Einzelbild herunterladen
 

M 75 Sonntag, den 31. März 1895. 22. Jahrgang.

FuldatrWZkitiiiiii

mit Unterhalt««gs-Keilage „Sterne Ii»d tilumrn“.

Erscheint täglich, Sou»- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementsvreiS ohne Brinqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmond-eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

HW—s———j***1 inn »IT i Ml' « 1

DM- Zweites Blatt. -MD

In Erinnerung bringen wir den geehrten Lesern der ,IuLdcrer Zeitung" die sofortige Erneuerung des Abonnements für das II. Quartal 1895.

*** Wochenrundschau.

Dem Fürsten Bismarck fehlt eS wahrlich nicht an Ehrungen und Huldigungen aller Art, die ihm zu feinem 80. Geburtstage dargebracht werden. Am Montag verfammelten sich, von drei Extrazügen hin­gebracht, die bismärckisch gesinnten Parlamentarier in Friedrichsruh, am Dienstag war der Kaiser mit dem kleinen Kronprinzen doU, veranstaltete eine Parade und überreichte dem Herzog von Lauenburg einen goldenen Ehrenpallasch, und am Mittwoch hat dann auch Fürst Hohenlohe die Wallfahrt nach Friedrichsruh unter­nommen, um dem ersten Kanzler die Glückwünsche des Bundesraths und des preußischen Staatsministeriums zu überbringen. Aber einer fehlt unter den Gratu­lanten, und das ist kein geringerer als der deutsche Reichstag. Und daran ist niemand schuld, als gerade die allergetreuesten Verehrer Bismarcks selbst. Eine einfache Gratulation ohne allen politifchen Bei- gefchmarck hätten selbst die Sozialdemokraten dem Fürsten Bismarck nicht verweigert, aber den Bismärckern in Parlament und Presse genügte das nicht. Sie wollten aus der Beglückwünschung Bismarcks eine politische Haupt- und Staatsaktion machen, sie wollten die Bismarck'sche Politik, der die Mehrheit des Reichs­tags von Haus aus widerstrebt, nachträglich noch durch eben diesen Reichstag feierlich gutheißen und bekräftigen lasten; sie wollten die Reichstagsmehrheit unter das bismärckisch-mittelparteiliche Joch beugen. Und die Kanitzianer wollten noch mehr: sie sahen die Ablehnung der Bismarckhuldigung im Reichstage voraus, und ge­rade darum veranlaßten sie den Präsidenten v. Levetzow, diese Huldigung zu beantragen, um dann nach der sicheren Ablehnung gegen „diesen Reichstag" eine große Hetze veranstalten und, wenn möglich, so die AuflösungdesReichstags herbeiführen zu können. Der Reichstag lehnte in der That den Antrag des Herrn v. Levetzow mit 163 gegen 146 Stimmen ab, und Alles, was gut bismärckisch ist, erhob den beab­sichtigten furchtbaren Skandal. Jo, es schien sogar,

Vie ErsthlW des WimMm.

Roman von H. v. Remagen.

(37. Fortfetzung.)

„Hier ist meine Wohnung", sagte die Unglückliche, als sie an ihrem Häuschen angekommen waren.

„Luise, schnell! schnell! . . . Rosa ist schlimmer geworden, sie stirbt!" rief eine Stimme aus derHauS- thür ihr entgegen.

„Barmherziger Gott! es ist zu viel, zu viel! stammelte Luise und verschwand sofort in dem dunklen Hausgange, der zur Treppe führte.

„Die Aermste! ihr Herz ist zerrissen, und Boto und Sibilla schwimmen im Jubel! Was macht die Vorsehung?"

„Sie wartet!" entgegnete Jakob von Hauser in feierlichem Tone.

* * *

Zwei Stunden vor Sonnenuntergang saß eine Dame von ungefähr neunundzwanzig Jahren, deren leidendes und unruhiges Aussehen auf bitteren Kummer im Herzen schließen ließ, an dem einzigen Fenster eines bescheidenen ZimmerS; sie hatte ein Buch in der Hand, dessen Seiten sie zerstreut umwandte, während ihre Gedanken offenbar anderswo umherschweisten.

