uns seine baldige Rückkehr anzeigte", war die Antwort der Lehrerin.
„Da fft er, ba ist er schon!" rief Theodora jubelnd aus und sprang nacb der Thür, wo aber anstatt des Erwarteten nur der alte Diener des Grafen von Varges erschien.
„Mein Fräulein", Hub Bruno eintretend an, „mein Herr läßt Alle grüßen und bittet zu entschuldigen, daß er nicht persönlich von den Herrschaften Abschied nehmen kann. Wir rüsten uns zu einer langen Reise; in zwei Stunden werden wir schon fort sein."
„Ist es möglich?" rief die Erzieherin. „Er schrieb
nur irgend denkbar ist, wird bei solchen Wahlen ausgeübt; dieselben Leute, welche sich vor einigen Jahren für Sagasta verkauften und die elendeste Wahlmache für ihn machten, thun es in den nächsten Tagen mit derselben Unverfchämtheit für Canovas und würden es auch mit derfelben Gewissenlosigkeit für die Republikaner thun. Mit Recht sagten wir deshalb, daß in Spanien absoluter Mangel eines politischen Gewissens herrscht. Von großer Bedeutung für die weitere Gestaltung der Dinge wird es auch sein, wenn man, was durchaus wahrscheinlich ist, die Provinzial- und Stadt- räthe auflöst oder die Hälfte derselben aus eigener Machtbefugniß ernennt, d. h. wenn man die Hälfte aus urtheilslosen Kreaturen, Vettem, guten Freunden u. s. w. irgend eines einflußreichen Mannes zusammensetzt. (Provinzial- und Stadtrath sind in Spanien Selbstverwaltungskörperschaften in Provinz und Gemeinde, deren Organisation durchaus demokratisch ist. D. Red.) Würden die Wahlen zu diesen Körperschaften rechtlich gehandhabt, wie es einem demokratischen Gemeinwesen entspricht, so würde natürlich der wahre Wille des Volkes zum Ausdruck kommen. Aber hier ist das gerade Gegentheil der Fall, und darum ist das sogenannte demokratische Gemeinwesen eine erbärmliche Farce. Und das Volk hat darunter aufs ärgste zu leiden.
Das schlimmste ^Erbstück, welches Herr Sagasta seinem konservativen Nachfolger hinterlassen hat, bilden die beiden Kriege gegen die Aufständischen auf Cuba und auf den Philippinen, also gerade in den beiden bedeutendsten und reichsten Kolonien der spanischen Krone. Und dabei leidet Spanien gar sehr unter seinen völlig zerrütteten Finanzen. Zum Kriegführen gehören aber bekanntlich drei Dinge, nämlich Geld, Geld und Geld. Daß aber die beiden genannten Kriege wirkliche und sogar sehr ernsthafte Kriege sind, daran zweifelte von Anfang an kein erfahrener Politiker, wenn auch die spanische Regierung versuchte, dieselben nur als Aufstände einiger Räuberbanden hinzustellen. Die Sache liegt ganz anders: die Cubaner haben die schamlose Ausbeutung von Seiten der spanischen Beamten endlich satt und wollen entweder wirkliche Reformen, welche ihre Interessen materiell und moralisch unterstützen, oder nichts mehr von Spanien wissen. Man darf auf den Ausgang des Krieges gespannt sein. Das Programm, welches die Regierung Canovas zur Lösung der cubanischen Frage entworfen hat und zu dessen Ausführung bekanntlich Marschall Martinez Campos nach Cuba gesandt worden ist, lautet: Entschlossene Niederwerfung der Aufständischen, planmäßige Besetzung aller Punkte, die zur Verproviantirung der Aufständischen geeignet sind, Ab- und Umschließung aller Aufstandsherde, endlich Einführung verschiedener Reformen in der Verwaltung.
Dieses Programm liest sich auf dem Papier recht hübsch, die Ausführung aber dürste nicht leicht sein. Die Aufftändischen haben (allerdings nach amerikanischen, mir, er verlasse das Land, um einen längeren Aufenthalt in dieser Stadt zu nehmen!"
„Der Mensch denkt und Gott lenkt; wir müssen reisen." GKMW - M
„Aber ich^muß ihn sehen, ihn sprechen . . ."
„Geben L>ie den Gedanken auf. Es ist kaum zu glauben, wie niedergeschlagen er augenblicklich ist. Er hat keinen andern Gedanken als seinen Bmder, welcher seiner Gegenwart bedarf. Deshalb dürfen Sie aber unbesorgt sein; ehe ich abreise, bin ich beauftragt, Sie in einer Weise sicher zu stellen, daß Ihnen während unserer Reise nichts abgehe."
„So kann ich ihn denn nicht einmal Wiedersehen, um ihm die Hand zu küssen?" fragte Theodora mit dem Ausdrucke tief gefühlten Schmerzes.
„Beten Sie für ihn . . . Er empfiehlt Sie auf's wärmste der Freundschaft und dem Schutze des edlen Baron von Hauser."
XV.
