22. Jahrgang
Dienstag, den 12. März 1895.
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mit Unterhattungs-Keilage „Sterne und Klnmrn"
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ir eigener Herr, wer kann Sie hindern
zu leben, wie es Ihnen gefällt? Gestehen Sie es nur, Sie leiden an Unbeständigkeit. Ist es nicht so?"
„Nicht ganz. Ich will Ihnen den Grund erklären, warum Sie mich bald als galanten Kavalier, bald als ernsten, mürrischen Langweiler gesehen."
„Lassen Sie hören! lassen Sie hören!" rief Sibilla munter.
„Mein Vater als Zweitgeborener in einer adeligen Familie war nicht reich, dennoch brachte er ungeheure Opfer, um mich etwas Tüchtiges lernen zu lasten, indem er auf meinen guten Willen und mein Talent rechnete. Ich habe seine Hoffnungen nicht vereitelt, sondern nach Vollendung meiner Umversitätsstudien zu München mich den Naturwissenschaften gewidniet, besonders der Geologie und Mineralogie. Ich begab mich sodann auf Reisen und setzte in Amerika meine wissenschaftlichen Studien fort, bis ich den Tod meines Vaters, dann den meines Onkels erfuhr; der Letztere hatte mir seinen ganzen Reichthum hinterlassen .... Ich habe den Tod meines geliebten Vaters bitter und lange beweint, allein mit der Zeit machte sich die Natur geltend; alleinstehend und dabei unermeßlich
sprechen oder nicht, so ist es doch jedenfalls sehr charakteristisch für unsere Zustände, daß die Krffen- gerüchte niemals verstummen wollen. Herr v. Köller ist ja übrigens nicht der Einzige, den man für „wackelig" mit Sogar noch eine ganze Sprosse höher hinauf wagen sich die Krisengerüchte. „Ich sehe bereits die Füße derer, die ihn hinaustragen werden", dieses Wort ist jüngst in parlamentarischen Kreisen in Bezug auf einen sehr hohen Herrn gefallen, dessen Namen wir aber nicht nennen mögen, da in diesen schnellwechselnden Zeitläuften jener Ausspruch vielleicht schon nicht mehr den thatsächlichen Verhältnissen entspncht. Wie dem auch sein mag, diese Unsicherheit läßt es jedenfalls gerathen erscheinen, sein politisches Verhalten nicht auf das Vertrauen oder Mißtrauen zu einzelnen Persönlichkeiten, auf deren Wohl- oder Uebel- wollen zu gründen.
scheint b?e9'Raum"!" Pf^Mkl-men Rabatt. * /
Deutsches Reich.
Berlin, 9. März.
* Der Centrums-Antrag auf Wiederherstellung der Artikel 15, 16 nnd 18 der preußischen Verfassung ist heute dem Abgeordnetenhause als Gesetzentwurf in folgender Fassung unterbreitet worden:
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen rc. verordnen, mit Zustimmung beider Häuser des Landtages Unserer Monarchie, was folgt:
Einziger Artikel:
Die durch die Gesetze vom 5. April 1873 (Gesetzsammlung S 143) und 18. Juni 1875 (Gesetzsammlung S. 259) abgeänderten bezw. aufgehobenen Artikel 15, 16 und 18 der Verfassungsurkunde für den Preußischen Staat vom 31. Januar 1850 (Gesetzsammlung S. 17) werden in der ursprünglichen Fassung 2
Art. 15. Die evangelische und römisch-katholische Kirche, sowie jede andere Religionsgesellschaft, ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig und bleibt im Besitz und Genuß der für ihre Kultus-, Unterrichts- und Wohlthätigkeitszwecke bestimmten Anstalten, Stiftungen und Fonds. ,
Art. 16. Der Verkehr der Religionsgesellschaften mit ihren Oberen ist ungehindert. Die Bekanntmachung kirchlicher Anordnungen ist nur denjenigen Beschränkungen unterworfen, welchen alle übrigen Veröffentlichungen unterliegen.
Art. 18. Das Ernennungs-, Vorschlags-, Wahl- und Bestätigungsrecht bei Besetzung kirchlicher Stellen ist, soweit es dem Staate zusteht, und nicht aus dem, Patronate oder besonderen Rechtstiteln beruht, aufgehoben.
Auf die Anstellung von Geistlichen beim Militär und an öffentlichen Anstalten findet diese Bestimmung keine Wendung
wieder hergestellt.
Urkundlich rc.
* Die Wiederkehr jener Zeit scheint bevorzustehen, wo aus dem „Bunde der Landwirthe" heraus offen der Ruf erscholl, daß der Kaiser als Gegner anzusehen und zu bekämpfen sei; fraglich ist allerdings noch, ob diese schroff oppositionelle Strömung wieder die frühere Stärke erlangen wird. Die .Deutsche Tageszeitung', das Organ des „ Bundes der Land- wirthe", bringt in ihrer Nummer vom 7. März, dem
„Ein wenig. Dies Leben mit seinen Wettrennen, Diners und Festen beginnt mich anzueckeln, ich bin nicht gemacht dafür, auf die Dauer wird es mir zum Sterben widerlich."
