Jfä 77 Mittwoch, Den 3. April 1895 22. Jahrgang
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Aede des Aeichstagsabg. Ir. K. Wieder, gehalten auf der Berfammluug des Bolksvereins für das ' kathol. Deutschland
zu Fulda am 25. März 1895.
(Schluß.)
Nun komme ich noch mit einem Worte auf die aufbauende Thätigkeit: „die Erhaltung der christlichen Grundlage und der staatlichen ^und christlichen Gesellschaft." Ich habe schon in Bezug auf diese Seite sehr Vieles gesagt, und es bleibt mir nur wenig zu sagen übrig. Indem wir mit uuserm Katholizismus auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens eintreten, wirken wir Katholiken mit, um auf christlicher Grundlage die heutige Staats- und Gesellst aitsordnung zu erhalten. Aber nicht nur das darf unsere Aufgabe sein. Wir können nicht verkennen, daß sich in nuferer Staatsund Gesellschaftsordnung recht viel Unchristliches bereits eingeschlichen hat; an feine Stelle wieder christlichen Grund zu legen, ist eine wesentliche Ausgabe des Bolksvereins für das katholische Deutschland — nicht auf politischem Gebiete. Das ist der große Unterschied unseres katholischen Bolksvereins in Deutschland gegenüber allen politischen Organisationen.
Für das politische Gebiet sind wir hoffemlich auf eine unabsehbare Zeit wohl organisirt und fest zusammengeschmiedet, — das haben wir unseren Gegnern zu verdanken; und die Prügel, die wir am Samstag im Reichstage bekommen haben, die werden hoffentlich nur weiter dazu beitragen, uns noch fester zusammenzuschweißen. (Bravo.)
Es freut mich, zu sehen, daß auch Sie durch die Niederlegung des Reichstags-Präsidiums seitens des Herrn v. Levetzow ; nicht entmuthigt sind. Ich nehme auch das kaiserliche Telegramm i an den Fürsten Bismarck nicht so tragisch, wie es so Biele j machen. Meine Herren! Ich kann nicht den Lärm be- ! greifen, den sie jetzt darüber schlagen. Gewiß, es wäre uns i Katholiken auch lieber gewesen, das Telegramm hätte anders ge- : lautet. Nun sitzen wir wochenlang in der sogenannten Umsturz- ! Kommission. Wir suchen nach gesetzlicher Bestimmung, die Freiheit der Gottesleugnung einzuschränken, und da sind unsere erbittertsten Gegner, welche das freie Wort auf Tod und Leben vertheidigen. Nun spricht der deutsche Kaiser auch einmal ein freies Wort durch den Draht — und die ganze Freiheit ist dahin. So sind wir Katholiken gar nicht. Warum soll nicht der deutsche Kaiser auch mal das Recht haben, ein freies Wort zu sprechen! Das kann uns gar nicht aus unserer Ruhe bringen. Mein Gott, was ist schon Alles gegen den Reichstag gesagt und geschrieben worden! Jeder Tintenfisch, der in irgend einer kleinen Redaktionsstube sitzt, glaubt, er könnte seine stumpfe Feder am Reichstage wetzen. Wenn dann einmal ein Staatsanwalt kommt und sagt, „der Reichstag ist beleidigt, ich muß eine Anklage erheben, ich bitte um die Ermächtigung" dann sagt der Reichstag jedesmal: „Fällt uns gar nicht ein, Warum solley wir bet? armenMann verfolgen?" Und nun soll der deutsche Kaiser nicht bas Recht haben, über den Reichstag zu telegraphiren? Ich verstehe das gar nicht. Wir handeln int Reichstage nach unserem pflichtmäßigen Berständniß der Dinge, und wir überlassen es Jedem, aber vor allen Anderen Sr. Majestät, darüber zu urtheilen, wie ihm gefällig ist. Also wir regen uns gar nicht aus, das fällt uns gar nicht ein. — Da kann man aber wieder einmal sehen, was wir Katholiken unter Freiheit der Meinung verstehen; das möchte' ich doch zu registriren bitten, und so freue ich mich, auch Sie nicht aufgeregt zu sehen, sondern wir sagen uns, wir Katholiken wissen, warum wir den Fürsten Bismarck nicht so ehren konnten und darum lassen wir über uns ergehen, was geschehen kann. Wir wollen uns darum aber nicht irre machen lassen. (Bravo!) Wenn aber Jemand glauben sollte, wir hätten es doch anders machen können, so will ich gar keine Mördergrube aus meinem Herzen machen — wir hätten es unfehlbar anders gemacht, wenn man die Sache wie vor 10 Jahren, als der Fürst Bismarck 70 Jahre alt war,