„Gütiger Gott! verleih mir Kraft und Muth; denn Kraft und Muth wollen mir schwinden!"
„Muth, Madame; ich sagte Ihnen ja wiederholt: der Weg der Schuld mag oft mit Rosen bestreut sein, der der Buße ist dornig: vorwärts, vorwärts!"
„Ich gräme mich um Dich ... um Dich, Du reines, keusches Kind, das ich mit mir in ein Meer von Elend gezogen!"
somit nicht unverdächtigen Meldungen) neue Erfolge davon getragen und werden bereits auf 20,000 Mann geschätzt. Der Aufstand hat aber, während ihn die Madrider offiziellen Depeschen als bereits im Erlöschm darstellten, Zeit gehabt, zu wachsen und zu erstarken. Martinez Campos hofft übrigens selbst nicht, mit den cubanischen Separatisten leichtes Spiel zu haben, den« er rechnet darauf', mindestens ein Jahr auf Cuba bleiben zu müssen. Man hat in Madrid viel kostbare Zeit verloren und der Marschall muß, will er auf rasche Erfolge hoffen, den Feldzug noch vor Beginn der Regenzeit, Anfangs Mai, beginnen. Er weiß die- von seinem ersten cubanischen Feldzuge in den Jahren 1877 und 1878. Bis jetzt hat der Feldzug fünf Millionen Pesetas gekostet, weitere zehn Millionen sind dem Marschall vorläufig zur Verfügung gestellt. Wenn es ihm auch gelingt, Ruhe und Ordnung auf Cuba wiederherzustellen, so wird eine allseitig befriedigende Lösung der bestehenden Schwierigkeiten doch sicherlich nicht gefunden werden, und Cuba wird nach wie vor das Schmerzenskind Spaniens bleiben.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. April.
* Der Kaiser besuchte am Montag Nachmittag den Reichskanzler- nnd konferirte längere Zeit mit ihm. Am Dienstag Vormittag hörte der Kaiser den Vortrag des Ministers des königlichen Hauses v. Wedell-Pies- dorf, arbeitete sodann längere Zeit mit dem General v. Hahnke und nahm später militärische Meldungen entgegen. Mittags empfing der Kaiser den ehemaligen Gesandten in China, Herrn v. Branotl in Audienz.
* Das Staats-Ministerium trat am Dienstag Nachmittag im Dienstgebäude, Leipzigerplatz Nr. 11, unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Fürsten zu Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
* Dem Abgeordneten hause ist der Gesetzentwurf betreffend Aufhebung des im ehemalige« Fürstenthum Fulda für die Einwilligung der Ehefraum in Bürgschaften und Expromissionen der Ehemänner bestehenden Erfordernisses der gerichtlichen Form zugegangen. (Damit ist einem Wunsche entsprochen, den im Abgeordnetenhause unser Landtagsabgeordneter Herr Kircher geäußert hat. Die Red.)
* Man glaubt, daß das Abgeordnetenhaus diesmal sich auf eine lange Tagung gefaßt machen kann. Nach den Osterferien wird noch die Einbringung einiger neuer Vorlagen erwartet. Auf das Zustandekommen der Stempelsteuervorlage in dieser Tagung legt die Staatsregierung großen Werth. Bei der Schwierigkeit der Materie schreiten die Vorberath- ungen in der Kommission nur langsam vorwärts. Die Kommission befindet sich noch in der Erörterung über den Tarif; darauf müssen die Einzelbestimmungm durchberathen werden. Es sind zwei Lesungen für die Vorlage in Aussicht genommen.
So sprachen Luise und die Gräfin miteinander; die Erstere saß auf dem Boden, die Zweite lag auf einem elenden Strohsack.
Sie waren umgeben von den vier kahlen Wände« einer verlassenen Hütte, die zu dem prächtigen Parke bei dem Landschloß des Herrn von Varges gehörte.
Hilda, die vornehme, in dieser Gegend geborene Dame, die Gemahlin des Besitzers dieser ausgedehnten Ländereien, lag ärmlich gekleidet, krank und aller Subsistenzmittel beraubt, in einem armseligen Schuppen. Und nicht einmal beklagen durste sie sich, da die furchtbare Stimme des Gewissens ihr laut und vernehmlich zurief: „Du hast es verdient dein bitteres Geschick, unseliges Weib; nicht ohne bittere Qualen heraufzubeschwören schändet man Ehre und Tugend."
Doch zum Trost in so grausamem Elend hatte der Herr ihr mitleidig einen Engel zur Seite gesandt.
Wie viel Trost, wie viel Stärkung hatte das energische Arbeiterkind der adeligen Dame schon gegeben! Ohne seine liebevolle Sorge wäre Hilda unterwegs gestorben. Als sie sich auf den Weg begaben, war es mitten im Sommer, und als sie nach langem und mühsamem, oft unterbrochenem Wandern an die französische Grenze kamen, ging es schon in den Herbst.
Nachdem sie ihren Fuß auf französischen Boden gesetzt, ging ihre Baarschaft ganz zu Ende; allein Luise verzagte nicht, für Hilda that sie, was sie für sich