Todestage Kaiser Wilhelm's I., einen Gedächt- niß-Artikel auf denselben, der sich thatsächlich aber als ein Angriff auf den gegenwärtigen Kaiser darstellt. Es heißt da: „Unser alter Kaiser gehörte nicht zu den sogen, „impulsiven" Naturen, die von einer Sttmmung zur andern überspringen, die sich von äußeren und inneren Eindrücken leiten lassen, die ,em Geschrei der Menge nachgeben ... er war kein Mann der Strömung, sondern der Ueberzeugung ... Er hat den Konflikt mit der Volksvertretung nicht gescheut, um das durchzusetzen, was für Preußens Zukunst nothwendig war; er hat die Nachrede der Brodvertheuerung nicht gescheut, als es galt, die heimische Landwirthschrft durch Zölle zu schützen. Wie oft hat man versucht, den treuen Diener, den eisernen Kanzler, von ihm zu trennen! Aber er setzte solchen Versuchen ernst und entschieden sein „Niemals!" entgegen . . . Die beste Gabe, die einem Herrscher zu Theil werden kann, ist die Stetigkeit, die Festigkeit, die Unerschütterlichkeit, wie sie ihm eigen war. Daher trug auch seine Regierungszeit . . . das Gepräge der Ruhe und Sicherheit." — Diese versteckten Angriffe und Vergleiche in Caligula-Manier sind so deutlich, daß der spätere Ausdruck der Hoffnung, der Kaiser werde in den Bahnen seinesGroßvaters wandeln, eine offensichtlicheHeuchelei ist.
* Der Reichstag hat heute ohne größere Debatte den Rest des Militär-Etats im Allgemeinen nach den Vorschlägen der Kommission erledigt. Doch wurden folgende Positionen an die Kommission zurück verwies en: eine erste Rate von 660,000 Mk. für eine Kaserne in Worms, eine Forderung von 1,221,000 Mk. zur Vergrößerung des Lockstedter Schießplatzes zu einem Korps-Uebungsplatze und eine l.Rate von 100,000 Mk. für eine Kaserne in Straßburg, letztere auf Antrag des Abg. Richter, um der Kommission Spielraum zu geben, hier einen Abstrich zu machen, falls die beiden ersteren Forderungen ganz oder theilweise angenommen werden sollten. Abg. Frhr. Hehl zu Hernsheim hatte nämlich für die Kaserne in Worms die Bewilligung von 400,000 Mk., Abg. Graf zu Inn- und Knyp- hausen die Bewilligung der ganzen Forderung für Lockstedt beantragt. — Am Montag stehen die Resolutionen Podbielski und Schädler zumMilitär- Eto.t, sowie der Post-Etaf Aerathung.
* Aogeordnetenhaus Jvuw vtv erste Rate I von 1 Äöh Mark zur Verbreiterung des Odet-Vvree-Kanals mit großer Mehrheit genehmigt und dann 5"ch den Rest des Bau-Etats ohne größere Debatten erledig. Eine längere Auseinandersetzung veranlaßte hierauf nocy jweite Sejung der sogen. Rentmeister-Vorlage, die ,Attßlich unverändert nach den Beschlüssen der Kommission 2.We nommen wurde. Am Montag wird diese Vorlage zur dritten Lesung und außerdem der Etat der Steuer- Verwaltung zur Berathung kommen.
* Die Budgetkommission nahm den Antrag Schädler- reich, begann ich die Zerstreuungen und Freuden des Lebens aufzusuchen, da haben Sie mich dem Anscheine nach fröhlich und glücklich gesehen. Ich eilte bald hier, bald dort zu geräuschvollen Festen, allein die alten Gewohnheiten ließen sich durch die neuen nicht ganz verdrängen, so daß ich nicht selten, wenn ich von einem Balle oder einer anderen bis in die späte Nacht verlängerten Unterhaltung zurückkehrte, anstatt zu Bett zu gehen, meine Bücher hervorholte und mich in die zu anderen Zeiten gemachten Beobachtungen über die Erd-Vegetation, über den inneren Bau der Erdkruste und der Gebirge, über die Mineralien und dergleichen vertiefte. Dann erschien ich wohl anderen Morgens nach einer durchwachten Nacht mit ungeordnetem Anzug und unfrisirtem Haar, nicht mehr elegant und lächelnd, sondern nachdenklich und im Aeußern vernachlässigt, im Kreise meiner Freunde."
„Und nachdem Sie Amerika verlassen haben?"
„Bin ich bis zum vorigen Jahre gereist, wenig mich amüsirend, viel studirend. Jetzt ruhe ich aus und gehe müssig einher und schon heftet sich die Langeweile an meine Fersen; ich wiederhole es, das ist kein Leben für mich! Heute oder morgen werde ich ihm entfliehen und mich auf meiner Burg einschließen."
