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Samstag, den 23. März 1895
22. Jahrgang
mit UnterhaLtungs Berlage „Sterne und Klumen".
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]:[ Der Staatsrath
ist am Donnerstag vom Kaiser, wiederum mit einer Ansprache, geschlossen worden. In dieser Ansprache spricht der Kaiser den Theilnehmern seinen Dank aus und gibt, wie schon in der Eröffnungsansprache, zu erkennen, daß die Verhandlungen und Beschlüsse des Staatsraths den weiteren Entschließungen seiner Regierung als Grundlage dienen sollen. Der Kaiser erblickt die Bedeutung der Verhandlungen des Staatsraths darin, daß sie die Grenzen des Erreichbaren deutlich hätten erkennen lassen, und er gibt seinerseits mit klaren Worten kund, daß alles das, was als außerhalb der Grenzen des Erreichbaren liegend vom Staatsrathe festgestellt worden, nicht länger von der Regierung erwogen und beachtet werden soll.
Damit ist natürlich der Antrag Kanitz gemeint, über den der Staatsrath ein wahrhaft vernichtendes Urtheil gefällt. Der.Reichsanzeiger' theilt in seiner Donnerstagsnunlmer dieses Urtheil wörtlich mit. Alle Gründe, welche früher im Reichstage und jetzt wieder in der Presie gegen den Antrag Kanitz ins Feld geführt worden sind, faßt der Beschluß des Staatsraths zusammen, ohne auch nur ritten einzigen zu vergessen oder abzuschwächen. Allerdings ist der Antrag Kanitz nicht mit Namen genannt, aber die Bezeichnung seines Inhalts ergibt, daß er gemeint ist. Nur geht der Beschluß des Staatsraths insofern noch weiter, als er nicht nur die speziellen Vorschläge des Antrags Kanitz, sondern ganz allgemein alle Vorschläge zurückweist, welche auf demselben Prinzip beruhen, nämlich demjenigen: „unmittelbare Einflußnahme auf den Preis des Getreides durch Eingreifen des Staats in den Handel." Diese Vorschläge werden als undurchführbar und, wenn sie durchführbar wären, als zweifelhaft in ihrem Erfolge bezeichnet. Sie sind aber auch grundsätzlich zu verwerfen, was der Staatsrath mit folgenden Worten klar zum Abdruck bringt: „Eine so weitgehende Aufgabe, wie sie dem Staate in den Vorschlägen zugedacht wird, erscheint unvereinbar mit einer richtigen Auffassung der Stellung des heutigen Staats im Erwerbs- und Verkehrs- leben." Das heißt also: Der Antrag Kanitz paßt nicht in den heutigen Staat, sondern in den sozialdemokratischen Zukunfsstaat! Freilich würden die Freunde des Antrag Kanitz, auch wenn etwas Aehnliches wie dieser in einem sozialistischen Zukunftsstaate durchgeführt wäre, keineswegs von den Folgen diefer Maßregel erbaut sein, denn die Folge wäre natürlich, daß was dem Bauer recht ist, auch dem Kaufmann und Handwerker billig sein muß, und daß also der Staat der einzige Händler und bald auch der einzige Fabrikant wäre, während alle, die jetzt freie Bauern und Bürger sind, seine Arbeiter und Angestellten wären und nur Wohnung und Kost, aber kein Geld, vom Staat erhielten.
Der Beschluß des Staatsraths weist ferner auf die sozialpolitische Bedenklichkeit eines Vorschlags hin, nach
Die LrsthlMg des Todteugräbers.
Roman von H. v. Remagen.
(31. Fortsetzung.)
„Ich glaube es nicht," sagte der Baron, setzte aber sofort, als er sah, wie in den Augen der Tänzerin ein Freudenstrahl erglänzte, hinzu: „Er wird Sie nicht fliehen, aber Ihnen rathe ich, ihn zu fliehen."
„Warum denn?" fragte Sibilla betreten.
„Weil Sie bis dahin ein stürmisches Dasein hatten und nun das Bedürfniß nach Ruhe empfinden, Ruhe aber niemals finden werden an der Seite eines Boto Senelk ... Es thut mir leid, aber ich darf es Ihnen nicht verschweigen: Er ist ein junger Mann von wenig Glauben, wenig Herz und sehr schlimmen Sitten."
„Schlimme Sitten, sagen Sie; nun wohl, so werden wir Beide ein neues Leben beginnen. Eine legitime Liebe wird uns Beide zu neuem Leben umgestalten! Ich werde nicht lange mehr leben; meine geschwächte Gesundheit führt mich auf den Weg des Grabes; ach! rachen Sie mir nicht, zu sterben in der Verlassenheit, ohne ein liebendes Herz zur Seite zu haben!"
