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JK 74

Samstag, den 30. März 1895

22. Jahrgang

vir Syithlmz des TodteoMbm.

Roman von H. v. Remagen.

(36. Fortsetzung.)

„Ich begreife nichts von Allem", flüsterte Jakob von Hauser.

„Ich begreife Alles", entgegnete Bosak und nahm dem Mädchen das Rezept ab; dann flüsterte er dem Baron einige Worte ins Ohr und eilte mit raschen Schritten zur nächsten Apotheke.

Es währte nur einige Minuten, bis der Graf von Barges mit einem Krystallfläschchen zurückkehrte, welches er Luise in die Hand drückte.

„Da, Mädchen", sagte er in überredendem Tone, „da, nehmen Sie. Das ist für eine Kranke; darum beeilen Sie sich und bleiben Sie nicht wie eine Bild­säule stehen."

„Gehen Sie, Kind, es ist besser für Sie, nach Hause zu gehen", fügte Jakob von Hauser hinzu.

„Wir werden Sie begleiten", sagte Bosak, „denn Sie können sich ja nicht mehr auf den Füßen halten."

„Aber haben Sie denn keine Eltern oder Ver­wandten?" fragte der Baron.

„Ich habe Niemand mehr als die arme, alte Groß­mutter, die dem Grabe nahe ist", erwiderte Luise, und die Stimme ging ihr aus, sie konnte kein Wort mehr hinzufügen.

MdllerWZeitnug

mit Unterhaltung» Srttage „Sterne und Klnmrn«._________________

Uns Mite Vierteljahr 1895 beginnt unter ganz außergewöhnlichen Umständen. Zu den alten Fragen und Schwierigkeiten der innern Politik (Umsturz-Vorlage, Nothlage der Landwirthschast, Tabak­fabrikatsteuer) ist die tiefe Erregung wegen des Rerchs- tagsbeschlufses in Sachen der Beglückwünschung des Fürsten Bismarck hinzugetreten. Die unmittelbar daran sich knüpfenden Vorgänge lassen erkennen, daß es sich hier um etwas ganz anderes, als einen bloßen Zwischenfall handelt. Schon jetzt wird das Gespenst der Auflösung des Reichstages an die Wand gemalt, und mehrfach werden bereits Zukunftsplane, wie die Beseitigung des bestehenden Reichstags-Wahl­rechts, angedeutet.

Die .Fuldaer Zeitung' wird sich bemühen, den An­sprüchen' dieser verworrenen Lage gerecht zu werden durch rasche Berichterstattung, wie durch ruhige, aber entschiedene Würdigung der Dinge. Mehr wie je tritt jetzt an die Organe des Centrums die Pflicht heran, die ebenso wichtige wie verantwortungsvolle Aktion der Centrumsfraktion kräftig zu unterstützen. All­gemein ist das Gefühl, daß derselben vielleicht niemals so schwierige Aufgaben wie gegenwärtig zugefallen sind: Engste Verbindung zwischen Fraktion, Partei und Presse ist die erste Vorbedingung des Erfolges.

Wede des Aeichstagsaög. Dr. K. Lieöer, gehalten anf der Versammlung des Volksvereins für das kathol, Deutschlands

zu Fulda am 25. März 1895.

(Fortsetzung.)

Was ist Sozialismus? Der Sozialismus ist die Umwandlung unser r heiUigen Wertherzeugung auf Grund und mit den Mitteln des Privaieigenthums, und unserer heutigen Verkeilung der er- zeugun Werthe aus Grund und mit den Mitteln der freien Kon­kurrenz, des freien Wettbewerbs in der Wertherzeugung und Wcrlhverlheilung: auf Grund des gesellschaftlichen Eigenthums und mit den Einrichtungen einer alle bis dahin freie, persön­lich.« Thätigkeit aufsaugenden Thätigkeit der Gesellschaft als solcher. B s j tzt werden Güter dieser Erde hervorgebracht durch die Thäimliit des Privateigenthümers oder solcher, die von den Privat- eiaenthümern für die Einsetzung ihrer Thätigkeit bezahlt werden, mit Privatmitteln. In Zukunft foll das Privateigenthum an den Mitteln zur Erzeugung vergefellschaftlicht werden. Es foll den einzelnen Privateigenthümern abgenommen und aus die Gesellschaft übertragen, es soll aus dem Privateigenthum in ein Gesammteigmthum der Gesellschaft verwandelt werden. Arbeit, die nöthig ist, um mit diesen Mitteln Aecker, Wiesen, Wein­berge, Bergwerke zu bebauen, Häuser, Fabriken, Werkstätten, Maschinen, Handwerksgeräthe u. s. w. herzustellen, um mit diesen Mitteln neue Mittel zu ^erzeugen, die soll die Gesell­schaft anordnen und vertheilen auf die Einzelnen; und das, was erzeugt wird, geht zunächst in das Eigenthum derselben Gesell­schaft über und wird an ihre Mitglieder von der Gesellfchast vertheilt. Dies aber bloß insoweit als es sich um Verbrauchsgüter

