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Donnerstag, den 14. März 1895.
22. Jahrgang
FuldaerMZeituug
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§ Der Staatsrath
ist Dienstag morgen um 10Uhr vom Kaiser mit einer Ansprache eröffnet worden, in der die Aufgaben des Staatsraths kurz gezeichnet werden. Die andauernde, ungünstige Lage der Landwirthschaft — fo begann der Kaiser nach dem Bericht des .Reichsanzeigers' — mache es der Regierung zur unabweisbaren Pflicht, Mittel und Wege zu suchen, welche den Ertrag der Boden- bewirthschaftung zu heben geeignet seien. Es ist zu beachten, daß der Kaiser nicht speziell von der Hebung der Preise der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, sondern allgemein von der Hebung des Ertrags der Bodenbewirthschaftung gesprochen hat. Der Ertrag hängt ja nicht allein von den Preisen ab — es ist nützlich, dies hervorzuheben —, sondern zunächst von der Verbesserung der Ertragsfähigkeit des Bodens, dann von der Verbilligung der Produktion, also Verminderung der Unkosten und Lasten des Bauernstandes, von dem Absatz der Produkte und endlich auch von den Preisen derselben; letztere sind also für sich allein nicht entscheidend, auch bei zu niedrigen Preisen kann der Ertrag gehoben werden, wenn die anderen Vorbedingungen eines guten Ertrages, namentlich auch j billige Produktion und guter Absatz, gegeben sind.
Der Kaiser fährt dann fort, indem er mit Recht , verlangt, daß, je lebhafter die Frage der Abwehr des Nothstandes erhoben wird und je zahlreicher und einschneidender die Abwehr-Vorschläge sind, um so gründlicher und sorgfältiger ihre Prüfung fein müfse. Es kann ja' nichts helfen, wenn Agitatoren, die in der Wahl ihrer Mittel nicht eben wählerisch sind, von Volksversammlungen „einstimmig", „jubelnd" und dergleichen „beschließen" lassen, daß dieser oder jener Vorschlag ausgeführt werden müsse; in Volksversammlungen gibt es keine sachliche Prüfung, und ihre Beschlüsfe haben daher nur dann Anspruch auf Beachtung, wenn die ihnen zu Grunde liegenden Forderungen vorher auch von berufenen Männern, die von der Sache wirklich etwas verstehen, einer gewissenhaften Prüfung unterzogen und befürwortet worden sind oder wenn es sich um längst durch die öffentliche oder parlamentarchjhe Erörterung geklärte Forderungen einer Partei, eines Standes oder eines Volkstheiles handelt. Mit dem Antrag Kanitz ist jedenfalls sehr viel weniger gewissenhaft verfahren, denn er würde sofort als Schlagwort und Agitations- mittel in die breiten Massen geworfen, noch ehe die Antragsteller selbst sich völlig klar geworden waren über seine praktische Durchführbarkeit und seine prinzipielle Tragweite.
Von den Berathungen des Staatsraths verspricht sich der Kaiser den Erfolg, „daß die weit auseinandergehenden Auffassungen über das auf dem vorliegenden Gebiete Mögliche und Erreichbare berichtigt und der Verständigung näher geführt und daß daneben
cs- Trost. -s-O
ew*-ta§ der frische Th au den Blüthen C6VV1 3st, den welken, tagesmüden, 61n2>*- Das für Kummer, Gram und Schmerzen Ist der Trost dem Menschenherzen.
Trost zu leih'n, veracht' sie nicht,
Diese süße, heil'ge Pflicht, Manche bitt're Seelenwunde Kannst Du heilen und gesunden.
Da, wo bleich verhärmte Wangen,
Stumme, wehe Blicke bangen, Glaube mir, ein Tcosteswort, Hier ist es am rechten Ort.
Siehst Du d'cum ein Äug' in Thränen,
Hörst Du weinen, seufzen, stöhnen, O verweil', o geh' nicht fort. Eh' Du sprachst ein tröstend Wort. Sch.
vik tzrMlmg des goMengrabm.
Roman von H. v. Remagen.
(23. Fortsetzung.)
„Das ist nicht mein Verdienst," antwortete das Mädchen und fügte mit kindlicher Offenheit hinzu: „Das verdanke ich meinen guten Eltern."
„Wohlan denn, wir wollen zusammen studiren und das Gelernte erweitern. Ein edler Mann hat mich Ihnen zur Seite gestellt, damit ich Sie unterrichten und erziehen, damit ich Ihre Mutter sein soll; Sie
für Meine und Meiner Regierung Entschließungen werthvolle Grundlagen gewonnen werden." Der Kaiser schließt dann in folgender beachteriswerther Weise: „Es wird mir zu Genugthuung gereichen, wenn die aus Ihrer Mitte hervorgehenden Vorschläge eine Gestalt annehmen, welche ihre Durchführbarkeit erkennen läßt, und wenn Ihre Berathungen sich auf Ziele richten, welche ohne Verletzung anderer berechtigter Interessen und unter Achtung bestehender Vertragsverhältnisse den aus der Landwirthschaft lastenden Druck thunlichst zu beseitigen geeignet sind."
