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Mittwoch, den 27. März 1895
22. Jahrgang
FuldacrWZtitiiiig
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Kinnren".
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Hier;« eine Keilage
II
□ Der Bismarck-Taumel und der Antrag Kanitz.
Diese Zusammenstellung mag auf den ersten Blick verblüffen, und doch stehen diese beiden Worte augenblicklich im engsten Zusammenhänge, sie bezeichnen gemeinsam die Angelpunkte der gegenwärtigen politischen Lage. Man konnte am Samstag, als die namentliche Abstimmung über den Antrag des Präsidenten Lev etzow die Ablehnung desselben ergeben und in Folge dessen Herr Levetzow das Präsidium niedergelegt hatte, vielfach die Meinung hören: „Nun wird der Reichstag aufgelöst werden." Und das Telegramm des Kaisers an den Fürsten Bismarck, worin er feiner „ tiefsten Entrüstung" über denBeschluß des Reichstags Ausdruck gab und die Ansicht äußerte, dieserBeschluß stehe im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und ihrer Völker, schien in der Thal die Annahme zu bekräftigen, daß durch Auflösung des Re chstags und durch Neuwahlen festgestellt werden solle, daß der gegenwärtige Reichstag sich im „vollsten Gegensatz" gestellt habe zu der Mehrheit des deutfchen Volkes.
Aber das Prophezeien ist bei uns eine üble Sache; was heute richtig schien, ist morgen nicht mehr wahr. Wir müssen deshalb wohl die Möglichkeit einer Reichstags-Auflösung zugeben, weil das lebhafte Temperament Wilhelm's II. leicht der augenblicklich ihn beherrschenden Stimmung nachgibt, aber für wahrscheinlich könnten wir einen so folgenschweren Schritt doch nur dann halten, wenn erstens anzunehmen wäre, daß die Mehrheit des Bundesrathes sich ebenfalls von der herrschenden Stimmung fortreißen ließe, und zweitens die Vernunft nicht mit sehr eindringlichen Gründen in diesem Falle doch ganz Anderes rathen würde, als das Gefühl. Vernunft-Politik oder Gefühls-Politik — welche von beiden wird die Oberhand behalten? Das ist die Frage, die heute noch Niemand entscheiden kann.
Läßt man aber die unsicheren Faktoren der Gefühls-Politik bei der Berechnung außer Betracht, stützt man sein Urtheil lediglich — wie es von einer ihrer Verantwortung bewußten Regierung ebenfalls zu erwarten wäre — auf Vernunftgründe, so erkennt man sofort den Zusammenhang der lärmenden Demonstration in der Samstags- Sitzung des Reichstages mit dem Anträge Kanitz. Es ergibt sich dies klar aus der Gegenüberstellung der Aeußerungen zweier Partei-Organe, die in dem Bismarck-Zwischenfall an einem Strange zogen, aber hin-
Äe ErWnng des Todtengräbers.
Roman von H. v. Remagen.
(33. Fortsetzung.)
„Du bist aber nicht da geblieben?"
„Wie konnte ich, da nach fünf Tagen die Großmutter krank wurde? Ich mußte nach Hause, sie zu pflegen. Wir sind ja allein und haben Niemanden auf der Welt, und wenn Ihr, liebe Nachbarin, mir nicht zur Hand gewesen, hätte ich nicht gewußt, wo Hilfe suchen. Gott möge es Euch vergelten!"
„Bei Leuten, die unter einem Dache wohnen, ist es nicht mehr als recht und billig, daß sie einander beistehen, meine Tochter. Aber Du mußt nicht weinen, Herzchen; Rosa wird bald gesund sein, und dann kannst Du wieder zu der fremden Dame gehen."
„Ich glaube es nicht; zudem fürchte ich auch, daß sie selbst in schlimmer Lage ist; denn sie sagte wiederholt, das unglückliche Haus in der Marktstraße koste ihr zu viel. Dazu ist das Essen bei ihr spärlich, es reicht kaum hin, um nicht gerade Hungers zu sterben. Ja, das Unglück drückt Personen von vornehmer Geburt weit härter als unsereins."
„Ich habe keine hohe Meinung von der vornehmen Geburt einer Dame, die mit einer Trödlersfrau befreundet ist," bemerkte lächelnd die Alte.
„Ich dachte anfangs auch so", sagte Luise, „allein,
sichtlich des Antrags Kanitz im schroffsten Gegensätze zu einander stehen: wir meinen die,Natioualzeitung' und die ,Kreuzzeitung", die Berliner Hauptorgane der Nationalliberalen und der Konservativen.
