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M 66 Mittwoch, den 20. März 1895. 22. Jahrgang

FuldacrWZcitiuig

mit Unterhaltrrngs-Settage „Sterne und Slumen".

Erschrint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen bje K^sitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt,

Deutsches Reich.

Berlin, 18. März.

* Dem verstorbenen Frhrn. v. Schorlemer - Alst widmen alle größeren Berliner Blätter längere oder kürzere Nachrufe. Sie betonen sein lebhaftes, temperamentvolles Auftreten in den Debatten der Kulturkampfsjahre und seine Verdienste als „Bauern­könig". Im Allgemeinen lassen auch die scharf gegnerischen Blätter dem Verewigten volle Gerechtigkeit widerfahren. Auf der letzten Kölner Katholikenver­sammlung schloß Frhr. v. Schorlemer-Alst seine Rede mit folgenden Sätzen: „Das immer siegreiche Kreuz auf unserer Fahne — so bekämpfen wir den Unglau­ben und die Verheerungen, die er in Staat und Ge­sellschaft anrichtet. Das Gottes-Gesetz und Gottes- Gebot unser Leitstern und unsere Richtschnur und die große soziale Encyklika unser Wegweiser — so wollen wir muthig vorwärts gehen in dem sozialen Kampfe, einig, eifrig, freudig, mit dem Wahlspruch: Liebe und Gerechtigkeit!" Durch diese Worte hat der Verewigte sich selbst die schönste Grabschrift gegeben. Sein An­denken wird in Segen bleiben bis zu den fernsten Geschlechtern!

* Der Abg. v. Schalscha, Mitglied der Centrums­fraktion des Abgeordnetenhauses, ist heute, 59 Jahre alt, auf seinem Gute in Schlesien an den Folgen der Influenza gestorben. — Auch die Centrumsfraktion des Reichstags hat durch den Tod eines ihrer Mit- gtieder verloren, den Abg. Pfarrer Haus, Vertreter von Aschaffenburg.

* Prinz Joachim verbrachte einen Theil der Nacht ruhiger als bisher. Das Fieber hat sich nicht gesteigert. In den örtlichen Erscheinungen der Erkrankung ist eine Minderung der vorhandenen Störungen nicht mit Sicher­heit festzustellen.

* Der Besuch des Kaisers beim Fürste» Bismarck ist für den Monat März angekündigt. Der Tag des Besuches ist noch nicht festgesetzt.

* Die Minister v. Bötticher (der sich des auf­richtigsten Hasses seitens des Fürsten Bismarck erfreut!) und Miquel haben ihre Betheiligung an dem Berliner Bismarck-Kommers am 30. d. M. zugesagt. Frhr. v. Marschall hat sich dagegen „entschuldigt".

* Der Botschafter v. Werder ist aus Petersburg abberufen worden. Ueber seinen Nachfolger ist noch nichts bekannt.

* Der Staatsrath hat sich am Samstag mit den Eisenbahnfrachten und Schifffahrtsgebühren beschäftigt. Es wurden, wie der ,Reichsanz.' berichtet, niedrige Eisenbahntarife für landwirthschaftliche Rohstoffe und Erzeugnisse empfohlen, sowie Einführung allgemeiner Tarife nach dem Prinzip der fallenden Skala — unter Berücksichtigung etwa entgegenstehender berechtigter lokaler Interessen — der Staatsregierung zur Erwägung gestellt (also allgemeine Stasfel- tarife, nicht nur vom Osten nach Berlin, sondern

Bit Elsthimg des TodttMiidtrs.

Roman von H. v. Remagen.

(28. Fortsetzung.)

„Du bist mein herzensgutes Kind ... ein Engel von einem Mädchen", stammelte gerührt von dieser herzlichen Zärtlichkeit die Greisin, und damit konnte sie auch nicht länger widerstreben; „man soll niemals sagen können", setzte sie hinzu, „ich hätte Dir an dem Tage, wo Du zum ersten Mal glücklich bist, eine Bitte abgeschlagen. Nimm meine Kette, mache damit was Du willst; ja, wenn ich nachdenke, begreife ich selbst: der Schmuck ist zu altmodisch für Dich; unsere Bekannten würden Dir in's Gesicht lachen am Hoch­zeitstage."

„Danke, liebe Großmutter! Danke, meine zweite Mutter. Ich gehe und bin sofort wieder hier."

Mit diesen Worten verschwand das Mädchen wie im Fluge und kehrte im Nu wieder, in der Hand eine lange goldene Kette mit großen roh ineinander ge­fügten Ringen.

Beim Anblick des werthvolles Schniuckes erglänzten die Augen des Studenten in unheimlicher Gluth.

„Nimm, Boto, sagte die Jungfrau hold lächelnd, nimm und bewundere die Güte unserer lieben Mutter."

