Neilsge Mo Mulöaev Zeitung.
JA 81 Sonntag, den 7. April 1895. 22. Jahrgang
Dir ErMmg des SoNmMm.
Roman von H. v. Remagen.
(43. Fortsetzung.)
„Beruhige Dich, liebe Sibilla; Du bist ganz bleich und Dein Herz klopft hörbar."
„Das ist wahr," sagte Sibilla, beide Hände auf den Busen drückend.
„Begib Dich zu Bette und denke an nichts, selbst nicht an unsere Liebe. Ich will sofort an einen Arzt von großem Rufe schreiben und ihn konsultiren. Dann werde ich zu Dir zurückkehren, um bei Dir zu wachen, Dich zu bedienen, Dich zu lieben; Du mußt mir verzeihen, wenn ich Dich betrübt habe; Du verzeihst mir, nicht wahr? O, ich würde lieber alle Universitäten der Welt in Brand stecken, als Dir noch einmal den geringsten Verdruß bereiten. Ich liebe Dich ja so sehr, meine liebste Sibilla, mein theures Weib!"
Sibilla horchte freudetrunken, mit glückseligem Lächeln, mit gesenktem Haupte und geschlossenen Augen diesen warmen, zärtlichen Worten zu.
Boto sah sie einen Moment mit dem Ausdrucke höchster Liebe an und stürzte dann eilends aus dem Zimmer. Er bedurfte der Einsamkeit und suchte sie in dem Gemache, welches er sein Studierzimmer zu nennen pflegte; hier ließ er sich auf sein Sopha fallen und blieb lange Zeit unbeweglich, von grausamen Gedanken gefoltert.
Wieder ein armer Student zu werden, stets in Sorge um Mittag- und Abendessen, wieder zum Elend zurückzukehren, nachdem er in einem Palast gewohnt, nachdem er ein so herrliches Leben geführt und alle Freuden genossen, die der Reichthum nur gewährt, ach, das wäre zu entsetzlich gewesen. All dieser lieber» fluß, von dem er sich umgeben sah, würde in wer weiß welche Hände fallen, wenn Sibilla ohne Testament stürbe.
„Ich muß mit dem Arzte sprechen," dachte er, „ich muß wissen, wie lange sie noch zu leben hat. Vielleicht hat sie übertrieben — vielleicht wollte sie nur mein Mitleid erregen. Man wird ihr gesagt haben, daß ich, anstatt zu studieren, mich amüsire mit dem Besuch der Theater, der Promenaden und öffentlichen Vergnügungen; und sie hat, um sich zu rächen, von ihrem bevorstehenden Tod gesprochen. Die Tänzerin ist noch nicht ganz verschwunden und sie hoffte durch eine geschickte Theaterwendung mich an ihre Schürze
zu fesseln; sie verlangt, ich soll dastehen in Ekstase, um sie zu bewundern, zwei Jahre nach der Hochzeit; ich soll den Sentimentalen spielen . . . indeß ihr Gesicht ist leichenblaß; wenn ihre Krankheit ernst wäre? . . .
Ich könnte Bosak fragen; der durchschaut Alles. Nein, beim Henker, ihm will ich meine Befiirchtungen nicht verrathen. Doch warum mache ich mir unnöthige Sorgen? . . . Sibilla wird sobald nicht sterben . . . Bis dahin werde ich aller Sorgen enthoben sein . . . Inzwischen kann es nichts schaden, wenn ich einen tüchtigen Professor konsultire."
Nach diesen Worten setzte er sich an's Schreiben, und nachdem er noch längere Zeit damit zugebracht hatte, stieg er in den Garten hinab und wandte sich dem künstlichen Bächlein zu; hier gewahrte er Bosak, der auf einem Felsstück saß und ganz in die Betrachtung zweier schwarzen Schwäne versunken war, welche majestätisch um den Eingang einer kleinen Grotte herumschwammen.
„Willkommen, mein lieber Freund," sagteSibilla's Gälte, dem Grafen von Varges die Hand entgegen« streckend.
