76 Dienstag, oen 2, April 1895 22. Jahrgang
FiildaerWZcitlliil;
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Hlede des Weichstagsaög. Ar. K. Lieöer, gehalten auf der Versammlung des Bolksvereins für das kathol. Deutschland
zu Fulda am 25. März 1895.
(Fortsetzung.)
Nun komme ich auf die Väter der Sozialdemokratie. Wir haben uns schon des Länger» mit den Trägern der Lehren und Bestrebungen des Umsturzes beschäftigt, die uns heute den Fehdehandschuh hingeworfen haben und in erster Linie des Kampfes stehen. Aber, meine Freunde, mit vollem Rechte hat Herr Bebel einmal, zu den Herren der Linken gewendet, gesagt: „Was wollen denn Sie? Alles, was wir heute lehren, haben wir von Ihnen gelernt." (Bravo!) Und so, meine Herren, gestatten Sie, um nicht allzu lange zu werden, daß ich Ihnen den schönen Satz des spanischen Gelehrten vorlese, der über den Zusammenhang dieser Lehren liberaler Gelehrter mit demjenigen dec heutigen Umsturzmänner folgende Aeußerung gethan:
„Gesetzt, der Gelehrte, der sich selbst ein Weisheitspatent ausstellt, verkündet von seinem Lehrstuhle: es gibt keinen Gott. Erstaunt hört es die Obrigkeit und spricht: also gibt es keine Gerechtigkeit; es hallt wider im Ohre des Verbrechers und er sagt zu sich selbst: also gibt es keine Schuld; es vernimmt den Satz der begehrliche Jüngling und er schließt folgerichtig: also gibt es keine Tugend; er gelangt zur Kenntniß des Unterthans und er überlegt: also gibt es kein Gesetz: der ehrgeizige Eroberer sagt sich: also will ich mich fremden Eigenthums bemächtigen und den Stellvertreter Christi seiner weltlichen Herrschaft berauben. Wenn endlich diese Lehre: „es gibt keinen Gott", hinabsteigt zur Menge, deren Elend eine Gefahr zum Aufruhr und zu jeder Art Begehrlichkeit ist, so verwandelt sich dieser Grundsatz in Gotteslästerung, — die materielle Revolution bricht aus, Blut fließt durch die Straßen und unter dem Krachen der Geschütze hören wir den Volkshaufen rufen: „Wir wollen von Gott, vom zukünftigen Leben nicht reden hören; die Wissenschaft hat bewiesen, daß die Religion ein Traum, eine Mythe ist. Wir wollen keinen Gott; was wir verlangen, ist die Hölle." — Was hat die Menge gethan? Sie hat einfach die Folgerungen aus den Lehrsätzen des ungläubigen Professors, den vielleicht der Staat besoldet hat, gezogen. Allzu gelehrige Schüler werden mit Kanonen bedroht, der Lehrmeister wird staatlich beschützt und besoldet." (Sehr wahr.)
M. H.! Die Führer der heutigen Sozialdemokratie sind klug genug, um es zum Blutvergießen nicht eher kommen zu lassen, als bis sie wissen, daß, wie Herr Liebknecht sagt, die Flinten und Kanonen sich von selbst umdrehen. Daß sie beim Werke sind, diesen Tag herbeizuführen, haben wir jetzt in der sogenannten Umsturzkommission des deutschen Reichstages in Mittheilungen erfahren, die selbst mir, der ich seit Jahren ein aufmerksamer Beobachter auch der blutrünstigsten Aeußerungen auf jener Seite bin, das Haar haben zu Berge stehen machen; ich hätte nicht geglaubt, daß solche Dinge schon heute in unsere Kasernen und auf die Wege marschirender Soldaten gestreut werden, was uns in dieser Kommission vorgelesen wurde. Aber auch wenn sie einen gewaltsamen Umsturz nicht bewerkstelligen können, so wird es doch nicht lange dauern und sie sind die gelehrigen Schüler des ungläubigen Professors, der da gesagt hat: „Nichts von Gott, nichts mit einer Schöpfung der Welt durch einen allmächtigen Gott, nichts mit einer Schöpfung des Menschen, nichts mit einer unsterblichen Seele, nichts mit einer
Bit ErMlmg des WtenMers.
Roman von H. v. Remagen.
(38. Fortsetzung.)
„Das muß eine schöne Erzählung sein; Ew. Gnaden lesen sie mit so großem Interesse," versetzte Luise.