Botos Hand zitterte, als er den Schmuck nahm; allein seine Erregung war von kurzer Dauer; rasch

auch nach den westlichen Provinzen, sowie umgekehrt Staffeltarife von Westen nach Osten u. s. w.), insbe­sondere baldige Ausdehnung der in den östlichen Pro­vinzen bestehenden Vieh- Staffeltarife auf alle Landes- theile befürwortet. Man nimmt an, daß am Mittwoch oder Donnerstag die Sitzungen des Staatsrathes ge­schlossen werden, weil am Donnerstag der Zollbeirath zusammentritt.

* Der Bundesrath bewilligte aus Reichsmitteln die Rückzahlung von 40,000 Mark an die Stadt Mainz für die Beseitigung des NeuthorS.

* Der Seuiorenkonvent hält nochmals eine Sitzung über Bismarck's Geburtstag.

* An den Gräbern der Märzgefallenen im Fried­richshain herrschte heute schon in früher Morgenstunde reges Leben. Bis 9 Uhr. waren etwa 150 Kränze niedergelegt. Die Polizei verbot alle Schleifen mit Inschriften politischen Inhalts und schnitt sie einfach ab. Von einem Kranz, der die Inschrift trug: „Den Tobten zur Ehre, den Lebenden zur Lehre und Nach­ahmung" wurden die beiden letzten Worte abgeschnitten.

* Für die Hinterbliebenen der mit der „Elbe" Verunglückten sind bei dem Berliner Komitee bisher 131,639 M. und bei der Redaktion der ,Frkf. 3tg.' 22,419 M. eingegangen.

* Zum Todestag Windthorst's mußte der Propst von Berlin an die deutschen Katholiken die ernste Frage richten: „Wollt Ihr, daß die Ludwizskirche als Erinnerung an den unvergeßlichen Wiudhorst gebaut wird oder nicht?" Schämen wir uns, daß wir nicht so viel Kraft und Zucht im Leibe haben, um diese be­scheidene Gedächtnißkirche prompt fertigzustellen. Im Munde führen wir den Namen Windthorst noch oft; aber wenn die That zu Ende geführt werden soll, die wir uns zu seiner Ehrung vorgenommen, so verläßt sich der Eine auf den Anderen, bis das großartige Unternehmen der deutschen Katholiken stockt und kracht. Der schöne Bauplatz, den die Gemeinde umsonst über­lassen hat, geht verloren, wenn nicht in der festgesetzten Zeit die Kirche vollendet wird; die Grundmauern müssen wieder beseitigt werden; Geld geht verloren, Ehre geht verloren, unsterbliche Seelen gehen auch ver­loren, weil Gottesdienst und Seelsorge in dortiger Gegend für die nächste Zeit unmöglich wird. Und das Alles blos wegen unserer Nachlässigkeit. 250,000 M. kostet der ganze Bau. Was ist stenn das für 17 Mill, deutscher Katholiken? V/a Pfennig auf den Kopf. Wer Via Mark stiftet, hat gleich für 100 Unbemittelte diese Kopfsteuer bezahlt. Alfo gebe, wer da geben kann!

* Es sind noch nicht ganz fünf Jahre, als alle Zeitungen davon ganz voll waren, daß in Frankreich ein katholischer Priester eine reiche Dame ermordet und beraubt habe. Mit sichtlichem Behagen erzählten die liberalen Zeitungen alle Einzel­heiten des grausigen Falles und meldeten mit Genug- thuung, daß der Unglückliche vom Schwurgericht zu lebenslänglichem Zuchthaus verurtheilt und nach Neu- hatte er das Gefühl, das ihn anwandelte, unterdrückt, und steckte, ohne zu erröthen, die Kette ein.

Dann begann er wieder mit seiner Braut zärtlich zu plaudern, und knüpfte eine lange Unterhaltung an, bei welcher er eine fast unglaubliche Beredsamkeit ent­wickelte. Endlich nahm er Abschied von den beiden Frauen und eilte hastig die Treppe hinunter; unter­wegs sagte er, sich selbst beruhigend, zu sich:

„Es war nicht meine Absicht, die Kette zu stehlen, ich habe sie nur geliehen. Ich werde ihr eine andere, schönere und werthvollere dasür geben. Wer Geld nöthig hat, darf nicht so philosophiren; jedes Mittel, das zum Ziele führt, ist gut ... . Morgen kann ich Glück im Spiel haben und dann das Versprechen, das ich Luise gemacht, halten."

Mit solchen Gedanken sprach er sich selbst Muth ein und verschwand in der Thür eines Juwelierladens; mit gefüllten Taschen kam er wieder zum Vorschein und wandte ruhig seine Schritte anders wohin. Zwei armen Frauen hatte er diesen kostbaren Schmuck, ihren einzigen Reichlhum gestohlen; er hatte die Kette veräußert, um Blumen zu kaufen für eine Tänzerin."

IX.

