M 78
Donnerstag, oen 4. April 1895
22. Jahrgang
FuldaerWZtitllvg
mit UnterhaltNNgs-Keilage „Sterne und Klnmen".
Erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einsvaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen hie Kfiitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Bestellungen ans die ,Fuldaer Zeitung" werden noch fortwährend angenommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. April.
* Der Präsident des Reichstages Frhr. v. Buol- Berenberg und der 2. Vizepräsident Spahn (der 1. Vizepräsident Schmidt-Bingen war, wie jetzt bekannt wird, auf einstimmigen Beschluß der Freis. Volkspartei ferngeblieben) wurden am Montag Abend kurz vor Beginn der Galatafel im kgl. Schlosse vom Kaiser empfangen. Der Reichskanzler stellte die beiden Präsidenten dem Kaiser vor, der sie, wie die .Germania' berichtet, huldvollst und freundlich begrüßte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß der Reichstag unter ihrer Leitung eine e n e r g i s ch e T h ü t i g k e i t entfalten möge. Der Empfang dauerte acht Minuten. Unmittelbar darauf ließ sich auch die Kaiserin die Herren vorstellen. Das von der ,Nat. Ztg.' verbreitete Gerücht, der Kaiser habe den Herren v. Buol und Spahn gegenüber sein Bedauern ausgedrückt, daß sie „aus so trüber Veranlassung den Reichstag bei diesem Feste vertreten," entbehrt, der,Germania' zufolge, vollständig der that- fächlichcn Unterlage. — Andere Blätter behaupten, der Kaiser habe geäußert: „Sie sind noch nicht lange im Amte, die Veranlassung ihrer Wahl war keine freudige." Auch diese Meldung ist unglaubwürdig, schon deshalb, weil natürlich weder die beiden Präsidenten, noch der Reichskanzler und erst recht nicht der Kaiser selbst dem betreffenden Berichterstatter eine solche Mittheilung gemacht haben können. Es würde eine solche Aeußerung des Kaisers auch nicht im Einklang stehen mit dem Takte, den der Kaiser unleugbar bei der Galatafel selbst beobachtet hat. Sein Trinkspruch lautet nämlich, wie folgt: „Aus das Wohl Sr. Durchlaucht des Herzogs von Lauenburg Fürsten v. Bismarck! Hurrah!" Der Kaiser hat diesem Trinkspruch also keinerlei Begründung gegeben, den Fürsten Bismarck weder als Mitbegründer des Reichs noch als Politiker überhaupt gefeiert; sein Trinkspruch war unpolitisch und bildet somit einen Gegensatz zu den Gratulationsanträgen im Reichstage und im Landtage. Mehrere bismarckisch gesinnte Blätter lassen sich auch bereits deutlich genug anmerken, daß sie in den Hoffnungen, die sie an das „Entrüstungstelegramm" des Kaisers geknüpft hatten, sich enttäuscht fühlen.
* Die Berliner Blätter sind angefüllt mit Berichten über die Bismarckfestlichkeiten hier und außerhalb, besonders in Friedrichsruh. Von Polittk aber findet man heute in ihnen kaum eine Spur!
Bit Ekjiihlmz des MtkuMrrs.
Roman von H. v. Remagen.
(40. Fortsetzung.»
Hilda beruhigte sich etwas, heftete die Blicke zu Boden und blieb unbeweglich.
„Gnädige Frau," bemerkte Luise und küßte zärtlich die Hand der Gräfin von Varges, „fragen Sie Ihre Qualen in Geduld; die Reue, die der Schuld folgt, ist der Anfang der Sühne!"
„O ja, ich will meine Vergehen sühnen, ich will sie sühnen dort, wo ich Trauer und Wehklagen verursacht habe!" rief die Gräfin und warf sich mitten im Zimmer auf die Kniee nieder und mit fieberhafter Erregung fuhr sie fort: „Ja, ja, ich will Alles bis auf mein letztes Kleid verkaufen, ich will verkaufen das Wenige, was mir noch übrig bleibt und mich auf den Weg begeben, und wenn mir unterwegs die Mittel ausgehen, werde ich an die Hütte des Armen klopfen und um Brod betteln, den Wanderer auf dem Wege werde ich um eine Gabe ansprechen."
„Wir werden es zusammen thun," sagte Luise.
„Wie? Du willst mich nicht verlassen?"
„Nein, gnädige Frau, gewiß nicht!"
„Aber soeben noch hörte ich Dich sagen, daß Du das schuldvolle Weib verachtest."
„Ich verachte das Weib, welches die Tugend vergißt, aber demjenigen, welches zur Tugend zurückkehrt, biete ich die Hand!"
„Und Du wolltest . . .?" '
Kiel, 1. April. Prinz Heinrich überwies hiesigen Ausschuß für das Bismarck-Denkmal namhaften Beitrag.
