Neilsge ?iw Mulöseo Jeitung.
JV§. 64 Sonntag, den 17. März 1895. 22. Jahrgang
V Wochenrundschau.
Der Kaiser hat am Dienstag den Staatsrath mit einer bedeutsamen Ansprache eröffnet und leitet auch die weiteren Verhandlungen persönlich. Der Kaiser erkannte, wie er das auch bisher schon wiederholt ge- than, die schweren Gefahren, die unferer Landwirth- schast aus dem anhaltenden Nothstande drohen, vollkommen an und betonte abermals entschieden, daß es die Pflicht seiner Regierung sei, mit allen möglichen und durchführbaren Mitteln dem Nothstande zu steuern. Aber er legte auch, wie bisher schon, den Ton darauf, daß nur das wirklich Mögliche und Erreichbare angestrebt werden darf, und ließ erkennen, daß er nur solchen Vorschlägen seine Zustimmung geben wird, die durchführbar sind und „ohne Verletzung anderer berechtigter Interessen und unter Achtung bestehender Vertragsverhältnisse" den auf der Landwirthschaft lastenden Druck nach Möglichkeit zu beseitigen geeignet sind. Offenbar hat der Kaiser damit den Antrag Kanitz in seiner jetzigen Gestalt von vornherein ab gelehnt — aber ist eine andere Gestalt möglich, die jenen, übrigens selbstverständlichen Bedingungen entspricht? Niemand wird dies behaupten wollen, denn es hieße: den Antrag Kanitz in allen seinen wesentlichen Theilen fallen lassen. Die Konservativen rechnen selbst nicht mehr damit, daß der Staatsrath dem Antrag Kanitz zustimmen werde. Das Stöcker'sche .Volk' hat ausgerechnet, daß im Staatsrathe nur sechs stimmberechtigte Freunde des Antrags sitzen, der auch in seiner ersten Sitzung am Dienstag bereits auf kräftigen Widerstand gestoßen ist. Nachdem Graf Kanitz nämlich in längerer Rede seinen Antrag warm empfohlen hatte, antworteten ihm, wie die ,Post' mittheilt, Herr von H e l l d o r f - Bedra und Geh. Kvmmerzienrath F r e n tz e l in sachlicher aber energischer Weise, um die Vorschläge als unausführbar zu bezeichnen. Auch der Umstand, daß die Konservativen nicht, wie bisher ihre Absicht war, mit der Einbringung des Antrags Kanitz im Reichstage bis zu seiner Erledigung im Staatsrathe gewartet, sondern den Antrag — eine sehr unschädliche Demonstration! — gleichzeitig mit der Eröffnung des Staatsraths im Reichstage einbrachten, ist zweifellos darauf zurückzuführen, daß sie die Ablehnung des Antrags durch den Staatsrath befürchteten und darum den Antrag lieber vorher, ehe diese für sie und den Antrag mißliche Wendung eintritt, einbringen wollten. Der Antrag hat 103 Unterschriften; außer den meisten ' Abgeordneten der Rechten haben ihn auch einige Nationalliberale unterschrieben, aber keinCentrums- mann.
