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Stimmen

damit gehandelt, wie es das katholische Volk Deutsch­lands von ihm erwartete. Es hat den Fehdehandschuh ausgenommen und die einzig richtige Antwort gegeben, die es geben mußte, wenn es seine Ehre und seine Würde wahren wollte. Daher die Berserkerwuth, die auch so drastisch im Johlen und Schreien im Reichs­tag zum Ausdruck gekommen. Das Beste hat bis jetzt jedenfalls das ,Leipziger Tageblatt' geleistet, welches wörtlich schreibt: „Wenn die Mitglieder der Reichs­tagsmehrheit, die am 23. März dem großen Kanzler einen Glückwunsch zum 80. Geburtstage verweigerten, mit demselben Maßstabe gemessen würden, mit dem sie die nationalen Verdienste eines Bismarck maßen, so wären sie nicht werth, vor einem deutschen Kaiser zu stehen, und müßten am Ende ihrer Tage hinter der Kirchhofsmauer eingescharrt werden ohne Sang und Klang und Klage." Daneben nimmt sich alles Uebrige sehr milde aus und wollen wir den ganzen Rummel überhaupt sehr milde beurtheilen, da wir den Aerger unserer politischen Gegner in diesem Augenblick vollauf begreifen.

* Mit dem Willen des Volkes im Widerspruch soll das Votum des Reichstags gegen Bismarck stehen. Die Leipziger VolkSztg.' stellt nun fest, daß die Reichs­tagsmehrheit diebeträchtlicheMehrheitdes Volkes repräsentirt. Es fielen 1893 auf

es vorläufig nichts. Aber der Kampf gegen das Centrum als Einleitung zu einem neuen Kultur­kampf und die Abschaffung des Reichstags­wahlrechts werden für die nächste Zeit die Losung sein, unter der die Mittelparteiler ihre Politik machen. Vergessen wir nicht, daß diese Parteien sehr einfluß­reiche Mitglieder, wie die Herren v. Stumm, Krupp, v. Helldorf zählen, und feien wir daher auf unserer Hut! Mehr als je ist es nothwendig, wachsam zu sein, einig und treu!

* Das Mainzer Journal' veröffentlicht folgendes, an die Centrumsfraktion des deutschen Reichstages zu Händen des Grafen Hompesch abgegangene Telegramm: „Die Centrumsfraktion der zweiten Kammer der Stände und der Landesausschuß der hessischen Centrumspartei sprechen der Centrumsfraktion des Reichstages Namens der Katholiken Hessens ihren wärmsten Dank dafür aus, daß das Centrum eine Betheiligung der Katholiken zum 80. Geburtstage Bismarck's einmüthig abgelehnt hat, nachdem die gegnerischen Parteien diese Gratulation zu einer politischen Kundgebung zu mißbrauchen versucht haben. Für die Centrumsfraktion: Wasserburg. Für den Landesausschuß: Dr. Schmitt."

* Die Umsturzkommission trat am Mittwoch in die 2. Lesung der Vorlage ein. Ueber die Erörterungen des Näheren zu berichten, verlohnt sich um so weniger, je mehr es klar wird, daß aus der ganzen Vorlage nichts werden wird. Auch die Tabaksteuerkommission wird nichts zu Stande bringen. Sie hat am Mittwoch sogar den § 1 (Zollerhöhungen), der noch die meisten Aussichten hatte, abgelehnt. Die dazu ge­stellten Anträge wurden theils ebenfalls abgelehnt, theils zurückgezogen. — Abg. Müller-Fulda erklärte den Antrag Bassermann für unannehmbar, weil er immer noch die billigeren Tabake um 20 pCt. mehr belasten würde. Bei einer Zollerhöhung um nur 10 M. würden wieder die Mehreinnahmen lächerlich klein sein. Um drei bis vier Millionen änderte man nicht die Tabak­besteuerung; es müßten zehn bis fünfzehn Millionen mindestens herauskommen. Diese brauchten wir, wenn auch nicht jetzt, so doch für das nächste Jahr.

* Im ,Reichsanzeiger' wird die Denkschrift der Kommission des Staatsraths über die Maß­regeln zur Hebung des Getreideprcises veröffentlicht. Sie füllt fast eine ganze Beilage des ,Reichsanzeigers'. Ihrem Inhalte nach deckt sie sich mit den bereits mit- getheilten Beschlüssen des Staatsraths über diese Frage.

* In der Centralleitung des Bundes der Laudwirthe ist ein großes Kündigen eingetreten. Sämmtliche Mit­glieder des Preßbureaus und des statistischen Bureaus des Bundes scheiden aus ihrer Stellung.