„Willkommen, Herr Boto," entgegnete Bosak und bückte sich, um eine Blume abzupflücken, indem er sich stellte, als sehe er die Hand des ehemaligen Studenten nicht.
„Ich bin soeben angekommen und finde meine Frau etwas unwohl," versetzte Boto; und während er sich bequem auf einer mit Primeln eingefaßten Erhöhung niederließ, bemerkte er weiter: „Zum Glück hat Sibilla's Unwohlsein nichts zu bedeuten."
„Glauben Sie das?" fragte Bosak, den jungen Mann scharf in's Auge fassend.
„Warum sollte ich es nicht glauben? Dessen ungeachtet habe ich, um ganz ruhig sein zu können, an einen berühmten Professor geschrieben. Mein Glück ist vollkommen; keine düstere Wolke darf es trüben."
„Sind Sie wirklich glücklich? Stört Sie niemals ein trüber Gedanke, niemals eine peinliche Erinnerung?" fragte Bosak gespannt.
„Ich bin ganz glücklich, ich habe es Ihnen schon so oft wiederholt . . . Als Philosoph habe ich über gewisse thörichte Vorurtheile mich hinwegzusetzen gewußt und mich mit einem schönen, reichen, leidenschaftlich in mich verliebten Weibe verbunden. Die Welt lächelt mir freundlich, wie sie immer Demjenigen lächelt, der mit vollen Händen Geld toegroirft; meine alten Studien
genossen betrachten mich nicht ohne Neid; die Frauen bewundern, die Männer fürchten mich. Eine Schande, daß das Leben so kurz ist! Ich möchte ewig leben!"
„Alles vergeht, Alles hat ein Ende, auch der Reichthum vergeht bisweilen in Rauch," versetzte Bosak.
„Ein Unglücksfall kann Alles zerstören; allein eine solche Gefahr ist sehr fern von mir. Ich verwalte meine Güter mit Verstand; ich gebe Geld aus, weil ich mich amüsiren will, aber ich bin nicht verschwenderisch zum Wahnsinn."
„Ihre Reichthümer gehören Sibilla."
„Und folglich sind sie mein; ich hoffe, vor meiner süßen Gefährtin zu sterben, aber wenn das Unglück wollte, daß ich sie überlebte, so ist sie zu liebevoll, zu edelmüthig, um nicht an die Zukunft dessen zu denken, der sie anbetet."
Bosak sah den ehemaligen Studenten mit einem so scharfen, durchdringenden und beharrlichen Blicke an, als wollte er ihm in die tiefste Tiefe der Seele hinein schauen, seine Lippen bewegten sich zu einem ironischen Lächeln.
Boto hielt die Augen niedergeschlagen und scch den Blick des Grafen von Varges nicht. Seine Gedanken hatten einen andern Flug eingeschlagen, und während er mechanisch einige Primeln entblätterte, Hub er plötzlich an: „Wissen Sie, wen ich in der Stadt gesehen, das heißt, glaube gesehen zu haben? . . . Indeß, ich könnte mich täuschen. Die Begegnung däucht mir seltsam, sehr seltsam! . . . Doch es war sie, es war Niemand anders als sie. Was halten Sie davon, Herr Bosak?"
„Ich halte davon, daß ich Sie durchaus nicht verstehe, und daß ich, wenn Sie sich nicht deutlicher erklären, mich werde bescheiden müssen, Sie niemals zu verstehen," entgegnete der Graf von Varges mit vielem Phlegma.
„Sie haben Recht," sagte Boto lächelnd und fügte, auf den Rasen sich niederstreckend, hinzu: „Es war in der vorigen Woche, an einem schönen Abend, etwas nach Sonnenuntergang, als ich bei meiner Rückkehr zum großen Hotel auf der Straße zwei Damen bemerkte, welche mitleidig einem zerlumpten Knaben zuhörten, der, auf einer alten Guitarre klimpernd, ein Lied in fremder Sprache sang. Von Neugier getrieben, blieb ich gleichfalls stehen und betrachtete die beiden Damen.
(Fortsetzung folgt.)
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