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Freitag, den 15. März 1895.

22. Jahrgang

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* Im Staatsrath sprach gestern GrafKanitz über i seinen Antrag. Bekämpft wurde dieser hierauf von i Herrn v. Helldorff-Bedra und dem Geh. Kommer- ' zienrath Frentzel. Der Kaiser führte auch heute l wieder den Vorsitz.

* Der Reichstags - Präsident v. Lev etzow beab­sichtigt, wie man hört, die Osterferien am 5. April ein treten zu lassen. ( ... .

* Die Centrumsfraktion des Reichstags mschloß in der heutigen Fraktionssitzung einstimmig die Ab­lehnung des Antrages Kanitz. Die Fraktion sprach sich ferner gegen das geplante Zusammengehen mit der Wirtschaftlichen Vereinigung des Reichstages aus; da gegen bildete" sich aus dem Schoße der Fraktion eine ; wirthschaftliche Abtheilung.

* In der Petitions - Kommission des Reichstags kam heute die Petition eines gewissen Jahn, den Fürsten Bismarck zum Ehrenbürger des Deutschen Reiches zu ernennen, zur Besprechung, i Nach theilweise sehr erregten Debatten — die Kartell- । {nüber konnten natürlich keine Kritik des „Altreichs- ; kanzlers" ertragen — wurde die Zuziehung eines Re­gierungs-Kommissars beschlossen, um zunächst die Frage zu erwägen, ob überhaupt ein f6t-

recht" verliehen werden könne.

* Graf Wilhelm Bismarck, Regierungspräsident in Hannover, ist, wie schon gestern berichtet, zum Ober­präsidenten von Ostpreußen ernannt. Diese Mittheilung der offiziösen ,Berl. Korresp.' rief hier allgemeine Ueberraschung hervor, da Niemand an den Grafen Bismarck gedacht hatte. Vielleicht ist seine Ernennung auch für ihn selbst und seinen Vater eine Ueberraschung, für letzteren insbesondere eine freilich

fitzte, hörte er Schritte hinter sich und, sich umweudend, erblickte er einen ernsten, düst er n Mann, welcher gleich ihm auf das Öcffncn der Thür wartete.

„Zu wem wünschen die Herren?" fragte etn Pförtner mit rother Nase und jovialem Aussehen.

„Zu der Dame, welcher der Garten dieses Hauses gehört", entgegnete der Baron.

„Ich komme in diesem Augenblicke von einem längeren Ausgange zurück", antwortete der Pförtner, „und weiß wirklich nicht, ob Fräulein Waiser auf ihrem Zimmer ist; wollen Sie sich vielleicht selbst überzeugen nnd aus der zweiten Etage anklopfen? ..."

„Sehr gern", unterbrach Jakob und schritt, ohne aus den ersten Unbekannten, dessen etwas vernach­lässigte Kleidung ihm keine hohe Meinung einflvßte, zu achten, hastig vorwärts; allein ein schneller Schritt folgte ihm die Tnppen hinauf und hielt sich in kurzer Entfernung hinter ihm. Auf der zweiten Etage an­gekommen, klopfte er und sah den Unbekannten von Neuem vor sich stehen; deshalb besah er sich jetzt ihn etwas weniger flüchtig, und cs schien ihm, als habe er diesen strengen Blick schon anderswo gesehen; da er sich aber nicht mehr genau erinnern konnte, zuckte er die Achseln und klopfte von Neuem.

Ein ehrwürdig aussehender Greis öffnete und ver-

DeyWes Reich.

Berlin, 13 März.

Was liest Du?

* Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich fage Dir, wer Du bist — so lautet ein alter, wahrer Spruch. Er gilt nicht blos von dem Umgänge mit Menschen, sondern viel mehr noch in heutiger Zeit von dem Umgänge, den wir mit unserem geistigen Freunde, der Lektüre, pflegen. Je nachdem diese gewählt ist, je nachdem ist der Mann geartet; das ist kein Trugschluß.

Wir sind nun in den Tagen, in denen Jeder seinen geistigen Freund wieder auf ein Vierteljahr weiter sich wählt Da tritt wohl an manchen Leser die innere Frage heran: Was liest Du? Nicht an alle tritt dieselbe; denn gar so Viele bestellen unbekümmert weiter, ohne sich die Frage vorgelegt zu haben: Was liest Du? Was ist Dir Tein seitheriges Blatt gewesen?

Leider ist dem so. Bei so Manchem ist der Sinn verflacht, verflacht eben durch die seichte Lektüre, die er tagtäglich hat, daß er für das Ernste, Gute und Erhabene gleichgiltig geworden ist. Er will nur unter­halten sein, und darum liebt er die Blätter, die alle möglichen Neuigkeiten, besser gesagt: Klatsch bringen. Wenn dann dazu noch unter dem Strich prickelnde Romane die Phantasie fesseln, dann ist dem Bedürfnis

neigte sich tief, indem er den dicht hinter Jakob v. Hauser Stehenden ehrerbietig begrüßte.