Gegen diese Erörterungen, die sich an den Antrag Kanitz knüpfen, traten die parlamentarischen Verhandlungen in der letzten Woche sehr zurück. Im R e i ch s- tage ist Ende voriger Woche auch der Militäretat erledigt worden. Zwar wurden einige Forderungen nochmals an die Kommission zurückverwiesen, diese änderte aber an dem finanziellen Ergebniß nichts mehr, so daß es also bei dem von der Kommission empfohlenen und vom Plenum genehmigten Gesammt- abstrich von 101/s Millionen Mk., wozu noch der entsprechende Betrag bei der bayerischen Quote kommt, sein Bewenden hat. Am Montag trat der Reichstag dann in die Berathung des Postetats ein, bei der sich Herr v. Stephan und sein Direktor Fischer wieder, wie dies seit Jahren herkömmlich ist, gegen mancherlei Beschwerden, besonders wegen schlechter Behandlung und Besoldung der Beamten und wegen mangelnder Rücksicht auf die Forderungen des Verkehrs, sich zu wehren hatten. Es liegt offenbar System darin, daß die Regierungsvertreter hier wie im Landtage sich stets gegen alle Reformen und berechtigten Wünsche ablehnend verhalten und dabei immer die angeblich ungünstige Finanzlage vvrschützen. Jedenfalls will man damit für die Tabaksteuer Stimmung machen, aber man wird sich täuschen. Von den Kommissionen des Reichstags hat die „Umsturzkommission" jetzt ihre Arbeiten bis zum 20. März unterbrochen, nachdem sie die erste Lesung der Umsturzvorlage beendigt. Das wichtigste Ergebniß der ersten Lesung ist die einstimmige Ablehnung des Hauplparagraphen, des § 130, der bekanntlich einen besonderen strafrechtlichen Schutz für Religion, Monarchie usw. Herstellen will. Die selbständigen, zu § 130 gestellten Anträge, auch der Antrag Rintelen, vereinigten ebenfalls keine Mehrheit auf sich. Wir weinen bem§ 130 jedenfalls keine Thräne nach. Erfreulich ist, daß der Antrag des Centrums, den berüchtigten Kanzelparagraphen aufzuheben, mit allen Stimmen gegen die der nationalliberalen Kommissionsmitglieder angenommen worden ist. Es hat sich auch hier wieder gezeigt, daß die National- liberalen sich vor allen anderen Parteien durch aus
dauernden, unverbesserlichen Kirchenhaß Hervorthun. Daß sie dabei immer weniger auf die Unterstützung anderer Parteien rechnen können, hat einigen ihrer Blätter gelinde Wuthausbrüche abgepreßt — für uns ein erheiterndes Schauspiel.
Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag die zweite Etatsberathung beendet und ist am Donnerstag bereits in die dritte Lesung eingetreten. Bei diesem beschleunigten Tempo ist anzunehmen, daß der Etat in diesem Jahre rechtzeitig, d. h. vor dem 1. April, dem Beginn des neuen Etatsjahres fertig werden wird. Vielleicht gelingt es sogar, den Etat noch vor der Osterpause durchzuberathen, obwohl besonders der Kultusetat jedenfalls noch größere Debatten Hervorrufen wird. Das Abgeordnetenhaus hat zweifellos seine Arbeiten sehr rasch gefördert, viel rascher als der Reichstag, und es wird ihm von wichtigen Regierungsvorlagen nach Abschluß der Etatsberathung nur noch die Stempelsteuervorlage — diese in 2. und 3. Lesung — und die Eisenbahnvorlage bleiben, die vor einigen Tagen dem Abgeordnetenhause zugegangen ist. Diese fordert im Ganzen 511/2 Mill. M , davon 5 Millionen zur Förderung des Baues von Kleinbahnen. Eine andere wichtige Aufgabe, prinzipiell zweifellos die wichtigste seit dem Zedlitz'schen Schulgesetz, hat dem preußischen Landtage das Cent rum gestellt, indem es durch Einbringung des Antrags Heereman auf Wiederstellung der Verfasfungsartikel 15, 16 und 18, welche bis zum Kulturkämpfe der katholischen sowohl wie der evangelischen Kirche die selbständige Verwaltung ihrer Angelegenheiten verbürgten und damit 20 Jahre lang den Frieden zwischen Staat und Kirche gesichert hatten, die Regierung sowohl wie den Landtag vor die Frage gestellt hat: Tragt ihr wirklich den Frieden im Herzen oder wollt ihr den Kriegszustand aufrechterhalten, der am allermeisten dem Staate selbst geschadet hat? Wie in der Toga des alten Römers, der mit den Karthagern zu verhandeln hatte, so birgt sich also auch in diesem Anträge die entscheidende, klärende Frage: Krieg oder Friede? Hoffen wir, daß die Entscheidung zu Gunsten des Friedens fällt, zum Heile von Staat und Kirche!