Diese Worte lassen deutlich erkennen, daß der Kaiser, wie auch wohl Niemand im Ernste je bezweifelt hat, keinem Vorschläge zustimmen wird, der auf eine Be- nachtheiligung anderer Berufsstände und Volksschichten herauskommt' und den Handelsverträgen zuwiderläuft. Mit diesen Bedingungen aber ist dem Antrag Kanitz das Urtheil gesprochen, denn sollte es überhaupt möglich sein, ihm eine jenen Bedingungen genügende Gestalt zu geben, so wäre er nachher' eben nicht mehr wesentlich derselbe, nicht mehr — der Antrag Kanitz. Wie es den: Antrag heute im Staatsrath ergangen ist, erfahren wir noch nicht, denn der ,Reichsanzeiger' meldet nur lakonisch: „Die Verhandlungen, welche von Seiner Majestät geleitet werden, betrafen den ersten Gegenstand der Tagesordnung: „Maßregeln zur Hebung des Getreidepreises" und wurden bis zum Beginn der Pause, 1 Uhr Mittags, fortgesetzt." In den Kreisen der Land- wirthschaftsbündler scheint man aber selbst nicht an einen Erfolg des Kanitz'schen Antrags,im Staatsrathe zu glauben. Das ,Volk' wenigstens schreibt: „Sehen wir uns die Liste der stimmberechtigten Mitglieder des Staatsraths an — kaum sechs Freunde des Antrages Kanitz finden wir darunter." Die konservative Partei des Reichstags fürchtet offenbar auch, daß der Antrag Kanitz vom Staatsrath abgelehnt wird; denn so erklären wir es uns, daß der Antrag Kanitz, wie die ,Kreuzzeitung' berichtet, heute, mit 103 Unterschriften versehen, im Reichstage eingebracht worden ist, nachdem es früher geheißen hatte, der Antrag solle erst nach den Staatsrathsverhandlungen eingebracht werden. Die Einbringung des Antrags nach Ablehnung durch den Staatsrath wäre doch wohl auch von den meisten Konservativen als eine allzu schroffe Demonstration gegen den Kaiser aufgefaßt worden, und darum bringt man den Antrag lieber gleich jetzt ein und erreicht dadurch, daß er gleichzeitig mit der Eröffnung des Staatsrathes eingebracht wird, noch den Nebenzweck, der Einbringung eine gewisse Feierlichkeit und demonstrative Betonung zu verleihen, zu zeigen: Schau her, Staatsrath, wir sind hier 103 Reichstagsabgeordnete, die auf dem Antrag Kanitz bestehen! Diese 103 werden aber auch wohl alle sein, die im Reichstage vielleicht (sicher ist das auch noch keineswegs), wenn es
werden mich lieben, nicht wahr? Ich fühle schon, daß ich Sie sehr liebe, mein Kind."
„Dank, Dank, Madame," versetzte Theodora unter Thränen. „Dank von ganzem Herzen. Meine arme Mama wird Sie vom Himmel her segnen."
„Weinen Sie nicht, meine Tochter," sagte die Dame gerührt.
„Sehen Sie, ich weine nicht mehr," erwiderte das Mädchen, trocknete die Thränen ab und gab seiner Erzieherin die Hand; nachdem es sich ein wenig gefaßt und einen Augenblick nachgedacht, fuhr es fort: „Von Allem, was ich lernte, gefiel mir die Geographie am meisten; aber mehr noch als die Geographie möchte ich wissen .... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken, wie ich sagen soll..."
„Dann wird es mir auch zu schwer sein, es zu errathen," bemerkte Fräulein Waiser lächelnd.
Theodora erröthete; sie drückte das weiße Händchen auf die Stirn, wie um einen Gedanken daraus hervor- zupreffen; dann schüttelte sie das Köpfchen, warf die blonden Locken ihres reichen Haares über die Schultern zurück und Hub halb zögernd an: „Ich möchte wissen, wie die Erde entstanden und geformt worden ist; ich möchte den Ursprung der Berge und Felsen, der Seen und Flüsse, der feuerspeienden Berge..."
„Ich verstehe schon. Sie wollen Geologie studieren. . Die Geologie ist aber nicht bloß mit der Geographie ' verknüpft, sie hat viele Wissenschaften zur Grundlage !
darauf ankommt, für den Antrag zu stimmen bereit sein werden — und das ist doch eben nur wenig mehr als */* des Reichstags. Wir glauben daher nicht, daß die Unterschriften des Antrags Kanitz die Aussichten desselben im Staatsrathe sehr verbessern werden.