„Es ist eine traurige Liebesgeschichte; sie handelt von einer armen, verführten Frau."
„Dann will ich sie gar nicht lesen, nein durchaus nicht!" rief Luise und legte das Buch auf einen Stuhl.
„Warum denn nicht?"
„Weil ich kein Mitleid haben könnte mit den Schmerzen einer Frau, welche ihre Pflicht nicht erfüllt."
Die Dame fuhr mit der Hand zur Stirn, ward blaß wie Marmor und verfiel in ein konvulsivisches Zittern vom Kopf dis zu den Füßen.
Luise hatte ihre Augen auf ihre Stickereien gerichtet und bemerkte nichts.
Inzwischen erhob die Dame ihre Augen wieder und schaute zum Fenster, in dessen vom Wiederstrahl der Sonne erglänzenden Scheiben ihr ein überraschendes Phantasiegebilde erschien. Vor den Blicken ihres Geistes erhob sich ein weiter Wald von Lärchen und Tannen, in dessen Schlupfwinkel Wiesel und Marder ihre Spiele trieben; dann kam ein Eisengitter, überragt von einem adeligen Wappen, hierauf eine lange Allee von uralten Bäumen und an deren Ende ein Landschloß.
Ewigkeit, nichts mit einer Vergeltung für das Gute und das Böse im Jenseits, sondern die Materie ist ewig, der Mensch ist aus dem Urschleim entstanden und hat sich in einer unabsehbaren Kette von Jahren bis auf den heutigen Zustand entwickelt ; und wer weiß, wieweit er sich noch entwickeln wird, wenn wir bedenken, daß der Mensch nur eine Erzeugung des chemischen und physikalischen Prozesses der Materie ist." Bon diesem Professor hat die Sozialdemokratie ihren Atheismus, ihren Sozialismus und ihren Republikanismus; und wenn wir ehrlich sein wollen, so müssen wir sagen, wenn der Herr Professor recht hat, dann haben auch die Sozialdemokraten recht. (Bravo!)
Wenn wir also gegen die Umsturzbestrebungen und gegen die Umsturz lehren Front machen, können wir gar nicht anders; wir müssen gegen diese umstürzlerischen Lehren des sogenannten Liberalismus — ich rede hier nicht von den fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen sogen liberalen Parteien, ich rede hier von dem Liberalismus in dem Sinne der Freigeisterei zunächst auf wissenschaftlichem, dann auf religiösem, wie auch auf weltlichem Gebiete — ebenso vorgehen wie gegen den Sozialismus; und ich sage sogar, gegen den letzteren nicht einmal in erster Linie, sondern wir müssen gegen den Liberalismus, gegen die Fceigeisterei auf wisfenschaftlichem Gebiet; mindestens gleich energisch zu Felde ziehen. (Bravo!) Man muß sehen, wie weit man diesen Liberalismus auf gesetzlichem Wege zurückdämmen kann.
Also, meine Herren, wir Katholiken müssen gegen die drohende Gefahr ankämpfen, jeder Einzelne muß da Ihätig sein; wie den Sozialismus, so müssen wir auch den Liberalismus, die Freigeisterei, diesen elenden Aufkläricht, von uns fern halten. Und da wird es wohl auch für Fulda am Platze sein, ein Wort über die Pflichten des katholischen Mannes in diesemKampfe zu sprechen. Wir Katholiken haben unter vielen anderen Eigen- schaf en gar zu häufig auch die voraus, daß wir uns, wie man so zu sagen pflegt, in die Binsen drücken lassen von jedem Frech- 6anS, der großspurig, wie das die Eigenschaft dieserLeute ist, daher kommt, uns Vorreden lassen, er sei im Besitze einer besonder» Wissenschaft; und wenn wir nun gar fo weit sind, daß wir eine Zeitung lesen, täglich ein Blatt lesen können oder wenigstens am Sonntag, — ja wenn wir dann vielleicht gar ein liberales Blättchen halten, sind wir geneigt, zu denken: Du bist doch schon ein recht aufgeklärter Mann. (Heiterkeit.) Ich sage, ein solcher Katholik kommt mir vor wie ein Mensch, der den größten Schatz gefunden hat und nicht weiß, was er an ihm besitzt; der sich für einen Diamant, den er gefunden hat, einen gewöhnlichen Kieselstein in die Tasche schieben läßt. Fangen wir doch endlich ein- mal an, im privaten und öffentlichen Leben den berechtigten Stolz auf unfern katholischen Glauben zu bethätigen, den wir Jedem gegenüber haben können; denn ich trage gar kein Bedenken, es offen auszusprechen: der einfältige und schlichte Landmann, der Handwerker, der im Besitze seines kathol. Katechismus ist und von der ersten bis zur letzten Frage diesen Katechismus in den Knochen hat, der kann es mit dem gelehrtesten Manne der Welt, der diesen nicht besitzt, aufnehmen (Bravo!), er weiß mehr, wie sie Alle, er weiß nur vielleicht nicht so viel Unsinn wie Jene (Heiterkeit); aber das Bischen, was er weiß, die paar Blätter Katechismus, die wiegen eine ganze Bibliothek von ge- lehrtem Quark auf, der nicht in dem Katechismus steht oder mit dem Katechismus nicht übereinstimmt.
