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Sonntag, den 24. März 1895
22. Jahrgang
FuldlierMZeitiiiig
mit Unterhaltung» Beilage „Sterne und Klumen".
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MT Erstes Blatt. -W
Des Festes Mariä Verkündigung wegen erscheint die nächste Nummer am Dienstag.
Auf nach Fulda zur Heerschau des Bolksvereins für das kath. Deutschland!
Katholiken Fuldas und der Umgebung! am kommenden Montag gilt es zu zeigen, daß Ihr Verständniß und ein warmes Herz habt für die Bestrebungen eines Vereins, den uns der unvergeßliche Windthorst als Erbtheil hinterlassen, eines Vereins der auf seine Fahne geschrieben hat: zurück zu Gott, dem Urquell alles Glücks, zurück zum Christenthum, das uns Kultur und Gesittung und mit diesen Wohlstand und Frieden gebracht hat! Die große französische Revolution am Ende des vorigen Jahrhunderts, die Revolutionen dieses Jahrhunderts in Europa und Amerika und die ganze gegenwärtige Weltlage haben uns gezeigt wohin Abfall von Gott führt — zum sittlichen und materiellen Ruin!
Welcher vernünftige Mann, welcher gläubige Christ, welcher Katholik sollte deshalb nicht einverstanden sein mit den Bestrebungen eines Vereins, der aus dem Fundament der Treue gegen Gott das Glück der Gesellschaft wieder aufbauen will, wo es zerstört, wieder befestigen will, wo es gefährdet ist? Nur von diesem Standpunkt aus können die großen Fragen der Gegenwart glücklich gelöst, das Elend, das die Menschheit bedrückt, beseitigt und der Umsturzgefahr vorgebeugt werden.
Wohlan denn, katholische Männer der Stadt und Umgegend Fulda's, nehmet so zahlreich als möglich Theil an der auf Montag anberaumten Versammlung des katholischen Volksvereins. Die Theilnahme allein bietet schon die größten Vortheile. Sie verhütet das Erlöschen der Begeisterung für die gute Sache und, wenn sie nur einen Funken davon findet, facht sie denselben zu Hellen Flammen an. Allein bei der bloßen Theilnahme lasset es nicht bewenden. Tretet möglichst zahlreich als Mitglieder unter die Fahne des Vereins und nehmet thätigen Antheil an dem Kampfe gegen die Feinde Gottes und der Menschheit. Unter die Fahne, welche der sterbenden Hand eines Windthorst entsunken und die nunmehr mit unerschrockenem Muth der erprobte unermüdliche Kämpe Dr. Lieber siegreich voranträgt. Wohl ist es wahr, in Stadt und Umgegend Fulda's ist der Glaube noch lebendig und die christliche Liebe noch thätig. Aber ebenso wahr ist, daß auch hier die rothen Genossen ihre Fangarme ausstrecken und das Feuer der Unzufriedenheit schüren. Wollen wir warten, bis die Häuser in Flammen stehen, ehe wir Feuerwehr einrichten? Nein, ein umsichtiger Mann sorgt bei Zeiten sür Sicherheit, und wenn die Gefahr kommt, steht er gerüstet da. Also auf nach Fulda!
Deutsches Neich.
Berlin, 22. März.
