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Jlß. 80

Samstag, ven 6. April 1895

22. Jayrgang

FlildatrWZkitliiig

mit Unterhalttmgs-Kettagr „Sterne und Slomen".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen

ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

N.e KkÜtzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

V Wochenrundschau.

rr Der Champagnerrausch desBismarckstaumels hat den Bismärckern im Lande den von uns voraus­gesehenen Katzenjammer rasch gebracht. Wie jubelten sie, als am Abend des 23. März die „Ent­rüstungsdepesche" des Kaisers an Bismarck bekannt wurde! Der Kaiser mußte es sich sogar gefallen lassen, von Studenten von der bekannten „teutschen" Art und anderen grünen I—Ünglingen antelegraphirt und des Beifalls dieser gewichtigen Persönlichkeiten versichert zu werden. Im Uebrigen aber „flaute", um einen Seemannsausdruck zu gebrauchen, der „Sturm" bis- märckischer Begeisterung und Entrüstung bereits in den ersten Tagen der Bismarckwoche sehr; die Entrüstung, die sichüber den Reichstagsbeschluß äußerte, vermochte der Reichstag zu ertragen. Ewas munterer wurde es im bismarckschen Lager wieder, als bekannt wurde, daß der Kaiser das Reichstagspräsidium zum Hofdiner am 1. April, das schlankweg als „Bis­marckdiner" bezeichnet wurde, eingeladen. Das sollte eine Verhöhnung des Reichstags bedeuten; die Bis­marckpresse unterschob dem Kaiser also Absichten, die weder mit dem einfachsten Anstande noch mit der politischen Klugheit zu vereinbaren waren. Aber was liegt der Bismarckpresse, die Alles nur zur höheren Ehre Bismarcks thut, daran, ob die Ehrfurcht vor dem Monarchen durch ihre Unterstellungen erschüttert wird! Daß der 1. Vizepräsident Schmidt-Bingen auf Befehl der freisinnigen Volkspartei der Einladung sich durch Abreise entzog, schien allerdings den Bis- • marckblättern Recht zu geben. Indessen hat der Em­pfang der beiden Präsidenten aus dem Centrum, v. Buol und Spahn, durch den Kaiser einen Verlauf genommen, der den Hoffnungen der Bismärcker nicht entsprach. Der Kaiser unterhielt sich in der freund­lichsten Weise mit den beiden Herren und wünschte dem Reichstage eine gesegnete Thätigkeit. Die Angaben nationalliberaler Blätter, der Kaiser habe zu den Präsi­denten von einer „trüben Veranlassung" ihrer Wahl gebrochen, haben sich als unwahr herausgestellt. Die „Bismarckfeier" beschränkte sich darauf, daß der Kaiser bei dem Essen einen Trinkspruch ausbrachte, der an Kürze und politischer Farblosigkeit nichts zu wünschen übrig ließ und nur aus dem einem Satze bestand: „Auf das Wohl Sr. Durchlaucht des Herzogs von Lauenburg, Fürsten von Bismarck, Hurrah!" Die Bismarckblätter ließen sich denn auch alsbald deutlich anmerken, daß sie viel mehr erwartet hatten und sich nun sehr enttäuscht fühlen. Die liberalen Blätter insbesondere geben offen ihrem Aerger Ausdruck über die „Annäherung zwischen Regierung und Centrum" und jammern, daß die Regierung sich lieber mit dem Centrum als mit den Nationalliberalen über ihre Vorlagen verständige. Gemeint ist damit in erster Reihe die Umsturzvorlage, die von der Kom­mission im Ganzen mit 17 gegen 8 Stimmen ange­nommen worden ist; „das Centrum hat Alles erreicht!"

Sie Whlnsg des TMeugriiders.

Roman von H. v. Remagen.

(42. Fortsetzung.)

„Willkommen bis zu einem gewissen Punkte!" versetzte Boto heftig, dann fügte er, seinen Unwillen gewaltsam zurückdrängend, etwas ruhiger hinzu: „Er ist ein Misanthrop und seine ganze Handlungsweise ist sehr sonderbar und geheimnißvoll. Nach unserer Heirath verschwand er, und ich erfuhr nichts mehr von ihm; ein Jahr war verflossen und eines schönen Tages begegne ich ihm; er hält mich auf der Straße an, fixirt mich mit seinem unerträglichen Blick und fragt barsch: „Sind Sie glücklich, Herr Boto?" „Sehr glücklich," antworte ich. „Nun, ich möchte Zeuge Ihres Glückes sein." „Kommen Sie auf mein Schloß, und Sie werden sehen, wie mir das Glück lächelt . . ." Er ließ sich das nicht zweimal sagen und schlug ganz ungenirt in unserem Hause sein Zelt auf."

„Aber er machte Ihnen einen schönen englischen Renner, sowie einen prachtvollen Luxuswagen nach der Mode zum Geschenk. Unsere Gastfreundschaft wurde generös bezahlt."