In einer Ecke desselben Zimmers, in ehrerbietiger Entfernung von der Leserin, saß ein junges, braun-

als ob auch das Ziel, eine Reichstagsauflösung herbei­zuführen, erreicht werden sollte, denn der Kaiser sandte noch am Samstag Abend ein Telegramm an den Fürsten Bismarck, worin er seiner „tiefften Ent­rüstung" über den Reichstagsbeschluß Ausdruck gab, der — wie er meinte — ihm vollsten Gegensätze zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und ihrer Völker stehe. War der Kaiser wirklich dieser Ansicht auch noch bei ruhigerer Ueberlegung, so mußte er folgerichtig die Probe auf das Exempel machen und an den Bundes­rath einen Antrag Preußens, den Reichstag aufzulösen, gelangen lassen. Allein dieser Antrag unterblieb bisher und wird auch wohl unterbleiben, denn eine Reichstags­auflösung konnte nur entweder gleich in der ersten Entrüstung oder gar nicht mehr beschlossen werden. Sobald der erste Zorn verflogen war, mußte unbedingt eine Ernüchterung Platz greifen und zu der Einsicht führen, daß die Verweigerung der Bismarckehrung keine zugkräftige Wahlparole bietet. Die Kanitzer haben also den Zweck ihres Skandals vorerst nicht erreicht, sehr zur Erleichterung ihrer Freunde im Bismarck­rummel, der Mittelparteiler und besonders der National­liberalen. Diese haben ihren Zweck, den Reichstag zu verdemüthigen und das Centrum zu schädigen, ebenfalls nicht erreicht. Jetzt müssen sie zähneknirschend eingestehen, daß der ganze Erfolg ihres Ränkeschmiedens nur der ist, daß erstens das Centrum jetzt den Präsidenten und den zweiten Vizepräsidenten des Reichstags stellt und zweitens die Stellung des Centrums beim katholischen Volke nur gefestigt und gestärkt worden ist. Aus allen Theilen des Reiches gehen nämlich, wie wir mittheilen können, dem Reichs­tags- und dem Landtags-Centrum fortwährend Zu­stimmungskundgebungen in so großer Zahl zu, wie dies lange nicht mehr der Fall war. Es ist dies ein klarer Beweis, daß der Kaiser sehr übel berathm war, als er das Telegramm an den Fürsten Bismarck mit der Ausspielung der „Fürsten und ihrer Völker" gegen den Reichstag absandte und veröffentlichen ließ. Der Entrüstungsrummel, den die Bismärcker im Lande veranstalteten, ist übrigens auch recht mager ausgefallen und so wenig nachhaltig gewesen, daß man jetzt schon nirgends mehr das Strohfeuer „nationaler" Entrüstung brennen sieht.

„Wir treten in die Tagesordnung", sagte Vizepräsident Frhr. v. Buol-Berenberg gelassen, als die Rechte in holder Gemeinschaft mit dem Galerien­publikum ihren Jubel über die Amtsniederlegung des Herrn v. Levetzow ausgetobt hatte, und dieses treffende Wort kennzeichnet den Gang, den die Ereignisse seit­dem genommen haben: über den Bismarckrummel geht die Welt bereits jetzt kaltblütig zur Tagesordnung über. Und auch Herr Richter hatte Recht, als er sagte: „Es wird auch ohne die beiden Herren gehen." Ja, es geht sogar sehr gut ohne Herrn v. Levetzow und ohne Herrn Bürklin. Frhr. v. Buol-

gekleidetes Mädchen, dessen Haare mit einem schwarzen, weiß geränderten Tuche umhüllt waren. Die Letztere kennen wir; wir haben das hübsche Gesichtchen schon von Freude umstrahlt gesehen, dann sahen wir es in Thränen: es ist Luise.

Eine lange Weile herrschte Sttllschweigen in dem Zimmer; dann schloß die Dame das Buch, sah das Mädchen an und sprach, einen Seufzer unterdrückend, mit schwacher Stimme: „Ist Dir das Sticken nicht langweilig, Luise?"

„Es ist mein Geschäft, Madame; ich lernte die Nadel führen, da ich noch fo klein war, und ich habe seitdem viel gestickt mein Leben lang."

„Das Sticken bringt wenig ein."

„Sehr wenig, gnädige Frau. Als die arme Groß­mutter noch lebte (hier entfielen zwei schwere Thränen Luisens Augen), brachte sie jeden Abend die Frucht ihres Tagewerkes — sie wusch nämlich für eine Färberei — nach Hause, ich legte den geringen Ertrag meiner Stickerei dazu, und es ging vortrefflich; aber dann..."

„Dann?"

„Nach dem Unglück hatte ich keine Lust mehr, zu sticken; meine Augen hatten viel geweint . . . Euer Gnaden beriefen mich zu sich, und um nicht müßig zu sein, nahm ich die Stickerei wieder auf."

„Heute wird es gerade eine Woche, daß Du bei mir bist; sage mir, fühlst Du Dich zufrieden?"

