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Jts. 65

Dienstag, den 19. März 1895.

22. Jahrgang

FllldlicrWZeitiiug

mit Unterhattrmgs Beilage „Sterne nnd Klnmrn".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15° Pf., Reklamen dje Milzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

][ Zur Vereinsmeierei.

„Wo drei Deutsche zusammen sind, spielen sie Skat oder gründen einen Verein", lautet ein bekanntes Diktum, welches grotesk übertreiben soll, aber auf dem besten Wege ist, zur buchstäblichen Wahrheit zu werden. Wenn in irgend einer weltentlegenen Gegend ein Dörfchen ohne Verein entdeckt worden ist, geht es als Kuriosum durch die ganze Presse, und dann meint man nicht etwa religiöse oder wirklich nutzbringende Vereine, sondern solche, welche der „Pflege der Ge- müthlichkeit", der „Erholung" dienen. Es soll hier in keiner Weise die Berechtigung des diesen Zwecken dienenden Vereinswesens an sich in Abrede gestellt werden, aber auch der eingefleischteste Vereinsfex wird zugeben müssen, daß die vielen Vereine alles eher als eine Nothwendigkeit darstellen — seinen eigenen Verein wird dabei allerdings jedermann ausnehmen. Von einer thüringischen Stadt wußte vor einigen Jahren ein dort erscheinendes Blättchen zu berichten, man dürfe sie mit Recht als „vereinsfroh" bezeichnen; denn jeder Bürger gehöre dort wenigstens drei Vereinen an. Von den großen Städten ist die Vereinsseuche in die kleinen gedrungen und von diesen auf das platte Land, so daß sie auch dort schon als eine förmliche Land­plage grassirt. Jeder Verein hat sein Stiftungsfest, sein Sommerfest, seine Ausflüge, Bälle und was des „unumgänglichen" Amüsements mehr ist; der eine sucht bei solchen „Festen" den andern zu übertreffen, um zu beweisen, daß er „es leisten kann", und wenn dabei auch das letzte Bett zum Pfandleiher geht, oder der Gerichtsvollzieher die Thürklinke nicht kalt werden läßt. Ueber die Auflösung des Familienlebens wird allseitig geklagt und mit Recht ein Haupttheil der Schuld der zunehinenden Vergnügungssucht zuge­schrieben, diese hat aber ihre Hauptnährquelle in der Vereinsmeierei. Wo aber die Vergnügungssucht Platz gegriffen hat, ist es mit dem christlichen. Eifer fast immer vorbei; am Samstag Abend wird gekneipt oder getanzt, am Sonntag kommt man mit schwerem oder trübem Kopf in die Kirche und kann nicht ab­warten, bis man anständiger Weise wieder ins Freie kommen darf. Bis tief in die hl. Fastenzeit dauern vielfach die Vereinsfestlichkeiten. Mit der Völlerei verbindet sich Unsittlichkeit und Rohheit; es gibt Gegenden, wo ein Vereinsfest ohne Schlägerei und Messerstecherei kaum mehr denkbar erscheint.

Viel Schuld an diesem Ueberwuchern des Vereins- Unfugs trägt auch ein Theil der Presse; auch die katholische ist dabei nicht ganz unbetheiligt. In pomphaften Anzeigen wird zu den Vereinsfesten ein­geladen und bei den Einnahmen, welche die Zeitung davon hat, hält der Vorstand es für selbstverständlich, daß im „redaktionellen Theile" ein „empfehlender Hin­weis" erfolgt, welcher oftmals eine sackgrobe Reklame darstellt. Wir wissen die Zwangslage zu beurtheilen, in welche vielfach an Orten mit mehreren Blätter, namentlich wo die so verderbliche „farblose" Presse

Die krMlsng des Todteugräbers.

Roman von H. v. Remagen.

(27. Fortsetzung.)

Und der junge Mann brachte diese Lügen mit eherner Stirne vor, indem er der Greisin die Hand drückte und das Mädchen schmachtend ansah.

„Kommen Sie wirklich erst jetzt zurück?" fragte die Alte zweifelnd.

„Jetzt eben, jetzt eben, mein erster Gedanke war, hier zu Euch zu eilen."

„Nun gut, laßt uns hinaufgehen. Ich finde kein großes Vergnügen daran, mit einem Mädchen und einem Studenten auf der Straße zu stehen," setzte die Alte hinzu und winkte den beiden jungen Leuten, voraufzugehen, während sie ihnen auf dem Fuße folgte.

„Laß uns hier bleiben," sagte Luise, in ein Zimmer mit beblümten Wänden und blank gescheuertem Fuß­boden tretend, in welchem sechs Stühle nebst einem gußeisernen Ofen sich befanden. Und indem sie Boto einen Sitz anbot, setzte sie sich, mit zärtlichem Lächeln ihn anblickend, neben ihn.

Das arme Kind liebte den Studenten von ganzem Herzen, sie liebte, wie nur ein reines und edles Herz lieben kann.

