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M 79

Freitag, oen 5. April 1895

22. Jayrgang

FuldaerWZcitiilig

mit Unterhalturrgs Beilage ..Sterne und Klnmen".

Lrickeint täglich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen hie Mrtzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

C. K. Wie kann der Landwirthschaft geholfen werden?*)

(Bon einem praktischen Landwirthe.)

In Nr. 72 der .Fuldaer Zeitung' ist ein Artikel zu lesen: „Hebung der Getreidepreise durch Organi­sation des landwirthschaftlichen Berufsstandes." Man sieht hieraus, daß es gar nicht an Männern fehlt, welche uns Bauern helfen wollen. Schreiber des Artikels ist der festen Ueberzeugung, daß kein Mittel so segensreich, schnellwirkend, gefahrlos, einfach und naturgemäß fei, wie die Organi­sation des landwirthschaftlichen Berufsstandes zum Zweck des Getreidevertriebs. Er bittet um alle Ein­würfe und Bedenken, die seinem Projekt entgegen sind. Nun, der Schreiber wird mir es nicht übel nehmen, wenn ich ihm das Wasser ein bischen trübe mache. Von seinen fünf Beiwörtern will ich zwei gelten lassen: segensreich und naturgemäß. — Ja, wenn Alles gleich so fertig wäre, wie Schreiber es wünscht, wäre es ja ganz schön, aber so rasch wird es nicht gehen; oder sollten die Bauern am Rheine anders sein, als anderswo? Schnellwirkend: dies kann ich nicht glauben. Kann man denn die Konkurrenz mit einem Strich aus der Welt schaffen? Oder will man sich, wie es am Ende des Artikels heißt, auf Staatszwang verlassen? — Dieser wird den Allein-Vertrieb des Getreides in der Provinz durch Staatsgesetz übernehmen — so ist die ganze Sache ein Antrag Kanitz, blos in anderer Form. Ich war anfangs auch für den Antrag Kanitz, nur war mir sein Ansatz des Preises für den Doppel­zentner Roggen 20—21 Mark zu hoch; wir wären mit 16 Mark für Roggen und 18 Mark für Weizen zufrieden gewesen. Allein, je mehr ich über den An­trag Kanitz nachdachte, desto unausführbarer erschien er mir. Erstlich wegen der Handelsverträge; und dann: was dem Einen recht ist, ist dem Anderen billig. Wie lange würde es dauern, so kämen die anderen Stände nach und sagten: Staat, wir kommen nicht mehr durch, hilf auch uns durch deinen Handel — und der sozialdemokratische Staat wäre fertig. Die Konkurrenz ist nun einmal da. Diese konnte man sich durch die Handelsverträge vom Halse halten. Gerade durch Herab­setzung des Getreidezolles hat man die fremden Länder angereizt, große Flächen, die bisher wüste lagen, mit Getreide anzubauen und so uns zu überschütten. Darum Alle, die mitgeholfen haben, den Zoll herabzusetzen, sind Schuld mit an unseren schlechten Getreidepreisen. Man wollte eben der Industrie billiges Brod verschaffen. Nun habe ich es schon so oft gesagt und sage es immer wieder: kann es denn der deutschen Industrie gleich sein, wenn das Pfund Brod zwei Pfennig billiger ist, und der deutsche Bauer verliert seine Kaufkraft, oder umgekehrt? Ich glaube

*) Nachdem wir den 1. Artikel gebracht, wollten wir auch einer anderen Stimme unsere Spalten nicht verschließen, ohne damit für den einen oder anderen Theil widerspruchslos Partei zu nehmen.

Bit Erzählung des Todlmgräders.

Roman von H. v. Remagen.

(41. Fortsetzung.)

XIII.

Die Sonne wandte sich zum Untergange und warf ihre feuerrothen Strahlen auf die Krystallscheiben eines Palastes von vornehmen Aussehen; es war ein alt­aristokratisches Gebäude, von einem weiten englischen Garten umgeben, nicht ganz eine Meile von einer schönen deutschen Stadt entfernt.

Ein sanfter Abendwind milderte die glühende Hitze eines warmen Julitages. Um diese Zeit wandelte Sibilla, von einer Kammerzofe begleitet, langsam im Garten auf und ab, dem Laufe eines künstlichen Bäch­leins folgend; wie wenn fröstelnde Fieberschauer sie durchzögen, hüllte sie sich in die Falten ihrer Sammt- mantille, und bleich und abgezehrt blieb sie bei jedem Schritte stehen, als wenn ihr der Athem ausginge.

Mit einem Mal fuhr sie zusammen, gespannt lauschte sie auf ein fernes Geräusch, dann wandte sie sich um und eilte mit beschleunigten Schritten und fliegendem Athem dem Schlosse zu.