* Der Abg. Schulze-Hamm (natl.) erläßt gegenüber der Aufforderung der Landwirthschaftsbündler seines Wahlkreises Hamm-Soest, für den Antrag Kanitz zu stimmen oder sein Mandat niederzulegen, im ,Soester Kreisbl.' die Erklärung, daß er nicht für den Antrag Kanitz stimmen und auch sein Mandat nicht nieder­legen werde, wohl aber aus dem Bunde der Landwirthe austrete."

* Der verstorbene bayerische Kultusminister Dr. v. Muller war der jüngste von Bayern's Ministern; er begann seine Laufbahn, ebenso wie Lutz, als Kabinets- sekretär des Königs Ludwig II. und wurde darauf zum Assessor im Ministerium des Innern ernannt. Unter der Regentschaft zum Polizeipräsidenten von München befördert, begann Müller bei Hofe eine sehr einfluß­reiche Rolle zu spielen. Am 31. März 1890 wurde er als Nachfolger des Herrn v. Lutz zum Kultus­minister ernannt. — Mit der interimistischen Leitung des Kultusministeriums wurde der Staatsrath v. Wisbeck betraut. — Die Beerdigung hat gestern Nachmittag unter großer Betheiligung des gefammten Ministeriums, der Staatswürdenträger, des Erzbischofs, der General­superintendenten, der Geistlichen beider Konfessionen, der Mitglieder der Akademie, Universitätsprofessoren, Mitglieder der beiden Kammern und der städtischen Kollegien stattgefunden.

* Ueber die Revision des hessischen Ordcnsgesetzes entspann sich in der Ersten Kammer eine Debatte, über welche Folgendes berichtet wird :BischofHaffner giebt seiner Freude Ausdruck, daß dem 20jährigen Verlangen der Katholiken unseres Landes sowohl von der Zweiten Kammer als auch von der Regierung Rechnung getragen worden sei. Von der Weisheit

die Sozialdemokratie 1,786,738

das Centrum 1,468,501

die freisinnige Volkspartei 666,439

Welfen, Polen, Elsässer, Dänen 460,406 die deutsche Volkspartei 166,757

des hohen Ministeriums erwarte er, daß das Maß der Revision in einer generösen und den Zeitverhält­nissen entsprechenden Weise ausgedehnt werde. Als das Gesetz in diesem hohen Hause berathen wurde, bemerkte damals Staatsminister Hoffmann gegenüber dem verstorbenen Domkapitular Dr. Moufang, daß auf diesem Gebiet die hessische Regierung der Gesetz­gebung Preußens Folge leisten müsse, das bekanntlich mehrere Jahre vorher den traurigen Kulturkampf er­öffnete. Dalwigk hatte den Wunsch ausgesprochen, erst die Wirkungen in Preußen abzuwarten. Leider wurde nicht darauf gehört, und es wurde das 1875er Kulturkampfgesetz erlassen, welches uns auf das schmerz­lichste berührte. Wir verlangen die Rückkehr der Orden zur Ausübung unserer religiösen Gewissensfrei­heit. In unseren Tagen ist keine Rettung zu ersehen gegen umstürzlerische Bestrebungen, wenn nicht die Religion gehütet und gepflegt wird. Für uns ist die Hilfe der Oroenspriester eine unbedingte Nothwendigkeit.

4,548,841 Stimmen

Im Ganzen sind 7,673,973 Stimmen im Jahre 1893 abgegeben worden, das heißt rund sechzig Prozent der Wähler stehen hinter der Mehrheit des Parlaments.

* Bei der Abstimmung über die Bismarck-Beglück­wünschung fehlten 75 Abgeordnete, darunter nach ihrer Parteistellung 47 Gegner und 28 Freunde des Antrags. Bei vollbesetztem Hause würde daher der Antrag v. Levetzow nicht mit 163 gegen 146, sondern mit 210 gegen 174 Stimmen abgelehnt worden sein. Es fehlten bei der Abstimmung namentlich viele Süddeutsche, 15 Centrum, 8 Elsässer, 5 Polen, 6 Sozialdemokraten, 2 vom Bayerischen Bauernbund, 7 von der deutschen und 3 von der freisinnigen Volkspartei. Von den Freunden des Antrags fehlten 7 Antisemiten, 15 Kon­servative und Freikonservative, 4 Nationalliberale und 2 von der freisinnigen Vereinigung.

