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Freitag, den 29. März 1895

22. Jahrgang

mit Unterhaltrmgs-KeZlage „Sterne und HLumen"

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserats kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen d>e KMzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Wede des HLeichstagsaög. Ar. K. Lieber, gehalten auf der Versammlung des Volksvereins für das kathol. Deutschland

zu Fulda am 25. März 1895.

Liebe, verehrte katholische Freunde! Nehmen Sie meinen herz­lichen Dank für den freundlichen Willkommen-Zuruf, mit dem Sie mich hier empfangen. Ich habe schon seit längerer Zeit das dringende Bedürfniß, um nicht zu sagen Verpflichtung, endlich mal nach Fulda zu kommen und hier insbesondere für den Volksverein für das katholische Deutschland mit Gottes Hilfe ein gutes Wort zu reden. Dieses Bedürfniß, diese Verpflichtung ist, je länger, um so lebhafter in mir wach geworden, wenn ich mir vergegenwärtigte, daß wir Heffen und Nassauer nunmehr auch eine einzige Provinz bilden und mir gesagt habe, es ist endlich an der Zeit, daß auch wir Katholiken und Centrums­leute der Provinz Hessen-Nassau nicht mehr in Vereinzelung, sondern in einer geschlossenen Gesammtheit unsere Rechte und Interessen wahrnehmen. Dazu beizuträgen, schien es mir un­umgänglich, daß der Nassauer zu dem Hessen gehe, denn der Hesse ist kurfürstlich und der Nassauer nur herzoglich. (Heiterkeit.) Gelehrte Hessen behaupten, wir Nassauer, die wir uns einbilden, Franken zu sein, seien in Wahrheit nur ein Ableger von brn edlen Stamme der Satten. Und so bin ich denn heute unter Ihnen erschienen, um zu Ihnen über den Volksverein und noch einiges Andere zu reden. Der Volksverein für das katholische Deutschland besteht erst seit etwa 4 Jahren; er ist gegründet, wie der erste Paragraph seiner Satzungen es ausspricht, zur Be­kämpfung der Lehren und Bestrebungen des Umsturzes auf poli­tischem und sozialem Gebiete, zur Erhaltung der Grundlagen unserer christlichen Staats- und Gesellschaftsordnung. Mithin ist es ein Abwehr- und ein Aufbauziel, welches dieser Verein verfolgt ; ähnlich den Israeliten, die nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft ihre zerstörte Hauptstadt und ihren Tempel wieder aufbauten, in der einen Hand das Schwert zur Abwehr und in der anderen die Kelle zum Aufbauen.

Als diejenigen, welche man gemeinhin in der heutigen Zeit als die Träger der Lehren und Bestrebungen des Umsturzes be- zeichrwt, stellen sich uns die Sozialdemokraten dar und es würde zunächst meine Aufgabe sein, nachzuweisen, wie für uns ein Be­dürfniß vorliege, zur Bekämpfung der Lehren und Bestrebungen des Umsturzes auf politischem und sozialem Gebiete gegen die Sozialdemokratie Front zu machen. Ich will aber zugleich her­vorheben, daß man der Sozialdemokratie weithin Unrecht thun würde, wenn man sie allein, oder auch nur in erster Linie ver­antwortlich für die Lehren und Bestrebungen des Umsturzes machte, die unsere ganze heutige Staats- und Gesellschaftsordnung bedrohen. Daß die Sozialdemokratie das ihrerseits thut, dazu bedarf es keines sehr weiten Suchens nach Beweismitteln und keines sehr weiten Ausholens, um diese Beweise zu erbringen. Ich bediene mich lediglich und in aller Kürze einer Aeußerung ihres bekanntesten Wortführers in Rede und Schrift, um nach­zuweisen, daß unsere, der gläubigen Katholiken und monarchisch gesinnten Staatsbürger, politischen und wirthschaftlichen Ziele unverträglich sind mit denen der sozialdemokratischen Partei. „Die Sozialdemokratie" — so sagte nicht einmal, sondern dreimal, nicht erst im Jahre 1893, sondern schon im Jahre 1881, ja bereits im Jahre 1872 auf der Tribüne des deutschen Reichstages, auf derjenigen Stelle, von der ein gesprochenes Wort über das ge- sammte Vaterland hin ertönt, Herr Bebel — „die Sozialdemokratie erstrebt auf politischem Gebiete die Republik, auf wirthschast- lichem Gebiete den Sozialismus, auf demjenigen Gebiete, welches man heute das religiöse nennt, den Atheismus".