„Bruno, ist Fräulein Waiser zu Hause?" fragte eine sanfte und doch zugleich wohlklingende Stimme.

„Nein, Herr Gra . . -, Herr Bosak", antwortete der Diener, sich verbessernd.

Gut", sagte Bosak oder vielmehr Friedrich von Borges und trat, den Baron höflich grüßend, rn das Zimmer des Fräulein Waiser.

„Und der Herr?" fragte Bruno, sich an den Baron wendend. ' . , .. ,

Wenn cs mir verstecktet wäre zu warten, wurde es mich sehr freuen", versetzte Jakob von Hauser un- ^^Brnno blickte erst Bosak an, der noch im Vor­zimmer stand, und sagte dann: „Bitte!" und ließ den Baron in einen kleinen, hübsch eingerichteten, aber nicht sehr hellen Salon treten, dessen Fenster durch gelbseidene Vorhänge fast ganz verdeckt waren.

Sich selbst überlassen, legte Jakob seinen Hut auf einen mit Sarnmt bekleideten Stuhl und vertiefte sich, da er nichts Besseres zu thun wußte, in seine Ge­danken ; er suchte sich diesen Menschen mit dem ernsten Gesicht in's Gedächtniß zurückzurufen, allem lange ver-

Windthorst - Denkmal!

Vier Jahre find heute verflossen, seit Dr. Ludwig Windthorst, der große Führer des Centrums, uns durch den Tod entrissen wurde. Jeder ehrte den großen Mann im Tode; auch Derjenige, welcher im Leben ihn bekämpfte. , .

Seine unendlichen Verdienste um die Kirche und den Staat konnten nicht verkannt werden. Er hatte sein ganzes Leben in thätiger Arbeit für seine Mit­menschen selbstlos aufgeopfert und große Erfolge er­rungen. Auch in Zukunft wird Windthorst 8 Namen niemals verklingen. Seine Thaten werden in ewiger Zeit noch ihn rühmen- Dieses Denkmal hat er sich selbst gesetzt. ,

Ein anderes soll ihm von seinen Mitbürgern er­richtet werden. , „ . ,

In feiner Wahlstammburg Meppen soll em ehernes Standbild zürn lebendigen Andenken an den muthigen und topfern Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht erstehen, ein Standbild einfach und schön, würdig der schlichten Größe Windthorst's und des Adels seiner Gesinnung. , ~ r. ,

Die seierliche Einweihung wird un Juli d. statt­finden. Noch immer aber fehlen zur Deckung der Kosten einige Taufend Mark. Zum letzten Male wenden wir uns daher heut? an alle Gleichgesinnten ip der sichern Erwartung, daß Jeder, welcher bisher noch nichts ge­geben hat, "nunmehr eiligst seinen Beitrag spendet, damit Alle mitaewirkt haben zur Tilgung der gemeinsamen Dankesschuld und Antheil haben am

Windthorst-Denkmal in Meppen.

Beiträge nehmen entgegen die Expedition dieser Zeitung und Herr Laurent Bödiker in Meppen.

etwas frühe Geburtstags-Ueberraschung. Graf Bismarck steht im 43. Lebensjahre.

* Fürst Bismarck hat sich bereit erklärt, am 25. b M. die Mitglieder der früheren Kartell-Par­teien des Abgeordnetenhauses zu empfangen. Präsident p. Köller wird dem Fürsten die Glückwünsche der Erschienenen darbringen.

* Jedermann im Deutschen Reiche hat den Alt­reichskanzler zu ehren!" Dieser neue Gesetzesparagraph entstammt nicht etwa einem Witzblatte; er ist auch nicht dem Kopfe eines spottlustigen Satyrikers entsprungen. In einem von „nationaler" Begeisterung bis zum Platzen aufgeschwollenen, ernsthaften Leitartikel. der M N. Nachr.' ist er wortwörtlich zu lesen. Zn einem Augenblick, während die ganze „liberale" Welt aus blasser Furcht vor drohender „Geistes-Knechtung" und Knebelung des freien Gedankens" förmliche Purzel­bäume schlägt, macht sich dieser liberale Meinungs- Terrorismus, dieser Versuch, die politische Ueber- zeuqunq freier Männer zu vergewaltigen, besonders aut Man muß die beiden Lehrsätze, für welche die liberale Presse im gleichen Athemzuge und Mit gleicher Heftigkeit eintritt, unmittelbar nebeneinander stellen, nm die ganze Ungeheuerlichkeit, den vollen Wahnsinn dieser Ausgeburt echter „nationalen" Mannesseelen zu erfassen: _ , ,, . .