„O weh, Madame, ruhen Sie eine Minute aus, denken Sie an Ihre Gesundheit, der Arzt hat Ihnen das Laufen verboten," sagte die Kammerzofe.

immer, der Industrie und Geschäftswelt thut unsere Nothlage noch mehr Schaden, als dem Bauer selbst. Der Bauer braucht sich zwei Jahre lang kein neues Kleid zu kaufen, wenn er kein Geld hat — er flickt das alte eben fo lange, wie es geht—, und hat er kein Geld, so kauft er keine Maschinen und macht auch keine kostspieligen Verbesserungen. Nicht so die Ge­schäftswelt.

Weiter nennt Schreiber seine Mittel gefahrlos. Ich meine, wenn man mit diesem Projekt in die Wirklichkeit tritt, wird es einen Heidenspektakel ab­geben, gerade wie mit dem Antrag Kanitz. Ich weiß, wie es uns gegangen hat mit der ersten Gründung von unseren Bauern- und Darlehnskassenvereinen. Spott, Hohn, Haß, Verdächtigungen, Alles mußte man über sich ergehen lassen, ja sogar Prügel sollten wir haben; und diese Vereine sind doch so harmlos.

Einfach nennt der Herr sein Mittel, als ob es so einfach wäre, einen gemeinschaftlichen Getreidever­kauf zu organistren. Schon in Betreff der Reinigung des Getreides bieten sich Schwierigkeiten. Vor Jahren hatten wir den Auftrag, 3 Waggon Weizen zu liefern. Ja, das hätte gegangen, aber das Reinigen! Zwei Bauern machen ihre Frucht rein, drei nicht. Wer will die Verantwortung übernehmen? Ich setzte mich ins Benehmen mit Einem, der Fegemühlen baute, und gab ihm den Rath, solche nach meinem Projekt zu bauen, die die Frucht schön rein machen. Später sprach ich mit ihm, wie das Geschäft gehe, und er fagte: er baue jetzt wieder alte, die neuen seien ihm wieder zurückgebracht worden, die Leute könnten mit der Ver­stellung der Maschine nicht fertig werden. — So lange das nicht möglich ist, spreche man doch nicht von einem gemeinschaftlichen Fruchtverkauf. Oder will man die Frucht auf einer großen genossenschaftlichen Maschine reinigen? Dies ginge noch am ehesten, obgleich viele Umstände und Kosten damit verbunden wären, — allein, wenn das Uebrige nur ginge!

Nun ich Kritik geübt habe, wird man auch ver­langen, mich zu äußern, ob ich was Besseres weiß. Nun, ich will mein Programm entwickeln, — ob ich verstanden werde??? Frage: „Welches ist die Haupt­ursache des landwirthschaftlichen Nothstandes?" Ant­wort: „Die Ueberschuldung" Diese ist haupt­sächlich entstanden, wo man mit wenigem Gelbe theure Güter gekauft hat, oder in der Erbschaft das Gut zu theuer übernommen hat. Hat es wohl Sinn, wenn ein junger Landwirth mit 50,000 Mark ein Gut kauft für 200,000 Mark? Wenn der in guten Jahren seine Last hat, braucht man sich da zu wundern, wenns dem in schlechten Jahren schlecht geht? Oder wenn ein armer Hüttner, der so schon Schulden hat, sich vom Juden noch Feld zum doppelten Preise auf­schwätzen läßt, blos weil er kein Geld braucht — auch keins hat —, sondern erst in fünfjährigen Raten zu bezahlen braucht! Ist es da ein Wunder, wenn es dem in schlechten Jahren schlecht geht? Oder hatte man vielleicht keine schlechten Jahre mehr zu erwarten,

„Schweige, Margaretha, schweige ... Ich höre den Hufschlag eines Pferdes. Er kommt zurück . . Er!"

Margaretha schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln, indem sie ihrer Herrin, einige unverständliche Worte murmelnd, folgte.

Sibilla erreichte athemlos ein kleines, ganz mit Blumen bedecktes Beet; da sie aber das mit vergoldeten Spitzen gezierte Eisengitter geschlossen fand, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Dann lief sie eilends nach Durchschreitung einer weiten Vorhalle die Stiegen hin­auf, durchflog eine lange Reihe von prächtigen Zimmern und schloß sich endlich in einem mit rothen Damast tapezierten Schlafgemach ein, welches auf's verschwen­derischste ausgestattet war mit tausenderlei Sachen und Sächelchen, Kostbarkeiten und Thorheiten, die trotz der enormen Summen, die sie gekostet, zu nichts dienlich sind.

