22. Jahrgang.
Sonntag, den 24. März 1895.
mit Unterchaltirngs-Kettage „Sterne und Klumeu".
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Zweites Blatt.
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beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Bestellgeld.
Die ,Fuldaer Zeitung^ behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weise. Die politischen Nachrichten sind kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Die _____
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ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blättern das weitaus gelesen st e und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.
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Fulda, im März 1895.
Redaktion und Verlag der .Fuldaer Zeitung'.
* Bismarck und das Centrum.
Gewisse Leute können sich noch immer nicht darüber beruhigen, daß die katholischen Mitglieder der Stadtvertretungen an den Ehrungen sich nicht betheiligen, welche von den Kartellparteien zum 80. Geburtstag des Fürsten Bismarck geplant und zum Theil ausge- sührt werden. Man sagt, es sei doch eine Rücksichtslosigkeit gegen einen alten Mann, daß man an einem solchen Tage über seinen Verdiensten nicht vergessen wolle, was man an seiner Politik als Reichskanzler auszusetzen gehabt habe. Das klingt ja soweit ganz schön. Aber wenn auch Fürst Bismarck nicht mehr aktiver Reichskanzler ist, so ist er doch nach wie vor
Sie Enahinüß des Wftnpta.
Roman von H. v. Remagen.
(32. Fortsetzung.)
Boto schüttelte den Kopf, es ärgerte ihn auf's höchste, daß Bosak in seinem Herzen las, allein überzeugt, daß vor diesem Menschen mit seinem durchdringenden Blick keine Verstellung etwas nütze, erwiderte er mit cynischer Offenheit: „Es ist wahr. Das Gold ist lockend und verführerisch, es bedeckt mit glänzendem Schleier alles ... Ich wäre ein Narr, wenn ich aus thörichten Vorurtheilen das Glück, das mir den Arm entgegenstreckt, zurückstieße. Das Studentenleben sagt mir nicht zu, ich bin nicht geboren zum Manne der Wissenschaft, ich will reich werden."
„Aber der Reichthum ist ein Diebstahl, haben Sie mir oft gesagt, und Sie hofften auf eine soziale Katastrophe, welche denselben gleichmäßig vertheilen sollte."
Das unerbittliche Gedächtniß des Grafen von Barges genirte den Studenten ein wenig. Jndeß Boto war nicht der Mann, um lange perplex zu bleiben, weil er gerade auf einem flagranten Widerspruch ertappt war, daher zuckte er die Achseln, lächelte und sagte, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: „Das habe ich gesagt und werde es sagen bis zu dem
aktiver Politiker, und zwar weit mehr, als die meisten Reichsbürger sich träumen lassens
Das Leitmotiv seiner Politik, das kann auch jetzt wieder nicht nachdrücklich genug betont werden, ist nach wie vor die Zertrümmerung des Centrums. Man erinnere sich nur der zahlreichen, nach seinem Abgang bekannt gewordenen, niehr als scharfen Aeuße- rungen gegen das Centrum. Auch aus der augenblicklichen Politik Waffen sich seltsame Dinge erzählen. Wer jetzt den „Altreichskanzler" ehrt, der stimmt damit nicht nur seiner früheren, sondern auch seiner jetzigen Politik zu. In der Politik heißt es: Vergeben, aber nicht vergessen!
Dann sagt man: Aber er hat doch das Deutsche Reich gegründet! Mit Verlaub! Daran sind auch noch andere betheiligt gewesen. Und wenn Fürst Bismarck dasjenige Deutsche Reich zu Stande gebracht hätte, welches er im Jahre 1871 im Sinne hatte, das Deutsche Reich mit Staatsreligion und der Devise: „Los von Rom!" — dann wäre es mit dem Katholizismus in Deutschland vorbei gewesen. Das heutige Deutsche Reich ist etwas ganz anderes, als was Bismarck gewollt hat; das Centrum hat ihm eben schwer das Konzept korrigirt. Das heutige Deutsche Reich ist ein paritätisches Reich, in dem grundsätzlich den Katholiken die Gleichberechtigung zusteht. Dieser heutige, allein vernünftige und große Charakter des Reiches ist das Werk des Centrums und nicht Bis- marck's. Auch das darf man nie vergessen, wenn die Hurrah-Patrioten Bismarck als den einzigen „Begründer" des Reiches feiern wollen.