So verwarf die Aermste, geblendet von der Leidenschaft, mit der sie zum ersten Male in ihrem Leben wirklich liebte, die weisen Rathschläge eines aufrichtigen Herzens und hörte nicht auf die verständigen Worte,
dem der Staat den ärmeren Klassen das wichtigste und allgemeinste Nahrungsmittel theuerer verkaufen soll, als er es bekommt. „Die staatliche Leitung des Getreideverkehrs würde Ursache der größten Unzufriedenheit, gehässiger Verdächtigungen und dadurch schwerer Schädigung des staatlichen Lebens sein."
Sodann werden die Schädigungen des Handels und der Industrie und ihrer Arbeiter infolge einer Monopolisirung des Handels mit auswärtigem Getreide hervorgehoden und weiterhin, wie wir bereits andeuteten, betont, daß dann auch andere Erwerbszweige ein Eingreifen des Staats zur Sicherstellung angemessener Preise beanspruchen könnten. Schließlich wird erklärt, daß diese Vorschläge mit den Handelsverträgen nicht in Uebereinstimmung zu bringen, eilte Abänderung derselben aber ohne Gegenleistung nicht erreichbar und auch wegen der grundsätzlichen Bedenken nicht erstrebenswerth wäre.
Der Staatsrath hat sich aber nicht darauf beschränkt, nur zu sagen, was nicht erreichbar und ; nicht erstrebenswerth ist — das hätten wir auch int Interesse unserer Landwirthschaft sehr bedauern müssen—, sondern er hat in anerkenuenswerther Weise auch eine ganze Reihe positiver Vorschläge gemacht, unter denen wir besonders hervorheben möchten: Durchgreifende Reform der Produktenbörse und Unterstützung der genossenschaftlichen Errichtung von Kornspeichern, um das Angebot der Produzenten zweckmäßiger zu gestalten. Im übrigen sind die Vorschläge nichts als die bereits im ,Reichsanzeiger' mitgetheilteu Beschlüsse zu den verschiedenen Punkten der Tagesordnung, die bereits in früheren Sitzungen erledigt worden sind. Im Allgemeinen bezwecken sie: Verbilligung der Produktion, der Transportkosten und der Rohstoffe, Schutz der Zucker- und Branntweinproduktion, Förderung der Rentengutsbildung, Verbilligung und Besserung des Kredits. Wir wollen nicht sagen, daß der Staatsrath und seine Beschlüsse alle unsere Erwartungen erfüllt hätten, wir glauben aber doch, daß die Meinung einer solchen Versammlung von Sachverständigen jedenfalls Anspruch auf Beachtung, allseitige Beachtung hat. Nun ist es aber auch Zeit, daß Reichstag und Landtag mit diesen wichtigen Fragen, sobald als möglich, beschäftigt werden. Im Reichstage möchten die Konservativen schon am nächsten Mittwoch den Antrag Kanitz zur Berathung bringen. Wir wissen im Augenblick nicht, ob andere Parteien nicht ein Vorrecht auf den nächsten Schwerinstag (Mittwoch) haben, möchten aber wünschen, daß sie eventuell auf ihre Vorrechte verzichten und oem Antrag Kanitz den Vortritt lassen. Je schneller jetzt klare Bahn geschaffen wird, um so besser! Denn je eher das Unerreichbare beseitigt ist, um so eher wird das Erreichbare geschehen zum Heile unserer Landwirthschaft und des ganzen Vaterlandes!
mit welchen ein echter, väterlich gesinnter Freund ihr zuredete.
„Nun denn, hören Sie wenigstens auf meinen letzten Rath, dann will ich Denjenigen, dem Sie Ihre Liebe schenken, aufsuchen," sagte von Hauser und nahm die brennenden Hände Sibilla's in die seinigen: „Ueber- legen Sie sich's wohl, ehe Sie sich entschließen; ein düsteres Vorgefühl ruft laut in meinem Herzen, daß Sie als Gattin Boto's unglücklich leben und ebenso sterben werden."
Sibilla machte eine Bewegung der Ungeduld.
„Ich gehe zu ihm. Ich werde das Vergnügen haben, Sie wiederzusehen," sagte von Hauser, sich erhebend.
„Danke, Herr Baron. Von Ihrer Höflichkeit, von Ihrer Freundschaft erwarte ich Antwort ..."
„Was für eine Antwort?" fragte der junge Edelmann, dann setzte er kalt hinzu: „Zuerst haben Sie mich um Rath gefragt, dann baten Sie mich, Herrn Boto Senelk von Ihrer Geburt, Ihrer Kunst u. s. w. zu sprechen. Ich bin bereit, Ihnen gefällig zu fein, allein daß ich mich zum Ueberbringer der Worte des jungen Mannes machen sollte, das hoffen Sie vergeblich. Ich kann ihm sagen, daß, wenn seine Liebe ehrlich gemeint ist, Sie ihn nicht zurückweisen werden; aber damit ist meine Mission beendigt und es bleibt mir nichts übrig, als Ihnen zu wiederholen: Sibilla, sehen Sie sich vor; es wartet Ihrer nichts Gutes, und >
Deutsches Reich.