* Der bereits in unserer gestrigen Nummer im Auszug mitgetheilte Erlaß des Kaisers an de» Reichskanzler, datirt vom 22. ds., hat folgenden Wortlaut:
Binnen Kurzem wird ein Bierteljahrhundert vollendet sein seit den weltgeschichtlichen Ereignissen, welche unter der ruhmreichen Regierung Meines in Gott ruhenden Herrn Großvaters Dank dem einmüthigen Zusammenwirken der deutschen Fürsten und Völker zur Wiederausrichtung des Reiches sührten. In der Erinnerung an jene große Zeit empfinde Ich am heutigen, dem Gedächtniß des Kaisers Wilhelm I. geweihten Tage besonders lebhaft das Bedürfniß, in Seinem Sinne fürsorgend für die Männer einzutreten, welche dem Ruse ihrer Kriegsberren folgend, opferfreudig Leben und Gesundheit für das Vaterland eingesetzt haben. Ich würde es daher mit hoher Genugthuung begrüßen, wenn denjenigen Offizieren, Militär-Aerzten, Beamten und Mannschaften des deutschen Heeres und Meiner Marine, welche in Folge einer im Kriege von 1870/71 erlittenen Verwundung oder sonstigen Dienstbeschädigung verhindert waren, an den weiteren Unternehmungen des Feldzuges theilzunehmen und dadurch der Anrechnung eines zweiten Kriegsjahres bei der Pensionirung verlustig gehen oder gegangen sind, auf Ansuchen der betreffende Pensions-Ausfall fortan erstattet werden könnte. Ebenso würde es Meinen Absichten entsprechen, wenn die Bereitstellung von Mitteln erfolgte, um solchen Personen des Unteroffizier- und Mannschaftsstandes des Heeres und der Marine, die am Feldzuge von 1870/71 oder an den von deutschen Staaten vor 1870 geführten Kriegen ehrenvollen Antheil genommen haben, würdig und in Folge von Erwerbsunfähigkeit bedürftig sind und weder eine Jnvaliden-Pension noch eine laufende Unterstützung an Stelle
der letzteren beziehen, in Zukunft Beihilfen gewähren zu können. Ich verkenne nicht, daß die Umstände nur die Berücksichtigung einer kleinen Anzahl dieser Kriegstheilnehmer gestatten. Es ist aber Mein lebhafter Wunsch, daß wenigstens denjenigen Männern der Dank des Vaterlandes bethätigt werde, die als vorzugsweise bedürftig anzusehen sind. Ich beauftrage Sie, Mir nähere Vorschläge darüber zu machen, in welcher Weise diese Meine Absichten unter verfassungsmäßiger Mitwirkung des Bundesrathes und des Reichstages zur Ausführung zu bringen sein werden.
* Der Kaiser besuchte am Freitag, am Geburtstage des verstorbenen Kaisers Wilhelm's I., das Mausoleum in Charlottenburg und legte am Sarge seines Großvaters einen Kranz nieder.
(*) Die Budgetkommission des Reichstags hat heute in ihrer 42. Sitzung den Reichshaushalts - Etat pro 1895/96 erledigt. Nach der Vorlage betrug das Defizit Mk. 32,500,000. Die Beschlüsse der Kommission führten jedoch eine Berichtigung der Einnahmen von insgefammt Mk. 9,430,000 zu Gunsten der Rechnung herbei; ferner wurden an den ordentlichen Ausgaben der Heeres-, Marine-, Post- und Kolonialverwaltung insgefammt Mk. 16,395,000 abgestrichen, so daß sich nur ein Desizit von Mk. 6,675,000 ergibt. Auch dieses wird sich noch um das im Etat eingestellte Erträgniß der Zolltarifnovelle um etwa Mk. 2,275,000 vermindern, so daß schließlich nur ein Fehlbetrag von Mk. 4,400,000 verbleibt, dessen Deckung man einstweilen beruhen lassen kann, da erfahrungsgemäß noch Einnahmesteigerungen eintreten. Andernfalls wird diefer Betrag durch die Matrikularbeiträge der Bundesstaaten gedeckt. Damit ist lvieder der Beweis geliefert, daß neue Steuern bei einigermaßen sparsamer Verwaltung nicht erforderlich sind, wenigstens nicht in dem Umfange, wie solche durch das Tabakfabrikatsteuergesetz beabsichtigt waren. Gleichwohl wird die Tabaksteuerkommission fortfahren, einen etwas höheren Betrag aus importirten theuren Cigarren u. Tabaken herauszuschlagen, um das Defizit für die Folge ganz zu beseitigen.
* Frhr. v. Stumm ist, kaum aus Italien zurückgekehrt, neuerdings wieder an Nierenkolik erkrankt.
* Der Erzprinz von Sachsen-Meiningen ist zum Kommandeur des sechsten Armeekorps in Breslau ernannt worden.