Wenn wir in Kürze diese drei klar bezeichneten Ziele durch­gehen, so erstrebt der Sozialdemokrat 1) die Republik. M. H., wir leben in Deutschland in einer monarchischen Verfassung, was den einzelnen Staat angeht, zu welchem wir gehören, und in' einer Bundesverfassung, geschlossen und erlassen und von zahlreichen

Dit

i des TadtenMns

Roman von H. v. Remagen.

(35. Fortsetzung.)

Luise seufzte. Da sie aber das Ende der Cere- monie abwarten zu müssen glaubte, ehe sie an dem Pastorat anklopfen konnte, blieb sie an der Kirchen­mauer stehen, dabei vernahm sie, ohne zu wollen, das folgende Zwiegespräch:

„So haben Sie also die Einladung nicht ange­nommen, Herr Baron von Hauser?" sagte der Eine von den Beiden, welche Luise wie Edelleute vorkamen.

„Wie hätte ich denn," versetzte der Andere, „auch annehmen können? Bis zum letzten Augenblicke be­schwor ich Sibilla, sich die Sache tausendmal zu über­legen, bevor sie diesem Menschen die Hand reiche; meine Gegenwart würde die Braut nur an meine Rathschläge erinnert haben."

„Sie war taub gegen Ihre Worte?"

„Was wollen Sie? „Es rast der See und will sein Opfer haben", und Sibilla stürzt mit geschlossenen Augen in den Abgrund. Soeben, da ich rein zufällig hier vorbeikam, sah ich Beide so glückselig lächeln, als seien sie in Ekstase vor lauter Liebe."

„Ich sah sie nicht, möchte aber gern, selbst unge­sehen, sie einmal sehen."

„Ich glaubte, Sie seien mit ihnen gekommen, Herr Bosak."

Monarchen unseres Vaterlandes in Gemeinsamkeit mit drei kleinen Republiken, den Hansastädten Hamburg, Bremen, Lübeck. Wir leben unter einer konstitutionellen Monarchie. Wir sind durch unseren Katechismus — ich gehe sogleich und ausschließlich auf den tiefsten Grund des Unterschiedes zwischen der Sozialdemo­kratie und uns, ohne mich bei mehr ober weniger Nebensachen aufzuhalten — verpflichtet, unterthan zu sein der Obrigkeit, welche Gewalt über uns hat, in dem Bewußtsein, daß keine Obrigkeit besteht, es sei denn von Gott. Dieser tiefste Grund der Unter­würfigkeit unter die weltliche Obrigkeit des Monarchen, der die Gewalt über uns hat, hat uns Katholiken sogar in der Zeit des erbittertsten Kulturkampfes niemals um eines Haares Breite von der scharfen Linie unserer Pflicht als Unterthan und Staats­bürger gegen König und Verfassung abweichen lassen. (Bravo!) Dies ist auf politischem Gebiete der tiefe Unterschied zwischen uns und einer Bestrebung, die sich offen als eine republikanische bekennt. Wir erachten es nicht nur für Hochverrats wir erachten es nicht nur für ein unter schwerer Ahndung stehendes weltliches Verbrechen, sondern wir erachten es als eine schwere Sünde gegen Gott, diesem unserem klar erkannten Verhältniß eine Aendernng geben zu wollen. Das Verhältniß, in welchem wir zu Gottes Willen stehen, wird von uns nicht nur anerkannt, nicht nur geachtet, sondern wir sind in jedem Augenblicke bereit, mit Gut und Blut für seine Bertheidigung einzusteheu. So verstehen wir Katholiken unsere i Pflicht gegenüber der weltlichen Macht. Es bedarf wohl keines i Wortes weiter, um über den unversöhnlichen Gegensatz, der ; schon auf politischem Gebiete zwischen uns und den genannten ■ i Umstnrzbestrebungen besteht, bei Freund und Feind die vollste 5 | Klarheit herbeiznführen. Ich will aber nicht über diesen Gegen- ! i stand gesprochen haben, ohne zwei Einwendungen zu berühren, s i die uns dann entgegen schallen. Die eine Einwendung ist von !

