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Sonntag, den 7. April 1895
22. Jahrgang
FiildaerNZkitniig
mit Unterhaltung» Beilage „Sterne und Klnmrn».
«rscheint »glich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfenuia Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen hie Mitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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Hier;« eine Beilage
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V Wochenrundschau.
(Schluß.)
Mit Gott fang an! lautet ein alter christlicher Wahlspruch, den man ungestraft nicht außer Acht lassen darf. Diese Erfahrung hat das «ugarische Sogen« Ministerium wieder einmal gemacht. Es hat zwar auch „mit Gott angefangen", aber in dem Sinne, daß es Gott aus der Gesetzgebung und aus dem ganzen öffentlichen Leben verbannen wollte. Die Strafe konnte nicht ausbleiben; es will ihm seit einiger Zeit nichts mehr gelingen und in den letzten Tagen ist ihm wieder einmal ein arges Mißgeschick begegnet. Gegen das Denkmal des österreichischen Generals Hentzi in Ofen, der im Kampfe gegen die ungarischen Revolutionäre, die Männer Kossuth's, den Tod gefunden, wurde ein Bombenattentat verübt, das glücklicher Weise keinen Schaden anrichtete. Natürlich ist der Thäter, der noch nicht erwischt sein soll, einer jener fanatischen Anhänger Kossuth's, auf welche die Gefolgschaft des Herrn Wekerle und seiner Nachfolger stets die allerzarteste Rücksicht genommen hat. Dem Kaiser und König Franz Joseph wird das Attentat daher zu denken geben. Ist demnach die gesammte Judenpresse jenseits der Leitha sehr unglücklich, so ist sie es diesseits der Leitha erst recht. In Wien haben nämlich die Judenliberalen beiden Gemeinderathsersatzwalen eine tödtlicheNiederlage erlitten. Die Antiliberalen — Christlich-Soziale und Antisemiten — haben im dritten Wahlkörper ihre sämmtlichen Kandidaten durchgebracht und auch in der zweiten Klasse unerwartet große Erfolge errungen. Die Liberalen schätzen jetzt selbst, daß nach Beendigung der Stichwahlen der Gemeinderath aus 74 Liberalen und 64 Antiliberalen bestehen werde, während die Liberalen bisher über eine Zweidrittelmehrheit verfügten. Die nächsten Wahlen — so jammern die Judenblätter — werden dem Wiener Gemeinderath eine große antisemitische Mehrheit und der Reichshauptstadt — schrecklich zu sagen! — einen antisemitischen Bürgermeister in der Person des christlich-sozialen Führers Dr. Lueger bescheeren. Schon ruft die jüdisch-liberale .Neue Freie Presse', echt liberal, nach dem Eingreifen der Regierung, damit solches Unheil abgewendet werde. Andere aber verzweifeln ganz und geben die liberale Sache verloren; und diese werden Recht behalten.
In Belgien ist der befürchtete allgemeine Streik nunmehr doch verhütet worden. Der Generalrath der Syzialistenpartei hat sich in seiner Mehrheit gegen den Generalstreik ausgesprochen. Da die belgische Regierung außerdem geneigt scheint, den Anträgen auf Erweiterung des Kommunalwahlrechts-Entwurfes Zugeständnisse zu machen, so dürste Belgien hoffentlich in der nächsten Zeit wieder etwas mehr Ruhe bekommen.
Frankreich und England werden wieder einmal heftig vonKolonialschmerzen geplagt. Französische militärische Expedittonen in Westafrika sind in englisches Gebiet eingedrungen. Darob lebhafte Entrüstung in England, wo manche Leute bereits ganz ernsthaft daran denken, die Kanonen gegen Frankreich sprechen zu lassen. Aber die Regierung wird sich von diesen Heißspornen natürlich nicht zu Dummheiten verführen lassen. In Frankreich hinwieder ist man sehr beunruhigt über das Schicksal der Expedition des Obersten Monteil im Hinterlande von Senegambien. Ein Pattser Blatt läßt sich melden, daß der Negerkönig Samory die französische Stadt Kong eingenommen habe; die Kolonne Monteil sei vollständig zersprengt. Neulich schon war ein ähnliches Gerücht verbreitet. Es muß abgewartet werden, ob es sich diesmal bestättgt.