Die ,Nationalzeitung", das natioualliüerale Blatt, schreibt:
„Was nun? Die Erregung über diese Vorgänge hat hie und da bis zu dem Vorschläge geführt, den Reichstag aufzulösen. Das würde ein ver- hängnißvoller Mißgriff sein; denn wie sehr die Verurtheilung des gestrigen Beschlusses des Reichstages auch im Volke unzweifelhaft überwiegt (?), man kann doch die Wähler nicht lediglich zu einem Verdikt über einen derartigen Vorgang auffordern; Wahlen werden im Hinblick auf die fünf Jahre, für die sie vorgenommen werden, vollzogen; sie würden jetzt zu einer leidenschaftlichen Agitation — für und gegen den Antrag Kanitz Anlaß geben, und einen derartigen Wahlkampf herbeizuführeu, kann keinem überlegenden Politiker in den Sinn kommen."
Das ist sehr richtig, besonders vom Standpunkte der Nationalliberalen, die bei einem solchen Wahlkampfe von den Landwirthschaftsbündlern an die Wand gedrückt würden, daß sie „quietschten". Aber warum haben sich die Herren das nicht vorher überlegt? Die ,Nat-Ztg." 'behauptet zwar, daß dies geschehen sei, und zwar hätten Nationalliberale uni) Konservative von vornherein entschlossen sein müssen, die Position des Centrums „wesemlich zu schwächen," — aber dieses „Müssen" zeigt deutlich, daß eine solche lieber« einstimmung noch nicht besteht und also auch vor der Demonstration im Reichstage nicht bestanden hat. Ein neues Kartell gegen das Centrum ist demnach vorerst nur ein Wunsch der Nationalliberalen, und die Ausdrucksweise der ,Nat.-Ztg." läßt erkennen, daß ihre Hoffnung auf Erfüllung desselben nicht allzu groß ist, daß vielmehr auch recht schwere Sorgen und Beklemmungen sie plagen. So mischt sich bei den Nationalliberalen, im Hinblick auf die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung, bereits die graue Sorge wegen des morgenden Katzenjammers in den Champagnerrausch des Bismarcktaumels.
Ganz anders auf konservativer Seite! Was die Nationalliberalen fürchten, das hoffen die Konservativen: die Auflösung des Reichstags. Die ,Kreuzzeitung" schreibt:
„Wie die Reichsregierung sich stellen wird, werden wir ja sehen. Wenn Zusammenhang und innerer Halt vorhanden wäre, würde sie mit der Auflösung antworten, und wir sind gewiß, daß dies auf die richtige Stimmung stoßen müßte. Aber freilich — wenn man den Antrag Kanitz ablehnt, wo sollte da die Fühlung mit der Volksseele gewonnen werden können, ohne die ein solcher Schritt hoffnungslos verwegen wäre!"
Also auch hier ist die Hoffnung nicht ganz sorgenfrei. Die Sorge aber ist die, daß die Regierung sich nachdem ich erfahren, wie sie sich kennen gelernt haben, war mir die Sache nicht mehr auffallend. Denkt Euch: Eines Tages fällt die arme Edeldame, von einem Ausgange zurückkehrend, auf der Straße ohnmächtig zusammen; die Frau des Trödlers ist gleich zur Hand und erweist ihr alle möglichen Liebesdienste. Infolge davon ist sie denn auch später noch oft zu ihr gekommen, und da könnt Ihr schon begreifen: wenn man Niemanden auf der Welt hat, und trifft bann so eine brave, rechtschaffene Person, so denkt man an nichts anderes und heißt dieselbe herzlich willkommen.""
„Du bist kein schlechter Advokat, Mädchen: doch wir verlieren die Zeit mit unserem Geplauder. Hier ist das Rezept des Arztes." W W
„Mein Gott, was soll ich anfangen? Ich habe kein Geld," sagte das arme Kind und wagte das Papier, welches ihm die Greisin darreichte, nicht an= zufasien; mit von Schluchzen unterbrochener Stimme fügte sie hinzu: „Die Trödlersfrau konnte keine meiner Stickereien verkaufen; ich komme mit leeren Händen zurück; ich habe nichts, gar nichts!""W
„Luise, Luise!" rief eine schwache Stimme.