unseren bekannten Freunden (ich komme noch später auf dieselben ! zurück', die sich nicht entblöden, öffentlich zu verkünden: weit ge- ■ fährlicher als die rothe, sei die schwarze Internationale für das > Staatsleben. Diese Männer tragen wenigstens zur Schau, als ; besorgten sie: Ja, wir Katholiken, wenn wir so unteren Gehorsam i gegen die Staatsgewalt auf unteren Katechismus aufbauten und i betonten, wir könnten doch gar leicht einmal durch unser unfehl- j bares kirchliches Lehramt auf einen anderen Weg geleitet werden; ; fo habe doch jüngst der hl. Vater den französischen Monarchisten \ zugerufen: „Gebt Eure monarchischen Wiederherstellungsgelüste z auf und schließt Euch mit vollem Herzen der Republik an." s Dies lasse befürchten, daß, wenn einmal der deutsche Kaiser l oder der König von Preußen nicht nach dem Wunsche des z Papstes verfahre, daß bann eines schönen Tages ein Rund- s schreiben aus Rom an die deutschen Katholiken käme: „Gebt Eure ! monarchischen Gesinnungen auf und geht in's republikanische i Lager über." (Heiterkeit.) Ein Katholik kann in der That nichts ! anderes thun, als was Sie eben gethan haben; er muß zu einer ■ solchen Thorheit lachen. Ein Katholik weiß, daß das, was der j hl. Vater den französischen Monarchisten, soweit sie katholisch । sind, gesagt hat, auf gut französisch- dasselbe heißt, als was ich ! (Lieber) auf gut deutsch als unsere katholische katechismusmaßige i Pflicht bezeichnet habe. Seit mehr als 20 Jahren herrscht in * Frankreich als äußerlich unangefochtene Staatsgewalt die repu- ! blikanische Verfassung, und der hl. Vater, indem er die sran- ; zösischen Monarchisten ermahnt, nicht eitlen Wiederherstellungs- • beftrebungen, einer Monarchie gewidmet, nachzulaufen, sondern ! sich der bestehenden, Gewalt über sie habenden und deswegen von i Gott über sie gewollten Herrschaft zu unterwerfen, sagt nichts an« j deres, als was auf gut deutsch heißt: „Seid unterthan dem j Kaiser und König!" Hier in Deutschland mit monarchischer Ver- : fassung ist der Monarch die Obrigkeit, die die Gewalt über uns j hat, ist deswegen der Stellvertreter Gottes in allem Weltlichen; j r dort in Frankreich die Republik, die unbestrittene Gewalthaberin, i > deshalb die von Gott gewollte Obrigkeit. Das ist so klar, baß ! i man sich in der That barübcr rounbcrn muß, wie wirklich ein i

vernünftiger Mann im Ernste glauben könnte, Leo XIII. werde uns deutschen Katholiken bas befürchtete Rundschreiben zugehen

„Solche (Zeremonien sind nichts für mich."

„Aber warum läßt das Paar sich Abends trauen?" „Das ist leicht zu errathen!"

„Ich sah bei ihnen zwei unbekannte Persönlich­keiten."

„Das sind zwei Studenten, Bekannte des Bräu­tigams. "

„Jetzt ist Sibillas Schicksal entschieden; die Pforte der Kirche öffnet sich; da kommen die Brautleute!"

Luise trat etwas vor, während die beiden Edel­leute sich gegen die Ecke des Pastorats zurückzogen, um nicht gesehen zu werden.

In demselben Augenblicke überschritt Sibilla, strah­lend vor Freude, in prächtige Gewänder gehüllt, einen ganz mit Blumen und Bändern geschmückten Hut auf dem Kopfe, die Schwelle des heiligen Ortes und ging, schmachtend auf den Arm ihres Gatten gelehnt, dem Wagen zu.

„Er lebt, er lebt!" kreischte eine fast erloschene Stimme, und Luise sprang, außer sich, blaß wie eine von der Todtenbahre sich erhebende Leiche, mit ver­drehten Augen auf die beiden Neuvermählten zu, er­griff Boto's Hand und stammelte wie von Sinnen: „Bist Du es? Bist Du es? Antworte! Ich habe Dir geschrieben, ich habe geweint, gebetet und auf Dich gewartet, umsonst!"

„Wer ist das?" fragte Sibilla verwundert.