„Und ich werde Ihrem Beispiele folgen. Auch ich suche die Einsamkeit," setzte Sibilla hinzu.
„Das ist Ihr Ernst?" rief von Hauser ironisch.
X Kritisches.
Unmittelbar nach der Entlassung des Grafen Udo Stolberg war, wie das .Volk' hört, dem Grafen Dönhoff-Friedrichstein das Oberpräsidium von Ostpreußen angeboten worden; er hat es aber ab gelehnt, weil er in der Provinz nicht auf das genügende Vertrauen für diese Stellung werde rechnen können. Graf Dönhoff hat sich bekanntlich als Fürsprecher des russischen Handelsvertrags hervorgethan, wofür ihm der Kaiser seinen besonderen Dank aussprach mit den Worten: „Bravo! wie ein echter Edelmann gehandelt!" Die konservative Fraktion hatte ihn damals ausgestoßen. Daß ihm nun das Oberpräsidium von Ostpreußen angetragen wurde — vorausgesetzt, daß die Meldung des ,Volk' richtig ist—, beweist jedenfalls, daß der Wind wieder scharf gegen die Landwirthschafts- bündler weht.
Wie die ,Kreuzztg.' hört, ist die Ordre, durch welche Graf Stolberg in den einstweiligen Ruhestand versetzt wird, vom Kaiser vollzogen. Die ,Kreuzztg.' bemerkt dazu, daß Graf Stolberg keineswegs deshalb zur Disposition gestellt worden sei, weil er sich materiell für den Antrag Kanitz erklärt hat, sondern vielmehr deshalb, weil man an maßgebender Stelle einen so schnellen Gesinnungswechsel mit der Stellung emes ersten Beamten der Provinz für nicht wohl vereinbar gehalten habe. Der ,Hann. Kour.' drückt sich ähnlich aus. Thatsächlich macht es keinen großen Unterschied, ob die Erklärung für den Antrag Kanitz an sich oder die Schnelligkeit des Gesinnungswechsels dem Grafen Stolberg den Hals gebrochen hat; jedenfalls ist seine Unterwerfung unter die Landwirthschastsbündler übel vermerkt worden, und darauf kommt es an. Was mag er aber nun mit seinem Mandat anfangen?! Noch dazu als „Wilder", denn die Konservativen dürften doch kaum Lust haben, den blamirten Mann, der ihnen ohnehin schon nicht gefiel, bei sich aufzunehmen. Vielfach nimmt man an, daß der Sturz des Grafen Stolberg auch denjenigen des Ministers v. Köller nach sich ziehen werde. Es heißt, daß Herr v. Köller abgehen solle, sobald das Schicksal der Umsturzvorlage entschieden sei. Was diese angeht, so erklärt die ,Nordd. Allg. Ztg.' die Annahme eines steisinnigen Blattes, daß die Regierung die Vorlage, wenn sie bei der 2. Lesung in der Kommfffton auf Antrag des Aba. Lenzmann en bloc (im Bausch und Bogen) abgelehnt werden sollte, zurückziehen werde, für „durchaus unzutreffend." Das offiziöse Blatt mag Recht haben, aber auch offiziösen Blättern gegenüber ist heutzutage der Zweifel berechtigt, der Zweifel nämlich, ob ihre Offenbarungen nicht von einem Minister herrühren, den gar bald schon der Lucanus haben wird. Und dieser angenehme Besuch soll ja, wie man munkelt, Herrn v. Köller nahe bevorstehen.
Möge» diese Gerüchte nun den Thatsachen ent-
die EkjWmg de» Todtengriidm.
Roman von H. v. Remagen.
(21. Fortsetzung.)
„Guten Tag, Herr Baron. Warum so nachdenklich?" sagte Sibilla in scherzhaftem Tone.
„Verzeihung! Ich hatte Sie nicht bemerkt," erwiderte Jakob von Hauser.
„Sie sind wirklich ein unergründliches Wesen," versetzte Sibilla. „Bald erscheinen Sie elegant und frivol wie ein Stutzer nach der Mode, bald sinnend und ernst wie ein Gelehrter, bisweilen härter und strenger wie ein Moralist. Von welcher Seite weht heute der Wind?"
„Von den Eisregionen, liebe Sibilla, von der nördlichen Hemisphäre!"
„Auch ich fange an, Kälte am Herzen zu verspüren, darum lassen Sie uns für einen Augenblick unser Eis vereinigen und einige Schritte zusammen machen. Ich muß mich jenseits des Marktplatzes begeben, begleiten Sie mich, lieber Baron."
„Gern", erwidMe von Hauser, leicht die Sttrn runzelnd.
Die Kammerfrau blieb ein wenig zurück und die jungen Leute gingen schweigend neben einander.
„Sie sind wirklich sehr übel gelaunt," bemerkte Sibilla.