Einzelbild herunterladen
 

M 63

22. Jahrqang

Samstag, den 16. März 1895.

mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Klumen"

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnemcntspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen *;.e Milzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

um—— ■! ____________ —MM

Deutsches Ueich.

Berlin, 14. März.

* Der Staatsrath hat, wie der ,Reichsanzeiger' be­richtet, in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, die Ab­stimmung über die Vorschläge zur Hebung des Getreidepreises bis zum Schluß der Verhand­lungen auszusetzen, um durch eine besondere Kom­mission einen die verschiedenen Auffassungen mög­lichst berücksichtigenden Vorschlag vorbereiten zu können. Als Maßregeln zur Hebung des Zuckerpreises wurden auf Antrag des Referenten Vorschläge ange­nommen, die im Wesentlichen auf eine Erhöhung der Ausfuhrvergütung hinauslaufen, für welche die Mittel durch Erhöhung der Verbrauchs­steuer und zum Theil vielleicht auch durch eine für die größeren Betriebe steigende Betriebsabgabe beschafft werden müßten. Dabei sollen aber auch be­sondere Bestimmungen zur Einschränkung der Produktion getroffen werden, um einer weiteren Überproduktion entgegen zu treten. Was für Bestim­mungen gemeint sind, wird nicht angegeben. Endlich wurde betreffs der Hebung des Spirituspreises ein Antrag angenommen, der die Grundzüge der im Wesentlichen bereits bekannten Novelle zum Brannt­weinsteuergesetz (fünfjährige Kontingentirungs- periode, allmähliche Zurückführung der höchsten Kon­tingente bis auf ein Maximum von 150,000 Litern, Be­schränkung neuer Kontingentirungen auf em Maximum von 80,000 Litern, Maßnahmen gegen eine gesteigerte Produktion von Melaffespiritus, Einführung einer be­sonderen, die kleinen Brennereien freilassenden, pro­gressiven Betriebs st euer, deren Ertrag nur zu Aus­fuhrprämien zu verwenden wäre, Steuererhöhung für den Sommerbetrieb, Aufhebung des Zwanges, das zu- getheilte Kontingent jährlich abzubrennen) für geeignet erklärt, um durch Einschränkung der Produktion und Hebung des Absatzes ins Ausland die Lage des Brennereigewerbes zu verbessern. Mit Rücksicht auf die Gefahr, daß im nächsten Monat die Produktion von Melaffespiritus enorm steige, sei es erwünscht, daß das Gesetz womöglich am 9. Juli bereits in Kraft trete. Der Verkehr mit denaturirtem Spiritus sei mög­lichst freizugeben. — In der heutigen Sitzung, in der wieder der Kaiser den Vorsitz führte, wurde über die Währungsfrage verhandelt.

* Wie uns heute Morgen von Berlin mitgetheilt wurde, ist der jüngste Prinz unserer kaiserlichen Familie, Joachim, ernstlich erkrankt, und zwar, dem Vernehmen nach, an Blinddarmentzündung.

* Heute morgen fand in der St. Hedwigskirche eine von dem Abgeordneten Domvikar Wenzel celebrirte hl. Messe zum Gedächtnisse Windthorst's statt, der zahlreiche Centrumsabgeordnete aus beiden Parlamenten beiwohnten.

* Oberbürgermeister Becker-Köln ist, wie uns mit­getheilt wird, zum Nachfolger des verstorbenen 2.

die Syithlmz des httagriito.

Roman von H. v. Remagen.

(25. Fortsetzung.)

Jakob wurde roth vor Verlegenheit. Mit einer Dame und einem Kinde von dem Vorwande zu sprechen, der ihn dorthin geführt, schien ihm nicht schwer, aber mit diesem Unbekannten, dessen Blick so forschend, ja durchbohrend auf ihn gerichtet war, das war eine ganz andere Sache. Jndeß, seines Schweigens und noch mehr seiner momentanen Verlegenheit sich schämend, faßte er sich ein Herz und fing, während Bruno stramm wie ein Grenadier sich entfernte, resolut an:

„Ich bin gekommen, um mich bei Fräulein Waiser zu entschuldigen."

Bosak nickte zweimal mit dem Kopfe zum Zeichen der Aufmerksamkeit.

„Ich habe mich eines unfteiwilligen Mangels an Höflichkeit schuldig gemacht," fuhr der Baron lächelnd i fort und setzte mit dem Tone offenster Freimüthigkeit hinzu: „Die Fenster meines Hauses gehen auf den kleinen Garten, der zu dieser Wohnung hier gehört; und vor einer Weile, als ich mich, um die Sonnen­wärme zu genießen, auf die Fensterbrüstung lehnte, sah ich zum ersten Male Fräulein Waiser und ein Mädchen mit blonden Haaren; sie sprachen, und ich belauschte ihre Unterhaltung."

