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Vellage Iiw Wulösev Zeitung.

58 Sonnlcrg, den 10. März 1895. 22. Jahrgang

Die Bismarckfeier und die Katholiken.

= Vor zehn Jahren gab es ein großes Aergerniß in Deutschland. Es war gesammelt worden zum 70. Geburtstage des Fürsten Bismarck, des allgewaltig regierenden Reichskanzlers und Hausmeiers. Die mittel­parteilichen Industriellen hatten in ihrer klugen Be­geisterung auch die Arbeitergroschen mit stillem, aber wirksamen Nachdruck eingetrieben. Man tröstete sich mit der Hoffnung, daß aus der Ehrensammlung eine Stiftung zum Wohl des Arbeiterstandes hervorgehen werde. Aber es kam ganz anders. Das Geld wurde zum größeren Theile zur Vergrößerung des Bismarck- schen Familienvermögens verwendet. Nach einem un­erquicklichen Kampf im Ausschüsse wurde der lange vorher abgekartete Ankauf des „Stammgutes" Schön­hausen genehmigt und zwar zu einem Preise, der dem Fürsten Bismarck selbst viel zu hoch erschienen war, obschon er wohl in der Lage war, für sein Ahnengut einen Affektionswerth zu bezahlen. Der Rest der Sammlung wurde nicht für das arbeitende Volk, sondern für den an sich sehr ehrenwerthen und nützlichen, aber den Geldgebern etwas fernstehenden Stand der Neu­philologen in einer Stiftung festgelegt. Vermuthlich wirkt die Stiftung noch, aber sie wirkt im Stillen. Die Arbeiter und sonstigen kleinen Leute, die zu der Sammlung beigetragen, hatten sich wohl etwas Anderes vorgestellt, als diese Bereicherung des Reichen und die Förderung von Studienreisen einiger beglückter Sprach­lehrer.

Wenn Fürst Bismarck heute noch im Amt wäre und zu seinem 80. Geburtstag wieder der Klingelbeutel umginge, so würden viele gebrannte Kinder das Feuer scheuen. Es ist ein Glück für alle Betheiligten, daß er jetzt im Ruhestande sein Alter genießt und auf eine Kollekte zur Vermehrung des Bismarck'schen Familien­vermögens verzichtet wird.

Offen gestanden, würden wir uns noch eher dazu verstehen, einen Geburtstag des verabschiedeten, als des herrschenden Bismarck mitzufeiern. Bis­marck hätte es erreichen können, daß man seine un­schönen Amtsthaten mit dem Mantel der Liebe bedeckte und seine Verdienste allgemein feierte. Er hätte im Augenblick des Abschiedes ehrlich sagen sollen: Es lebe der König, Gott segne ihn und sein Volk, ich gehe ohne Groll und möchte mit Allen Frieden halten! Würde er sich in seinem Ruhestande als würdevollen, selbstlosen Patrioten gezeigt haben, so. hätte man ver­gessen können, was er als Parteimann gefehlt, und hätte ihn feiern können als den großen Mitarbeiter bei der Neugestaltung unserer nationalen Organisation. Aber er ging grollend, er wurde ein Zänker und Agitator, er schädigte die Monarchie und den inneren Frieden, und auch nach der äußerlichen Aussöhnung mit dem entgegenkommenden Kaiser gab er noch keine Ruhe.

In Friedrichsruh und Varzin war er erst recht Parteimann, darum ist auch sein Geburtstag, mag er eine runde oder nicht runde Ziffer aufweisen, eine Parteisache. Die Kartellparteien, denen er in der Regel seine Gunst zugewendet hat, mögen ihn nur feiern; aber wir Anderen möchten gern in Ruh gelassen werden. Wir vom Centrum haben erst recht keine Veranlassung, diese rauhe Hand zu küssen. Er hat uns so viel Böses gethan, als er gerade konnte, und nicht mehr Er­leichterung zukommen lassen, als er gerade mußte. „Anerkennung" ist ein Ding, das auf Gegenseitigkeit beruhen muß: Fürst Bismarck hat das Centrum nicht als eine vollberechtigte, staatserhaltende Partei aner­kannt. Er hat niemals Liebe, aber wohl Respekt gegen­über dem Centrum gehabt. Dieser Respekt würde auch noch verloren gehen, wenn wir als ergebene Gratu­lanten uns andrängen wollten.