Während der Juwelier hinter seinem Ladentische stehend, mit dem Abwiegen der Kette Rosas beschäftigt war, um den Preis dafür zu zahlen, hatte Bosak die

kaledonien transportirt worden sei. Der Verurtheilte heißt Abbo Dumontin, Priester der Erzdiözese Aix. Er war das Opfer des Beichtsiegels. Ein Wort hätte den Unschuldigen retten können; er sprach es nicht, weil das Siegel des Beichtgeheimnisses seinen Mund schloß. Vor einem Jahre ist der wahre Mörder gestorben. Es war der eigene Meßner des ange­klagten Priesters. Der Schuldige hat auf dem Tobten bette vor vier Zeugen den Raubmord bekannt und erklärt, er habe am Tage des Mordes seinem Pfarrer gebeichtet, um zu verhindern, daß dieser die Spur auf den wahren Mörder lenke. Drei Jahre erduldete der edle Priester die Qualen des Zuchthauses und ertrug den Schandfleck, als Raubmörder zu gelten, bis das Bekenntniß des wahren Mörders ihm die Freiheit brachte und das Gericht dann seine Unschuld öffentlich erklärte. Nur wenige Zeitungen, so stellt das ,Deutsche Volksblatt' fest, haben von dieser That- sache Notiz genommen und Widerruf geleistet. Es hat ja di; Verleumdung einen katholischen Priester getroffen!

* Die ,Post' meldet: Die Eröffnung des Nord- ostseekanals findet am 19. Juni statt. Zuvor werden der Kaiser und die zur Theilnahme an der Feier der Schlußsteiulegung erschienenen Fürstlichkeiten u. geladenen Gäste das Fest der Stadt Hamburg annehmen, das in einer Beleuchtung der Elbufer seine Krönung er­halten wird. Die erste Durchfahrt der kaiserlichen Schrffe wird in Rendsburg unterbrochen. Dort sollen größere Truppenvorstellungen entgegen genommen wer­den. Nach dem Auslaufen der Schiffe aus dem Kanal wird der Kaiser Namens des Bundesrathes ersucht werden, die Schlußsteinlegung zu vollziehen. Alle zur Feier erschienenen Schiffe geben den Salut ab. Dann folgen Feste auf der „Hohenzollern" und dem „König Wilhelm", zu welchem die Offiziere aller im Kieler Hafen erscheinenden Geschwader Einladungen erhalten.

* Das Konnte der Amsterdamer Weltausstellung hat den Anmeldetermin bis zum 1. April verlängert und können Anmeldungen nach diesem Termin nicht mehr berücksichtigt werden. Das Ausland: Italien, Oesterreich- Ungarn, Belgien und speziell Frankreich, wird sich ganz hervorragend an der Weltausstellung betheiligen. Wie uns mitgetheilt wird, hat Frankreich einen Raum von 10 000 Dm für die französische Abtheilung fest belegt. Von Deutschland liegen verhältnißmäßig die wenigsten Anmeldungen vor, was um so bedauerlicher ist, als Frankreich ganz bedeutende Anstrengungen macht, seine Handelsbeziehungen mit Holland zu er­weitern. Anmeldungen und Anfragen werden bis zum 1. Ap' il von dem General-Sekretariat Arthur Vrancken, Unter Fettenhennen 7, Köln a. Rh., entgegen ge­nommen.

Ausland.

* Wien, 16. März. Einen sehr peinlichen und jeden Katholiken betrübenden Eindruck müssen die Heuer in so großer Zahl vorkommenden Entheiligungen

Thür des Ladens geöffnet und, ungesehen von dem Studenten, sich abseits gestellt, anscheinend, um ein schönes ciselirtes Silbergefäß zu betrachten. Als dann Boto fortgegangen war, ließ er sich verschiedene Perlenhalsbänder vorlegen, fand aber nichts nach seinem Geschmacke, grüßte den Juwelier und em­pfahl sich; auf dem Wege nach dem Hotel sprach er bei sich:

„Diese Kette gehörte nicht ihm; ich sah ihn den Kopf schütteln, wie um einen lästigen Gedanken zu verscheuchen; das war vielleicht ein Gewissensbiß. Ich werde es erfahren .... Ach, wie viele Geheimnisse von Bosheit birgt das menschliche Herz!"

Unter solchen und ähnlichen mifanthropischen Re­flexionen erreichte der Graf v. Varges seine Wohnung und bemerkte gleichzeitig seinen Freund Boto mit einem Blumenbouqnet in der Hand von einer andern Seite herankommen.

„Sie scheinen mir ein großer Freund von Blumen zu sein. Diese da sind äußerst selten; sie müssen Ihnen viel kosten", sagte der Graf, am Eingänge des Hotels stehen bleibend.

„Nicht viel; ich erhielt sie aus Gefälligkeit von einem meiner Freunde, welcher Botanik studirt. Ich gehöre nicht zu der Klasse jener, welche für frivole Dinge Geld ausgeben können. Meine Taschen sind leer!"