Darum sage ich es noch einmal, fangen wir endlich einmal an, recht stolz zu sein auf unfern kathol. Glauben, und wenn wir so weit find, dann wird es sich von selbst ändern, dann werden wir auch Muth bekommen und Muth behalten, diesen unser» kathol. Glauben im öffentlichen Leben überall und wie immer möglich zu Vertheidigen. Es gibt in dieser Hinsicht unter uns Deutschen verschiedene Stammes-Eigenthümlichkeiten. Es gibt Provinzen in Deutschland, da ist gleich Alles Feuer und Flamme, wenn nur die kathol. Trommel gerührt wird; es gibt aber auch Landestheile, wo man so tief in dem kathol. Fette sitzt, daß man denkt, das ist ja Alles recht schön und gut, das wird auch so
Diese Bilder traten so lebhaft und sprechend vor ihre Seele, daß sie ihr das Blut erstarren machten und ihrem Munde einen Seufzer erpreßten.
„Was ist Ihnen, liebe Herrin?" fragte Luise aufspringend.
„Die Gedanken foltern mich ... Ach! könnte ich vergessen!" stammelte die Unglückliche und ließ den Kopf sinken. Dann aber, als bereute sie die gegen ihren Willen entflohenen Worte, raffte sie sich gewaltsam zusammen, nahm das Buch wieder zur Hand und gab sich den Anschein, als läse sie von Neuem.
Wieder verharrten beide Frauen eine Weile in Stillschweigen, bis man auf einmal klopfen hörte.
„Wer mag das fein?" fragte die gnädige Frau zusammenschreckend.
„Ich will nachsehen," entgegnete Luise.
Die Wohnung der beiden Damen war sehr klein: nur ein Schlafzimmer, ein kleiner Salon und ein schmaler Gang nach der Treppe. Darum war der erste Gedanke der Edeldame, sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen; allein da sie sich erinnerte, daß um diese Zeit eine junge Mitbewohnerin des Hauses sie zu be- suchen pflegte, blieb sie ruhig mit dem Buche in der Hand am Fenster sitzen.
„Gnädige Frau," sagte Luise zurückkehrend, „es ist der Bediente des Edelmannes, von dem ich Ihnen vorhin erzählte; er ist wiederholt im Hause meiner Großmutter gewesen. Gestern hat man ihn von dort
bleibe», ich gehe also meinen gewöhnlichen Trott weiter (Heiterkeit); die Kerle mögen machen, was sie wollen, sie können doch nichts ausrichten. — Jawohl, vielleicht so lange Du lebst, vielleicht auch noch, so lange Deine Kinder leben, obgleich wenig Aussicht ist, daß Du bei solcher Gesinnung gute kathol. Stinber heranziehst; aber wie es in Zukunft wird, das kannst Du gar nicht wissen. Wenn dieser Geist allgemein in einer bestimmten Gegend, in einer bestimmten Stadt ober in einem kleinen Orte herrscht, bann wirb aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Schlafe ein Tob. Das ist ein hartes Wort, ich weiß es wohl unb ich hoffe, baß dies Niemand hier in Fulda trifft; aber auch diefes harte Wort müssen wir unter uns sprechen, wenn wir uns gegen die Gefahren der Zeit wappnen wollen. Es ist die höchste Zeit, baß ein Jeber von uns an seinem Platze ein ganzer Katholik sei. (Bravo!) Es versteht sich von selbst, baß ein Jeber seine Pflicht gewissenhaft unb auf bas Gewissenhafteste erfüllt; aber damit ist nicht genug, er muß auch im öffentlichen Leben ein ganzer Katholik fein, er muß es auch sein auf dem Markte, in der Bierstube, in der Weinstube, ober wo sonst; er muß es sein überall unb bei allen Gelegenheiten, er muß sich an jeber Bethätigmig, bie irgendwie mit dem Berufszweige zusammenhängt, werkthätig betheiligen, er darf nirgends zurückstehen. Heute gilt mehr als j» das