* Der Reichstag genehmigte heute die sämmtlichen mit der Frage der Dienstaltersstufen in Verbindung stehenden Ausgabetitel, die neulich an die Kommission zurückverwiesen waren. Gleichzeitig fanden folgende Resoluttonen Annahme: Den Reichskanzler zu ersuchen zu veranlassen, daß 1) bei Aufstellung des nächsten Etats die Gehälter der durch Einführung der Dienstaltersstufen geschädigten Beamtenklassen entsprechend erhöht werden; daß 2) zu demselben Behuf schon für das Etatsjahr 1895/96 Mittel durch einen Nachtragsetat gefordert werden. Ebenso wurde ein Antrag Müller-Sagan angenommen auf Gleichstellung der Civil- mit den Milrtäranwärtern in Bezug auf Zu- lasfung der Assistenten zur Sekretärprüfung. Staatssekretär Graf Posadowsky hatte erklärt, daß, wenn auch in allen anderen Ressorts die durch Einführung des Altersstufensystems beeinträchtigten Beamten entschädigt werden sollten, dies Millionen erfordern würde. Man könne aber die Geschädigten beim Postreffort- doch nicht allein berücksichtigen. Er wolle indeß mit den anderen Ressorts in Verbindung treten, auch die preußische Regierung dafür zu gewinnen suchen, daß wenigstens im nächsten Etat eine Summe eingestellt werde, um Schädigungen einzelner Beamten auszugleichen. Die Debatten erstreckten sich, außer über die Resolutionen, noch über die Behandlung des Post- Assistenten-Vereins. Schließlich wurde noch eine Resolution auf Erhöhung des Gehaltsmaximums der Landbriefträger auf 1000 Mark im nächsten Etat angenommen. Morgen Rest des Etats und Etatsgesetz.
* Die von einem Börsenblatte dieser Tage gebrachte Meldung, die Börscureform-Vorlage sei dem Bundes- rath bereits zugegangen, entspricht, wie die ,Post' erfährt, nicht den Thatsachen. Der Bundesrath dürfte, wenn er noch dieser Tage den Entwurf erhält, ihn vor den Osterferien nicht mehr erledigen. Ob unter diesen Umständen der Reichstag die Vor - lage in dieser Session noch verabschieden kann, werde in maßgebenden Kreisen stark bezweifelt.
* In der Gewerbekommisfion des Reichstags wurden die Anträge, die bezweckten, den Buch- und Wein
handel von den Befchränkungen des Hausirhandels auszunehmen, mit 12 gegen 7 Stimmen abgelehnt.
* Amberg, 22. März. Gegen sämmtliche 154 in der Fuchsmühler Angelegenheit unter Anklage Gestellten ist das Hauptverfahren vor dem Landgericht in Weiden eröffnet worden. Die Hauptverhandlung beginnt am 23. April und wird voraussichtlich mehrere Tage dauern.
Anstand.
. * Pest, 22. März. Das Magnatenhaus hat den Antrag auf Streichung des ganzen Kapitels über die Konfessionslosigkeit mit 126 gegen 118 Stimmen angenommen, womit das ganze Gesetz über die freie Religionsübung abgelehnt erscheint.
* Madrid, 22. März. Die Lage hat sich gebessert. Soeben hat eine Deputation höherer Offiziere beim Marschall Campos vorgesprochen und erklärt, sie stünden bedingungslos auf der Seite der Königin- Regentin und des Ministeriums, das sie berufen würde; sie garantiren zugleich den Gehorsam ihrer Untergebenen. Das neue Kabinet wird woraussichtlich heute noch gebildet. — Bisher wurden 18 Leichen von der Besatzung des untergegangenen Kriegsschiffes „Königin- Regentin" geborgen.
* Leicester, 22. März. Die ausgesperrten Arbeiter der Tuchfabrik veranstalteten eine große Kundgebung, indem etwa 10—12,000 Mann sich am Marktplatze versammelten und mit Bannern und Musik durch die Stadt zogen.
* New-Orleans, 22. März. In der internationalen Baumwollpresse brach gestern eine große Feuersbrunst aus, die über 20,000 Ballen Baumwolle zerstörte. Der Schaden wird auf 300,000 Dollars geschätzt. ____________________________________________________
Aus dem Reichstage.
