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° 83 Mittwoch, den 10. April 1895 22. Jahrgang

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_________________mit Wutrrhaltnugs-Keilage „Kterne und Klumrn«.

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„Darf ich gehen, Fräulein?" fragte das Mädchen die Lehrerin; und dann wandte sie sich an Herrn von Hauser mit den Worten: „Ich gehe, aber Sie dürfen nicht Weggehen, Herr Baron, ehe ich zurück bin; denn ich möchte Ihnen Ihr gewohntes Bouquet bringen."

„Wie könnte ich fortgehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen", erwiderte der Baron lebhaft und schaute unverwandten Blickes dem zwischen den Büschen des Gartens dahineilenden Mädchen nach.

Fräulein Waiser sprang in lebhafter Bewegung auf, schloß die Thür und nahm dem jungen Manne gegenüber Platz; dann sprach sie in festem, bestimmten Tone: „Herr Baron, diese Vorlesungen müssen auf­hören. Theodora ist mehr unterrichtet, als Mädchen ihres Alters und Standes sonst zu sein pflegen. — Darum muß ich um der Liebe willen, die ich zu ihr hege, und um der Achtung willen, die Sie mir einflößen, Ihnen sagen, so leid es mir thut, es ist mein Wunsch, daß Ihre Schülerin das Studium der Literatur und der Naturgeschichte aufgebe und zu weib­lichen Handarbeiten zurückkehre."

„Warum denn, Madame?" fragte Jakob erbleichend. „Warum denn?" wiederholte er stürmisch. „Wamm solche Härte, ja Unhöflichkeit möchte ich sagen? Habe ich vielleicht aufgehört, ein Ehrenmann zu sein? Habe ich es vielleicht an Achtung fehlen lassen, die ich einer

gerade die empörende Ungerechtigkeit des Kanzelpara- graphen, daß er etwas, was „gewöhnliche Menschen-

* Der Kaiser traf am Sonntag Früh bald nach 8 Uhr aus Kiel wieder in Berlin ein und begab sich um 10 Uhr mit der Kaiserin nach der Dom-Jnterims- kirche, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Nach dem Gottesdienste wurde der bayerische Kultusminister Rftter v. Landmann in Audienz empfangen. Am Montag nahm der Kaiser Vormittags den Vortrag des Chefs des Geheimen Civilkabinets, Dr. v. Lucanus, entgegen und hörte anschließend daran die Marine-Vorträge.

* Zur Eröffnung des Nordostseekanals am 19. Juni werden, wie der ,Hamb. Korr.' hört, 22 Bundesfürsten m Hamburg eintreffen; die übrigen Gäste, nahezu 500, werden alsdann schon dort sein. Auch die Botschafter der an der Flottenschau theilnehmenden Mächte sind eingeladen; Mitglieder des Bundesraths sind etwa 60 zu erwarten. An den Reichstag werden etwa 150, an beide Landtage 100 Einladungen ergehen.

* Die Aeußerungen des Grafen Mirbach gegen das Reichstagswahlrecht will die ,Kreuzzeitung', welche sich jetzt endlich entschließt, in dieser Sache das Wort zu nehmen, „richtig verstanden" wissen. Sie erinnert daran, daß sie selbst früher schon eine Ergänzung des allgemeinen Wahlrechts durch die Einführung der Wahlpflicht empfohlen habe, aber sie wagt berat doch nicht zu behaupten, daß Graf Mirbach bei seinem Angriff auf das allgemeine Wahlrecht nichts weiter im Sinne gehabt habe. Also: Was besagte die Aeuße- rung des Grafen Mirbach, „richtig verstanden" ? Diese Frage wird in der Auslassung der .Kreuzztg.' nicht beantwortet — und das sagt genug!

* Die liberale Presse spekulirt auf die Leicht­gläubigkeit ihrer Leser, wenn sie in ihrem Aerger über die neue Fassung einiger wichtigen Paragraphen der Umsturzvorlage und über die gleichzeitig be­schlossene Aufhebung des Kanzelparagraphen die Be­hauptung aufstellt: „die Diener der Religion, des Friedens sollen das Vorrecht haben, ihrerseits den öffentlichen Frieden zu gefährden, wo und wann es ihnen beliebt, nicht aber die gewöhnlichen Menschen­kinder." Die liberale Presse will also allen Ernstes glauben machen, die „gewöhnlichen Menschenkinder" würden b estraft, wenn sie, wie der Kanzelparagraph sich ausdrückt, „öffentliche Angelegenheiten des Staates

durch das Scheitern dieses Versuches die Vorlage nicht den Charakter eines Klasfengesetzes im Sinne der Sozial- demokratie. Die ,Köln. Zeitung' nennt jetzt in ihrer Enttäuschung die Vorlage sogar ein Ausnahmgesetz gegen die führenden Klassen.

Bon der Umsturz-Vorlage.