Spanien hat mit K u b a noch viel ernstere Schmerzen. Der Aufstand scheint doch gefährlicher zu sein, als man zunächst glauben konnte. Die Spanier sind aber entschlossen, Alles aufzubieten, um sich diese Perle zu erhalten. Sie haben dabei freilich mit den Kommandanten ihrer dortigen Kriegsschiffe entschieden Unglück. Nachdem soeben erst der Kommandant eines Kanonenboots abdanken mußte, weil er ein amerikanisches Schiff in den Grund geschossen hatte, hat jetzt wieder ein
spanisches Kanonenboot auf ein britisches Schiff geschossen, das dann, als es anhielt, genau durchsucht wurde, jedenfalls danach, ob es vielleicht Waffen oder Munitton für die Aufständischen an Bord habe. Nun werden auch noch die Engländer Genugthuung — in Geld natürlich — von den armen Spaniern verlangen.
Japan hat den Chinesen jetzt, wenigstens auf dem festländischen Kriegsschauplatz, einen Waffenstillstand gewährt, der bis zum glücklichen Abschlüsse oder bis zum Abbruche der Friedensverhandlungen dauern soll. Danach könnte es scheinen, als wenn der Krieg bald zu Ende sein werde; indessen trüben die großen Forderungen Japans die Fttedensaussichten. Die Russen drohen übrigens, die Japaner um die Früchte ihres Sieges zu bringen; sie wollen nicht zugeben, daß die Japaner sich auf dem Festlande festsetzen, begehren aber für sich einen Theil der Beute. Russische Bescheidenheit!
Mede des Aögeordneten Graf von Kalen zum Antrag Kanitz in der Sitzung des
Reichstages vom 30. März.
Meine Herren, gegenüber der Agitation und Aufregung, welche der vorliegende Antrag in weite Kreise der ländlichen Bevölkerung hineingetragen hat, und im Hinblick auf den Gegenstand selbst, der Landwirthschaft in ihrer Bedrängniß zu Hilfe zu kommen, glaube ich den Standpunkt meiner politischen Freunde und den meinigen am leichtesten klarstellen zu können, wenn ich den Antrag prinzipiell behandle.
Meine Herren, das Centrum hat von jeher, so lange es existirt, ein warmes Herz und ein offenes Auge für alle Schäden im sozialen Leben gehabt, und ganz gewiß für die Landwirthschaft, die wir mit dem ganzen Hause als einen Grundpfeiler des staatlichen Lebens ansehen. Ich selbst bin ein Sohn des niedersächsischen Bolksstamms, und festgewachsen an der rothen Erde ist meine Familie seit Jahrhunderten; ich liebe mein Heimathland und dessen Eigenart und Zier, die einzeln unter Eichen liegenden Bauernhöfe. (Bravo! aus der Mitte.) Sie können deshalb ermeßen, wie auch mir persönlich die Roth der Landwirthschaft zu Herzen geht. Je tiefer aber dieser Schmerz, um so gewissenhafter und gründlicher wird man an die Beur- theilung der Mittel herantreten, die zur Heilung der Nothlage vorgeschlagen werden. (Sehr richtig!) Das Centrum, meine Herren, ist gewissenbaft an diese Prüfung herangegangen.
Wenn uns aber ein sozialer Nothstand entgegentritt, so fragen wir nach den Ursachen des Nothstarches und kämpsen nicht mit den hervortretenden Uebeln an sich, insofern nicht durch eine Repression wenigstens eine zeitweise Zurückdrängung des Uebels als möglich erscheint. Die Ursachen des agrarischen Nothstands sind gewiß herbeigeführt durch eine Menge von Umständen, durch d'e Zeitentwickelung, durch die Erfindungen, Erleichterung der Verbindungen, durch die Fruchtbarmachung entfernter Länder u. s. w.; aber, meine Herren, das ist ein Theil der Ursachen, ein anderer Theil des Grundes liegt viel tiefer, er liegt in dem Verlassen der Gesetze Gottes im sozialen Leben. (Sehr richtig! aus der Mitte.) Darin sind wir wohl alle einverstanden, und das ist auch schon von hoher Stelle sehr scharf ausgesprochen: zwei Weltanschauungen kämpsen um die Herr- schäft im sozialen Leben. Die eine Weltanschauung ist die christlich-soziale, die christliche Weltvrdnung, die gegründet ist auf den Gesetzen, die Gott festgelegt hat im Naturrecht und in der Offenbarung. In ihr herrscht Autorität und Gewissen, gleichsam als zwei Pole, zwischen denen das soziale Leben pulsirt, und findet seinen Abschluß im Königthum von Gottes Gnaden; angestrebt wird die Herrschaft des Geistes über die Materie, und sein Zielpunkt ist der Himmel. Meine Herren, das Leben dieser Gesellschaftsordnung ist organisch. Dem gegenüber steht eine andere Macht; ich kann sie bezeichnen mit den Worten, mit denen der vorige Herr Reichskanzler sie im Abgeordnetenhause bezeichnet hat: die Macht des Atheismus, sie begründet das Reich des Materialismus und hat als Grundgesetz den liberalen Satz: laisser faire et laisser aller, d. h. die Freiheit, außerhalb der Gebote Gottes zu leben; in derselben erstrebt die Materie die Herrschaft über den Geist. Das Ziel dieser Gesell- schäft ist der Genuß; Charakteristikum dieser Weltordnung ist der Mechanismus.