„Unsinn! ... Ich fürchte nur zu sehr, daß an Deiner schlechten Laune die boshaften Insinuationen dieses Herrn Bosak nicht wenig Antheil haben."

schreien die nationalliberalen Blätter grimmig, weil das Centrum allerdings einige nicht unwesentliche Verbesserungen der Vorlage dahin durchgesetzt hat, daß jetzt auch der Umsturz von oben, die Unter­grabung von Religion und Sitte vom Katheder und von der Schaubühne herab, durch Wort, Schrift und Bild, getroffen wird und daß andererseits der Kanzel­paragraph gestrichen worden ist. Besonders die Beseitigung dieses alten Jnventarstücks aus der Rüst­kammer des Kulturkampfes hat diese unverbesser­lichen Kulturkämpfer aufs Höchste erbittert, um so mehr, als sie die Erfahrung machen mußten, daß der Regierung mehr an dem Gelingen der Umsturzvorlage als an der Erhaltung des Kanzelparagraphen liegt. Und so ereignete sich denn auch das ergötzliche Schau­spiel, daß dieselben Leute, welche am lautesten und dringendsten nach der Umsturzvorlage gerufen hatten, daß die Nationalliberalen, welche lange Zeit die einzigen waren, welche unbedingt für die Vorlage eintraten, jetzt in der Kommission gegen die ganze Vorlage gestimmt haben, weil — der Kanzelparagraph gestrichen wurde! Also wegen Beseitigung dieses einen Kulturkampfsrestes geben sie die Vorlage preis, die ihnen sonst so lieb und theuer ist, wie keiner anderen Partei — das ist so recht bezeichnend für die katho­likenfeindliche Verbissenheit dieser Gesellschaft! Die Wuth der Nationalliberalen zu sehen und zu hören, ist für uns — man wird uns das nicht übel nehmen können — eines der größten Vergnügen, die uns je geboten werden könnten. Um dieses Genusses willen wären wir fast bereit, manches Bedenkliche, das die Vorlage auch nach der Kommifsionsberathung uns noch bietet, in den Kauf zu nehmen, zumal wir den Werth besten, was das Centrum in der Kommission erreicht hat, nicht geringschätzen können, wenn wir sehen, welche Bedeutung unsere Gegner diesen Erfolgen beimessen. Trotzdem können wir das Bedenken nicht unterdrücken, daß die Vorlage noch manche recht dehn­bare Bestimniungen enthält, die stets der Presse, aus­genommen natürlich der „ gutgesinnten "^sMMfährlich werden könnten. So stehen wir denn den^Uunissions- beschlüsfen „mit einem lachenden und einem weinenden Auge" gegenüber und möchten nur wünschen, daß die Vorlage im Plenum noch so bedeutsame Verbesserungen erfahre, daß wir sie nachher mit zwei „lachenden Augen" ansehen können.

Unsere beiden Parlamente, R e i ch s t a g und L a n d- tag, bleiben nun für einige Wochen geschlossen. Sie haben aber auch wahrlich in diesem Jahre eine wahre Arbeitswuth bethätigt und mit sehr wenigen Ausnahmen an jedem Tage die gefürchteten Doppelsitzungen ab­gehalten, sodaß den Abgeordneten sowohl wie den Berichterstattern der Presse auf den Journalisten­tribünen die paar Wochen Osterferien sehr wohl zu gönnen sind. Der Reichstag hat am Donnerstag voriger Woche die dritte Etatsberathung zum Abschluß gebracht und dann am Freitag und Samstag über den Antrag Kan itz verhandelt, nachdem schon amDonners-

„Sie irren sich, meine Pein verrathe ich Nie­mand."

„Ach. sprich doch nicht von Pein. Verbanne jeden trüben Gedanken aus Deinem Herzen und freue Dich des Lebens; das sich zu freuen weiß, hat Theil am Göttlichen!"

„Kann man sich freuen, wenn das Grab vor einem sich öffnet?" rief Sibilla und preßie die Hand auf's Herz.

„Aber ums Himmels willen, was sind das für Träume? . . . Deine Wangen blühen wie Rosen; Margaretha sagte, Du fühltest Dich wohl, Du . . ."

„Margaretha wiederholte, was ich ihr vorgesagt," unterbrach Sibilla ihn mit einem tiefen Seufzer. Ihre Kräfte waren nahe daran, sie zu verlassen, nur müh­sam gelang es ihr, wenigstens die äußerliche Fastung zu bewahren, und langsam fuhr sie fort: „Eben hatte ich vor, Dir die Wahrheit zu verbergen . . . täusche Dich nicht, meine Gesundheit wird von Tag zu Tag verzweifelter ... Ich bin zum Tode verurtheilt . . . der Arzt hat es mir gesagt!"