Boto war tödtlich erbleicht; aber in seinen Augen

lassen, so lange bie bestehenbe Staatsgewalt unter uns aufrecht steht. Nun, meine Herren, ein anberer Einwanb, welcher von ber anberen Seite kommt: Da sieht man doch diese Katholiken, biese Gewaltanbeter; nun können sie sich wieber nicht genug thun in ber Loyalität gegenüber ber kaiserlichen unb königlichen Macht. Ja, meine Herren, auch diejenigen, welche diese Vorwürse er­heben, haben ein außerordentlich kurzes Gedächtniß. Haben sie denn vergessen, daß wir auf dem Boden unserer nationalen Ver­fassung mit derselben Bestimmtheit, mit derselben Entschlossenheit, derselben ausdauernden Zähigkeit, genau ebenso für die durch die Verfassung verbürgten Rechte der Preußen und des deutschen Volkes, wie für die garantirten Rechte des Königs und des Kaisers eintreten. Die Herren, die einen solchen Einwand erheben, sollen, um Ihnen nur eines in das Ge­dächtniß zurück zu rufen, erst einmal wie wir für wichtige Volks­rechte einen 15jährigen Kulturkampf bestehen (Sehr richtig), dann wollen wir mit ihnen weiter reden. Einstweilen dürfen wir Katho­liken in Deutschland uns rühmen, daß wir es gewesen sind, bie wir in aufgeregten Zeiten für bie Rechte ber Krone, wie in schweren auf uns laftenben Zeiten für bie Rechte bes Volkes, für bie Freiheit bes Volkes einen ausdauernden und erfolg­reichen Kampf geführt haben. (Bravo.) Nur für unsere Rechte. Es ist ein altes und wahres Wort: ohne religiöse Freiheit gibt es überhaupt keine, insbesondere keine bürgerliche Freiheit. Nun, indem die Katholiken Deutschlands jahrelang für die religiöse Freiheit ein­getreten sind, haben sie gegenüber einem gewaltigen Manne, der anderen Parteien Fußtritte versetzte ober sie an bie Wcmb drückte, die bürgerliche Freiheit Aller hochgehalteu. (Bravo.) Meine Herren, nun komme ich zu dem zweiten Theil, auf den Sozialismus auf wirthschaftlichem Gebiete.

________________________(Fortsetzung folgt.)_______________________

Deutsches Reich.

Berlin, 27. März.

* Der Kaiser ernannte Dr. Schwenninger zum Geh. Medizinalrath und verlieh Dr. Chrysander den Krvnenvrdm 4. Klaffe. — Die Kaiserin ließ dem Fürsten Bismarck ein herrliches Rosen - Stück nebst Glückwunschbrief durch den Kronprinzen überreichen, der dies mit den schlichten Worten „Von der Mama" that.

* Der Herzog von Cumberland kam heute auf der Durchreise nach Strelitz durch Berlin. Zum ersten Mal seit der Annexion Hannovers hielt er sich einige Stunden hier auf.

* Hei, wie das pfeift und wettert aus dem uatioual- liberalen Blätterwalde! Seit den Tagen der letzten Reichstagswahlen, seit dem Jammer nach Soldaten und der Furcht vor den Franzosen fast kein Anlaß mehr, sich national zu entrüsten, es sei denn, um gegen Gott und den Glauben an ihn, den positiven Christenglauben, Front zu machen! Nun ist die schauerliche That voll­bracht! Der Reichstag hat die Demonstration für den Helden des Kulturkampfes, den Abgott der National­liberalen, abgelehnt. Ha, jetzt endlich wieder die lang ersehnte Gelegenheit! Ein Entrüstungsfchrei geht durch die Lande, da die Mehrheit der durch das gerechteste Wahlsystem erkorenen Volksvertreter sich gegen den „Nationalheros" erklärte, die Grundsätze, nach denen Bismarck die deutsche und preußische Politik leitete und heute noch zu beeinflussen strebt, seine Handlungen und Thaten nicht unterschiedslos billigte. Das Centrum hat

funkelte ingrimmiger Zorn, er machte sich los von dem unglücklichen Mädchen und stieß hastig hervor: „Du siehst, es ist eine Verrückte."

„Ich bin nicht verrückt!" schrie Luise. „Ich bin nicht verrückt, aber ich werde es. Die Großmutter stirbt; wir haben kein Brod. O weh, die Kette, die Kette!"

„Boto, ein kleines Almosen für die Unglückliche!"

Vota zog rasch das Portemonnaie aus der Tasche und warf es vor das arme Mädchen; dann zog er Sibilla sanft zum Wagen, sprang eilends mit ihr hinein, und fort ging es im Galopp.

Luise blieb regungs- und bewegungslos, als ob ihre Seele schon ntehr in der andern als in dieser Welt wäre, und wie sie da stand mit weit aufgerissenen Augen, die Arme schlaff an den Seiten herabhängend, schien sie leibhaftig ein versteinertes Bild des Jammers zu sein.

„Ach, gütiger Himmel!" Hub Baron von Hauser an, „die Unglückliche ist in der That wahnsinnig; sie glaubte in Boto einen Verstorbenen wiederzusehen und hätte dadurch fast das Glück der Neuvermählten ge­stört. Betrachten Sie dieselbe, sie bewegt sich nicht und bemerkt nicht einmal die Börse, welche vor ihr liegt."

„Sie ist nicht wahnsinnig; unermeßlicher Schmerz foltert sie," versetzte Bosak.

„Ich will ihr das Geld des Studenten in die Hand