Dieselben Leute, die sich gegen diesen grundsätzlichen Abschluß des Kulturkampfs sträuben, verlangen von uns Katholiken noch außerdem, daß wir dem Vater des Kulturkampfs gemeinsam mit ihnen Huldigungen darbringen, weil es ihm vergönnt wurde, 80 Jahre alt zu werden. Dieselbe Brutalität, mit der Fürst Bismarck selbst stets gegen Alle, die ihm nicht blindlings folgten, vorgegangen ist, beweisen jetzt seine Verehrer, wo es sich darum handelt, ihrem Parteigötzen auch von denjenigen, die er mit all' seiner Rücksichts- und Skrupellosigkeit verfolgt, Huldigungen zu erpressen. Im Reichstage setzen die Kartellbrüder Himmel und Hölle — nein, den Hinimel müssen wir zurücknehmen — in Bewegung, um eine „Ehrung des Altreichskanzlers" zu erzwingen, und da das Centrum sich nicht dadurch herabwürdigen will und kann, daß es an den Huldigungen für den größten Christenverfolger der Neuzeit, für den Mann, der ihm den Attentäter Kullmann an die Rockschöße hängen wollte, für den Verächter des Reichstags, der ihm „nicht imponirte", teilnimmt, so heult natürlich wieder einmal der ganze „nationale" Bedientenseelen- Troß über das „reichsfeindliche" Centrum. Wo die Herren das Heft in der Hand haben, wie besonders in zahlreichen Stadtverordnetenkollegien, die trotz überwiegend treukatholischer Bevölkerungdank dem „elendesten aller Wahlsysteme", wie Bismarck selbst das Dreiklassenwahlrecht nannte, in der Mehrheit nationalliberal sind, da üben sie keineswegs eine Rücksicht auf die Empfindungen Anderer, die sie stets für sich beanspruchen, da glauben sie nicht einmal auf die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung eine Rücksicht nehmen zu müssen und verleihen dem Fürsten Bismarck gegen den Willen der Mehrheit der Bürger das Ehrenbürgerrecht. Auch das ist echt bismarkische Brutalität!
In Oesterreich-Ungarn wird sich ganz Juda in nächster Zeit gewiß wieder einmal an der Klagemauer versammeln, und großes Wehgeschrei und Wuthgeheul wird aus den judenliberalen Blättern schallen, weil sich der hl. Stuhl zu Rom nicht dazu hergegeben hat, sich von den Juden und ihren Freunden als Mauerbrecher gegen die wachsende christlich-soziale Bewegung mißbrauchen zu lassen. Alles Bitten, Drohen und Lügen in der .Neuen Freien Presse' und anderen ihres Gelichters hat nichts gefruchtet, hat sie nicht vor einer empfindlichen Blamage bewahren können Zwar war es uns von vornherein nicht zweifelhaft, daß der hl. Vater sich nicht herbeilassen werde, die Christlich-Sozialen zu „verdammen", wie ihm zuge- muthet war; daß Kardinal-Staatssekretär Rampolla
aber, natürlich im Auftrage des Papstes, jene Zu- muthungen in so entschiedener und streng-ablehnender Weise zurückgewiesen hat, das freut uns besonders. Man hat der Kurie eine Verdammung der christlichsozialen Bestrebungen zugemuthet und muß nun eine Segnung hören: „Die Kurie, so erklärte Kardinal Rampvlla nach einer offiziösen, also gewiß nicht christlich-sozialer Neigungen verdächtigen Quelle, lasse sich nicht irreführen, um die christlich-soziale Partei in Qesterreich und die (katholische) Volkspartei in Ungarn zu verdammen, die Kurie wisse, daß beide Parteien werthvolle Reserven der Ecclesia militans (der streitenden Kirche) und nützliche Hilfstruppen gegen unchristliche und fektirerische Angriffe wie auch gegen schwache Regierende seien. Daher werde Rom diese Parteien zur Ausdauer ermahnen und ihnen nur Einvernehmen mit den Bischöfen anempfehlen." Dieser Bescheid ist wie ein Donnerschlag in die Reihen der Judenliberalen und ihrer Freunde innerhalb der Regierungen von Oesterreich und Ungarn gefahren, für die Christlich-Sozialen und für die ungarische Volkspartei aber bedeutet er eine überaus werthvolle Stärkung ihrer Stellung in ihrem Kampfe gegen den widerchristlichen Geist, der heute die Völker beherrscht. Er bedeutet aber auch für die „Hilfstruppen der streitenden Kirche" in den nichthabsburgischen Ländern eine Stärkung und einen Ansporn zum Ausharren. Und darum wird er in der ganzen katholischen Welt, auch besonders bei Deutschlands in der Centtumspartei organisirten Katholiken, mit hoher Freude begrüßt werden.