An den Tod Windthorst's müssen wir zurück­denken. Der Kaiser ehrte unseren theueren Tobten, Caprivi und die übrige damalige Regierung auch. Aber aus dem Bismarck'schen Lager kamen störende Zwischen­rufe, hämifche Glosfen über die Ehrung des tobten „Reichsfeindes". Auch am Sarge Windthorst's blieb das Haus Bismarck parteiisch. Warum sollten wir am 80. Geburtstag des noch lebenden Bismarck die Partei­gegensätze vergessen?

Alles Gute sei ihm von Herzen gewünscht. Möge sein Greisenalter noch lange währen, möge er stets zunehmen an jener inneren Vollkommenheit und jenem beseligenden Frieden, wie sie edlen Greisen so oft be- schieden werden. Fern sei von uns jedes Gefühl des Haffes oder der Rache; wir haben gar kein Bedürfniß, eine nachträgliche Sühne zu verlangen für das, was er uns Uebles gethan hat, da wir uns stark genug fühlen, um mit Gottes Hilfe selbst unsere Interessen und unsere Ehre wieder herzustellen. Nein, es soll Friede in unseren Herzen sein und sogar Anerkennung für seine guten Thaten, während wir mit würdiger

Zurückhaltung abseits stehen und die Verehrer ohne Vorbehalt unter sich lassen.

Außer anderen Erwägungen muß auch die Scheu vor Mißdeutung und Ausbeutung uns zurückhalten. Es ist ja leicht, auf dem Papiere die Scheidung auf­zustellen zwischen den Großthaten der auswärtigen Politik und den Mißgriffen in der inneren Politik. Aber Diejenigen, welche bloß den „auswärtigen" Bis­marck ehren wollen, würden auch für den „inneren" Bismarck in Beschlag genommen werden. Alles, was da mitfeiert, wird als Anhang der Bismarck'schen Politik angesehen und ausgespielt werden. In dieser Beziehung ist der alte Herr niemals skrupulös ge­wesen: er kannte nur ganze Freunde (oder richtiger Diener) und ganze Feinde.

Zurückhaltung ist hier offenbar die richtige Lebens­art. In eine gemischte Gesellschaft, wo man sich nicht recht heimisch fühlen kann und vor Anstoß nicht sicher ist, geht man lieber nicht. Wir sollen nicht Jemanden ehren wollen, der uns nicht so weit ehrt, daß wir darüber sicher sind, ob er sich durch unsere Ehren­bezeugung geehrt fühlt.

Sonderbar, daß Fürst Bismarck trotz seiner großen Erfolge noch nicht einmal die Mehrheit des deutschen Volkes zu seiner achtzigsten Geburtstags - Feier im Ruhestande an sich ziehen konnte! Er wird gewiß der Ueberzeugung sein, daß die Schuld bloß an dem wider­strebenden Theile des Volkes liegt. Wir aber haben das Bewußtsein, und die Geschichte wird vermuthlich auch dahin entscheiden, daß der Fürst mit außerordent­lichen Vorzügen auch außerordentliche Fehler verband und daß er in der inneren Politik eine wahre Kunst­fertigkeit in der Stiftung von Zwist und Unzufrieden­heit entwickelt hat.

