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Dienstag, den 9. April 1895

22. Jahrgang

FuldilerWZkituiig

mit Unterhaltungs-Bettage „Sterne nnd Slnmen".

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]-[ Das Reichstags-Wahlrecht

ist wieder einmal heftigen Angriffen von konservativer und mittelparteilicher Seite ausgesetzt. Den Vorwand dazu mußte der Reichstagswahlbeschluß vom 23. März, die Verweigerung der parteipolitischen Kundgebung für den Fürsten Bismarck, abgeben. Den Anfang dazu machte die freikonservative ,Post', das Organ des Herrn v. Stumm. Dann kam der Graf Mirbach mit seiner Aufforderung zum Verfassungsbruch im Herren­hause, und ihm folgte der mittelparteiliche „Herren­häusler" Graf Fred Frankenberg, der auch einer der Hintermänner der Post ist. Graf Frankenberg wollte allerdings den gordischen Knoten nicht, wie Graf Mirbach gerathen, mit dem Schwerte des Ver- fasfungsdruchs lösen, sondern die „patriotische Erregung" in Folge der 25jährigen Wiederkehr der Gedenktage von 1870 dazu ausgebeutet wissen, daß bei passendem Anlässe der gegenwärtige Reichstag aufgelöst und ein qeuer „patriotlscher" Reichstag gewählt würde, der dann ein anderes Wahlrecht schaffen solle. Nun erfährt man aus der ,Post', daß der Graf Frankenberg nicht bloß auf eigene Rechnung und Gefahr diefen beachtens- werthen Feldzugsplan entwickelt, sondern daß er im Namen Der gesummten „Neuen Fraktion" des Herrenhauses gesprochen hat. Diese „Neue Fraktion" vertritt den mittelparteilichen „Mischmasch" im Herrenhause, sie besteht aus Konservativen der Helldorff'schen Richtung, Freikonservaliven und National­liberalen. Ihr gehören Großgrundbesitzer und Groß­industrielle, aber auch Professoren und Bürgermeister an, also auch Leute, die sich sonst gern „liberal" nennen und, wenn sie im Abgeordnetenhause oder im Reichstage säßen, jedenfalls der nationalliberalen Fraktion angehören würden.

Die ,Post' schreibt weiter zu der Erklärung des Grafen Frankenberg: „Das zeigt, daß der erste Schritt zur Reform des Reichstagswahl­rechts auf verfassungsmäßigen Wege gethan ist; dieser ist allerdings der schwerste; er allein aber genügt noch nicht. (Der „erste Schritt" oder der „verfassungsmäßige Weg"? Red.) Jetzt gilt es vor allem, überall so Propaganda für diesen Gedanken zu machen, daß eine sichere Grundlage für eine politische Aktion gewonnen wird."

Es ist das erste Mal, daß eine ganze parlamen­tarische Fraktion offen eine „politische Attion" gegen das Reichstagswohlrecht einleitet. Darum verdient diese Aktion ganz besondere Beachtung; nicht etwa darum, weil wir befürchteten, die „Propaganda" für Beseitigung des Reichstagswahlrechts könnte im Volke irgend welche nennenswerthe Erfolge erringen, wohl i aber deshalb, weil wir allerdings glauben, daß diese Propagandabei gewissen parlamentarischen Par­teien und in solchen Kreisen, die mit dem Hofe enge Fühlung haben und deshalb hinter den Koulissen nicht selten einen der Volksmeinung widerstrebenden

Bit EWlmg des WttigMns.

Roman von H. v. Remagen.

(44. Fortsetzung.)

„Die eine war ziemlich bei Jahren und sah sehr ernst und würdevoll d'rein, die andere aber war ein Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren, ein Engel mit hellblondem, krauslockigem Haar, eine zarte, feine, ich möchte fast sagen ätherische Gestalt. Zwei himm­lische Augen! Ach diese Augen! Ich erkannte sie auf der Stelle; es waren die schönen Augen von Theodora Müller . . . Erinnern Sie sich Theodoras noch? Der Tochter meiner Kousine, jenes reizenden Geschöpfes, das wie durch Zauber verschwunden war?"

„Ich erinnere mich ihrer sehr gut," versetzte Boto mit zusammengezogenen Augenbrauen und zerriß wüthend die Zweige einer neben ihm stehenden Pflanze.

„Sie war es! sie war es! . . . Diese Augen, dieses Gesicht vergessen sich nicht leicht!" rief Boto begeistert.

„Sie könnten sich täuschen; Ihre Theodora, wer weiß, in welche Hände sie gefallen ist, und diese, die ihr gleicht, wird die Tochter der ernst und würdevoll aussehenden Dame sein. Sie haben eine reiche Phan­tasie, Herr Boto."