bandelt d. h. um solche Güter, die nöthig sind, um den Mrtgltedern überhaupt das nackte Dasein zu ermöglichen, Nahrung, Kleldung, Wohnung zu geben, auch um diejenigen Mittel, bte nebenher nöthig oder dienlich sind, um das Dasein zu verschönern. Soweit aber die neuerzeugten Werthe zur Erzeugung weiterer Werthe gebraucht werden, bleiben diese Eigenthum der Gesells-daft, und der Werth, erzeuqungsprozeß erneuert sich mit ihnen abermals. Es werden durch die Gesellschaft nach ihrer Anordnung neue Werthe aus ihnen erzeugt, diese zum Theil zur weiteren Erzeugung neuer Werthe verwendet, zum Theil an die Mitglieder vertheilt

Wenn man diese Ordnung des wrrthschastlichen und gesellschaft­lichen Lebens näher ins Auge faßt, so muß man sich sofort von zwei Dingen überzeugen, — einmal, daß mit dem Privateigenthum auch die Familie inunferem Sinnedes Wortes verschwinden muß, — ich rede noch gar nicht von der religiösen Grundlage der Familie, von unserer sakramentalen Ehe. — Es ist unleugbar, daß mit dem Ver- schwinden des privaten Eigenthums unsere heutige Familie ferne Möglichkeit des Daseins hat, und man muß sich bei näherer Be­trachtung der Dinge weiter überzeugen, daß mit dem Ver­schwinden des Privateigenthums und mit dem Verschwinden der Familie jeglicher Antrieb zur Arbeit dem Menschen genommen wirid jeglicher Antrieb durch seine Arbeit vorwärts zu kommen, und sich durch Arbeit eine dauernde Grundlage auch für bte Aage bet Roth für sich und bte Kernigen zu bei;u,ünC1t. Die Soznw demokratic in ihrer wirthschastlichen Vertretung leugnet das auch keineswegs. Sie sagt nur, der Mensch, losgelöst von Mein und Dein, wird dann ein so völlig anderes, ein so vollkommenes Wesen werden, daß wir heute noch gar keinen Begriff davon haben, wie schön das noch werden wird. (Bravo.) Wenn man dann die Herren fragt, wie wird das werden, wenn weder ein Antrieb des Pr'vateigenthums, noch der Antrieb der Fürsorge für die Familie für die Nachkommen beit Menschen zur Arbeit an­treibt? 'so sagen sie: „Ja, wir wissen ja heute noch nicht, wre bis bahin unter bem Einfluß der Sozialdemokratie und unserer gesellschaftlichen Wirthschaft der einzelne Mensch sich vervollkomm­nen wird." (Bravo.) „Wir sind, so sagt Herr Bebel, „in fort­gesetzter Mauserung", und Herr Liebknecht antwortet auf diese Frage: „Nur ein Dummkopf kann überhaupt so etwas fragen.

' Etwas fchöner sieht die Sache schon aus nach den Schilde­rungen von diesem Zustande, von dem sie uns noch nichts sagen, wie er herbeigeführt und erhalten werden kann. Da hängt, tote man sagt, der Himmel voller Baßgeigen. Selbstverständlich wird r die Frau dem Manne gleichgestellt, sie tritt mit ihm in einen e unbemessenen Wettbewerb ein, sie wird gebildet, auch geistig I hochentwickelt wie der Wann, sie wird ihm vielleicht den Rang ablaufe:!. Wir werden sie natürlich nicht mit dem heutigen Haushalt befaßt sehen, sondern sie wird auf der Höhe mensch­licher Entwickelung, nachdem sie ihre pflichtmäßige Arbeits­leistung der Gesellsckaft gegenüber vollbracht hat, in Lesezirkeln, in Theatern, in Konzerten überall alles aufbieten, gleichen Schritt zu halten. Ebenso wird es der Mann machen. Natürlich werden die Bedürfniffe in öffentlichen Anstalten, Speisehäusern, Wasch-Anstalten und dergleichen mehr bestritten, und das, was man sich erarbeitet hat und wofür man sich zu feinem Bedürf­nisse die schönsten, ansprechendsten Genüsse verschaffen kann, das wird vertheilt. Aber wie vertheilt? Ja, jetzt fängt der Streit an. Die Einen fagen: nach dem Maße der geleisteten Arbeits­zeit, d. h. wenn sie alle gleich lange Zeit arbeiten tnüffen, sollen auch alle den gleichen Lohn erhalten, wofür ein Jeder sich etwas erwerben kann. Lohn in unserem Sinne gibt es allerdings nicht, sondern nur Tanschzettel, mit denen man in den Maga­zinen der Gesellschaft alles Wünschenswerthe erhalten kann. Die Anderen sagen: nein, das wäre Ungerechtigkeit, es muß nach dem Werthe der geleisteten Arbeit, der erzeugten Güter, belohnt werden. Das ist nun ein schr großer Streitpunkt, denn wer schätzt die verschiedenen Güter gegen einander ab. Wir werden gleich erfahren, wie alle diele Streitpunkte einfach geschlichtet werden. Sparen wir uns das bis zuletzt auf. Die Dritten, und die haben den meisten Beifall, die fagen: es wird ein Jeder belohnt nach dem Maße feiner Bedürfnisse (Heiterkeit), so daß also det-