Berlin, 21. März.
* Der König!. Hof legt heute für Se. Durchlaucht den Fürsten zur Lippe die Trauer auf 8 Tage an.
* In der St. Hedwiqskirche fand am Donnerstag Morgen 10 Uhr ein feierliches Requiem für den verstorbenen Frhrn. v. Schorlemer-Alst statt, dem die anwesenden Mitglieder der Centrumsfraktionen beider Parlamente, sowie zahlreiche polnische Abgeordnete beiwohnten. Prälat Propst Dr. Jahnel celebrirte in Assistenz zweier Kapläne von St. Hedwig das Requiem.
* Wie die ,Kreuzztg.' gutem Vernehmen nach mit- theilt, ist Fürst Radolin, derzeitiger Botschafter in Konstantinopel, als Nachfolger des Generals v. Werder in Petersburg ausersehen — Der.Reichsauzeiger' meldet amtlich die Abberufung des Generals v. Werder und feine Pensionirung.
* Der Seuioren-Konvent des Reichstags trat am Mittwoch Abend nochmals zusammen, um die „Frage" einer Ehrung BiLmarck's zu berathen. Er kam natürlich zu keinem. Ergebniß, da das Gentrum, die freisinnige Volkspartei und die Sozialdemokraten auf ihrer ablehnenden Stellung verharrten. Nun will der Präsident, wie bereits mitgetheilt, selbst — trotz der Aussichtslosigkeit des Beginnens — im Plenum anregeu, ihn mit der Beglückwünschung des Fürsten Bismarek zu beauftragen. Namens des Centrums wird j Abg. Graf Hompesch, der Vorsitzende der Fraktion, eine kurze Erklärung abgeben, in der das Centrum gegen die geplante Bismarck-Huldigung protestiren und demgemäß den Antrag des Präsidenten a b l e h n c n wird. Eine Ueberrumpelung dürfte den Bismärckern kaum gelingen. Das Centrum war heute schon in großer Stärke int Reichstage anwesend.
* In der Kommission zur Berathung des Antrags Bachem-Roeren (Centr.) wegen Anlage konfessioneller Kirchhöfe in den französisch-rechtlichen Gebieten (insbesondere auf dem linken Rheinufer) gab der Kultusminister auf Grund eines Beschlusses des Staatsministeriums die Erklärung ab, daß nach Anhörung der Bischöfe und der Konsistorien dem Abgeordnetenhause ein Gesetzentwurf zugehen solle, der die Zulassung der Errichtung konfessioneller Kirchhöfe unter Wahrung der berechtigten Ansprüche der jeweiligen konfessionellen Minderheit und des finanziellen Interesses der Gemeinden ermöglichen wolle. Mit Rücksicht auf diese Erklärung beschloß die Kommission einstimmig, dem Hause zu empfehlen, über den Antrag Bachem-Roeren zur Tagesordnung überzugehen. Abg. Dr. Inner wird dem Abgeordnetenhause einen schriftlichen Bericht erstatten.
* Aus einer Erklärung des Staatssekretärs Grafen Posadowsky in der Budget-Kommission des Reichstages geht hervor, daß an die Umwandelung der 4- und 31/2proc. Anleihen in 3proe. in absehbarer Zeit gar nicht zu denken ist.
glauben Sie ja nicht, ich sähe zu schwarz. Jetzt habe ich meinem Gewissen genug gethan!"
Mit diesen Worten näherte Jakob von Hauser sich der Thür und trat rasch hinaus.
Während er im Begriffe war, Boto aufzusuchen, hörte er sich beim Namm rufen und sah Bosak auf sich zukommen.
„Um Vergebung, Herr Baron, um Vergebung, ich möchte Sie um eine Gefälligkeit bitten," hob Theodora's Beschützer an.
Jakob empfing »den Grafen mit besonderer Artigkeit und blieb in ehrerbietiger Haltung entblößten Hauptes vor diesem Manne mit dem ernsten, unbeweglichen Gesichte stehen.
„Herr Baron," fuhr Bosak fort, „durch Zufall erfuhr ich, daß Ew. Gnaden gestern Morgen die Dame mit schwarzen Haaren (gewöhnlich hat sie dieselben mit rothen Bändern geschmückt), welche an dem runden Tische zu biniren pflegt, zum Hause einer kranken Frau begleitet haben. Es wäre mir nun äußerst angenehm, zu wissen..."
„Wo jene arme Kranke wohnt?"
„Eben."
„Es freut mich, Ihnen zu Diensten stehen zu können, mein Herr .... Am Ende der Marktstraße, rechts, neben dem Laden eines Konditors."
„Dank, danke, ich werde es schon finden," erwiderte