Meine Herren, das sind die beiden Weltordnungen, und nun stelle ich mir die Frage: welcher Weltordnung gehört der vorliegende Antrag an ? Ich muß zu meinem Leidwesen mir die Antwort geben: er trägt den Stempel des Mechanismus auf der Stirn. Ich bcdaure dies um so mehr, da der Antrag von einer Seite des Hauses ausgeht, von der wir bis jetzt gewohnt waren, sie mit uns gemeinsam in diesem Hause die christlich- soziale Weltordnung Vertheidigen zu sehen. Meine Herren, das Zeichen, was er an seinem Kopfe trägt, ist, wie gesagt, der Mechanismus. Er verräth aber auch den Geist, der nach meiner Auffassung in dem Antrag schlummert, und dieser Geist — ich kann ihn nicht anders bezeichnen — es ist der Geist des Staatssozialismus, der durch denselben gesetzlich eingeführt würde. (Sehr richtig! aus der Mitte.) Zu meiner Freude habe ich gestern aus dem Munde des Herrn Reichskanzlers dasselbe aus- sprechen hören, was wir ja auch schon gelesen haben in der Denkschrift des Staatsraths. Meine Herren, der Antrag wurde zurückgewiesen vom Herrn Reichskanzler. Ich danke dem Herrn Reichskanzler, daß er dies mit so scharfen Worten gethan hat. Den Gründen, die der Herr Reichskanzler angeführt hat, die es der Regierung unmöglich machen, aus den Antrag einzugehen, stimme ich bei.
Das Zweite, was der Herr Reichskanzler ausgeführt hat, was ihn abhält, auf diesen Gedanken des Antrags einzugehen,
das sind die Konsequenzen, die aus dem in demselben liegend e Prinzip hervorgehen; es ist auch nach meiner Ansicht feinem Zweifel unterworfen, daß, wenn dieses Prinzip gepflanzt wird, wir bald zur Monopolisirung der gesammten Landwirthschaft gelangen werden. Und daß in Folge dessen alle anderen Berufsstände mit demselben Recht dasselbe von der Staatsregierung fordern können, liegt auf der Hand.
Die Antragsteller sagen: es ist kein sozialisttscher Kern in diesem Anträge, denn wir wollen ja die Landwirthe stärken, daß sie widerstehen können den sozialistischen Gefahren. Ja, meine Herren, Sie wollen Halt gebieten, wenn Sie das Ziel erreicht haben; aber einem Prinzip, welches man gepflanzt hat, läßt sich kein Halt gebieten. (Sehr richtig! in der Mitte.) Es ist nichts unbarmherziger als die Konsequenzen eines falschen Prinzips. (Sehr richttg! in der Mitte.) Das bewährt sich im Privatleben der einzelnen Menschen, das bewährt sich aber auch im Volksleben; und, meine Herren, täuschen Sie sich nicht darüber: das Prinzip wird seine Konsequenzen ziehen, und das Prinzip wird sich auswachsen zu einer Größe, die Sie nicht wollen.
Also, meine Herren, so steht die Sache. Und wie wird sich das weiter ausgestalten, wenn dieses Prinzip sich auswächst? was wird aus den föderativen Staaten werden? Sie werden aufgesaugt werden und nicht mehr existiren. Im Punkte drei des Antrags wird uns auch schon der Geldbeutel gezeigt, den dieser Staatsgott für sich in Anspruch nimmt. Was haben wir dann? Dann wird der Staatssozialismus alles aufsaugen, jedes individuelle Leben vernichtend.