Vicepräsideute« des Herrenhauses, Oberbürgermeister Bötticher-Magdeburg, ausersehen. Die Wahl findet in der Freitags-Sitzung des Herrenhauses statt.

* Die Ernennung des Grafen WilhelmBismarck zum Oberpräsideuteu von Ostpreußen wird im ,Reichs- anz.' amtlich bekannt gemacht. Zum Nachfolger des Grafen Bismarck in Hannover ist der Oberpräsidial­rath v. Brandenstein in Potsdam ernannt worden. Als dessen Nachfolger in Potsdam nennt die .Post' den Regrerungsrath v. Buch, gibt aber nicht an, ob dies der konservative Landtagsabgeordnete gleichen Namens ist, dessen Mandat durch die Beförderung er­löschen würde. Ferner theilt die .Post' mit. daß der Regierungspräsident Himly in Posen nach Stade versetzt werden und zum Nachfolger den bisherigen Oberpräsidialrath v. Jagow in Posen erhalten soll. Die Ernennung des Grafen Wilhelm Bismarck joll, eimm ostpreußischen Blatte zufolge, der Kaiser sofort dem Fürsten Bismarck telegraphisch mitge­theilt haben; auch hieraus ergibt sich, daß die Er­nennung des Sohnes eine Geburtstagsüberraschung für den Vater sein sollte.

* Der Seuioreukonveut des Reichstags ist auf heute Abend vom Präsidenten v. Levetzow zusammen­berufen, um über eine Ehrung Äismarck's zu berathen. Nach der .Nationallib. Korr.' beabsichtigt Herr v. Levetzow die Veranstaltung eines parlamen­tarischen Festmahls in der Wandelhalle des Reichstagsgebäudes. Um eine offizielle Festfeier des Reichstags in feiner Gesammtheit kann es sich selbst­verständlich nicht handeln; wenn aber die Bismarck- Verehrer des Reichstags sich zu einem Festmahl in der Wandelhalle vereinigen wollen, so wird man ihnen das schwerlich verwehren, nachdem die Halle bereits zweimal zu Wohlthätigkeits-Konzerten hergegeben worden ist. — Im Seniorenkonvent kam es, wie die ,Franks. Ztg.' schreibt, zu lebhaften Auseinandersetzungen über eine Kundgebung des Reichstags zum Geburtstage Bismarck's. Die Sitzung verlief resultatlos, weil zwischen dem Standpunkt der Konservativen, Nationalliberalen und Antrsenliten sowie Rickert's einerseits und dem der Freisinnigen, des Centrums und der Sozialdemokraten andererseits eine Einigung nicht möglich war.

* Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat heute die Wahl des Abg. Meyer (2. Danzig, Rp.) für gütig, die Wahl des Abg. Dr. Böttcher (Waldeck, natl.'), des Vorsitzenden der Umsturzkommission, für ungiltig erklärt und die Wahl des Abg. Hüpeden (2. Kassel, kons.) beanstandet.

* Ihre Betheiligung an der Eröffnungsfeier des Nordostseekauals haben acht seefahrende Nationen bereits offiziell zugesagt und werden insgesammt 30 Kriegsschiffe nach Kiel entsenden. Eine Zusammen­stellung der bis jetzt angemeldeten Schiffe läßt das Imposante der Flottenschau im Kieler Hafen erkennen. Oesterreich-Ungarn entsendet 3 Panzerschiffe und 2 Kreuzer unter dem Kommando des Erzherzogs Karl

„Warum denn auch nicht hören, wenn man sich laut im Garten unterhält?" warf Bosak leicht hin.

„Das ist wahr, mein Herr, allein darum war es mir doch nicht erlaubt, hüleinzureden!"

„Und das thaten Sie?"

„Freilich, und in welcher Weise! . . . Begeistert offenbarte ich meine Bewunderung für das kleine Fräulein. Ich bin Geologe."

„Geologe?" rief Bosak und blickte wohlwollend auf den schönen jungen Mann.

„Mit leidenschaftlicher Liebe habe ich mich dieser Wissenschaft ergeben, und . . ."

„Aber ich begreife nicht," unterbrach Bosak, „was die Geologie mit Fräulein Theodora Müller zu schaffen haben kann."

„Theodora! So hieß meine Mutter," sagte der Baron, und eine Wolke umschattete seine Stirn. „Das Mädchen sprach von seinem Verlangen, die Bildung der Erde, die geologischen Erscheinungen zu studiren und drückte sich in seiner naiven Unwissenheit reizend aus. Was soll ich Ihnen sagen, mein Herr? Ich ent­deckte in ihr ein verborgenes Genie, ein Genie, das nach Licht verlangt, und brach unwillkürlich in einen Ruf der Bewunderung aus, einen Ruf, der von Herzen kam."