Bei diesen Erörterungen haben wir daS Wort „Kulturkampf" links liegen lassen, um unfreundliche Gefühls-Bewegungen möglichst fern zu halten und ein sachliches, unbefangenes Urtheil anzustreben. Wenn uns aber die Gegner reizen und sogar sagen, es sei eine „Schande" für den deutschen Reichstag, daß er sich nicht an der Huldigung für den alten Herrn betheilige, so müssen wir doch schließlich sagen: Eine Schande war dieser Kulturkampf, der so viel Schaden anrichtete, und zwar ohne Noth und ohne Frucht, wie der Rückzug gezeigt hat. Und darum war dieses heil­lose Unternehmen „noch mehr als ein Verbrechen", nämlich eine Dummheit, die dem Ruhm ihres ver­antwortlichen „Helden" doch ein gutes Stück Abbruch thut. Also möge man darum den Mund nicht so sehr voll nehmen!

jOit tzqiihlmg des Wtkngriidns.

Roman von H. v. Remagen.

(20. Fortsetzung.)

VII.

Von der Morgenspazierfahrt zurückgekehrt, ver­tauschte Sibilla ihren eleganten Promenadeanzug mit einem gefälligen, mit rothen Spitzen besetzten Haus­kleide und ließ sich in halb liegender Stellung, das hübsche Köpfchen mit dem krausgelockten Haar in die weichen Kissen drückend, auf ein seidenes Ruhebett nieder.

Sie war schön heute, trotz ihrer Blässe, sie war schöner als gewöhnlich, ihre leicht gerötheten, Halb­feuchten Lippen umspielte ein glückliches Lächeln, während ihre weiße Hand mit den dichten Ringeln ihres frei wallenden Haares spielte. Sie lächelte noch, als ihr Blick auf ein Palisandertischchen sich richtete und auf ein schönes Bouquet seltener Blumen fiel, das in einer hellen Vase von böhmischem Krystall stand; als sie die Blumen gewahrte, sprang sie auf, lief zu dem Tischchen, und während sie den kostbaren Duft der Blüthen mit Wohlbehagen einsog, bewegte sie dreimal eine silberne Klingel.

Eine Frau in mittleren Jahren, nicht sehr hübsch von Gesicht, aber elegant gekleidet, erschien sofort in der Thür.

„Margaretha, wo hast Du diese Blumen gefunden?" fragte Sibilla, sich wieder auf den Divan legend.

„Ich habe sie nicht gefunden," entgegnete die Dienerin, „und hätte sie auch nicht finden können. Ein schöner junger Mann gab sie mir soeben und bat mich, sie in das Zimmer der gnädigen Frau zu stellen."

„Ein schöner junger Mann? Vielleicht der Baron von Hauser? Das ist seltsam .... Ich hätte ihn einer solchen Artigkeit nicht für fähig gehalten."

„Es war nicht der Baron, Madame."

„Wer denn? Erst vor Kurzem in dieser Stadt angekommen, habe ich keine Verbindung hier, ich kenne Niemanden, wer kann das sein?"

„Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe ihn kaum gesehen; er schien mir ein junger Mann von großer Statur, blaß, blondhaarig und sehr hübsch."

„Ach!" rief Sibilla und fchlug sich mit der Hand auf die Stirn, „ich errathe, er ist es!"

Dies gesagt, ließ die schöne junge Dame den Kopf auf die Brust sinken, dann lief sie auf einmal zum Tischchen, nahm eine Blume aus dem Strauß und steckte sie ins Haar, während sie leise und abgebrochen murmelte:

„Er ist so arm und legt so viel aus ... . Diese Blume ist sehr selten . . . Armer Junge! er hatte die zarte Aufmerksamkeit, mir einen Blüthenzweig von dieser so schönen und seltenen Pflanze zu verschaffen .. . Ach! wäre ich nicht von den Stürmen der Leiden­schaften so sehr entkräftet .... wäre ich . . ."

Hier schwieg Sibilla, eine Thräne glänzte an ihrer Wimper, darauf versank sie in ein tiefes Nachdenken.

„Nach den Blumen kam ein Brief an für die gnädige Frau," sagte die Kammerfrau, das Still­schweigen unterbrechend.

„Ein Brief? Wie, war er so kühn?" rief Sibilla sichtlich bewegt.

„Er ist nicht von dem Herrn mit den Blumen," versetzte Margaretha.