?! Laßt euch nicht in den April schicken! Diese Mahnung ertheilt die volksparteiliche.Volkszeitung' in Berlin den deutschen Wählern; sie warnt dieselben da­vor, sich durch das Getobe der Bismarckpresse über die verweigerte „Generalkniebeuge" des Reichstags hypnotisiren und zu willenlosen Werkzeugen der Reak­tion machen zu lassen. Freisinnige Blätter mögen solche Mahnungen nach den trüben Erfahrungen, die sie bei Militärfragen u. dgl. früher zuweilen mit der Standhaftigkeit und Urtheilsfähigkeit der freisinnigen Wähler machen mußten, für nöthig halten:*) die kath o- lische Presse aber hat sie ganz gewiß nicht nöthig! Widerspruch gegen die Centrumsfraktion des Reichs­tags hätte sich im katholischen Volke nur dann er­hoben, wenn diese nicht mit jener Einmüthigkeit und Entschiedenheit die Zumuthung, sich unter das bis- marckische Joch zu beugen, zurückgewiesen hätte, die das Centrum am Samstag zu unserer hohen Freude bewiesen hat. Mit der Reichstagsauflösung ist

*) Inzwischen fanden stark besuchte Versammlungen der freisinnigen Wahlvereine in Berlin statt, welche einstimmig die Haltung der Mehrheitsparteien gebilligt haben. Anm. d. Red. geben," erwiderte Jakob, trat auf das Mädchen zu, hob das Portemonnaie von der Erde auf und sagte mit bewegter Stimme: „Nehmen Sie, Kind, und gehen Sie nach Hause; die Nacht ist dunkel und es regnet; in Ihrem Alter ist es nicht gut, allein auf der Straße zu bleiben."

Die Worte des Barons drangen wie verworrene, fremde Töne an Luisens Ohr; sie erwachte zusammen­schreckend aus ihrer Betäubung und sah mit wirren Blicken auf den Sprechenden; da sie aber die hinge­haltene Börse erblickte, stieß sie dieselbe heftig zurück: „Nein, nein!" schrie sie, „ich will kein Almosen von ihm; lieber vor Hunger sterben! O, jetzt brauche ich nichts mehr .... Ich nicht; aber die Großmutter. Die Großmutter stirbt! ... Und das Rezept? Und der Pfarrer? .... Ich verliere den Kopf, ach, ich weiß nicht, ich begreife nicht ... Es wirbelt mir im Kopfe!"

„Wenn Ihre Großmutter stirbt, so gehen Sie zu ihr," unterbrach Bosak, näher tretend.

„Ja, ich gehe; aber das Rezept? ... Der Pfar­rer . . Ach, die Braut ist schön ... sie hatte ein seidenes Kleid an und ich bin mit schmutzigen Lumpen bedeckt . . . Aber das Rezept?"

Unter diesen unzusammenhängenden Worten hatte sie aus der Schürzentasche die Verordnung des Arztes gezogen und ließ dieselbe mechanisch aus einer Hand in die andere wandern, indem sie offenbar ganz un­fähig war, zu einem vernünftigen Gedanken, was sie damit sollte, zu gelangen.

(Fortsetzung folgt.)

1 Wir können ohne sie nicht ganz ober voll eriftiren. Man hat tn Preußen alle alten Ordensniederlassungen wieder zugelassen, ja sogar Niederlassungen hinzuge­fügt. Ich meine, es wäre gut, wenn wir uns den leitenden Staat in dieser Beziehung zum Muster neh­men würden. Hoffentlich giebt die Regierung nicht nur halbe Maßregeln, sondern volle Freiheit, die uns von Gott- und Rechtswegen gehört. Prälat Dr. Habicht erklärt, daß er gegen diese Anträge sei. Er wolle sich freie Hand behalten angesichts des Reichs­tagsbeschlusses und der herrschenden Strömung gegen­über dem Jesuitenorden, welcher stets den Frieden störte und ein entschiedener Gegner der evangelischen Kirche war. Was die Förderung der Religion angeht, werden wir ebenfalls gerade so fest für die Interessen des Staats eintreten, wie die anderen Konfessionen. Bischof Haffner verwahrte sich gegen die Angriffe gegen den Jesuitenorden und bedauerte, daß diese Frage, die in den Reichstag gehöre, hier überhaupt zur Erörterung gelange.

* Friedrichsruh, 26. März. Die Ansprache, die der Kaiser bei der Parade an den Fürsten Bismarck hielt, hat folgenden Wortlaut:

„Euer Durchlaucht! Unser ganzes Vaterland rüstet sich zur Feier Ihres Geburtstages. Der heutige Tag gehört der Armee: dieselbe ist zuerst berufen, ihren Kameraden, einen alten Offizier, zu feiern, dessen Wirksamkeit es Vorbehalten war, ihr die Mög­lichkeit zu gewähren, gewaltige Thaten auszuführen. Die Krieger­schaar, die hier versammelt ist, ist ein Symbol des ganzen Heeres, vor Allem jenes Regiment, das die Ehre hat, Euer Durch­laucht seinen Chef zu nennen. Jenes Feldzeichen, ein Denkmal brandenburgisch-preußischen Ruhmes, aus der Zeit des Großen Kurfürsten herüberstammend, ist geweiht durch das Blut von Mars-la-Tour. Ew. Durchlaucht wollen im Geiste hinter dieser Schaar den gefammten, kampfgerüsteten Heerbann aller ger­manischen Stämme sehen, welche den heutigen Tag mitseiern. Im Anblick dieser Schaar komme ich nun, Ew. Durchlaucht meine Gabe zu überreichen. Ich konnte kein besseres Geschenk finden als ein Schwert, diese vornehmste Waffe der Germanen, als Symbol jenes Instruments, welches Ew. Durchlaucht mit meinem hochseligen Großvater haben schmieden, schärfen und auch führen helfen, als Symbol jener gewaltigen Bausteine, deren Kitt Blut und Eisen war, als dasjenige Mittel, welches nie versagt und in der Hand von Königen und Fürsten, wenn es noth thut, auch nach Innen hin dem Vaterland Zusammenhalt bewahren wird, wie es einst nach Außen hin zur Einigkeit geführt hat. Wollen Ew. Durchlaucht in dem hier eingravirten Wappen von Elsaß-Lothringen und dem eigenen erkennen und fühlen die ganze Geschichte, welche vor 25 Jahren ihren Abschluß fand. Wir aber, Kameraden, rufen: Se Durch­laucht, Fürst Bismarck, Herzog von Lauenburg, Hurrah!"

* Leipzig, 26. März. Dem ,Leipz. Tageblatt' zu­folge beschloß eine große Versammlung von Frauen der ersten Stände eine Huldigungsfahrt nach Friedrichsruh.

* Detmold, 16. März. Die Beisetzung des Fürsten Wold em ar hat heute Nachmittag stattge­funden. 3u- Vertretung des Kaisers war Prinz Friedrich Leopold erschienen. Der Feierlichkeit wohn­ten ferner bei: Adolf Prinz Schaumburg-Lippe, Graf Bernhard zu Lippe - Biesterfeld und Graf Friedrich Wilhelm zu Biesterfeld, Sohn und Bruder des Grafen Ernst Lippe-Biesterfeld. Die Betheiligung des Pub­likums war eine überaus rege.

* Aachen, 27. März. Der deutsche Pilgerzug nach Jerusalem ist am 26. März ohne Unfall in Alexandria angekommen. Alle Theilnehmer befinden sich wohlauf.

Ausland.

* Brüssel, 27. März. Die Regierung hat soeben die Einberufung der Militärklasse von 1892 und des Administrationsbataillons von 1891 beschlossen.

* Mailand, 27. März. In einer Versammlung beschossen gestern Abend die katholischen Wähler Mailands, an den nächsten allgemeinen politifchen Wahlen nicht theilzunehmen, gemäß dem päpstlichen Gebote. Der bedeutungsvolle Beschluß dürfte bei den Katholiken im übrigen Italien Nachahmung finden.

* Newyork, 27. März. Aus Washington wird gemeldet, daß nach einem Privattelegramm, welches ein Mitglied der japanischen Gesandtschaft aus Tokio erhalten hat, die Wunde Li Hung Tschangs ernster sei, als man Anfangs angenommen habe. Man glaube, die Kugel habe sich in die Knochengewebe an der Basis der Nasenöffnung, einer sehr gefährlichen Stelle, eingebettet. Der deutsche Chirurg, den der Mikado mit der Behandlung Li Hung Tschangs be­auftragte, sei der Meinung, daß eine Wiederherstellung sehr zweifelhaft ser. Li Hung Tschang will die Kugel nicht aus der Wunde ziehen lassen. Die Kaiserin sandte zwei Krankenpflegerinnen. Briefe und Tele­gramme mit dem Ausdruck des Bedauerns und der Theilnahme gehen in großer Anzahl ein.

* Dokohama, 27. März. Unter den japani­schen Truppen in Port Arthur ist die Cholera ausgebrochen. An einem Tage find 38 Fälle vorge­kommen.

Aus dem Reichstage.

69. Sitzung vom 26. März 1895, 1 Uhr.

Ein Schreiben des Abg. Dr. Bürklin (natl.) zeigt an, daß dieser das Amt als 2. Vizepräsident niederlegt.

Die 2. Etatsberathung wird fortgesetzt. Bei dem Etat des Reichsschatzamtes befürwortet

Abg. Dr. Bachem (Ctr.) seine Resolution, wonach die Mittel der Reichsbank mehr als bisher für landwirthschaftliche Kreditzwecke nutzbar gemacht werden sollen.

Reichsbankpräsident Dr. Koch (auf der Tribüne fast ganz unverständlich) führt aus, daß die Reicksbank auch seither schon

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