Vier Monate waren verflossen, seit Boto sie zum

in ihrer geistlosen Charakterlosigkeit wuchert, die sonst von solchem Unfuge angewiderten Blätter gerathen; wenn sie den Vereinsfexen nicht zu Willen sind, ver­lieren sie die Anzeigen und auch vielfach Leser und Abonnenten. Auf diese Weise hat sich vielerorts ein förmliches Konkurrenzlaufen um die Gunst der Vereine entwickelt, das eine Blatt lobhudelt noch mehr als das andere und der „lokale" Theil wird eine Wasser­suppe von Vereins-Reklamen. Die Hauptsache bleibt dann nach dem Feste, auch dem unbedeutendsten, der „Bericht", für den sich förmlich ein eigener Stil ent­wickelt hat. Möglichst wenig sachlicher Inhalt, mög­lichst viel banale, stelzbeinige Phrasen, — das sind die Festberichte, wie man fie zu Dutzenden in nicht wenigen Blättern findet.

Offen gestanden: bei der katholischen Presse liegt die Gefahr nahe, daß sie diesem Zeitgeiste zum Theile Verbeugungen macht, welche ihr in keiner Weise an­stehen und das sittliche Niveau, auf dem die Presse unserer Partei stehen soll, nicht heben können. Die Vereinsmeierei und der damit verbundene Festschwindel sind Eiterbeulen am Marke unseres Volkes, welche in ihrer Häßlichkeit klargelegt, nicht aber mit schöner Hülle überdeckt werden müssen. Auf der Familie beruht unser ganzer sozialer Bau; jedes Moment, welches diese zu schwächen und in ihrem Bestände zu erschüttern geeignet ist, wirkt im höchsten Grade ver­derblich, nur Gewissenlosigkeit kann einem solchen die Bahn öffnen — das möge die Presse, und speziell unsere katholische, nicht außer Acht lassen!

Deutsches Reich.

Berlin, 16. März.

* Der Kaiser erhielt eine Drahtnachricht, wonach Frhr. v. Schorlemcr-Alst im Sterben liege.

* Der Staatsrath hat am Freitag in derWährungs- frage einen Beschluß gefaßt, der dahin geht, daß mit Rücksicht auf die Erklärung des Reichskanzlers im Reichstag am 15. Februar, „von welcher der Staatsrath mit Befriedigung Kenntniß genommen hat, derselbe glaubt, daß im gegenwärtigen Zeitpunkt keine weiteren Maßregeln zu ergreifen sind, sondern das Ergebniß der in Aussicht genommenen Schritte (Inter­nationale Münzkonferenz. D. Red.) abzuwarten ist." — Am Samstag Abend fand beim Reichskanzler Fürsten Hohenlohe ein Mahl statt, dem der Kaiser, die Minister und die Theilnehmer an den Staatsraths­verhandlungen beiwohnten. Den Hauptstoff der Unter­haltung bildeten die Verhandlungen des Staatsraths über die möglichen Mittel zur baldigen Abhilfe der landwirthschaftlichen Nothlage.

* Die Tabaksteuer-Kommission des Reichstags hat am Freiiag Abend genau 11 Uhr den grundlegenden § 4 der Vorlage, welcher das Prinzip derFabri- katfteuer enthält, mit 17 gegen 11 Stimmen abgelehnt. Dafür stimmten die Konservativen, mit ersten Male gesehen und, lüstern nach ihrer Schönheit, einen höllischen Plan gefaßt hatte. Da er bald einsah, wie fest die moralischen Grundsätze des Mädchens waren und doch gerade diese für ihn neue Sache ihn reizte, erkannte er, daß es kein anderes Mittel für ihn gebe, sich bei den leichtgläubigen beiden Frauen einzuführen, als wenn er sich stellte, als sei es ihm um eine ehr­bare Verbindung zu thun. Und dann geschah, was geschehen konnte, wo kein Vater, kein Bruder war, die gleich dem Zorn des Ewigen sich der Bestrafung eines Ruchlosen hätten annehmen können.

Zur Hälfte gelang sein Plan wunderbar, doch nicht ganz. So groß auch das Vertrauen Luisens war, bei Rosa war es nicht so. Froh, der Verwaisten einen Beschützer geben zu können, hatte die gute Frau der Bitte des Studenten willfahrt; gleichwohl trieb eine wahrhaft mütterliche Liebe sie zur Vorsicht und Wach­samkeit an, und da sie von Zeit zu Zeit bei dem jungen Manne eine gewisse Kälte gewahrte, begannen sich ihr Zweifel aufzudrängen.

„Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet," fing die Großmutter mitten in einem zärtlichen Zwiegespräch der beiden Liebenden an; „ich will Ihnen endlich sagen, was mir das Herz abdrückt."