„Nein, sagen Sie, was Sie wollen, ich werde mich niemals überreden lassen, daß das Mädchen,

Einfluß auszuüben vermögen, auf günstigen Boden fällt. Was letztere Kreise angeht, so sei nur an die Herren v. Helldorf und v. Stumm erinnert, die durch ihre einflußreiche Stellung gegenüber dem Hofe nicht selten auch auf den Gang der Politik einen Einfluß ausgeübt haben, der in keinem Verhältniß zu ihrer sonstigen Bedeutung steht. Was die parlamen­tarischen Parteien anbetrifft, so ist natürlich die Fraktion Stumm im Reichstag und im Landtag dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Reichs­tagswahlrecht feindlich gesinnt. Daß aber auch inner­halb der konservativen Partei eine starke Ström­ung gegen das „demokratische" Reichstagswahlrecht besteht, ist aus Aeußerungen, die gelegentlich im Ab­geordnetenhause und im Herrenhause, wie jüngst wieder seitens des Grafen Mirbach, gefallen sind, bekannt und wird auch von dem Stöcker'schen ,Volk' bestätigt, das selbst zur konservativen Partei hält, innerhalb derselben aber eine besondere christlich-soziale und volks- lhümliche Richtung vertritt. Das .Volk' ist offenbar sehr besorg:, daß die konservative Partei sich als solche an dem Ansturm gegen das Reichstagswahlrecht be­theiligen werde; denn es schreibt, nachdem es die Rede des Grafen Mirbach, ferner eine Schrift des Konser­vativen Andra-Roman gegen das allgemeine Wahlrecht und Aeußerungen konservativer Redner im Abgeord­netenhause erwähnt hat: „Hält man das zusammen . . . mit den eigenen Erfahrungen, Die man in konservativen Kreisen gemacht hat, so wird man zu­geben, daß die Gefahr nicht gering ist; die Konservativen möchten in dem Kampfe gegen das Reichstagswahlrecht den Mittelparteilern Gesellschaft leisten. Und doch wäre das der Ruin der Partei. Mit einem Schlage würden alle die Elemente aus ihr herausgedrängt, die bisher an der Auf­fassung festzuhalten haben, daß konservativ und sozial­reformerisch nicht zwei einander ausschließende Be­griffe sind."

Wir fürchten sehr, daß diese Drohung mit dem Austritt der Christlich-Sozialen aus der konservativen Partei bei deren Lenkern taube Ohren finden wird. Daß heute gleichzeitig die.Kreuzztg.', das konservative Hauptorgan, und die mittelparteiliche,Post' das fleißige, brave, nationalgesinnte Abgeordnetenhaus über den grünen Klee loben, die ,Post' speziell unter Herab­setzung des Reichstags, gibt zu denken. Was endlich die Nationalliberalen angeht, so weiß man ja, wie feindselig ihr einflußreichstes Blatt, die .Köln. Ztg.', dem Reichstagswahlrecht gegenübersteht. Bedenkt man, daß außerdem die „Neue Fraktion" des Herren­hauses auch Nationalliberale umfaßt, daß die führenden Blätter der nationalliberalen Partei kein Wort des Widerspruchs gegen den Frankenberg'schen Feldzugs­plan gehabt, und erinnert sich so mancher Vorgänge aus früheren Jahren, so wird man einfehen müssen, daß das Reichstagswahlrecht auch von den National­liberalen nichts Gutes zu erwarten hätte, wenn diese

welches ich sah, nicht Theodora gewesen . . . Hören Sie: kaum sah ich sie, als ich ganz erstaunt zusammen­fuhr, und sie schien gleichfalls überrascht, als sähe sie in mir einen Bekannten. Ich war im Begriffe vorzu­treten, doch die Dame mit dem ernsten Gesichte sah mich ganz schief vom Kopf bis zu den Füßen an und wandte sich dann zu dem kleinen Fräulein mit den Worten: „Komm, laß uns gehen, Kind." Ich wollte ihnen folgen, allein sie sprangen in einen Wagen und entkamen mir aus den Äugen."

„Um so besser; so werden Sie sich ferner nicht mehr mit ihnen beschäftigen."

„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich sie wieder- finden werde.

. „Wer auch immer diese junge Dame sein mag, — hat sie das Aussehen eines ehrbaren Mädchens, so lassen Sie sie ihrer Wege gehen; bleiben Sie ihr fern."

„Warum denn?"

„Weil — es thut mir leid, es Ihnen zu sagen — weil selbst Ihr Athem befleckend ist," erwiderte Bosak und ging, während der junge Mann in die heftigsten Worte ausbrach, mit einem kühlen Gruße, so ruhigen, ge­messenen Schrittes, als sei nichts passtrt, dem Schlosse zu.