„Alles, was uns von Herzen kommt, ist gut, wenn

Stephan. Italien erscheint mit 2 Panzerschiffen, sowie 2 Panzerkreuzern unter dem Befehl des Admirals Accinni; der Herzog von Genua wird das Geschwader begleiten. Spanien läßt sich vertreten durch 4 Panzer­schiffe und 1 Aviso, Rußland durch 2 Panzer und 1 Aviso, Frankreich desgleichen, Nordamerika durch 2 Kreuzer, Portugal durch 1 Panzerschiff und Norwegen i durch das Dampfkanonenboot 1. Klasse „Vikina" und 6 erstklassige Torpedoboote. Bei der Eröffnung des Kanals werden von Schiffen unserer Reichsmarine den Kanal passiren: Die kaiserliche Dacht „Hohenzollern", auf der der Kaiser den Kanal durchfährt, ferner S. M. S. „Kaiseradler" (die alte „Hohenzollern"), auf dem die fürstlichen Gäste sich befinden werden, endlich S. M. Panzerschiff „Wörth" unter dem Kom­mando des Prinzen Heinrich. Die zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals geladenen Persönlichkeiten, die Zivil- und Militärbehörden, sowie die sonstigen be­sonders geladenen Gäste werden auf einigen von dem Norddeutschen Lloyd zu diesem Zweck gestellten Dampfern an der Kanalfahrt Theil nehmen. Privat­dampfer unserer Rhedereien sollen ebenfalls zur Durch­führung des Kanals am Eröffnungstage zugelassen werden. Der Norddeutsche Lloyd beabsichtigt zu diesem Zweck den Dampfer „Kaiser Wilhelm II." einzustellen. Welcher Dampfer der Hamburg-Amerikanischen Packet- fahrt gewählt werden wird, ist noch nicht bekannt. — Die bis jetzt zur Flottenschau angemeldeten fremden Kriegsschiffe haben eine Gesammtbesatzung von 25 000 Mann.

* Der sozialdemokratische Partei-Vorstand veröffent­licht im .Vorwärts' einen Aufruf an die Genossen, sich zum Mai-Feiertage zu rüsten. Wenn auch die Auf­gabe des Tages, der Kampf gegen das Umsturz-Gesetz, die Kräfte der Genossen vollauf in Anspruch genommen habe, so verlange doch die Bedeutung und das Ansehen der sozialdemokratischen Bewegung, daß bei der Mai­feier keiner zurückbleibe. Es wird dann an die Be­schlüsse des letzten Parteitages erinnert, daß zur wür­digen Feier des 1. Mai die allgemeine Arbeitsruhe er­strebt werden soll, daß aber nur diejenigen Arbeiter feiern sollen, die ohne Schädigung der Arbeiter-Inter­essen dazu im Stande sind. Die Opfer, welche die letzte Maifeier zur Folge gehabt habe, würden den Kampfesmuth und die Begeisterung der Arbeiter für den Weltfeiertag nicht schwächen.

* Die neue zweite Kammer Württembergs hat sich in der letzten Zeit mit der Adresse auf die Thronrede beschäftigt, die dann am Dieristag dem Könige über­reicht wurde. Es hat sich bald herausgestellt, daß die Mehrheit von Demokraten und „Ultramontanen" denn doch nicht so unmöglich ist, wie. manche Leute glauben machen wollten, und daß auch die Regierung mit ihr auszukommen nicht für unmöglich hält. Dabei müssen freilich den freiheitlichen Bestrebungen Zugeständniffe gemacht werden. Ministerpräsident von Mittnacht schreckt davor ja auch nicht zurück; er hat sich für die das Herz rein ist," bemerkte Bosak, den jungen Mann scharf fixirend.

Jakob fühlte sich betroffen von diesem Blick, und damit seine Absicht nicht mißdeutet werden könne, sagte er mit einem Ausdruck von Wahrheit und Aufrichtig­keit, der dem Scharfblick des Grafen nicht entgehen konnte:

„Nicht allein wegen meines Verschuldens um Nach­sicht zu bitten, bin ich hierher gekommen ..."

„Warum denn noch?" fragte Bosak, fortwährend feine Augen, wenn auch mit mildem, so doch durch­dringendem Ausdruck auf das ehrliche Gesicht Jakob'S gerichtet haltend?

„Die Kleine," erwiderte der junge Baron, „ist arm und verwaist; sie selbst sagte es . . . Nun wohl, mein Herr, ich möchte sie unterrichten. Jemanden lehren, in welch' wunderbarer Weise die Erdkugel, aus bereit Oberfläche wir uns bewegen, gebildet ist, heißt daS nicht, die allmächtige Größe Gottes beweisen? Und eine Seele zur Bewunderung der göttlichen Weisheit führen, ist das nicht ein schöner Beruf?"

„So wünschen Sie also Fräulein Müller Unter­richt zu geben?" fragte Friedrich nach kurzem Still­schweigen.

„Ich wünsche es dringend," antwortete Jakob.

„Fräulein Waiser wird sich sehr darüber freuen und in ihrem Namen kann ich Ihnen antworten, da