Wort: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott." (Bravo.) Meine Herren, es gibt so Viele unter uns, die da meinen: „Ach, wir haben ja die Verheißungen Christi, er hat es ja gesagt: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt; die Pforten der Hölle werden die Kirche nicht überwältigen." Lieber Freund, bist bu bie Kirche? Liebe Freunde, finb wir die Kirche? Haben wir bie Verheißung? — Die Kirche hat bie Verheißung! Aber glänzenbe, blühenbe Provinzen haben bie Leuchte des Glaubens von sich Hinwegrücken gesehen, weit sie selbst sich nicht würdig gehalten haben, in dem Schifflein der Kirche geschützt zu bleiben. Wenn wir selbst Mitwirken, wird Gott mit uns sein; und wenn wir auf die Dauer unser» Katholizismus gegen alle Angriffe — gegen bie des Liberalismus unb Sozialismus — vertheidige» und bewahre» und ihn »nserm Baterlande unb unfern Nachkomme» retten wollen, bann müssen wir heute mehr als je zugreifen und alle bis auf den letzten Mann, Schulter an Schulter, gerüstet bestehen. Wir haben ben Kulturkampf glücklich hinter uns gebracht; aber der Kampf, ber vor uns steht, ber wirb viel furchtbarer werden, als der Kulturkampf, und in diefem Kampfe gilt es, die gesammte Kraft, aufs Höchste angespannt, einzusetzen.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 30. März.
* Reichskanzler Fürst z« Hohenlohe-Schillingsfürst vollendet am morgigen Sonntag fein 76. Lebensjahr.
* Der erste Bicepräsident des Reichstages Schmidt- Elberfeld hat dem Hofmarfchallamt heute Mittag angezeigt, daß er verhindert ist, der Einladung zu dem Festessen im Schloß am 1. April Folge zu leisten.
* Die Kommission für die Umsturzvorlage nahm den Rest des Gesetzes unter Ablehnung der vom Centrum beantragten Duellparagraphen an. Schließlich wurde das ganze Gesetz mit 17 gegen 8 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Freisinnigen, die Sozialdemokraten, die Nattonalliberalen und die Antisemiten.
* Der Reichstag nahm den Antrag Möller - Hitze auf Abänderung des Gesetzes über die Einheitszeit end- giltig an und setzte dann die Berathung des Antrages Kanitz auf Verstaatlichung des Getreidehandels fort.
zum Hause der Trödlersfrau geschickt, wo er meine jetzige Adresse erfuhr. Wenn Ew. Gnaden erlauben, will ich mit ihm im Vorraum sprechen. Ich nehme einen Stuhl."
„Dort kann man ja nicht sehen; laß ihn nur hierher kommen, ich will in mein Zimmer gehen," erwiderte die gnädige Frau und erhob sich mühsam von ihrem Sitze.
„Es thut mir leid, daß Ew. Gnaden sich intern« modiren sollten, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, zu bleiben ... ich habe keine Geheimnisse."
Sei es, daß die gnädige Frau sich zu schwach fühlte und darum keine Lust hatte, wegzugehen, sei es, daß sie in dem Anhören der Unterhaltung ihrer Dienerin mit dem Neuangekommenen eine willkommene Zerstreuung in ihren grausamen Gedanken zu finden glaubte; sie blieb am Fenster sitzen und winkte dem Mädchen mit der Hand
„Treten Sie ein, Herr Bruno, Sie sehen hier meine Herrin," sagte Luise.
Bruno erschien unmittelbar darauf und trat in jener ehrerbietigen und ungezwungenen Haltung ein, wie sie Leuten, die an den Dienst in vornehmen Häusern gewohnt sind, eigen zu sein pflegt. In der Mitte des Zimmers blieb er stehen, und während er seine Verbeugung vor der Dame machte, trafen sich gegenseitig ihre Blicke; er stieß einen lauten Schrei aus und wich zurück bis an die Thür, wo er, gleich