Friedrichsruh, 1. April. Etwa 200 000 Glück-
dem einen
*
* Die ,Berl. N. Nachr.' veröffentlichen nachstehenden Wortlaut des gestrigen Telegramms des Kaisers au de« Fürsten Bismarck: „Euerer Durchlaucht möchte Ich, wie am 26. März, an der Spitze der Vertretung Meiner Armee, heute nochmals ti^bewegt d,en Dank Meines Hauses, sowie den Dank der deutschen Armee für Alles aussprechen, was Sie in segensvoller Arbeit für das Vaterland gethan haben. Gott segne Sie und beglücke den Lebensabend eines Mannes, welcher immer der Stolz des deutschen Volkes bleiben wird. Ihr dankbarer Wilhelm."
* Der Vorstellung im Schauspielhause uz Ehren des Fürsten Bismarck ging ein Prolog voraus, der aber nicht vom Kaiser gedichtet war. Auch das Gerücht von der Ernennung Bismarcks zum Ehrenkanzler scheint nur ein Aprilscherz gewesen zu sein. Die Illumination in der Stadt war im Großen und Ganzen jämmerlich, nur einzelne große Geschäfte hatten sich dieselbe etwas kosten lassen; dagegen soll in den zahlreichen Commersen, die der gestrige Abend zeitigte, viel trunkene Begeisterung zum Ausdruck gekommen sein.
* Der Evangelische Bund darf nicht fehlen! Der Central - Vorstand des Evangelischen Bundes hat an den Fürsten Bismarck eine Adresse gerichtet mit dem Hinweis darauf, daß auf dem Grunde der geeinten Stämme auch die Evangelischen sich immer fester zusammenfassen und mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die deutsche evangelische Kirche auch innerlich immer mehr erstarken werde, um den Kampf aufzunehmen, ohne den kein Friede wird. Die Adresfe schließt mit der Erinnerung an das Wort des „großen Kanzlers" von 1885, daß mit den Grundsätzen des Centrums weder das Deutsche Reich noch der preußische Staat auf die Dauer existiren könne. — Das ist des Evangelischen Bundes würdig! Solche Faustschläge müssen wir uns von denen um Bismarck gefallen lassen!
* Wie Fürst Bismarck über das persönliche Eingreifen des Monarchen dachte, hat er mehreremale im Jahre 1892 verrathen. So äußerte er sich iu einem Gespräche, das er mit dem Herausgeber der .Zukunft' hatte und worüber letztere in ihrer Nummer vom 22. Oktober 1892 berichtet, über das durch keine Gegenzeichnung eines Ministers gedeckte Eingreifen des Monarchen in das öffentliche Leben, in die politischen Händel und Tagesfragen folgendermaßen:
„Die Persönlichkeiten der jetzigen Minister sind so dünn, daß die Person des Monarchen immer hindurchscheint. Ich sehe für die Zukunft des monarchischen Gedankens eine Gefahr darin, wenn ein Herrscher, selbst in der besten Absicht, allzu häufig vor \ der Oeffentlichkeit sich ohne ministerielle Bekleidungsstücke zeigt." |
Der bekannte Bismarckbarde, Graf Westarp, der ihn in Friedrichsruh besucht hatte, berichtet darüber in der ,Münch. Allg. Ztg.' vom 16. Juli 1892 u. A. Folgendes:
„Dann las er (Bismarck) mit erhobener Stimme folgende
wunsch-Briefe, 20 000 Telegramme und Eilbriefe sind im Ganzen eingegangen.
* München, 1. April. In dem Saale des Bayerischen Hof wurde heute früh der „13. Kongreß für innere Medizin" durch Geheimrath v. Ziemssen eröffnet. Nahezu 300 Theilnehmer sind eingetroffen. Den ersten Vorfrag hielt Geheimrath Rubues-Berlin über seine Erfahrungen mit dem Heilferum gegen Diphtheritis; er legte dar, daß durch die Anwendung des Heilserums die Zahl der Todesfälle sich vermindett habe und daß keine gefährlichen Erscheinungen sich bei
Zeilen aus dem Gedichte: Männer: „Männer (nämlich brauchen wir), die auch nicht vor Fürsten beugen ihres höchsten Herren Recht, nicht wie jeder feile Knecht, wenn die Fürsten irren, schweigen." Solche Männer gibt es heute nicht mehr, sagte der Fürst; sie werden nicht geduldet."
Das Telegramm des Kaisers vom 23. März 1895 kannte Fürst Bismarck damals noch nicht; es müßte nach dem Vorstehenden sehr interessant sein, seine Meinung darüber zu hören.
* Der Kaiser hat der Freimaurerloge „drei Goldene Anker zu Liebe und Treue" in Stettin, die jüngst ihr 125jähriges Stiftungsfest feierte, sein Bildniß mit eigenhändiger Unterschrift verliehen.