gemacht hätte. Da hat man ihm Glück gewünscht, wie einem anderen Parlamentarier, und weiter hat kein Hahn danach gekräht. In diesem Jahre ist seit 5 Wochen wüster Lärm in Bezug auf die Bismarcks-Ehrung seitens des Reichstages; es hat insbesondere gegen das Centrum Bomben gehagelt von Liebenswürdigkeiten. Unter diesen Umständen war es uns schon recht schwer gemacht, die Sache ruhig zu verhandeln. Schließlich, als alles nichts zu helfen schien, da wurde sogar in den bekannten .Hamburger Nachrichten^ in das längst geschlossene Grab der Marienkirche in Hannover gespuckt. Und meine Herren, noch ein anderes: Man hat nicht nur uns Männer von dem Zentrum, man hat nicht nur uns Katholiken anläßlich dieser Bismarck-Ehrung bis aus's Blut gereizt, sondern es läßt sich gar nicht verkennen, daß die ganze Feier, wie sie jetzt in Scene gesetzt wird, eine Art Spitze gegen die Stelle trägt, die vor 5 Jahren den gewaltigen Kanzler aus dem Amte entfernte (sehr richtig), und da können wir Männer vom Gentrum nicht mitthuu. Fällt uns gar nicht ein, eine solche Kritik an dem Akte vor 5 Jahren zu üben; wir rechnen es Seiner Majestät unserem allergnädigsten Kaiser heute noch mit unauslöschlichem Dank außerordentlich hoch an, daß er diesen Mann vor 5 Jahren nach Friedrichsruh geschickt hat. (Anhaltender Beifall.) Aber wie gesagt, meine Herren, wenn man nicht so etwas daraus gemacht hätte, wir hätten gar kein Bedenken zu haben brauchen, dem Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstage Glück zu wünschen. Aber in dem Augenblicke, als das Körnchen Weihrauch, das man dem Bekenner in die Hand legte, zu einem Abfall von seinem christlichen Bekcnntuiß werden sollte, in dem Augenblicke ließ er die Hand lieber verbrennen, als daß er sie umgedreht hätte. (Bravo!) Und wir hatten ferne Veranlassung, im Andenken an die Sage des katholischen Volkes dieses Körnchen Weihrauch dem Fürsten Bismarck zu verbrennen Inzwischen will ich zu guter Letzi noch auf eins aufmerksam machen — es ist gut, daß ich dies im Gedächtniß behalten habe —: es sind wenige Tage her, da feierte vor 8 Jahren der wirkliche Begründer des deutschen Reiches, Kaiser Wilhelm I., seinen 90. Geburtstag. Sehen Sie doch die liberalen und konservativen Blätter vom 23. März 1887 und einige Tage vor- und nachher an; ich glaube, man könnte eine Million Mark darauf setzen, wenn Jemand aus den Blättern jener Zeit, wo es sich um den 90: Geburtstag des wahren Begründers des deutschen Reiches handelt, vom souveränen Herrn von Preußen, dem obersten des deutschen Bundes und Reiches, den 10. Theil der Verherrlichung von dem auf die Beine brächte, was heute alle bismarckifchen Blätter thun. (Bravo.) Dafür sind wir Katholiken nicht zu haben. Wir fürchten Gott und ehren den Kaiser.
Ich sagte, wir sind im Zentrum gut organisirt; aber der Bolksverein hat außerordentlich viel weitere Aufgaben. Nicht nur auf politischem Gebiete tobt der Kamps, sondern auch auf dem gefommten Gebiete des menschlichen Daseins. Tas ist der große Unterschied des heutigen Kampfes, der alle Grundlagen in Frage stellt und der deswegen die Erhaltung aller dieser Grundlagen von uns fordert.
Und nun, m. H., wenn wir uns am Ausbau so betätigen, so komme ich noch einmal auf den Gedanken zurück: möge Jeder still beglückt seiner Pflicht walten, wie die Rose selbst sich schmückt. Fangen wir an, gute Katholiken zu werden, im privaten, öffentlichen, staatlichen und Wirthschaftsleben. Wir wissen, daß der Arbeiterfreund, Kardinal Manning, gesagt hat: „Werden wir nur Alle erst vollkommene Christen, der Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, der Reiche wie Stirne, der Gelehrte wie Ungelehrte, der Geistliche wie Laie, und die soziale Frage wird gelöst sein." (Bravo.) Seien wir Katholiken vom Kopf bis zur Zehe, bann werben wir ein großes Stück bes Kampfes geleistet haben; fassen wir uns zusammen, stehen wir Schulter an Schulter, Einer für Alle, Alle für Einen.