Auch in Belgien wird der Bescheid des Kardinal- Staatssekretärs sehr beachtet werden, denn er enthält in sich auch bereits eine Ablehnung der Beschwerden, welche die manchesterlichen Katholiken der Richtung Woeste gegen die christlich-soziale auch „demokratisch" genannte Richtung erhoben haben. Diese „Demokraten" bilden nicht nur einen mächtigen Schutzwall gegen die ungläubige Sozialdemokratie, sondern auch eine wohl- organisirte Angriffstruppe gegen diefelbe. Auch sie brauchen nicht zu besorgen, daß der hl. Vater ihre Bestrebungen verurtheilen werde.
Die englische Regierung macht gewalttge Anstrengungen, um die englische Marine wieder, wenn möglich, zur Alleinherrscherin der Meere zu machen. Sie fordert in diesem Jahre nicht weniger als 18 Millionen Pfund (nahezu 400 Millionen Mark) für Schiffsneubauten. Diese Forderung hat auch bei der Opposition, die stets für Verstärkung der Marine eingetreten ist, eine günstige Aufnahme gefunden. Größere Sorgen macht der englischen Regierung die Krankheit des Premierministers Lord Rosebery, den die Influenza doch sehr hart mitgenommen zu haben scheint. Man spricht sogar davon, daß Rosebery seiner erschütterten Gesundheit wegen ab danken müsse. Es ist immerhin nicht unmöglich, daß Rosebery seine Krankheit zum Anlaß nimmt, um sich in das ruhigere Privatleben zurückzuziehen und ganz seinem geliebten Pferdesport zu toibmen.______________________________________
Vermischtes.
* Die Sorgen des Kaisers von China. Während die Japaner rasch gegen Peking vorrücken und jeden Tag ein anderes chinesisches Heer in die Flucht schlagen, läßt sich der „Sohn des Himmels" tagelang in dem prachtvollen Schlitten spazieren fahren, den er sich in Wien hat anfertigen lassen. Der Kaiser von China bewohnt bekanntlich einen Palast, der den Mittelpunkt einer Stadt bildet; sie wird „Verbotene Stadt" genannt und ist von den Wohnungen der Hofbeamten und der zum persönlichen Dienste des Herrschers gehörenden Personen umgeben. Der kaiserliche Schlitten durchquert nun die mit Eis bedeckten, sehr ausgedehnten Wiesen, die zu den Gärten der Königsstadt gehören, und während seine Generale davonlaufen oder sich das Leben nehmen, amüsirt sich der Kaiser „königlich".
* Ein Mitglied der kaiserliche« Familie i« China rombe unlSngst krank. Sofort wurden die ärztlichen Berühmtheiten von Peking gerufen; und wenn man dem Amtsblatte des himmlischen Reiches glauben darf, fanden sich am Krankenbette nicht weniger als 123 Aerzte ein.
* Em Kampf zwischen enter Tigerin und einer Löwin hat am Donnerstag in Mailand in einer Menagerie stattgefunden. Als die Menagerie geschlossen war, ertönte plötzlich aus dem Käfig, in welchem sich zwei Löwinnen befanden, ein wildes Gebrüll. Die Tigerin im Nachbarkäfig hatte die Berbindungsthüre aufgerissen und sich in den Löwenkäfig gestürzt, wo sie sich auf die junge Löwin Napoletana warf. Zwischen den beiden Bestien entspann sich ein blutiger Kampf, und die Tigerin hatte bald die Uebermacht. Die andere Löwin stand zitternd in einer Ecke des Käfigs und wagte sich nicht zu rühren. Erst nach langer Zeit gelang es den Wärtern, die Tigerin mit Hilfe eiferner Stangen von dem zerfleifchten Kadaver der Löwin in ihren Käfig zurückzujagen.