* Mit dem Beginn des Frühlingswetters tritt nun auch die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 aus dem Stadium der Vorberathungen in das der Ausführung. Der Treptower Park, in welchem die Ausstellung stattfand, mißt in feiner größten Längsausdehnung 1500 Mir, in feiner größten Breite 750 Mtr.; er bedeckt einschließlich der noch hinzugenommenen Flächen ein Areal von beinahe 600 Morgen, nimmt also ungefähr dieselbe Grundfläche ein, wie das Terrain der Pariser Weltausstellung vom 1889 einschließlich des Trocadero. Sämmtliche Hallen sind ans Eisen konstrnirt und erhalten feuersichere Wandungen. — Vor der Front des Hauptgebäudes, mitten auf dem Spielplätze, befindet sich ein 400 Mir. langes, 60 Mtr. breites Wasserbassin, um welches herum sich Hallen mit hohen Aus- sichtsthürmen lagern, die für Erholungszwecke bestimmt sind und von denen Wasserstraßen sich in das Bassin ergießen, das rings durch gärtnerische Anlagen noch besonderen Schmuck erhalten soll. — Rings um den Spielplatz zieht sich eine 4reihige Plantanen - Allee, die schönste und großartigste Promenade, die man sich denken kann.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht einen königlichen Erlaß, durch welchen das ländliche Fortbildungs- schulwese«, das bisher dem Handelsministerium, ebenso wie die übrigen Fachschulen, unterstand, fortan dem Landwirthschaftsministerium unterstellt wird.
„Sie begleiten, gnädige Frau, Sie aufrecht halten, wenn ich Sie schwanken sähe; wenn Sie in der Mitte des Weges inne halten wollten, Ihnen sagen: „Vorwärts, vorwärts ! Angenehm und leicht war der Weg der Schuld, lästig und schwer ist der der Reue. Vorwärts! Vorwärts!"
Luisen's Gesicht erglänzte von heiligem Feuer, ihre Pupillen leuchteten wie zwei Sterne. Das Tuch war ihr vom Kopfe gefallen, das lange, blonde Haar umrahmte ihr Gesicht und fiel aufgelöst auf die Schultern herab.
„Wer bist Du?" Hub die Gräfin an und betrachtete voll ehrfurchtsvoller Scheu das reizende Antlitz der Jungfrau.
„Ich habe es Ihnen oft gesagt: Ich bin ein Mädchen aus dem Volke, die arme Tochter eines Handwerkers, die verlassene Braut eines Studenten, ein unwissendes Mädchen, das, wenn es nicht zu fprechen weiß, inbrünstig zu Gott bittet um eine gute Eingebung!"
„Ein Engel . . . einEngel!" stammelte die Gräfin. „Die Engel spazieren nicht auf Erden umher," entgegnete Luise; dann hob sie ihre Herrin vom Boden auf und nöthigte sie, sich zu setzen, und während sie ihr die Thränen trocknete, versuchte sie, ihr einen Kuß auf die Stirn zu drücken.
„Nein, nein!" schrie die Gräfin und stieß Luise von sich; Deine keufchen Lippen dürfen sich meinem Gesichte nicht nahen .... Wenn ich, durch die Sühne gereinigt, Dich Schwester werde nennen können, dann werde ich Dich an mein Herz drücken."
Nach diesen Worten verfiel Hilda von VargeS wieder ihrem düster«, trostlosen Schweigen. Schneidende Schmerzen wühlten in ihrem Innern. Ach! wie theuer kam ihre Verirrung ihr zu stehen. Als geehrte Gattin und glückliche Mutter hätte sie ein fröhliches Leben in der Stammburg einer edlen Familie führen können; statt dessen war sie arm, von Gewissensbissen gefoltert; keine Freundinnen hatte sie, als ein unglückliches Mädchen und die Frau eines Trödlers; was blieb ihr übrig, als sich zu verbergen unter der Schaar der Verlassenen und zu sterben im Spital? So schrecklich prosaisch war also das Ende jener verirrten Heldinnen, deren Liebesromane von lügenhaften Federn so glänzend geschildert werden! Die Poesie der Schuld hatte für die Schuldbeladene keinen Zauber mehr; der Traum war verflogen; nachdem das Verbrechen begangen, erschloß sich ihr die Wahrheit: vergebens bedeckt man die Düngergrube mit einem glänzenden Mantel, der Unrath beschmutzt das Tuch und bringt durch in seiner wahren, ekelhaften Gestalt.
Das arme Weib! Ihr Athem ging schwer und keuchend; vor ihren Augen standen unaufhörlich zwei Bahren, mit schwarzem Leichentuch verhangen, und eine Zelle, in welcher ein Wahnsinniger rast.
Geraume Zeit gab sie sich diesen quälenden Visionen hin. Plötzlich überfiel sie ein Gedanke, sie sprang auf und wandte sich an Luise: „Ich muß dieses Haus verlassen, sofort, auf der Stelle!"
„Wohin sollen wir denn gehen, gnädige Frau?" fragte das Mädchen.