Es ist eine herrliche Zeit gewesen, als ber Kulturkampf uns zusammenführte; man nannte ihn den Kampf g e g e n bie Kultur. Heute aber sind wir berufen, den wahren Kulturkampf, de» Kampf
! für die Kultur zu kämpfen. (Bravo.) In diesem Kampfe haben ' wir das kathol. Deutschland angerufen und den Bolksverein ! für das kathol. Deutschland organisirt; Schon zahlt der ! Verein nahe an 200,000 Mitglieder, schon hat er Millionen von aufklärenden Schriften verbreitet, schon hat er viele Reden landauf, landab halten lassen. Aber, meine Freunde, ich erinnere, daß die Sozialdemokratie bei der letzten Wahl 1,700 000 Stimmen auf die Beine gebracht hat. Ich weiß nun sehr wohl, daß viele solche Zettel von deutschen Männern abgegeben wurden, die der Unzufriedenheit über ihre eigene Sage, über bie gesummte Sage bes Landes keinen kräftigeren Ausdruck zu geben wußten. Aber diese Zahl, dieses Anwachsen gibt mir auch Anlaß zu Bedenken unb fordere so alle Katholiken auf, auch unsererseits nicht zu ruhen und zu rasten, sondern Alle dem Verein beizutreten, so daß wir nach Millionen zählen.
Und so sage ich: Alle, Groß und Klein, Gelehrte und Ungelehrte, Mächtige und Schwache, ein Jeder an seinen Platz, — Alle herbei, Jeder ein Mitglied des Volksvereins, in dem Jeder das Scinige thnt. — Alle für Einen, Einer für Alle; und wir Alle insgesammt für Golt und Vaterland und für die Zukunft. (Lebhafter, anhaltender Beifall.)
(Die in der vorstehenden und in den vorhergegangenen Nummern zum Abdruck gebrachte Rede wurde von Mitgliedern des hiesigen Stolze'schen Stenographenvereins stenographirt und uns zur Verfügung gestellt. D. R.)
Deutsches Reich.
Berlin, 1. April.
* Tas Kaiserpaar überbrachte gestern Mittag dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe persönlich die Glückwünsche zu seinem Geburtstage.
* Zu Ehren Bismarck's finden und fanden gift mancherlei Festlichkeiten statt, über die einzeln zu berichten für* uns keine Veranlassung besteht. Zu bemerken ist zunächst, daß beute der sogen. „Hofbericht" (der aber auch keinen offiziellen Charakter hat) dem Hofdiner, zu dem auch das Reichstagspräsidium eingeladen ist, ausdrücklich den Zweck einer Ehrung Bismarck's beilegt, indem er schreibt: „Heute Abend um 6 Uhr findet im Weißen Saale des königl. Schlosses anläßlich des Geburtstages des Fürsten Bismarck eine größere Tafel statt, zu welcher geladen find: die höchsten Herrschaften aus Berlin und Potsdam, der ganze königliche Hof, der Reichskanzler, die Ritter des Schwarzen Adler-Ordens, die aktiven und inaktiven Staatsminister, die Generäle der Infanterie und der Kavallerie, die stimmführenden Mitglieder des Bundesraths, sowie die Präsidien des Reichstags und der beiden Häuser des Landtags." Uebrigens hat der 1. Vicepräsident des Reichstags, Abg. Schmidt-Bingen, nicht, wie es nach der Angabe der ,Freis. Ztg.' den Anschein hatte, grundsätzlich die Einladung abgelehnt, sondern hat, der,Lib. Korr.' zufolge, nur „wegen anderweitiger Geschäfte Urlaub genommen." Warum — so fragt die ,Nat. Zkg.' mit Recht — den „Männerstolz vor Königsthronen" nicht offen bekunden? Daß Herr Schmidt unter den obwaltenden Umständen keine Lust hatte, an dem Festmahle theilzunehmen, begreifen wir; aber dann mußte er auch nicht eine lahme Entschuldigung vor-
Bit ErMlmg des Todlmgrädtts.
Roman von H. v. Remagen.
(39. Fortsetzung.)
„Es ist wahr; aber sie hörten nicht eine schreckliche Stimme unaufhörlich in ihren Ohren widerhallen: Verfluchte! Verfluchte! . . . Ach, Bruno, ich habe nichts mehr von ihnen erfahren . . . Was ist aus meiner Großmutter geworden?"