Also, meine Herren, das ist der Standpunkt, den meine politischen Freunde und ich dem Prinzip dieses Antrags gegenüber einnehmen. Dieses Prinzip können wir nie und nimmer aceepttren und werden dagegen kämpfen, so lange wir leben. Aber, meine Herren, trotzdem wir so scharf diesem Prinzip gegen- überstehen, so wollen wir doch zeigen, daß wir nichts unterlassen, um der Landwirthschaft, deren traurige Sage wir vollkommen anerkennen, zu Hilfe zu kommen. Meine Herren, der liebe Gott hat den Menschen so für die Wahrheit geschaffen, daß, wenn die Unwahrheit oder etwas Falsches in seiner Nacktheit ihm entgegentritt, es abschreckend wirkt; um zu verführen, muß entweder ein Kern von Wahrheit verborgen ober ein Schein von Wahrheit vorhanden sein. Wir sind deshalb bereit, den Antrag, in dem wir ein falsches Prinzip sehen, nochmals einer Prüfung zu unterwerfen, um zu sehen, ob ein gesunder Kern, bett wir fruktifiziren können, in demselben zu finden, ober ob es nur ein Schein ist, der bethört, und bann wollen wir biefen Schein auslöschen.
Deshalb, meine Herren, schließe ich mit bem Antrag, das hohe Haus wolle eine Kommission von 28 Mitgliebern beschließen, um biefen Antrag zu berathen. (Lebhafter Beifall in ber Mitte.)
Deutsches Keich.
Berlin, 4. April.
* Die Minister v. Bötticher und v. Köller hielten in Kiel am Freitag Vortrag beim Kaiser auf der ,Hohenzollern'. Gegen Mittag fuhren sie mit den ebenfalls Morgens eingetroffenen Ministern Thielen und v. Stephan nach dem Nordostsee-Kanal zwecks Feststellung der Einzelheiten des Programms für die Eröffnungsfeier.
* Der ,Reichsanzeiger' meldet im nichtamtlichen Theile: „Sr. Maj. dem Kaiser und König sind aus Anlaß der Feier des achtzigsten Geburtstags des Fürsten von Bismarck, Herzogs von Lauenburg, zahlreiche Huldigungs-Telegramme von Festversammlungen und Vereinen, von städtischen Behörden und einzelnen Personen zugegangen. Seine Majestät haben diese Kundgebungen, deren Beantwortung im Einzelnen unmöglich ist, mit Genugthuung entgegengenommen und Aller- höchstihre Freude über diesen Ausdruck patriotischer Gesinnung zu erkennen gegeben."
* Prinz Joachim hat seine Krankheit bereits soweit überwunden, daß er sich außerhalb des Bettes befindet. Freilich erfordet der angegriffene Zustand noch große Schonung, doch ist keine Gefahr mehr zu befürchten.
* Die preußische Staatsschuld hat sich nach dem dem Landtag übermittelten Bericht der Staatsschulden- Kommission während des Etats - Jahres 1893/94 um 128,259,423 Mk. erhöht, so daß die Staatsschuld am 31. März 1894 6,338,098,953.54 Mk. betrug. Die Erhöhung der Schuld ist hauptsächlich durch Eisenbahn - Kredite veranlaßt. Es sind in dem genannte» Jahre 3,622,300 Mk. konsolidirte 3*/- prozentige Anleihen begeben worden. In der Zeit vom 1. April bis zum 31. Dezember 1894 sind neue Konsols nicht ausgegeben worden. Am 31. Dezember 1894 waren noch Kredite offen zum Betrage von 491,880,869 Mk.
* Zur lippe'schen Erbfolgefrage meldet die ,Süddeutsche Landpost', daß die Jrren-Aerzte Krausold und Falko in Bayreuth gerichtlich über den Zustand des dort in der Privatanstalt Falko's weilenden lippe'schen Thronfolgers, Prinzen Alexander, vernommen wurden. Sie erklärten, daß an eine Thronfolge kaum zu denken sei.
* Der Fürst von Renß älterer Lime hat den Hofmarschall und Flügeladjutanten, Major Freiherrn