„Er war es nicht! ... Er war es nicht!" wieder­holte Boto's Gattin, nachdem sie sich auf einer langen mit carmoisinrothem Sammt überzogenen Causeuse niedergelasfen, ihre Stimme zitterte vor Erregung, da sie fortfuhr: „Der Zorn verzehrt mich, sieh, durch seine Schuld fühle ich mich heute schlimmer als gewöhnlich. Ich fühle Schwindel und Herzklopfen . . . Ach, mein armes Herz, du bist krank zum Sterben, und eines schönen Tages . . . Doch nein! ich will nicht sterben! In meinem Alter stirbt man nicht ... Es sind diese

weil man Alles mit der Wissenschaft bewältigen wollte? Hat es nicht schon früher gute und schlechte Jahre gegeben? Nun, so wird es auch wohl bleiben. Wer also kauft, berechne die Ernten nicht nach guten, sondern nach Durchschnittsjahren, und wer wenig Geld hat, kaufe ein kleineres Gut. Wer also ein großes ver­schuldetes Gut besitzt, muß sehen, wie er die schlechten Jahre übersteht; ich kann ihm nicht helfen, ich bin nur Bauer und kann meinen Kollegen nur einen Rath geben.

Um den Bauernstand durch die Welt zu bringen, kenne ich nur zwei Mittel, die aber ganz be­stimmt und sicher helfen. Erstens muß er vor Ueberschuldung bewahrt bleiben. Dieses geschieht aber nicht besser, als wenn der „Entwurf eines Heimstätten­gesetzes für das Deutsche Reich", welcher in Nr. 284 der .Fuldaer Zeitung' vom 12. Dezember 1894 abge­druckt ist, Gesetz wird. Darin ist die Hauptsache, daß der Grundbesitz unter allen Umständen nur bis zur Hälfte seines Werthes mit Hypothek belastet werden darf und daß kein Gut ohne Aufsicht einer Gerichts­person vereinzelt werden darf. Ist es nicht herz­zerreißend, wenn der Gläubiger alle zwei Jahre mit seinem Schuldner abrechnet und die rückständigen Zinsen als neue Hypothek auf den Hof eintragen läßt, bis daß derselbe alle ist!? Ich kenne persönlich solche Fälle. — Oder ist es nicht haarsträubend, wenn ein Bauer seinen Hof oft so heimlich wie nur möglich an den Güterschlächter verkauft! Dieser muß seine 3-, 4- bis 5000 Mark verdienen, während der Bauer so arm wird, wie Job in seinem Elende oder wie der arme Lazarus. Ich kenne einige solche Fälle. Dann ist noch das weitere Sckilimme: was der Güterschlächter nicht los wird, hängt er solchen Leuten auf, die ihm schon schulden, von denen ich oben schon sprach. Dürfte der nicht kaufen, der kein Geld hat, und der nicht mehr als das Doppelte, welcher Geld hat, so stände es viel besser mit der Landwirthschaft. Gegen diese Dumm­heiten hilft keine Genossenschaft und kein Verein, nur ein strenges Gesetz. Früher bestand ja auch das Gesetz, daß kein Grundstück über die Hälfte seines Werthes mit Hypothek belastet werden durfte. Will man diesen Entwurf nicht zum Gesetze machen, so will man dem Bauer überhaupt nicht helfen. Damit ist immer noch nicht gesagt, daß der Bauer durchaus nicht mehr Schulden haben darf, als die Hälfte des Werthes seines Hofes. Ist er Willens, mehr Schulden zu machen, etwa durch Ankauf, Verbesserungen, so muß er das mehr auf Personalkredit borgen und dies wird er­ziehend wirken.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 3. April.

* Es rast der See, er hat ein Opfer gefunden. Wenigstens soll der Reichstags-Abgeordnete Prinz Arenberg, welcher im vorigen Herbste zum Vor-

93hinten, die mir Kopfweh und Herzklopfen verursachen . . . Auch die Blumen hasse ich!"

Und Sibilla sprang auf, nahm aus einer Vase mit vergoldetem Fuße einen prachtvollen Blumenstrauß, trat damit an's Fenster und begann, die Blüthen eine nach der andern zu entblättern.

„So", sagte sie heftig, „sind auch die Blumen aus meinem Jugendkranze dahingeschwunden, nur einen Tag haben sie gelebt, und dann wurden sie welk und verloren ihre Blätter. Und was bleibt mir? . . . . Nichts, gar nichts!"

Der letzte Blüthenkelch der letzten Blume sollte eben dem Schicksal der anderen folgen, als Sibilla auf einmal inne hielt. Ein Wagen, geführt von einem Kutscher in Livree, fuhr vor.

Das war er! er war es!

Sibilla zog die Seidenschnur, welche in einer Ecke an der Wand hing. Man hörte eine Klingel, und die Kammerfrau eilte auf den Schall herbei.

„Soeben ist mein Mann gekommen, Margaretha," Hub Sibilla an. „Sage ihm nicht, daß ich unruhig war wegen seines Ausbleibens, und wenn er Dich fragen sollte in Betreff meiner Gesundheit,.kannst Du ihm erwidern, daß ich mich wohl befinde, daß ich mit Appetit gespeist und einen tüchtigen Spaziergang ge­macht habe. Geh jetzt!"