§ 1. Jedem Deutschen muß es erlaubt sein, Gott zu leugnen, den Glauben an das Dasein Gotte? öffentlich zu bekämpfen.

§ 2. Jedermann im Deutschen Reiche hat den Altreichskanzler zu ehren- u

Die Münch- Reuest. Nachr.' stellen also den Alt­reichskanzler dem lieben Gott voran! So wett wären wir" glücklich schon. Wenn irgend ein „Ultramontaner : die Forderung erhebt: „Jedermann im Deutschen Reich hat den allmächtigen Gott zu ehren", dann fliegen ihm Schmeichelnamen, wie „Dunkelmann, Rückschrittler, Geisteshenker, schwarze Brut", nur so um den Kopf. Und wenn ein „Ultramontaner" sich weigert, den Fürsten Bismarck mitznfeiern, — nun, dann sind die SchmerchA- namen dieselben. Die heißblütigen Deklamationen gewisser Blätter über die bevorstehende Bismarckfeier, die wüthende Parteihetze, welche jetzt wieder im Schwünge ist, mnthet uns oft wie ein Hauch aus den siebziger i Jahren an, als auch der pseudo-,.nationale" Popanz I die höchste Gottheit in Deutschland fein sollte und Jeder ! geächtet war, der nicht anbetend davor auf die Kniee ' fiel Aber die heutigen Stimmungsmacher täuschen sich ' doch sehr, wenn sie glauben, der rohe, unduldsame,

Genüge geihan. Ob durch das Gebotene Glauben und gute Sitte gefährdet werden können, darum kümmert man sich wenig. Ja, man hält sich für so fest und erhaben, daß man wähnt, keinen Schaden nehmen zu können. , _ .. . jrU

Wer nicht für mich ist, ist wider mich , sagt der göttliche Lehrmeister. Dies Wort gilt in be­sonderem Maße auch von der religio nsgleich- qiltigen Presse, an der unsere Zeit so reich ist. Sie ist eng verwandt mit der religionsfeindlichen Presse, in ihren Wirkungen aber wohl noch gefährlicher als diese. Für einen Katholiken aber ist es von größter Bedeutung, daß er sich keinen falschen, sondern einen echten und treuen Freund als täglichen Berather er­wählt. Es ist auch zugleich eine Ehrensache fsir ihn, dies zu thun. . ,

Ein Katholik, der noch auf fernen kathol. Namen was hält, hält sich auch eine katholische Tages- 3e 1 Es" fii darum für jeden Katholiken die Parole : „Ich lese nur eine katholische Zeitung; die andern überlasse ich den Nichtkatholiken."

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mit Unterhalt«»»« Beilage „Sterne und Klumen«._________________

i R :R-«-md.n-fchmE»d-. GM im-- T-,- " > > I {bnne im Deutschen Reiche noch einmal die Oberhand

erlangen. Tas sind vergangene Zeiten!

* Osnabrück, 12. März. Gegen die Nieder­lassung von drei Franziskanern richtet sich eine Petition epang. Bundesbrüder, welche gegenwärtig in hiesiger Stadt eirkuÜrt. Begründet wird die Petition'mit dem Hinweis auf die hiesigen angeblich unbefriedigenden konfessionellen Verhältnisse (in der gesammten Stadtverwaltung sind die Katholiken ,ozu-

Die EWllmg des Tsdtengräders.

Roman von H. v. Remagen.

(24 Fortsetzung.)

Und er begann auf und ab zu gehen in seinem Zimmer, indem er sich den Kopf zerbrach, um einen plausibeln Vorwand, irgend eine Idee zu finden, wie er ein Projekt auszuführen vermöchte, welches nur durch das reine Verlangen nach der Ausbildung eines geweckten Verstandes, noch Mittheilung einer Wissen­schaft, der er selbst sich nut so großer Liebe gewidmet hatte, diktirt war. Nach langem Suchen fand er, was er verlangte, und rieb sich freudig die Hände. Er wollte feinen Nachbarinnen sich vorstellen unter dem Vorwande, sie um Entschuldigung zu bitten, daß er sie durch seinen unwillkürlichen, ihnen zudringlich er­scheinenden Ausruf aus dem Garten _ vertrieben pabe.

Tie Stunde war gerade gelegen für einen Höflich­keitsbesuch , daher fitzte er seinen Hut auf, zog em Paar dunkle Handschuhe au und verließ ohne weiteres Bedenken das Haus.

In einigen raschen Schritten legte er die kurze | Strecke, welche ihn von Theodoras Wohnung trennte, zurück Während er den Thürklopfer in Bewegung