Für einen Nichtjuristen ist es nicht leicht, aus dem bloßen Berichte der Kommission volle Klarheit über die beabsichtigte Verschärfung des Strafgesetzbuches zu erlangen, denn es gehört dazu ein genauer Vergleich mit den bisher geltenden Bestimmungen. Der Kern­punkt der Vorlage liegt in den zwei neuen Absätzen, welche den jetzigen §§ 130 und 131 hinzugefügt wer­den. Diese Zusätze lauten:

§ 130 Absatz 2: „Die gleiche Strafe (Geldstrafe bis zu 600 Mark oder Gefängniß bis zu 2 Jahren) trifft Denjenigen, welcher in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise Ehe, Familie oderEigen- thum als Grundlagen der Gesellschafts-Ordnung durch beschimpfende Aeußerungen öffentlich angreifst"

8 131 Absatz 2: „Dieselbe Strafe trifft Denjenigen, welcher in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise die Monarchie durch beschimpfende Aeußerunqen öffentlich angreift."

Dazu kommt aus der Initiative des Centrüms eine | Verschärfung des § 166 (Vergehen, welche sich auf die Religion beziehen). Die neue Strafordnung, welche in diesen Paragraphen eingefügt ist, lautet wie folgt: I

„Wer öffentlich in beschimpfenden Aeußerungen den Glauben an Gott oder das Christenthum angreift, oder wer öffentlich die Lehren einer der christlichen Kirchen oder einer andern mit Korporationsrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehenden Religions-Gesellschaft beschimpft, wird mit Gefängniß bis zu 3 Jahren be­straft. "

„Mit Vergnügen, Fräulein", entgegnete Jakob, । das schöne Antlitz der Sprecherin betrachtend.

Theodora sah einen Augenblick gedankenvoll vor sich, dann legte sie die Hände zusammen, erhob die weiße Stirn und begann schüchtern: „Sie sagten, Schnee und Regen pflegten sich zu bilden, wenn eine gewisse Menge warmer, mit Wasserdämpfen gesättigter Lust sich abkühlt, indem sie kalten Bergen begegnet oder überhaupt mit kalter Luft zusammentrifft und sich vermischt. Deshalb bringen die vom adriatischen Meer her. wehenden Winde mit ihren dem Meere ent­nommenen Wasserdünsten in ganz Italien Regen, während sie in der Schweiz schönes Wetter bringen, indem sie ihre feuchten Niederschläge bei der An­näherung an die Alpen abgegeben haben. So bringen ferner die vom atlantischen Meer und von der Nord­see herkommenden Winde diesseits der Alpen Regen, während sie jenseits heiteres Wetter mit sich führen."

Jakob nickte zustimmend mit dem Kopfe und be­trachtete fortwährend mit Bewunderung seine Schülerin.

„Wünschen Sie, daß ich wiederhole, wie die Regenmenge sehr verschieden sein kann je nach der Jahreszeit?"

„Nein, Fräulein, für heute ist's genug. Sprechen Sie nicht mehr vom Regen, während draußen so hell die Sonne scheint und zum Blumenpflücken im Garten einladet", warf Fräulein Waiser dazwischen.

Die ,Nationallib. Korresp.' wundert sich über Beschlüsse der Umsturz-Kommission. Besonders ... Streichung des Kanzel-Paragraphen macht es ihr unmöglich, der Umsturz-Vorlage noch weiter ihren Beifall zu zollen. Und daran sind nun wieder die bösen „Ultramontanen" schuld! Von den linksliberalen Parteien werden die Nationalliberalen wegen des Er­gebnisses der Kommissions-Berathungen mit Hohn und Spott traktirt. Unter Bezugnahme auf eine neuerliche Auslassung der .Nationallib. Korresp.' sagt die ,Voff. Ztg.': „So steht denn die wackere,Natio­nallib. Korresp.', die lauteste Ruferin im Kampfe gegen den Umsturz, wie der Zauberlehrling da, der die ge­rufenen Geister nicht wieder los wird." Und der sozialdemokratische .Vorwärts' schreibt höhnisch: „Wie die betrübten Lohgerber, denen die Felle fortgeschwom­men sind, saßen die Nationalliberalen in der letzten Sitzung der Umsturz - Kommission da. Die Herren, welche mit so großer Begeisterung zu dem Umsturz-

Außerdem bleiben in diesem Paragraphen bestehen die bisherigen Strafandrohungen gegen Gotteslästerung durch beschimpfende öffentliche Aeußerungen, gegen Be­schimpfungen der Einrichtungen und Gebräuche der erkannten Religions - Gesellschaften und gegen fchimpfenden Unfug in religiösen Versammlungen.

I Feldzuge auszogen, sie sind jetzt zu der Ueberzeugung gelangt, daß sie über den Löffel barbirt sind."