„Laßt hören, laßt hören!" riefBoto in spötsischem Tone. •

Ausnahme des Abg. v. Hammerstein, die Freikonser- vattven, die Nationalliberalen, mit Ausnahme des Abg. Bassermann, und die beiden bayerischen Centrums-Mit­glieder Reindl und Lerno. Abg. Müller-Fulda erklärte sich Namens der ablehnenden großen Mehrheit des Centrums sehr entschieden gegen jede Tabakfabrikatsteuer, gleichviel welcher Ge­stalt, und auch gegen eine erhöhte Bier­steuer. Dagegen erklärte er sich für einen höheren Zoll auf ausländischen Tabak und für die Erleichterungen der Pflanzer-Kontrolle. Die Zollsätze, die in § 1 ent­halten sind, kommen in der nächsten Sitzung am Don­nerstag zur Verhandlung. Abg. Müller-Fulda will eineErhöhung des Einfuhrzolles um wei­tere 10 Mk., also auf 95 Mk., beantragen. — Die Tabakfabrikatsteuer ist jedenfalls endgiltig, soweit die Kommission in Frage kommt, begraben, und das Plenum des Reichstags wird es nicht anders machen, als seine Kommission.

* Auch in der heutigen Sitznng der Gewerbe- ordnungskommissiou kam die Frage, ob die Detail­reisenden den Bestimmnngen des Handelsgewerbes im Umherziehen unterworfen werden sollen, noch nicht zum Abschluß. An den Debatten der beiden letzten Sitzungen betheiligte sich die Mehrzahl der Kommissionsmitglieder; vom Centrum die Herren Wattendorf, von Strombeck, Braun, Müller-Fulda, Schwarze und Euler. Seitens der Regierungsvertreter wurde die Vorlage energisch vertheidigt und namentlich darauf hingewiesen, daß eine Vermehrung der Steuern aus dem Hausier­gewerbe in keiner Weise beabsichtigt sei.

* Die Budgetkommission des Reichstags hat am Samstag die Etats der Reichsjustizverwaltung und des Reichseisenbahnamts unverändett an­genommen.

* Die Novelle zum Brauntweinsteuergesetz soll, wie offiziös versichert wird, bereits Ende dieser Woche dem Reichstage zugehen.

* Abg. Dr. Paasche (natl.) hat nunmehr den Antrag zu einer Novelle zum Zuckersteuergesetz mit 143 Unterschriften im Reichstag förmlich eingebracht. Der Antrag bezweckt die Einführung einer besonderen Bettiebsabgabe für die größeren Zuckerfabriken, deren Ertrag zu einer Vereinfachung der Ausfuhrprämien für Zucker verwandt werden soll. Unterschrieben haben den Antrag Mitglieder des Centrums, der konser­vativen Partei, der Reichspartei, der Reformpartei (Antisemiten) und der nationalliberalen Partei. — Im Staatsrathe geht, wie die ,Post' erfahren haben will, die Meinung dahin, daß diejenigen Fa­briken in der Steuergesetzgebung bevorzugt werden sollen, die nicht reine Aktiengesellschaften sind, viel­mehr auf sog. Rübenaktien gegründet sind, d. h. auf die Lieferung eines bestimmten Quantums Rüben seitens ihrer Aktionäre.

* Von den 103 Unterschriften des Antrags Kanitz sind inzwischen sechs Unterschriften polnischer Abgeordneten wieder zurückgezogen worden, während

„So kann es nicht weiter gehen," versetzte Rosa, „so kann es wirklich nicht weiter gehen. Es muß eine Entscheidung getroffen werden; es muß ..."

„Er hat mir's versprochen, Großmutter;, jetzt eben hat er's mir versprochen," sagte Luise und fügte mit hoch gerötheten Wangen und jubelndem Tone hinzu: „Nach Weihnachten werden wir heirathen. Nicht wahr, mein lieber Boto?"

Der Student nickte mit dem Kopfe und lächelte.

„Gott sei gedankt! So kann ich ruhig die Augen schließen," rief die Alte und vergoß Thränen der Freude.

„Der Gedanke an unsere Herrath," fügte Boto, zärtlich die Hand seiner Geliebten drückend, hinzu, „macht mich trunken vor Freude, er ist meine Selig­keit, er macht mich närrisch! . . . Siehe, im Hierher­gehen blieb ich vor dem Schaufenster des Juweliers neben dem großen Hotel stehen, und da ich die kost­baren Schmucksachen beschaute, hätte ich Alles kaufen mögen für Dich; und das Geschenk hätte mir klein ge­dünkt für Dich! Ach, wie würden diese Edelsteine, diese Perlenschnüre, diese Brillant - Kreuzchen Dich schmücken! Ich ließ einen zierlichen, prachtvoll gear­beiteten Schmuck bei Seite legen! Du wirst Dich mir zu Liebe am Hochzeitstage damit schmücken. Dann sah ich eine schöne, goldene Halskette; ach, wie sehr gefiel sie mir! Aber sie kostet viel und ich bin nicht