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Donnerstag, den 28. März 1895
22. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-Keilage „Kterne nnd Hlnmen".
Erscheint täglich, Sonn- und Feierlage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementsvreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kotzen die einivilrige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen dje K-jtztzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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In Erinnerung bringen wir den geehrten Lesern der ,Iurdcrer Zeitung" die sofortige Erneuerung der Abonnements für das II. Quartal 1895.
Stimmungsbilder.
Die .Freisinnige Zeitung' schreibt über den „Bismarck-Skandal" im Reichstage: „In parlamentarischen Kreisen und auch in anderen politischen Kreisen befestigt sich immer mehr die Ansicht, daß bei der ganzen Jn- scenirung der parlamentarischen Bismarck-Feier die Drähte in Friedrichsruh gezogen werden. Es gilt, eine Verhetzung hervorzubringen zwischen Reichstag und Regierung, aber keineswegs aus Freundschaft für die gegenwärtigen Träger der Regierung. Im Gegentheil ist dieser parlamentarische Spektakel aufzufassen als zweiter Akt zu denjenigen Agitationen für die Umsturz-Vorlage, welche den Sommer und Herbst vorigen Jahres ausfüllten. Damals galt cs, unter dem Rufe „gegen die Sozialdemokratie" den Grafen Caprivi zu stürzen. Jetzt möchte man unter dem Rufe der Ehrung des Fürsten Bismarck durch Beseitigung der Herren v. Marschall, v. Bötticher, v. Berlepsch und auch des Fürsten Hohenlohe Platz schaffen für die eigentlichen „Staatsretter" der Richtung des Grafen Eulenburg, des Grafen Herbert Bismarck und tutti quanti. Der alte Plan einer Reaktion mit Auflösung des Reichstages, verfasfungs- widriger Octroyirung und Ausnahme-Ge- fetzen steht im Hintergründe. Es fehlt freilich jetzt so wenig wie damals in den Parteien an Dummen, welche mittanzen, ohne zu merken, wozu die Fäden gezogen werden."
Die ,Köln. Volksztg.' bemerkt dazu: „Wir halten diese Kennzeichnung der Lage für richtig. Ob die angedeutete Entwickelung noch aufgehalten werden kann, erscheint zweifelhaft. Nicht im mindesten zweifelhaft aber sind wir uns darüber, was am Ende derselben stehen würde: der „große Kladderadatsch", der in seinen Strudel auch Manches hineinziehen würde, was man heute noch als feststehend betrachtet, vor Allem auch die Monarchie, deren Schutz mit Recht als eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart erscheint. Bei der Centrums - Partei im Parlament wie im Lande darf man sich darauf verlasien, daß sie Alles thun und nichts Unterlasten wird, um eine fo verhängnißvolle Entwickelung zu verhindern."
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Die AMlmg des WikMiibrrs.
Roman von H. v. Remagen.
(34. Fortsetzung.)
Es war, als wenn eine eiserne Faust Luisens Herz gepackt hätte. Für einen Augenblick wußte sie vor Bestürzung kein Wort hervorzubringen; dann kam eine kleine Lüge ihr auf die Zunge, und zitternd gab sie zur Antwort:
„Ja, Großmutter. Ich hatte das Glück, meine Stickerei zu verkaufen, dadurch sind wir für mehr als einen Tag prächtig versorgt . . . vergessen wir also die Kette, schlafe, ohne an etwas zu denken, ich laufe unterdesten zur Apotheke."
„Gott segne Dich, liebes Kind."
„O ja, segne mich, Mutter meiner Mutter, segne mich!" rief die Trostlose, und da sie nicht länger ihre Thränen zurückhalten konnte, ging sie in das Nebenzimmer, um ihren Gram ungestört auszuweinen.
„Warum weinst Du?" fragte die Alte.
„Das Recept ... ich habe kein Geld, was foll ich thun? . . . Das Herz bricht mir," schluchzte Luise.
„Habt Ihr denn keine Freunde, keine Verwandten?" „Niemand."
„Eine Goldsache?"
Das .Berliner Tageblatt' erinnert daran, wie in fünf Jahren die Stellung des Kaisers zu Bismarck sich geändert hat und fürchtet, daß im Volke Verwirrung entstehen wird über die wechselnden Ziele der Entrüstung. Der scharfe Streich, den der Kaiser mit dem Telegramm gegen den Reichstag geführt hat, weife auf Konflikt und Auflösung hin. — Andere Blätter erinnern daran, daß das erregte Telegramm des Kaisers doch eine Täuschung über die Gefühle der deutschen Völker enthält. Vor fünf Jahren durfte der getreue Unterthan nicht entrüstet sein, als Bismarck entlassen wurde und auch nicht vor drei Jahren, als durch den Erlaß nach Wien der Fürst Bismarck gesellschaftlich boykottirt wurde. — Der .Vorwärts' sagt: „Bismarck ist gerichtet! Für die einfache Pflicht der Höflichkeit würde sich eine Form gefunden haben, es habe sich aber um eine politische Huldigung und um eine Demonstration zu Gunsten des Bismarck'schen Regiments gehandelt."