„Laßt uns gehen", wiederholte Jakob; „wu werden Sie bis an Ihr Haus begleiten. Vertrauen Sie uns, wir sind Männer von Ehre, die Mitleid haben mit Ihrem Unglück."

„Einen Augenblick!" bat Luise und lies vor die Kirchenthür, kniete nieder und beugte das Haupt fast bis auf den Boden.

„Herr, komme ihr zu Hilfe, sie nimmt ihre Zu­flucht zu Dir!" rief Jakob von Hauser.

Bosak schüttelte den Kopf.

Als Luise sich erhob, schien sie nicht mehr dieselbe wie vorher; sie war nicht mehr eine willenlose Beute ihres grausamen Schmerzes, sondern man sah, wie sie den wilden Sturm im Innern mit einer Kraft, die nicht von dieser Erde stammte, niederkämpfte und zu beherrschen suchte.

„Sagen Sie mir", fragte Bosak unterwegs, „warum Sie' dem Herrn Senelk die Kette gaben, welche Sie in dem Augenblicke, als er in den Wagen sprang, zurückforderten?"

Luise fuhr zusammen, sprang einen Schritt zuruck und rief ängstlich: „Ach, es sind seine Freunde; die wissen alles! .... Und er hat sich nicht einmal, ge­schämt, es zu bekennen! . . . Und ich glaubte, es seien Männer von Ehre!"

„DaS sind wir, meine Liebe, und wir rühmen uns durchaus nicht der Freundschaft des Herrn Boto", antwortete Jakob ein wenig ärgerlich.

ienige welcher das entwickeltste Bebürfttiß für Austern unb Champagner ober Rehbraten unb Rüdesheimer hat unzweisel- hast bester wegkommt, als derjenige, der nur ein Bedurfntß für Handkäse und Schnaps hat. (Große Heiterkeit.) .

' Die Frage der Gütervertheilung ist also, rote gesagt, noch ftreitia aber wir wollen uns dabei nicht lange anshalten, rott wollen einmal einen Schritt weiter gehen, ehe wir von der religiösen Seite der Bestrebungen des Umsturzes Mechen und einen Blick auf das geistige Gebiet bte er künftigen Gefellschafts- orbnung werfen. Im Anfang, so sagen die Gelehrten ber Sozial- bemokrwten (unb sie berufen sich ja immer barauf, daß sie wissen- schastliche Männer, welche auf der Höhe der T^roen Wissen­schaft stehen, seien) im Anfänge, so heißt es, wird selbstverstaiid- lich ein Uebergangsstadium aus ber heutigen in bie vollmbste künftige Wirthschaftsordnung nothwenbig sein unb bestehen. Dieses llebergangsverhältniß wird sich dadurch charaktersitcen daß es auch noch ein Privat Eigenthum an den Verbrauchsgütern unb so lange dies der Fall ist, auch noch eine Person gibt, bte frei über dieses Eigenthum, welches sie erworben hat, und über die Arbeit verfügen kann. Es ist gar keine Frage: bte Guter, mit benen Äe erzeugt werden, gehören der Gesellschaft; aber m der vollendeten Gesellschaft gibt es keine Güte^ sondern da ge­hört olles ber Gesellschaft, da gehört auch bte Person der Gesell-