Dcntfdics Keich.
Berlin, 12. März.
* Die gestern von der ,Post' gebrachte Nachricht, daß der Regierungspräsident in Breslau, Dr. v. H e y d e- brand u. d. Lasa zum Oberpräsidenten von Ostpreußen ernannt wäre, wird von der ,Nordd. Allg. Ztg.' in offiziösem Sperrdruck als „unzutreffend" bezeichnet. Dieses Dementi muß um so mehr auffallen, als gleichzeitig die ,Kreuzztg.' bereits den Nachfolger des Herrn v. Heydebrand für Breslau in der Person des Ober- pcäsidialraths v. Brandenstein zu Potsdam bezeichnet. Zudem war die Nachricht der Host' doch in sehr bestimmter Form gehalten. Ob sie vielleicht richtig war und heute schon nicht mehr richtig ist? Oder ob sie blos noch nicht richtig ist? Das wird sich ja bald zeigen. — Die offiziöse ,Berl. Korresp.' meldet: Der Regierungspräsident zu Hannover, Graf Bismarck- Schönhausen, ist zum Oberpräfidenten von Ostpreußen ernannt worden.
" * Wie mitgetheilt wird, soll die von allerhöchster Stelle für den Fürsten Bismarck zu desfen 80. Geburtstag geplante "besondere Ehrung unter Anderem darin bestehen, daß dem Fürsten die erbliche Fürstenwürde und zwar dergestalt verliehen werde, daß dieselbe noch bei seinen Lebzeiten auf seine beiden Söhne übergeht. Außerdem besteht die Absicht, dem Fürsten schon mit Rücksicht auf seine Würde als Herzog von Lauenburg den Titel Hoheit zu verleihen.
* Der Antrag Kanitz ist heute mit 103 Unterschriften versehen im Reichstag eingebracht worden. Das Centrum hat die Unterstützung verweigert.
* Die Umsturz-Kommission beendete die erste Lesung. Die Anträge auf schärfere Bestrafung des Duells, auf Bestrafung der unbefugten Veröffentlichung amtlicher Schriftstücke und auf Einschaltung einiger Bestimmungen der lex Heintze wurden abgelehnt. Art. 3 der Vorlage wurde in einer Fassung angenommen, daß eine schleunige Beschlagnahme von Druckschriften auch erfolgen kann, wenn der Inhalt gegen § 111 und Illa des Strafgesetzbuchs verstößt. Die zweite Lesung wird in acht Tagen stattfinden.
* Schreckliche Drohung. Ein Leipziger Blatt kündigt an, daß im Falle der Reichstag keine Bismarckhuldigung veranstaltet, so werde man sich nicht wundern können, „wenn die gesammte nationale Presse den Beschluß faßt, keine Silbe mehr über die Verhandlungen dieser Körperschaft zu veröffentlichen. Das wäre die einzig richtige Antwort auf das Schweigm des Reichstags am 1. April, der einzig richtige Grab- und darum werde ich, meine Tochter, Ihnen leider nur einige oberflächliche Begriffe davon mittheilen können."
„Ich weiß nicht, ob das, was ich wünsche, so heißt; ich bin so unwissend .... Ach, wie glücklich wäre ich gewesen, wenn ich die Magd jenes Professors hätte sein können."
„Von welchem Professor sprechen Sie, meine Liebe?" „Sehen Sie, Madame, ich will es Ihnen erzählen . . . Meine arme Mutter stickte und verkaufte Stickereien, um leben zu können, und ich brachte ihre Arbeiten zu den Damen, die ihr Aufträge gaben. — Eines Tages begab ich mich allein nach der Wohnung einer Professors-Frau, deren Gemahl viele reiche junge Leute unterrichtete. Die Dame war ausgegangen, eine mürrische Magd ließ mich in ein kleines Zimmer treten und sagte übel gelaunt: „Wenn Sie das Geld für diesen Firlefanz haben wollen, so warten Sie hier, aber machen Sie kcinGeräusch, sonst müssenSie fort." Ich wartete ganz mäuschenstill; ich saß nahe an einer Thür, durch welche ich, da sie ein wenig offen stand, den seine Schüler unterrichtenden Professor sah: nicht zufrieden mit dem bloßen Sehen, ward ich ganz Ohr. Ach, wie schön sprach der Professor ! Ich verstand seine Worte ganz gut. Er sagte, die Erde sei eine ganz frei im Raume schwebende Kugel; die Gebirge veränderten an dieser Gestalt nichts, da sie im Ver- hältniß zur ganzen Erde viel weniger in Betracht kämen, als die Runzeln auf der Schale einer Pomeranze.