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Die Spitze der gegnerischen Erörterungen, welche sich an die Vorgänge im Reichtage knüpfen, wird sich gegen die Ceutrums-Fraktiou richten, und das Quantum der Entrüstung wird nicht klein sein. Vorläufig erinnern wir die Herren au die Rede, welche Fürst Bismarck am 31. Juli 1892 auf dem Jenaer Marktplatz hielt. Er benutzte sie zu einem vom Zaun gebrochenen Ausfall auf das Centrum, in dem uns folgende Sätze begegnen:
„Wir können nicht regiert werden unter der Leitung einer einzelnen der bestehenden Fraktionen, am allerwenigsten der des Centrums . . . Ich halte das Centrum für gefährlicher für unsere nationalen Ziele, als uns ein Nuntius sein könnte . . . Ich halte die heutige Letzung-des Centrums für gefährlich, nicht blos in konfessionellen Fragen, sondern Haupt- i sächlich in nationalen Fragen. Sie bröckelt uns alles ; ab, was wir im Osten unserer Grenzen, in Posen, germanisch ; angebaut haben. . . . Vom Feinde soll man lernen, und das ; Centrum halte ich nach wie vor für einen Gegner des ! Reiches in seiner Tendenz, nicht in allen seinen Mitgliedern. - Es giebt ehrliche Deutsche in Masse unter ihnen, aber die leitende | Tendenz ist eine solche, daß ich es als ein Unglück und seine \ Gefahr für das Reich betrachte, wenn die Regierung ihre i leitenden Rathgebcr der Centrumsrichtung entnimmt und ihre i Tendenz hauptsächlich darauf zufpitzt, dem Centrum zu gefallen."
So Fürst Bismarck vor noch nicht drei Jahren. Seitdem hat er nichts gesagt, was auf eine Aenderung seiner Gefühle für das „gefährliche" Centrum mit der „reichsgegnerischen Tendenz" schließen ließe. Im Gegentheil: Wer die Leistungen seines Hamburger Mundstücks bis in die letzten Tage verfolgt hat, ist oft und lebhaft an den Wind erinnert worden, der auf i dem Jenaer Marktplatz wehte. Das Centrum würde i gern auf jeden Versuch verzichtet haben, eine ange- < messene Feier des 80. Geburtstages seines alten Gegners ■ zu stören; daß es sich an einer demonstrativen Feier > betheilige, war zu viel verlangt; wenn jetzt der Helle ' Zank nnd eine skandalöse Reichstagssitzung die Ein- i leitung zum 1. April bilden, dann mögen Jene die Verantwortung ttagen, die es so gewollt haben, um int Trüben zu fischen.
„O weh! nichts, nichts!"
„Um so schlimmer. Ich weiß nicht, welches Auskunftsmittel zu ergreifen, ich finde keines . . . warte, da kommt mir ein guter Gedanke in den Kopf: Nimm Deine Zuflucht zum Pfarrer."
„Das will ich thun!" rief die arme Luise, „ich eile sofort; vielleicht kann der Pfarrer mir auch Auskunft geben, ob Boto's Name im Todtenregister eingetragen ist."
„Es wird schon dunkel, der Himmel ist ganz schwarz; wäre es nicht besser, bis morgen ..."
„Morgen wäre es zu spät für die liebe Kranke; ich bringe ihr die vom Arzte verordnete Medizin mit."
„Aber es regnet und ist kalt; mit Schuhen ohne Sohlen kannst Du schlecht gehen, mein Kind."
Luise streckte ihr schlecht beschuhtes Füßchen unter dem Kleide hervor, betrachtete es eine Weile und sagte mit traurigem Lächeln: „Meine Füße werden noch lange schlecht gekleidet cinhergehen müssen, wenn die Krankheit der Großmutter meine Hände zum Müssiggehen veruriheilt. Allein daran liegt mir nichts: wem das Herz von einem schneidenden Schwerte durchbohrt ist, der kann nicht auf einen Nadelstich achten; wenn die Seele leidet, verachtet der Körper Hitze und Kälte, Wind und Regen."