Auch von offiziöser Seite werden die National­liberalen, die ja für sich das „Verdienst" in Anspruch nehmen können, die Urheber der Umsturzvorlage zu sein, an ihre frühere Begeisterung für die „Be­kämpfung des Umsturzes" erinnert. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' macht sich in einem Artikel, der auch von der nationalliberalen ,Nationalztg.' als offiziös betrachtet wird, das Vergnügen, große Stellen aus der Rede abzudrucken, mit der Herr v. Bennigsen im Januar im Reichstage die Umsturzvorlage begrüßt hat, um der nationalliberalen Presse dann vorzuhalten, daß sie sich mit ihrer jetzigen Bekämpfung der Vorlage in Gegensatz zu ihrem Führer v. Bennigsen setzt. Die ,Nat. Ztg.' erwidert darauf, daß der Widerspruch sich nur gegen das „Machwerk der Kommission" richte, und erklärt Patzig: „Legt die Regierung auf die Mitarbeit der Nationalliberalen Werth, dann muß sie zuvor ihre Geneigtheit bekunden, jene Fremdkörper aus der Kom­missionsfassung zu schaffen, die mit der Bekämpfung des Umsturzes nichts zu thun haben." Aus dieser Großsprecherei wird sich die Regierung vermuthlich recht wenig machen. Denn sie hat die Nationalliberalen I gar nicht nöthig, wenn die Reichspartei, wie schon in der Kommission, so auch im Plenum die Umsturz­vorlage trotz der „Fremdkörper" annimmt.

Was die ,Nat. Ztg.' „Fremdkörper" nennt, ist lediglich die folgerechte Ausgestaltung der Vorlage in der Richtung, daß auch der Umsturz von oben ge­troffen werden kann (falls die Staatsanwälte nachher ihre Pflicht thun!). Uns geht diese „ultramontane Re- digirung" der Vorlage noch lange nicht weit genug, und wir möchten daher wünschen, daß diese Redigir- ung im Plenum energisch fortgeführt werde, selbst auf die Gefahr hin, daß daran schließlich die ganze Vorlage scheitern sollte. Wir haben ja nicht nach einer Umsturzvorlage verlangt, sondern — die Nationalliberalen!

Deutsches Reich.

Berlin, 8. April.

Nie ftjitllieg des kodtmMns.

Roman von H. v. Remagen.

(45. Fortsetzung.)

XIV.

In dem schönen Salon des Erdgeschosses, der auf den kleinen Garten hinausging, befanden sich drei Per­sonen. Eine von ihnen, Fräulein Waiser, saß an einem Tischchen und stickte, während mehr nach vorn, an einer mit einer Sammtdecke behangenen Tafel Jakob von Hauser und Theodora Müller sich unter­hielten.

Ach, wie schön war Theodora! ihre großen, blauen, sanften und klugen Augen strahlten vor Heiterkeit und Glück, ihr reizendes, etwas ernstes Gesichtchen verrieth in jedem Zuge die Engelsunschuld des Kindes, während es zu gleicher Zeit widerstrahlte von jenem geheimniß- vollen Glanze, welchen ein hervorragender Geist dem ganzen Wesen des Menschen einprägt, und welcher sich imjÄlick, im Lächeln, im ganzen Gesichtsausdrucke offen­bart.

„Ich habe Ihre Vorlesung vollkommen verstanden, mein lieber Lehrer", sagte die Kleine, und das blonde Haar aus der Stirn streichend, fuhr sie fort: „Der Sinn Ihrer Worte entgeht mir nie, sondern prägt sich meinem Geiste ein; wollen Sie die Wiederholung

Was nun unsere Stellung zu dem Ergebniß der Kommissionsberathung anlangt, so sagen wir mit der ,Köln. Volksztg.': Wir sind von Begeisterung für dasselbe weit entfernt und verkennen in keiner Weise die Bedenken, welche sich auch gegen die Fassung der Kommissionsbeschlüsse geltend machen lassen. Aber das muß anerkannt werden, daß diese Beschlüsse sehr viel besser sind wie die Regierungsvorlage. Insbesondere — und das ist für uns die Hauptsache — kann man nicht mehr sagen, daß dieses Gesetz in seiner ganzen Anlage ein Klassengesetz ist und damit den Stempel der sozialen Ungerechtigkeit an der Stirne trägt. Der Vorwärts'hebtbesondershervor, daßalleVerschärfungen ...........v„v....... vc» ölUute»

der Gesetzgebung gegen den Zweikampf wieder gestrichen in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise worden seien. Wir bedauern das; aber das Centrum zum Gegenstände einer Verkündigung oder Erörterung hat im Rahmen der Umsturzvorlage seine in dieser machen." Welch' eine Unwahrheit! Darin liegt ja Beziehung von den Lmksliberalen unterstützten Be- 1 —- - - - H ,u

strebungen nicht verwirklichen können. Jedenfalls hat

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