„O, sehr zufrieden ... Vierzig Tage sind ver-

Berenberg vom Centrum ist Präsident geworden und waltet seines Amtes mit Ruhe und Kraft, und als Vizepräsidenten stehen ihm die Abgeordneten Schmidt-Bingen von der freisinnigen Volkspartei und Spahn vom Centrum zur Seite. Es ist das erste Mal, daß das Centrum den Präsidenten stellt; es hat mit Rücksicht auf die protestantische Empfind­lichkeit auf dieses sein Recht seither stets verzichtet, und nun — haben gerade seine Feinde das Centrum gezwungen, nunmehr den Platz zu besetzen, der ihm von Rechtswegen zusteht! Daß das Centrum auch den zweiten Vizepräsidenten stellt, ist allerdings außergewöhnlich; aber auch dies haben die Feinde deS Centrums herbeigeführt, indem sie sich weigerten, in dem neuen Präsidium einen Sitz anzunehmen. Es geschieht ihnen also genau, wie sie gewollt haben, und wenn sie das Ergebniß jetzt ärgert, so dürfen sie sich über Andere nicht beschweren, sondern nur ihre eigene Thorheit verwünschen.

Alle diese aufregenden Vorgänge und Wandlungen haben den Reichstag nicht verhindern können, in seinem Arbeitspensum fortzufahren, als wenn nichts geschehen wäre. Am Dienstag hat er die zweite Etats- berathung beendigt, am Donnerstag die dritte begonnen. Der Etat wird also rechtzeitig vor dem 1. April fertig. Wie lange dann noch die Session dauern wird, ist ungewiß. Wenn der Reichstag Alles erledigen soll, was ihm an Aufgaben vorgesetzt ist, müßte die. Session freilich bis tief in den Sommer hinein dauern. Aber neuerdings tritt wieder das Gerücht, und zwar in verstärktem Maße und mit großer Bestimmtheit auf, daß die Session binnen Kurzem, spätestens 14 Tage nach den Osterferien, geschloffen werden solle. Von anderer Seite wird allerdings widersprochen und darauf hingewiesen, daß sich der Bundesrath mit dieser Frage noch nicht be­faßt habe. Ganz unwahrscheinlich ist das Gerücht aber an sich keineswegs, denn die Hoffnungen, daß aus der Umsturz- und der Tabaksteuervorlage etwas werden könne, sind allmählich wohl auch in Regierungskreisen auf dem Nullpunkt angelangt. Wozu also noch die lange Quälerei in Kommission und Plenum? Die Regierung thäte gut, ihre Vorlagen einfach zurückzuziehen.

Das Abgeordnetenhaus nährt sich nach Er­ledigung des Etats fast nur noch mit sogenannten „kleinen Vorlagen." Außerdem hat es am Mittwoch die Eisenbahnvorlage in 3. Lesung endgiltig an­genommen.

Im liberalen Lager Ungarns herrscht völlige Rath- losizkeit. Nachdem das Magnatenhaus den Abschnitt über die Konfessionslosigkeit aus dem Gesetzentwurf über die „freie Religionsübung" gestrichen und sogar unter sehr abträglichen Bemerkungen über das aus­erwählte Volk den Gesetzentwurf über die Rezeption der jüdischen Religion abermals abgelehnt hat, weiß

flössen, seit die Großmutter in den Himmel gegangen ist; allmählich, an der Seite meiner Herrin, fängt der Schmerz, den der Verlust der guten Frau mir ver­ursacht, an, sich zu mildern."

„Aber das Leben, das ich führe, ist traurig; mein Tisch ist karg, und ich kann Dir nur wenig Salair geben ... Ich habe viel gelitten."

„Ich glaube es. Die gnädige Frau ist von vor­nehmer Geburt, und . .

„Woher weißt Du das?" fragte die Dame mit be­wegter Stimme.

„Das kann man ja sehm; eine Edeldame erkennt man auf den ersten Blick."

„Erzähle mir, was Dir begegnet ist nach dem Tode Deiner Großmutter," erwiderte die Dame in der Ab­sicht, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben."

„In meiner Verlassenheit fehlte mir jeglicher Trost außer den Worten einer alten Nachbarin."

„Kam denn Niemand Dir zu Hilfe?"

„Ein Herr, dem ich zufällig begegnet war, brachte mir einen kostbaren Werthgegenstand meiner Groß­mutter zurück; nachher sandte er noch wiederholt seinen Diener, mir Geld anzubieten; ich habe aber nichts an­genommen, wenngleich das Benehmen des vornehmen Herrn äußerst edel war."

„Woher denn Deine Weigerung?"

„Ach, gnädige Frau," entgegnete Luise, die schöne blasse Stirn erhebend, „für meine Großmutter hätte