Endlich heißt es: Die anderen Parteien haben sich doch auch an der Ehrung Windthorst's nach seinem Tode betheiligt. Das stimmt. Aber erstens war das erst nach dem Tode Windthorst's, zweitens hatte Windthorlt während seinem ganzen Leben gegenüber allen andern Parteien der weitgehendsten Rücksichtnahme sich befleißigt, und drittens hat er niemals Gesetze eingebracht oder befürwortet, durch welche andere Parteien geknebelt werden sollten, die angesehensten Mitglieder der andern Parteien wegen religiöser Ueberzeugungstreue in's Gefängniß wandern mußten oder ihnen der „Brodkorb höher gehängt" und am wenigsten sie als „Reichsfeinde" behandelt. Damit ist's also auch nichts.
Die Nurpatrioten Bismarck'scher Observanz mögen also nur ruhig zetern, unserethalber sogar wieder über „Vaterlandslosigkeit" und „Reichsfeindschaft". Fürst Bismarck hat ja selbst genügend dafür gesorgt, daß die Mitglieder der Centrumspartei gegen diesen Vorwurf völlig unempfindlich geworden sind.
Zur Berufswahl.
Jetzt ist wieder der Zeitpunkt eingetreten, wo zahlreiche Jünglinge, die das Gymnasium verlassen, vor der Frage stehen, welchen Beruf sie erwählen sollen.
Augenblicke, wo ich in meinem eigenen Interesse die Sprache werde ändern müssen. Die Welt ist ein Theater, das Leben ist bald ein Lust-, bald eine Trauerspiel, und ein Jeder muß darin seine Rolle hersagen."
„Vortrefflich!" rief Bosak und fügte dann langsam hinzu: „Sehen Sie, so machen es die meisten von denen, die den Mund voll nehmen von hochtönenden Phrasen und gar rührend sprechen von Humanität und Philanthropie, um einfältige Seelen zu betrügen und schließlich sie in einen Abgrund von furchtbarer Verirrung zu stürzen. Nackter Egoismus und glühender Durst nach dem, was man anscheinend verachtet, verbergen sich unter dem Mantel edler, großmüthiger Schwärmerei."
„Zürnen Sie mir?" fragte Boto, ohne auf Bosaks Worte im Geringsten einzugehen. M.MH
„Warum denn? erwiderte der Graf von Varges und erhob mit verächtlicher Miene das Haupt.
„Weil ich reich werden will; das wäre grausam! Heute fühle ich mich ans dem Gipfel des Glückes und ich will mit Allen in Frieden bleiben .... Was liegt Ihnen auch daran? Eine schöne junge Dame iebt mich."