Boto fuhr mit der Hand zur Stirn und ward leichenblaß, denn in diesem Augenblicke sah er Schloß, Pferde, Wagen, Bediente und Reichthümer in Nebel zerfließen!

„Nein!" schrie er, den Arm um Sibilla's zarten

tag die Konservativen das Abgeordnetenhaus mit einer „Kanitzdebatte" überrumpelt hatten. Die Verhand­lungen in beiden Parlamenten zeigten bald, daß der Antrag nicht die geringste Aussicht auf An­nahme hat weder seitens der Regierung noch im Reichs­tage. Fürst Hohenlohe im Reichstage, Minister von Hammerstein im Landtage wiesen den Antrag mit aller wünschenswerthen Entschiedenheit zurück, und ebenso entschieden bekämpften die Redner des Centrums (im Abgeordnetenhause Frhr v. Huene, im Reichstage Graf Galen) und der Nationalliberalen den Antrag — von den Freisinnigen und Sozialdemokraten ganz zu schweigen, die als der Landwirthschaft feindliche Parteien hier nicht in Bettacht kommen. Wenn der Antrag vom Reichstag trotzdem an eine Kommission verwiesen wurde, so hat dies seine guten Gründe, namentlich auch darin, daß die Kommission Gelegenheit bieten wird, die Ansichten über die Art, wie dem landwirthschastlichen Nothstande abzuhelfen ist, nach jeder Richtung hin zu klären. Auch im Herrenhause kam der Antrag Kanitz zur Sprache, und auch hier fand er sehr entschieden Widerspruch; und nicht etwa von der „Bürgermeisterbank", sondern von den Bänken der adeligen Großgrundbesitzer selbst, also von Standes- und Parteigenossen der Antragsteller. Das läßt auf einen beginnenden Umschwung der Stimmung auch in streng „agrarischen" Kreisen schließen, und man darf daher hoffen, daß, wenn der Staat mit anderen Mitteln der Landwirthschaft zu Hilfe kommt, die Agitation für den Antrag Kanitz, an der die Sozialdemokraten ihre helle Freude haben, allmählig verstummen wird. Wir werden in dieser Hoffnung bestärtt durch die Wiederwahl des Centtumsabgeordneten Dr. Pichler in Passau, der bei der vorigen Wahl nur mit knapper Mehrheit gegen einen Bauernbündler siegte, jetzt aber mit mehreren Tausend Stimmen Mehrheit seine sämmt- lichen vier Gegner zusammen schlug. Der Bauern­bündler erhielt nur noch den fünften Theil der Stimmen, die auf Dr. Pichler entfielen! Und kurz vorher hatte sich der Bauernbund für den Antrag Kanitz erklärt — geholfen hat ihm das also ganz und gar nicht! Eben­sowenig wie den Liberalen der Bismarckrummel, denn sie erhielten bei der Passauer Wahl nur etwas über 800 Stimmen.

(Schluß folgt.)

C. K. Wie kann der Landwirthschaft geholfen werden?

Von einem praktischen Landwirthe.

(Schluß.)

Das zweite Mittel ist eine durchgreifende technische und intelligente Bildung unseres Bauernstandes. Diese wurde bisher bei unseren Bauern vernachlässigt. Wer den Ackerbau noch mit alten Geräthen und nach der Väter Weise betreiben will, dem geht es jetzt herzlich schlecht, der ist unrettbar verloren für die Zukunft. Vor 40 Jahren las ich in einem Buche, das ein Jesuit ge-

Nacken schlingend; „nein! Du wirst nicht sterben!. .. Dein Arzt versteht nichts; wir werden hundert andere» die mehr verstehen, als er, konsultiren, und Du wirst leben, leben für mich, mein Engel!"

Ein Strahl unsäglichen Glückes erhellte Sibillas traurige Züge. Die Arme war überselig. Boto liebte sie noch, er ängstigte sich ja um sie, er war ja so bleich, er zitterte, die Stimme versagte ihm, solche Zeichen von Angst konnten ja nicht geheuchelt sein.

„Du liebst mich, Boto!" rief das arme Weib und streichelte das blonde Haar ihres Gatten; „Du liebst mich, o, nun' sterbe ich glücklich. Doch ach! bleibe immer bei mir, verlaß die Universität. Du magst studieren zu Deinem Vergnügen, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin. Jetzt mußt Du bei mir bleiben, immer! Du mußt mich lieben bis zum letzten Augen­blick !"

„Ja, mein Engel, ich will Dich immer lieben, immer! aber ich will und muß wissen, was der Arzt Dir gesagt hat. Was für eine Krankheit soll das sein, die wir für eine nervöse Erregung gehalten haben?"

„Ein organischer Herzfehler."

„O, der Unvorsichtige! der Dummkopf! . . . Und warum sagt er das mir nicht? ..."

„Er fragte wiederholt nach Dir, indeß Du warst immer abwesend, er hätte auch mir gegenüber sicher