hr Kt ißber Einzelne Henau ebcnfo nne bte Sachgüter für S L eine Ätner X Eigenthum der Gesellschaft (nicht frei und ohne Selbfwestimmung)>ie ihn heute hier, morgen dahm sE'Jch verliere kein Wort über die volksentwürdigende Aus­sicht Vie uns nach christlichen und insbesondere nach katholischen Begriffen von dieser Seite der künftigen Gesellschaftsordnung entgegen grinst. Wir sind gelehrt unb gewohnt, über Alles bte persönliche Freiheit, über Alles die Freiheit des Gewissens, über Alles selbst über das Leben, die Würde des Menschen, des Gott ebenbildlichen Menschen zu stellen. (Bravo!) Nichts in ber Welt geht uns über bieses Gut, ich sage, nichts tn ber Welt, unb unsere ganze Geschichte, bie gesummte Geschichte des Christenthums ist eine ununterbrochene Kette von Beweisen dafür, daß sich das Wort des Herrn an dem Christenthum erfüllt hat: • Die Wahrheit wird euch frei machen." Auch die persönliche F-eiheit wird bis in das Grab und über das Grab hinaus ver­bürgt; unb dem gegenüber steht eine Knechtschaft, die so weit geht daß bie Personen vor ber Gesellschaft vollständig ver- schwinden und das Eigenthum ber Gesellschaft werden, daß sie sühl-'ii und denken nlüssen, wie die Gesellschaft es will, daß sie wollen und bandeln, leiden und sterben, wie und Wann ote Ge­sellschaft es will; denn das ist die Lösung der Frage! Wie wirb denn diese Gesellschaft eingerichtet und erhalten? Als- tn ber ötägigen Sozialistenschlacht im Frühling des Jahr cs 1893 im deutschen Reichstage Herr Eugen Richter den Herrn Bebel schließlich dahin drängte, die Frage zu beantworten, „mit welchen Zroang-.m.ltclu wollen Sie denn diese Einrichtungen durchführen ?ür den Fall Sie nicht fo vollkommen werden, wie Sie es er­warten " da lautete die Antwort: „Wer nicht will, der muß ver­hungern." (Heiterkeit.) Ja, meine Herren, da brauchen wir keine Gensbarmen, feine Polizei, keine Soldaten, keine Zuchthäuser, nichts mehr: wer nicht will, der muß verhungern; die Gesellschaft hat ja den Brodkorb, sie vertheilt die Verbrauchsgüter wie sie will: wer nicht will, der muß verhungern, — das ist die Glückselig- feit! —

Und bie weiteren Pläne ber Sozialdemokraten, die sorgen auch dafür, daß jede Selbständigkeit des Willens, des Denkens, von vornherein unmöglich wird; denn es werden alle privaten Thätigkeiten, auch auf dem Gebiete der Schulen, in denen Ueber- zeugung und Willen des Kindes herangebildet und zur Ueber- icugung und Willen eines Mannes gemacht werden, aufhören. Wie die unterste, so die höchste Schule, wie das kleinste Blättchen im letzten Winkel, so alle Werke der sozialdemokratischen Wissen­schaft — alles wird nur im Auftrage, alles nur mit den Mitteln, alles 'nur unter Gutheißung dieser Gesellschaft unterhalten. Was soll daraus werden? Nichts als Sklaventhum, körperlich unb

^Sie sollen diese Kette wieder haben", setzte Bosak hinzu: „ich möchte nur vorher wissen . . ."

„Was wollen Sie wissen, das Sie noch nicht wüßten, da Sie diesen Menschen kennen?" unterbrach ihn Luise; dann zog sie das Portemonnaie, welches der Baron ihr in die Schürzentasche gesteckt hatte, heraus und sagte in traurigem und zugleich würde­vollem Tone: „Mein Herr, Sie werden den Herrn Boto Wiedersehen; haben Sie die Güte, ihm dieses Geld zurückzugeben und ihm zu sagen, daß Jemand, der seine Hände braucht zur Arbeit und zu redlichem Erwerb, ein erniedrigendes Almosen von sich weist; sagen Sie ihm, daß ein Mensch, welcher mit dem keuschen Hetzen eines Mädchens spielt, um es auf die grausamste Weise zu zerreißen, jegliches Gefühl, jeg­liche Gerechtigkeit mit Füßen tritt; sagen Sie ihm, daß einen Armen bestehlen, infam ist."

„Unglückliche Sibilla!" rief Jakob von Hauser.

„Morgen sollen Sie die Kette haben", bemerkte Bosak.

„Ist er es, der sie mir schickt?" fragte Luise.

„Nein, ich habe sie gekauft; wer gestohlenes Gut ; kauft, muß es wiedererstatten."

Luise fühlte von Neuem die Wunde ihres Herzens i bluten. Sie, die bis dahin alle Menschen für gleich : tugendhaft wie sich selbst gehalten hatte, war verur- . theilt, denjenigen auf's tiefste zu verachten, den sie i für den Besten von Allen gehalten hatte. (Forts, f.) .