66. Sitzung vom 21. März 1895, 1 Uhr.
Die zweite Etatsberathung wird fortgesetzt. Die Einzeletats des Pensions- und des Jjlvalidenfonds werden ohne wesentliche Debatte genehmigt.
Bei dem Etat der Reichs-Justiz-Verwaltung erklärt auf einige Fragen des Abg. Bassermann (natl.)
Staatssekretär Nieberding: Eine einheitliche Regelung des Zwangserziehungswesens und die Heraufsetzung des Strafmündigkeitsalters werde erwogen, ein Zeitpunkt für die Regelung sei jedoch noch nicht anzugeben. Von den fünf Büchern des Bürgerlichen Gesetzbuchs sei das letzte, das Erbrecht, bereits vor einigen Wochen fertiggestellt worden. Die Gesammt- redaktion des ganzen Werkes werde jedenfalls noch den Sommer in Anspruch nehmen, sodaß der Entwurf voraussichtlich im Oktober dem Bundesrath zugehen werde. Bei einem solchen umfangreichen Werke könne natürlich nicht wie bei einem gewöhnlichen Gesetzentwurf jeder von den Tausenden von Paragraphen nochmals bis ins Kleinste in Kommission und Subkommisston geprüft werden, sondern es könne sich nur um eine kursorische Prüfung des Inhalts handeln, ob also das Werk nach seine» wirthschaftlichen, politischen und sozialen Grundsätzen die Zustimmung des deutschen Volkes verdiene. Wenn, wie er hoffe, Bundesrath und Reichstag von diesen Gesichtspunkten ausgehe» werden, so könne der Bundesrath bis zum nächsten Februar und der Reichstag noch vor Abschluß seiner nächsten Session das Werk vollendet haben. Es lägen dringende Gründe vor, diese» Verlauf erwünscht erscheinen zu lassen. Denn erstens werde entweder bald oder in absehbarer Zeit überhaupt nicht ein Bürgerliches Gesetzbuch zu Stande kommen, und zweitens müßten im Anschlüsse an dieses noch eine Reihe weiterer gesetzgeberischer Aufgaben erledigt werden: noch in der nächsten Session eine einheitliche Zwangsvollstreckungs- und eine allgemeine Grundbuchordnung, sodann ein Hypothekenrecht, ferner — in der übernächsten Session — die Revision der Civilprozeßordnung und des Handelsgesetzbuchs und endlich — in der letzten Session der Legislaturperiode — die Regelung des Versicherungs-, d. Urheberund Verlagsrechts. Ec hoffe, daß aus diesen Gründen auch der Reichstag zu einer schnellen Vollendung des Bürgerlichen Gesetzbuchs kommen werde.
Abg. v. Strom deck (Centr.) befürwortet eine von ihm gestellte Resolution auf Einrichtung einer Reichscentralstelle, welcher 1) alle zur Feststellung der Persönlichkeit aufgefundener Leichen dienlichen Mittheilungen und 2) alle zur Ermittelung vermißter Personen, deren Ableben vermuthet wird, dienliche» Mittheilungen von den Behörden gemacht werden müssen und von Privaten gemacht werden können.
Abg. Dr. Bachem (Centr.) lenkt auf Grund der in Belgien damit gemachten Erfahrungen die Aufmerksamkeit auf die bedingte Berurtheilung.
Staatssekretär Nieberding erwidert, auch er verfolge diese Frage mit Aufmerksamkeit, doch seien die in Belgien gemachten Erfahrungen nicht ausreichend. Der Resolution Strom- beck ständen nicht so sehr rechtliche, als vielmehr polizeilich« Schwierigkeiten entgegen, doch werde die Sache im Auge behalten werden für den Fall, daß sich ein Bedürfniß in der Richtung der Resolution Herausstellen sollte.
Abg. Gröber (Centr.) wünscht eine Revision der amtlichen Konkursstatistik, namentlich besondere Berücksichtigung der rückfälligen Konkurse, um eine Grundlage für die Reform der