„Die Zukunft lacht mir freundlich entgegen, endlich werde ich unter den vom Schicksal Begünstigten einherschreiten, in ihren Freuden mich berauschen, an
Darum muß wieder daran erinnert werden, daß von ! allen Berufsarten, die akademische Bildung erfordern, < die philologische die ungünstigste ist. Durch die : Neuregelung der Gehälter in diesem Stande könnten j viele veranlaßt werden, diesen Beruf jetzt für lohnen- ■ der zu halten. Die höhere Einkünfte treten aber erst in höhern Lebensaltern ein. Das verlockende Maximalgehalt von 5400 Mark wird erst 27 Jahre nach der definitiven Anstellung erreicht. Auch bei durchaus normalem Verlauf der Studien erfolgt diese erst durchschnittlich mit dem 33—36sten Lebensjahre. Denn nach überaus schwierigen Studien, die in der Regel 5 Jahre erfordern, folgt noch eine zweijährige Probezeit, und darauf eine vieljährige Wartezeit. Während der letzter» beträgt die Remuneration als Hilfslehrer 1500—1900 Mark. In diesen Tagen haben etwa 600 Kandidaten des höhern Schulamts dem Hause der Abgeordneten eine Denkschrift über ihre Nothlage überreicht. Nach den Erklärungen des Ministers ist aber an eine Gewährung irgend welcher Besserung nicht zu denken. Die ausgedehnte Verwendung schlecht besoldeter Hilfslehrer ist überhaupt wohl in unserm höhern Unterrichtswesen als ständige Einrichtung anzusehen. Möge auch keiner glauben, daß er diese Jahre so leicht mit Nebenverdienst überstehen kann; denn das Privatstundengeben wird von der Behörde — und zwar im Uebrigen mit vollem Recht — auf das Aeußerste eingeschränkt. Auch die privaten Stellungen, die auf Grund dieses Studiums errungen werden können, sind durchweg noch schlechter besoldet, als die an öffetlichen Anstalten. Die kleineren höheren Schulen ohne Berechtigung, das Reifezeugniß zu ertheilen, suchen oft noch Lehr.r mit 1200 und 1350 Mark Gehalt; wenn sie keine geprüften haben können, nehmen sie sich eben andere, sie sind nicht besonders wählerisch. Dies ist in keiner anderen Laufbahn der Fall. Die technischen Berufsarten, wie auch die Juristen haben einen starken Abfluß zu gutbesoldeten privaten und kommunalen Stellungen, die oft schort in jungen Jahren erreicht werden. Möge also keiner durch einen hochgespannten Idealismus, der in der rauhen Wirklichkeit kläglich zu Boden sinken muß, sich verleiten lassen, das oben kurz charakterisirte ideale Fach zu ergreifen.
Aus dem Weirnarischen.
Wie den Lesern der ,Fuld. Zeitung' bekannt sein dürfte, ist dem jetzt tagenden Weimarischen Landtag ein Gesetzentwurf betreffend die Konfession der Kinder aus gemischten Ehen zwischen Protestanten und Katholiken, sowie den Religionswechsel derselben, vorgelegt worden. — Die 1. Lesung dieses Gesetzentwurfs fand am 11. Februar statt, in welcher der Kultusminister, Geh. Staatsrath Dr. v. Boxberg, die Vorlage begründete. Zweck des Entwurfs sei die Ausfüllung der Lücken der bisherigen Gesetzgebung und die Beseitigung mehrfacher Härten und Mängel, die ihren Vergnügungen theilnehmen können! Doch die Stunden entfliehen, Sibilla erwartet mich, in einigen Augenblicken werde ich sie sehen ..."
„Das freut mich", sagte Bosak und verließ, ohne weiter ein Wort hinzuzufügen, plötzlich das Zimmer Botos, stieg eiligen Schrittes die Stiegen des Hotels hinab, und verfolgte, ohne sich aufzuhalten, seinen Weg bis zur Marktstraße, wo er bei einem ärmlich aussehenden, zweistöckigen Hause Halt machte.
„Dies ist das Haus, wenn ich mich aber irrte? Tausendmal hoffte ich die Treulose wiederzufinden, und immer fand ich mich enttäuscht .... Ach, wenn ich sie verlassen und reumüthig wiederfände! Wenn ich sie ihre Schuld verfluchen hörte, wenn sie glaubte auf eine Vergeltung auf Erden!"
Unter solchem Selbstgespräch wagte Bosak nicht, die Schwelle der halb geöffneten Thür zu überschreiten, sondern sprach unschlüssig: „Soll ich einen Vorwand suchen, um meinen Besuch zu entschuldigen? Nein, nein, ich ziehe vor, die Wahrheit zu bekennen. Ist sie nicht die, welche meinen unglücklichen Ubald wahnsinnig gemacht, werde ich ihr sagen: „Madame, ich glaubte eine Person zu finden, die ich seit neun Jahren suche, aber Sie sind diese nicht, verzeihen Sie mir."
ß § Ohne längeres Zaudern überschritt er die Schwelle; zwei Mädchen aus den unteren Ständen, mit rothen