„Die Großmutter!" erschrack die Jungfrau, und trocknete hastig ihre Thränen; indem sie sich, so viel es bei ihrem tiefen Leid gelingen wollte, ein heiteres Aussehen zu geben versuchte, eilte sie rasch an das ' Bett der Kranken.
nicht entschließen könnte, den Reichstag aufzulösen und gleichzeitig auch durch das caudinische Joch des Antrags Kanitz zu gehen. Und deshalb sucht die ,Kreuzzeitung' — das Centrum zu „verlocken" (so drückt sie sich selbst aus), im gegenwärtigen Reichstage durch Zustimmung zum Antrag Kanitz den Anschluß an die Konservativen zu gewinnen. Was sagt die ,Nat.-Ztg." dazu, die zum Kampfe gegen den „Klerikalismtis" auch die Konservativen auffordert?
Wir wollen damit nicht sagen, daß die Konservativen diese Zumuthung standhaft zurückweifen werden. Wenn das Centrum den Antrag Kanitz ablehnt, dann wird es ohnehin die Wuth der Kanitzer über sich ergehen lassen müssen. Aber auch mit den National- liberalen werden die Konservativen nicht das von jenen ersehnte Kartell abschließen, wenn sich die Nationalliberalen nicht zur Kanitzerei bekehren. Am liebsten hätten die Konservativen dieAuflösungdesReichs- tags herbeigeführt, um Wahlen auf das Kanitz-Programm machen zu können — und das und nichts Anderes war auch der Zweck des von ihnen im Reichstage veranstalteten Bismarck- fkaudals —, wenn ihnen diese Ansicht aber nicht gelingen sollte, so werden sie die Versuche fortsetzen, im gegenwärtigen Reichstage das Centrum oder die Nationalliberalett für den Antrag Kanitz zu gewinnen. Wir hoffen freilich, daß ihnen das nicht gelingt.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. März.
* Noch am Samstag Nachmittag konnten wir durch Extrablatt einem Thei! unserer Leser folgendes Telegramm aus Berlin zustellen „Der Reichstag hat den Antrag des Präsidenten Levetzow wegen Beglückwünschung des Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstage mit 163 gegen 146 Stimmnn abgelehnt. Unter rauschendem Beifall der Rechten legte Präsident Levetzow das Reichstagspräsidium nieder."" (Näheres wolle man aus dem ausführlichen Reichstags-Bericht ersehen.)^
* Der Kaiser sandte an den Fürsten v. Bismarck folgendes Telegramm ab: „Euer Durchlaucht spreche Ich den Ausdruck tiefster Entrüstung über den eben gefaßten Beschluß des Reichstages aus. Derselbe steht im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und Völker. Wilhelm."
* Dem Kaiser ging nachstehendes Telegramm aus Friedrichsruh zu: „Seiner Majestät dem Kaiser und König. Euer Majestät bitte ich den ehrfurchtsvollen Ausdruck meiner Dankbarkeit für die allerhöchste Kundgebung entgegenzunehmen, durch welche Majestät jene mir noch unbekannte Unfreundlichkeit meiner alten politischen Gegner zum Anlaß einer erfreulichen Ge- nugthuung für mich umwandeln. Bismarck."
* Das Präsidium des Reichstags muß nunmehr neu gebildet werden, da Herr v. Levetzow und auch
„Kommt Boto noch immer nicht?" fragte Rosa ängstlich und erhob das blasse, eingefallene Gesicht.
„Er ist tobt, liebe Großmutter," stammelte Luise unter Thränen.
„Das glaube ich nicht," sagte bie Kranke, während ein zorniges Aufleuchten die schon halb erloschenen Augen momentan durchblitzte; „ein sauberer Charakter, wahrlich! stehlen und sich bann nicht mehr sehen lassen. In seine Wohnung haben wir geschickt, — ba wußte man auch nichts von ihm."
„Ach, liebe Großmutter! sprich boch nichts Böses von ben Tobten?" rief das arme Mädchen mit dem Ausdruck des tiefften Schmerzes. „Sprich nichts Böses von dem, der jetzt des Friedens bedarf. Ich habe ihm geschrieben; ich habe den Brief selbst zur Post gegeben; die wenigen Zeilen, die ich geschrieben, würden einen Felsen gerührt haben; wenn er nicht unter der Erde läge, wäre er gekommen!"
„Er ist ein Schurke; er hat Dir die Kette gestohlen," entgegnete die unerbittliche Großmutter.
„Sage das nicht, Großmutter, sage das nicht," bat die Enkelin und warf sich, von grausamer Seelenqual gefüttert, vor dem Krankenbette auf die Kniee nieder.
„Der Doktor war hier; hast Du Geld?" fragte bie Kranke.
(Fortsetzung folgt.)