„Herr Graf!" rief Bruno, seinem Herrn entgegen­eilend, „es ist ein Brief für Sie angekommen!"

„Woher? woher?" fragte Bosak erblassend.

einmal in der Lage wären, ihren Willen durchzusetzen. — Wir sehen also, daß Konservative, Freikonservative und Nationalliberale, alle drei früheren Kartell- Parteien, theils in ihrer Gesammtheit, theils jeden­falls in ihrer großen Mehrheit, als Gegner des volksthümlichen Reichstagswahlrechts zu betrachten sind. Daraus ergibt sich von selbst die Nutzanwendung für das deutsche Volk: Sei miß- ttauisch gegen alle jene „Nationalgesinnten", die in diesem Jahre bei dem Kriegsjubiläum von 1870 in ganz besondere „patriotische Erregung" zu versetzen suchen, denn sie haben es dabei auf dein kostbarstes Gut, das allgemeine, gleiche Wahlrecht abgesehen!

Deutsches Reich.

Berlin, 7. April.

* Der Kaiser ist am Samstag Abend von Kiel nach Berlin zurückgekehrt.

* Der Kaiser von Oesterreich hat die Einladung unseres Kaisers zu den Herbstmanövern bei Stettin angenommen.

* Neber den Empfang der Reichstagspräsidenten Frhrn- v. Buol und Spahn durch den Kaiser war mehrfach gemeldet worden, es hätten Vorbesprech­ungen stattgefunden und es seien Zusicherungen über die An des Empfanges ertheilt worden. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' erklärt jetzt in offiziösem Sperrdruck diese Nachricht für völlig erfunden. — Die Nachricht, gegen welche sich dieses Dementi richtet, war in der angegebenen bestimmten Form („Vorbesprechungen", „Zusicherungen") nicht von uns, und soweit wir das übersehen konnten, auch in der übrigen Centrumspresse nicht gebracht worden, sondem sie entstammt einem freisinnigen Blatte, dem ,Berl. Tagebl.' Aber auch dieses Blatt kann sich über das Dementi trösten, denn thatsächlich waren die beiden Präsidenten — gleich­zeitig mit dem Eintreffen der kaiserlichen Einladung — vergewissert worden, daß unliebsame Zwischen­fälle bei dem Empfang selbstverständlich nicht zu be­sorgen seien. Von wem diese Zusicherung ausgegangen ist, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls ist sie er­gangen.

* Bismarckfreundliche Blätter verbreiteten dieser Tage die Meldung, Se. Eminenz der Kardinal- Fürstbischof Kopp habe einem schlesischen Magnaten gegenüber die Haltung des Centrums bezüglich der Bismarckfeier aufs tiefste beklagt. Die ,Schief. Volksztg.' erklärt diese Meldung für unbe­gründet und unwahr. Ob jene Blätter nun auch wohl ehrlich genug sein werden, ihre falsche Nachricht zu berichtigen?

* Ein deutscher Flotteuvereiu zur Aufbringung freiwilliger Mittel zur Vermehrung der deutschen Kriegsflotte ist nach der ,Voss. Ztg.' im „nationalen" Musterstaate Baden, und zwar in Baden-Baden, gegründet worden. Ganz einverstanden!

„Aus Paris, Herr Graf."

Bosak nahm den Brief und hielt ihn eine Weile uneröffnet in der Hand, gleich als wenn er sich fürchtete, ihn zu lesen. In tiefer Bewegung erbrach er endlich das Siegel und durchflog das Schreiben; nachdem er bis zu Ende gekommen, wandte er sich an den alten Bedienten: „Der Professor schreibt mir," sagte er mit einem Seufzer.

„Wie geht es.meinem edlen, unglücklichen Gebieter?"

„Ein Lichtstrahl erhellt von Zeit zu Zeit seinen Geist."

„Gott sei gepriesen!" rief der alte Diener und erhob den thränenfeuchten Blick zum Himmel.

„Freue Dich nicht zu voreilig. Ubalds Gesundheit hat nachgelassen; wenn nun diese lichten Intervalle nur ein verhängnißvolles Symptom wären? . . . Der Professor will ihn auf unser Stammschloß zurück- bringen, in der Hoffnung, die Heimulhluft werde ihm seine Kräfte wiedergeben; der arme Ubald! er wird den Ort Wiedersehen, welcher der Schauplatz unseres gräßlichen Geschickes war! . . . Vor der Zeit gealtert, niedergebeugt unter der Last unverdienter Leiden, wird er in dem öden Vaterhaus umherwandeln . . . eine grausame, unerbittliche Bestimmung verurtheilt die edelsten Seelen, in ihren edelsten Gefühlen verwundet zu werden! .... Er leidet und die Schuldige ist glücklich!"

II