„Nimm Dich in Acht, Kind, die Kräfte eines
L Hebung der Getreidepreise durch Organisation des landwirtschaftlichen Berufsstandes.
Zu allen Zeiten hat das Centrum mit Kraft und Opfersinn für das Wohl des Bauernstandes gekämpft. Mißgriffe sind ohne Zweifel von einzelnen Persönlichkeiten gemacht worden; denn auch die Männer des Centrums sind irrthumsfähige Menschen. Aber den guten Willen kann kein ehrlicher Landmann denselben bestreiten. Die Beseitigung der Noth der Landwitth- schaft liegt' dem Centrum sehr am Herzen und ohne Unterlaß sucht es nach Mitteln, durch welche dieses Ziel erreicht werden könnte. Schreiber dieses hatte Glück, vor wenigen Tagen einer großen Versammlung i von Vertretern der Centrumspresse beizuwohnen. ; Er hätte gewünscht, daß alle Bauern, welche in das j Wohlwollen der CerttrumSpresse Zweifel setzen, zugegen ; gewesen wären. Sie würden ohne Ausnahme mit dem ‘ frohen Bewußtsein nach Hause gegangen sein, daß ' der Bauernstand nirgendwo so entschiedene Freunde i gefunden habe, wie bei den Vertretern der Centrums- ! presse.
Sind denn nie Fehler vorgekommen? Solches Ver- ’ langen hieße Götter als Redakteure begehren. Auch die Redaktionen der Centrumspresse können ihre Mit- ; arbeitet nicht aus dem Holze schnitzen, das nicht da . ist. Es würde sich indessen leicht nachweisen lassen, daß die Ausführungen, die den größten Anstoß erregten, sich meist auf Berichte einseitiger Landwirthe stützten, die durch den Klang ihres Namens die Presse in gutem Glauben irre führten. Würden die Land- wirthe, die dazu befähigt sind, sich dazu verstehen, der Centtumspresse sachliche Artikel zu Gunsten der Landwirthschaft zu liefern, die Klagen würden bald verstummen. Wo liegt die Schuld? Sämmtliche Vertreter der Centrumspresse in besagter Versammlung stimmten darin überein, daß es nothweudig sei, an die Prüfung der sogenannten „großen Mittel" mit aller Entschiedenheit heranzutreten und dem Mittel sich mit voller Kraft zuzuwenden, das als das beste aus der Prüfung hervorgehen würde.
Schreiber dieses ist als rastloser Vorkämpfer des Bauernstandes allen rheinischen Bauern seit vielen Jahren bekannt. Er ist der festen Ueberzeugung, daß kein Mittel so segensreich, schnellwirkend, gefahrlos, einfach und naturgemäß ist, wie die Organisation des Berufsstandes, nicht eines Berufsstandes in staatlicher Zwangsjacke, sondern eines freien und selbstständigen Berufsstandes, eines durch Staats- gefefc anerkannten und zum Alleinvertrieb des Getreides bevollmächtigten Standes der ungebeugten Söhne des Landes. Mit größter Freude kommt er der einstimmigen und dringenden Aufforderung der Versamm- lung, seinen Plan vorzulegen, nach. Er bittet, alle Einwürfe, Bedenken und Ergänzungen der Redaktion einzusenden, damit kein Eckchen unbeleuchtet blcibe, jungen Mädchens sind begrenzt; Du wirst auch noch krank werden."
„Es geschehe an mir der Wille Gottes!" erwiderte Luise und verließ, nachdem sie die Kranke nochmals der guten Alten aufs Beste empfohlen hatte, das Hans.
Tas arme Kind schritt eilig dahin; ihre Gedanken waren bei Boto. In wenigen Minuten würde sie ja Nachricht über ihn haben; überzeugt, daß er nicht mehr unter den Lebenden weile, sagte sie zu sich selbst:
„Ich will beten für seine liebe Seele, ich will beten, bis ich ihn im Himmel wiedersehen weide. Armer Boto! wäre er nicht gestorben, er hätte mir geschrieben, wäre er krank, er hätte es mich wissen lassen. Die Großmutter klagt ihn an, aber ich werde ihr sagen: „Mutter, er ist unschuldig, laß uns gehen und weinen auf diesem Grabe, welches das Glück Deiner Tochter umschließt!"
Unter solchen Gedanken schritt das junge Mädchen schluchzend weiter. Als verwaiste Tochter eines Handwerkers, rechtschaffen und ehrbar aufgewachsen, hatte sie von ihrer Hände Arbeit leben und sich mühsam das karge tägliche Brod erwerben müssen, sie hatte gelitten, die Aermste, viel gelitten, nur einen Tag war ihr das Leben in rosenrothem Glanz erschienen,