„Todt!" sagte der alte Bediente bitter.
„Todt, ohne mir zu verzeihen!" rief die Gräfin.
„Sie glaubte Sie in Paris, Madame; mein Gebieter hat ihr die Wahrheit verschwiegen."
„O, Dank, Dank!" stöhnte die Schuldbeladene; dann öffnete sie die Lippen, sie schloß sie wieder; sie öffnete sie von Neuem und fragte endlich mit tödtlicher Angst: „Und meine Schwester?"
„Starb bei der Geburt eines SöhncheS am Tage nach der Flucht der Frau Gräfin."
Hilda stieß einen wilden Schrei aus, vergrub die Hände in den Haaren und stand eine Minute wie vom Blitze getroffen. O, diese Minute wog in ihrem Herzen für hundert Jahre der gräßlichsten Leiden! Nachdem sie ein wenig zu sich gekommen war, hielt sie sich an der Lehne eines Stuhles fest und brachte zitternd die Worte hervor: „Und Ubald?"
„Der Verrath, den die Frau Gräfin an ihm verübte, raubte dem edlen Grafen von Varges den Ver
stand .....Mein Herr ist wahnsinnig," erwiderte
Bruno unbarmherzig.
„Wahnsinnig! Wahnsinnig!" schrie das schuldvolle Weib und fiel, von der Größe des Schmerzes überwunden, zu Boden.
„O, Ihr Herz ist von Stein, Herr Bruno .... Sehen Sie, sie stirbt!" sagte Luise und warf sich neben der Ohnmächtigen auf die Kniee.
„Was liegt daran?" versetzte der Alte, mit einer Härte sich brüstend, welche durch die Blässe seines Gesichtes Lügen gestraft wurde: „Was liegt daran? Ein schlechtes Weib weniger in der Welt, da ist nicht viel verloren."
„Welche Grausamkeit! .... Arme Herrin .... Helfen Sie mir, sie vom Boden aufzuheben . . . Die Aermsie, sie hat so viel gelitten!"
„Verdientermaßen! Ihre Leiden sind die natürliche Folge ihrer Schuld."
„Sagen Sie, was Ihnen beliebt; ich weiß nur, daß, wenn einer unserer Mitmenschen leidet, man ihm zu Hilfe kommen muß, ohne etwas Anderes zu denken; so ist es Gottes Gebot."
„Und so thue ich," entgegnete Bruno phlegmatisch und hob die Ohnmächtige auf, um sie in das Schlafzimmer zu tragen. Sobald er bemerkte, daß das arme Weib wieder zu sich kam, zog er Luise bei Seite und sagte mit bewegter Stimme: „Sorgen Sie für sie; rufen Sie einen Arzt und eine Krankenwärterin; sparen
Sie kein Geld, ich werde binnen Kurzem wiederkehren."
Und nicht ohne eine Thräne des Mitleids entfernte Bruno sich, fest entschlossen, dem Grafen von Varges die peinvolle Begegnung des Tages zu verschweigen.
„O Jammer !" seufzte der treue Diener; „ich will schweigen und er soll nichts gewahr werden. Sein Gehirn macht ohnehin oft genug selisame Spaziergänge, und um Alles in der Welt möchte ich nicht, daß diese meine armen Augen auch ihn noch im Jrrenhause sähen . . . Ich muß schweigen; wußte er, daß sie lebt, er würde zu ihr eilen wollen und wer weiß?" . . . .
Während der alte Bediente, mit solchen Gedanken beschäftigt, zum Hotel zurückkehrte, schlug Hilda die Augen auf und schaute verwirrt und erschreckt um sich; plötzlich war 'fie wieder in ihrem ganzen Elend erwacht, sie verbarg das Gesicht in den Händen und stammelte: „lobt! . . . tobt! . . . wahnsinnig. . . wahnsinnig!"
„Muth, Madame, Muth!" tröstete Luise.
„Fliehe!" schrie die Gräfin in verzweifeltem Tone, „fliehe, ich bin verflucht! Laß mich allein!"
„O, liebe Madame," entgegnete das Mädchen sanft, „verzweifeln Sie nicht."
„Nein, für mich ist keine Rettung mehr . . . Sie ist tobt! Er ist wahnsinnig!"
„Wenn sie tobt ist," versetzte Luise, „wird sie bei Gott für Sie bitten; wenn er wahnsinnig ist, kann er bie Vernunft wieder erlangen und Ihnen verzeihen."
(Sortierung folgt.)