„Von wem denn?"

„Eine Frau brachte ihn, welche so zerlumpt war, daß ich nicht begreife, wie der Portter des Hotels sie paffiren lassen konnte."

„Her den Brief, schnell!" sagte Sibilla mit leb­hafter Ungeduld.

Die Kammerfrau nahm von einem silbernen Teller ein versiegeltes Blatt und gab es ihrer Herrin, welche das Siegel erbrach, mit gespannter Aufmerksamkeit das Schreiben durchlas und dann, zu der Dienerin gewandt, bemerkte:

„Sieh' da, noch ein unerwartetes Zusammentreffen. Erinnerst Du Dich jener französischen Dame, meiner Freundin, welche so oft mich besuchen kam während meines kurzen Aufenthaltes in Baltimore? Wir waren immer zusammen."

„Ich erinnere mich ihrer sehr gut, sie war jung, von außerordentlich weißem Teint, mit rabenschwarzem Haar und blauen Augen, sie war stets mit vielem Ge­schmack gekleidet. Ihr Mann trug einen Bart, war blaß und schmächtig, und hatte ein unbestimmtes Etwas in seinen Gesichtszügen, das mir durchaus nicht behagte."

„Es war ein schlechter Mensch; er marterte sein Weib auf tausenderlei Weise, er hatte keinen Blick für sie, ja, er bezeigte ihr stets offene Verachtung . . . . Jetzt ist dies schöne Subjekt gestorben und hat die arme Wilhelmine Dauz (so nennt die Dame sich) als Wittwe hinterlassen; sie ist hier und wohnt in einer armseligen Behausung."

„Wie gelang es ihr denn, die gnädige Frau wie­der zu finden?" Wie erfuhr sie . . .?"

„Zufällig fah sie mich vor vier Tagen hier ins Hotel treten; inzwischen ist die Ärmste auch noch krank geworden .... Ich will sie unverzüglich besuchen. Du kannst mitgehen."

„Soll ich den Wagen anspannen lassen?"

„Nein, nein, wir wollen zu Fuß gehen. Ein wenig Bewegung wird meiner Gesundheit förderlich fein. Nimm mein schwarzseidenes Kleid, meinen Hut mit den Straußenfedern und hilf mich ankleiden."

Die Kammerfrau gehorchte, und in kurzer Zeit stand Sibilla vor dem Spiegel und knöpfte die großen goldenen Knöpfe ihrer Glacehandschuhe zu.

„Wie schön ist die gnädige Frau!" rief Margaretha, mit Bewunderung die bleiche junge Dame betrachtend.

„Schön," erwiderte Sibilla, den Kopf schüttelnd, „schön war ich, aber jetzt bin ich es nicht mehr; glaube mir, ich täusche mich nicht, eine geheimnißvolle Krank­heit zieht mich langsam ins Grab hinab."

„Das sind melancholische Einbildungen. Wenn Ew. Gnaden wieder wie früher sich unterhielten, würde daS Uebel verschwinden."

„Ach, sprich mir nicht von jener Zeit," rief Sibilla, „sprich mir nicht von meiner Jugend ... Du kennst meine innersten Geheimnisse, Du weißt, wie ich reich geworden ?. Wie ost sehnte ich mich inmitten der aus­gelassensten Lustbarkeiten nach einem ruhigen Leben, frei von ..."

Sibilla unterbrach sich, indem sie den Kopf in die Hände vergrub und leise schluchzte. Nachdem sie die plötzliche Erregung überwunden, trocknete sie ihre Thränen und sagte in festem Tone: „Laß uns gehen, Wilhelmine erwartet mich, komm mit, Margarethe!"

Nachdem sie das große Hotel verlassen, gingen die beiden Frauen eine lange schöne Straße hinab. Sie war eben im Begriffe, in eine Querstraße einzubiegen, als Sibilla stehen blieb und sich an einen jungen Mann wandte, der in Gedanken versunken, an ihnen vorüber­gehen wollte.

(Fortsetzung folgt.)